Segel setzen

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Ich schlafe neben JAN. Er ist groß und breit und knallrot. JAN ist ein Segel, mit dem ich mir heute Nacht die Kabine, ja sogar meine Matratze, teile. So liegen wir da in meiner ersten Nacht an Bord eines Segelschiffes, der VIA, und lauschen den Geräuschen an Deck. Das Knatschen der Fender, das helle Schlagen und Klappern von Leinen und Seilen gegen den Mast, das Glucksen des Wassers. In der Ferne schlägt die Kirchturmuhr von Heiligenhafen und die ein oder andere kreischende Möwe scheint noch keinen Platz für die Nacht gefunden zu haben. Den Grundton aber erzeugt das Heulen des Windes,  der seine Böen durch die Boxengassen des Hafens pfeifen und die Boote sich sanft, aber spürbar, zur Seite neigen lässt. Das Schaukeln wiegt mich in den Schlaf und ich erwache erst am nächsten Morgen von der Sonne, die durch die kleine Luke über meinem Kopf scheint. Der Tag beginnt mit einem gemütlichen Frühstück an Deck. Über Nacht ist der Wind noch stärker geworden, erst zum Abend hin soll er wieder abnehmen. Deshalb verschieben wir das Segeln auf den späten Nachmittag.  In unsere Windjacken gemummelt schlendern Linschi und ich  zur Seebrücke und beobachten die Kiter und Windsurfer in der kabbeligen Windsee. Weiter am Strand entlang führt uns der Weg später nach Graswarder, wo wir Strandhäuser begutachten und mit Gedanken an ein Haus am Meer herumspielen. Als wir zum Boot zurückkommen knurrt uns der Magen. Nicht weit vom Steg finden wir am touristischeren Hafenbecken eine Fischbrötchen Bude. Mit Brathering und Backfisch auf der Faust spazieren wir weiter, vorbei am Kornspeicher zur Yachtwerft. Hier könnte man einen Krimi drehen, in den alten Bootswracks spinnen Spinnen ihre Weben, Farbe blättert von Schiffsrümpfen und überall liegt rostiges Zeug herum. Nur die Sonne müsste einem grauen Nebeltag weichen, dann wäre der Tatort perfekt. Den Nachmittag verbringen wir lesend an Bord, bis gegen fünf Uhr der Wind etwas nachzulassen scheint. Jetzt oder nie, wir treffen Vorbereitungen und ich folge den Anweisungen von Linas Vater. Diese ganzen Segelbegriffe sind noch leicht verwirrend. Trotz meiner Leienhaftigkeit kann ich mich doch irgendwie nützlich machen und bald darauf laufen wir aus, motoren aus dem Hafen durch noch ruhiges Fahrwasser. Relativ zügig drückt man mir die Winschkurbel in die Hand, ich entrolle das Vorsegel. Sobald wir aus dem geschützten Bereich hinaussegeln und uns gen Fehmarn richten, frischt auch der Wind gewaltig auf. Die Wellen werden höher und schaukeln die 9 Tonnen schwere VIA scheinbar mühelos auf und ab. Überhaupt liegen wir ziemlich schief, breitbeinig stehen wir an Deck und kacheln in Schräglage über die Wellenberge.  Chillige Cafe del Mar Musik aus den Lautsprechern an Deck mischt sich mit dem Rauschen der Wellen und des Windes. Ich halte meine Nase in den Wind während ich mich ausbalanciere, ab und zu auf Anweisung das Segel dichter hole wenn es zu flattern beginnt und auf den Geräten am Steuer immer wieder neugierig die Windgeschwindigkeit, unseren Speed und die GPS Anzeige beobachte. Vor der Küste Fehmarns wenden wir und es geht zurück nach Heiligenhafen. Der Abend flutet rotgolden über das Panorama der Masten und taucht den Hafen in das warme Licht eines Sommerabends wie er im Buche steht. Die Luft ist so weich, fast tropisch. Als die Sonne untergegangen, alles festgezurrt und wieder verstaut ist machen wir uns auf den Weg gen Heimathafen Hamburg, allerdings auf Rädern. Nur die Seeluft noch in der Nase, den Kopf noch im Wind und die Augen noch am Horizont.

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„And If I was a lighthouse, I would shine out on the ocean.“ (J. Foucault)

Fundstücke

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Die DB hat erstaunlich guten Cappuccino: Milchschaum wie steifgeschlagenes Eiweiß im Speisewagen. Daft Punk ist der Soundtrack dieser Reise. Meine soundcloud, auf der ich nach Süden schwebe. Denn wir schreiben Memoiren vor allem in iTunes Listen. Während Mitteldeutschland in sanften Hügeln an mir vorbeifliegt. Ich durchforste meinen Laptop und finde einen Text vom letzten Sommer, aus meiner Bacherlorarbeitsphase. Wie passend für den Weg nach Passau. Einmal Nostalgie serviert.

Tribute to a wetsuit

Wenn in diesen Tagen so gar nichts im Fluss scheint.

Obwohl ich zwischen drei Flüssen lebe.

Wenn ich mich auf Expedition befinde,

Randgebiete des Wahnsinns zu erkunden.

Weil die Stadt zu klein und die Sehnsucht zu groß ist.

Freiheit so fehlt wie Parkplätze in Passau.

Aber selbst zu befreiendem Roadtrip das Auto fehlt,

um der Freiheit freien Lauf zu geben.

In Fesseln gelegt von Erwartungen,

gelähmt von Auflagen,

geknebelt vom Zweifel.

In diesen Tagen treibt es mich,

in diesen Stunden schnüffel ich:

An meinem Neoprenanzug.

Welle, Welle!

Welle, Welle!

Auf die Schnelle eine Welle,

die vor meinen Augen nicht verschwimmt,

sondern mich mitnimmt

wie der Wind das himmlische Kind,

davon trägt.

Fegt ein Sturm, ein Tornado

der die Teilchen meiner Seele aufwirbelt,

verzwirbelt

und in seinem Auge in der Mitte

die größte Energie – die Sehnsucht – bündelt.

 ( Juni 2012)

Letzter Sommer. Schon ein Jahr gehört die Schustergasse 13 also der Vergangenheit an, ich freue mich regelrecht sie wiederzusehen; kurzer Gedankenausflug, zwischen damals und heute liegen Frankreich, Hamburg, New York und wieder Frankreich als Zwischenstationen auf irgendeinem Weg wohin.  Speaking about time passing: Mein Abiturzeugnis ist auf gestern vor FÜNF Jahren datiert. Und wer soll das jetzt bitte glauben. Aber lassen wir ihn fließen, den Strom der Zeit, und schwimmen und schwingen guten Mutes darin mit. „We’ve come too far – to give up who we are – so let’s raise the bar – in and our cups to the stars – She’s up all night to the sun – I’m up all night to get some – She’s up all night for some fun – I’m up all night to get lucky“. Die in der Junisonne (nicht Junimond !) leuchtenden Weinberge von Würzburg tauchen vor uns auf, knapp 2,5 Std bis München. Dann im Regionalzug nach Passau zuckeln. Moin moin Bayern!

südwärts wandern

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Ich packe mal wieder. Nächster Abschnitt, neues Kapitel. Der Sommer geht weiter, nach Meer und Stadt kommen nun Berge. Leichte Überforderung in der Nachtschicht, nur noch 8 Stunden bis zur Abfahrt. Entscheidend ist diesmal der Lesestoff, die Auswahl guter Bücher. Auf 2400m gibt es kein Internet. Ein Segen, behaupte ich jetzt. Sozusagen ‚Kalter Entzug‘ in diesen online-Zeiten. Irgendwie warme Klamotten einpacken, am Berg schneit es gelegentlich auch im Juli. Die klobigen Wanderstiefel draußen drangebaumelt. Des Rucksacks Nähte sind schon wieder dem Reißen nah. Dem Reisen auch. Die erste Station morgen ist Passau. Die Mädels sehen, Teppiche daten, alte Uniluft schnuppern, italienisch-niederbayerisches Sommerflair genießen und nachschauen, ob Inn, Donau und Ilz sich (hoffentlich) wieder in ihre Läufe zurückgezogen haben. Und wenn es euch in den Bergsteigerfüßen juckt, ihr den Berg euren Namen jodeln hört – kommt vorbei auf der Winnebachseehütte. Servus!

http://www.winnebachseehuette.com/

Der Tag, an dem wir Strandkorb 911 stahlen

Wer hätte gedacht, dass ich so schnell wieder ins Wasser komme. Vor nur vier Tagen stand ich noch an der Wasserkante in St. Girons und jetzt klatscht mir auf Sylt die Uferwelle an die Fußgelenke. Hallo Nordsee! Viel mehr konnte der Atlantik auch nicht zeigen. Mindestens drei Stunden verbringen wir im Wasser, einige andere Bretterfreunde tummeln sich mit uns in der Brandung von Westerland. (Extrem) Frühes Aufstehen hat sich gelohnt. Zwei Stunden vor Hochstand, kaum Wind und circa 3-4 Fuß Welle. Ideal! Die  Sonne strahlt schon und wärmt. So kalt ist das Wasser aber auch gar nicht, angeblich sind es nur 13 Grad, aber mein Kopf friert kaum beim Durchtauchen. Kein brainfreeze, alles entspannt.  Gegen zehn kriechen die Rentner und Urlauber aus ihren Appartements, die Strandwanderung beginnt. Der Wind frischt auf, die Welle geht. Wassereinheit beendet, jetzt ist Strandtag angesagt. Das Kurkonzert im Hintergrund wird durch die leichte Brise zu uns an den Strand getragen …“Aanita, Anita“ … man schunkelt und klatscht und wippt mit den künstlichen Knie- und Hüftgelenken. Bei uns gibt es Crepe und Café im Strandkorb. Apropos Strandkorb: den haben wir uns dreist erschlichen (Haben uns schon um die Kurtaxte rumgemogelt, aber wenn da um acht morgens noch keiner sitzt…) und lange geht das auch gut. Wir residieren für lau. Der Korb wird schon zur Sauna, eigentlich liegen wir jetzt eher davor als darin. Und dann kommt doch noch einer im roten BaywatchOutfit und baut sich vor uns auf. „Ihr Schmarotzer, der Herr hier hat den Strandkorb gemietet!“ Dem deutschen Spießbürger seinen zeitig gebuchten Strandkorb zu stibitzen, das geht aber auch wirklich gar nicht. Dieses hedonistische Surferpack fläzt sich in meinem Strandkorb.  Wie die Planung wohl in jenem Hause aussehen mag, „Schatz, hast du schon den Strandkorb für nächsten Sommer reserviert? Wir sind spät dran, es ist schon November. Wieder genau den Gleichen, ja?!“ Dann nimmt er doch einen anderen, noch sind genügend frei. Und wir können weiterdösen.

Dann abends noch das Meer gewechselt. Nord- zu Ostsee. Abschluss an der Kieler Förde, die Sonne knallt bis zuletzt, um dann (fast, das wäre ja sonst zu kitschig) hinter der Gorch Fock zu versinken. Rollend durch die Stadt, auf Rad und Skateboards, den noch noch nicht ganz so lauen, aber idyllischen Sommerabend auskosten. Alles richtig gemacht, aber wirklich!

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Au revoir, Atlantique

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Wie es begonnen hat, so endet es. Die letzten zwei Tage Kurs sind ähnlich grau wie alles andere zuvor. Das Dünengras biegt sich nach Osten, weg vom Meer. Als könne es nicht ertragen, diese windgewogte Sturmsee noch länger zu sehen. Es heult der on-shore Wind. Auch wir stehen auf der Düne und blicken ernüchtert auf das schaumige Chaos vor uns. Gegen den Wind gestemmt, der in die Regenjacken fährt und uns aufbläst wie Michelinmännchen. Versuchen daraus Wingsuits zu machen, zu fliegen und stolpern doch wieder rückwärts die Düne hinunter. Erstmal also ganz viel Theorie. Alles über die ASP, Surf contests, judging – wir nehmen die ASP website auseinander, schauen Heats und staunen über das ein oder andere radikale Manöver. Shoppen in Hossegor ist auch nicht verkehrt, kleiner Ausflug raus aus dem Camp! Wenn man schon nicht surfen kann, dann wenigstens Neos kaufen. Vorsorgen für bessere Tage. Und die Brandung in Hossegor bestaunen, fette Wellen ist gar kein Ausdruck.

Welle, Welle,

auf die Schnelle,

bring mich in die große Welle –

ein bisschen Schaum, den nehm‘ ich auch,

rutsch ich eben auf dem Bauch.

 Ein paar Kursis wollen dann also doch raus am Donnerstag. Schaumwalzen wälzen und Strömungen trotzen heißt das Motto des Tages. Das Team mimt den Zweckoptimisten und wandert in bester Laune, dick eingepackt – Wollsocken unter Neoprensocken, und kann man ne lange Unterhose unterm Neo tragen? – mit ein paar wagemutigen Kursis an den Strand. Dort, neben Schaumwalzengerutsche, Quallenschlachten, Bojenbaseball (mit Ding-Garantie…), Musical Performances an der Wasserkante und so weiter und so fort. Nur warm und lustig bleiben. Das wars dann also, der Mai verabschiedet sich und ich mich auch. Das Zelt gefegt, das Board aufs Autodach geschnallt, dem Team adieu gesagt. Die Bilanz halten wir kurz: Hätte besser sein können. Aber wahrscheinlich auch noch viel schlimmer. Als wir die Grenze überqueren zeigt sich auch Deutschland nebelig und regnerisch. Was soll man machen. Wir sitzen das aus und blättern in Stormrider Guides. Surfer sind Reisende. Und wenn es hier regnet, dann sucht man schon mal nach dem nächsten Spot.

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Ich revidiere. Teilweise. Ganz so grau kann man das hier nicht stehenlassen. Lichtblicke. Es gab sie, ganze zwei. Sonntag und Montag waren die Wellen und das Wetter uns gnädig, liefen quasi zu Höchstformen auf.

Um 6.15 Uhr wird es hell, es riecht nach Terpentin im Camp: leichter off-shore! Zeltreißverschlüsse schneiden durch die morgendliche Stille, ritsch-ratsch, VW Bus Türen gleiten geräuschvoll zur Seite, ein Huschen nackter Füße auf Kiefernmulch, flüsternde Stimmen und dazwischen das rythmische Kreisen von Wachs auf Bretteroberflächen. Einzelne Gestalten ziehen los, durch den Wald, wo sich langsam die Sonne hinter den Kiefern hervor schiebt. Zum Radkappenüberweg, auch Shadow Point genannt. Ganze 30 Minuten Fußmarsch. Aber der Blick über die Düne entschädigt alles: Feine Linien rollen an den Strand, die Wasseroberfläche ist glatt und geschmeidig wie Glas. Morning glass-off ! Endlich wird gesurft, bis das Gefühl in Füßen und Händen nur noch Taubheit ist. Aber die lächelnden Gesichter am Frühstückstisch sind goldwert, den Rest kriegt man mit Tee und Wollsocken wieder hin. Den ganzen Tag über wird natürlich weitergesurft – mit dem Kurs. Und der Montag zeigt sich ähnlich genial, fast zu klein und sanft. Aber wir spielen auch mit kleinen Wellen und surfen uns mit der Gummisau die Arme zu Pudding. Bevor am Mittwoch wieder die 4m Brecher auf die Sandbank knallen. Diese extremen Stimmungsschwankungen, liebes Meer, daran solltest du arbeiten. Wie gut dennoch, dass es diese beiden Lichtblicke gab, sonst hätte ich wohl den Glauben an die französische Atlantikküste für immer verloren.

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Weiterhin keine TROCKENübungen

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Die zweite Woche der Saison neigt sich dem Ende entgegen. Und das Wetter ist weiterhin Thema Nummer 1. Der Strandalltag sieht noch immer nicht besonders rosig (sonnig) aus. Auf die Kälte und den Regen kommt jetzt noch ne steife Brise. 35 h/km on-shore Wind. Treibt uns den Regen ins Gesicht, ich kann die Kursis im Wasser kaum noch erkennen. Das Board lässt sich als Segel für den Dünenaufstieg nutzen.  Diese Schlechtwetterfront reißt einfach nicht ab. Irgendwann hilft auch heiße Schokolade nicht mehr. Aber wir finden DEN Spot mit unserem Kurs und so viele strahlende Gesichter und so viele gefahrene Wellen haben wir an noch keinem anderen Tag gesehen. Scheiß auf Regen, Wind und kleine Periode (=ungeordnetes Wellenchaos): Hier geht was! An den letzten zwei Kurstage sind alle stoked. Und zwischendurch lässt sich sogar mal die Sonne blicken, lässt die Schaumwalzen weiß aufleuchten und erinnert uns daran, dass das Meer eigentlich blau statt grau schimmert. Die Sonne ist ein seltenes Phänomen in diesen Tagen. Kommt sie raus, drehen alle durch. Im positiven Sinne: Reißen sich die Kleider vom Leib, tragen Matratzen, Brettleichen und Sessel ins Freie zum Sonnenbad und vor allem hebt sich ganz generell die Stimmung um 200%. Alles beginnt zu atmen und zu leben – und zu trocknen! – sobald der Regen aufhört. Und zu lächeln.

Die Kurse der vergangenen Woche konnten sich sehen lassen, eine sympathische Truppe. Mittwoch gabs das erste Tischtennisturnier (bester Teamname: St Gyrons Giants…sind dann leider schon in Runde eins rausgeflogen) und die zweite Bar der Saison. 23 Uhr Nachtruhe gilt natürlich auch in der Vorsaison. Des Nachts also dem Camp entflohen, auf die verlassene Meile. Wie eine Geisterstadt, geschlossene Fensterläden, fegt der Wind durch die Straße zwischen den Häusern hindurch. Treibt den Sand auf den Asphalt. Noch hat die Natur hier mehr Gewalt als der Mensch, überhaupt wie viele bzw. wenige Menschen befinden sich zu dieser Zeit auf diesem Fleck Erde? Sehnsüchtig seufzend stellen wir fest, dass es diverse Küstenorte auf der Welt geben muss, die genauso menschenleer sind und an denen der Wind ebenso konstant weht – aber aus der anderen Richtung. Offshore Paradiese mit definierter Wellenbechung und Tshirttemperaturen. Der Wind briest auf, wir stellen uns tiefer in den Windschatten des nächsten Hauses, mit hochgezogenen Schultern nuckeln wir, vermummt in Schal, Mütze und drei Klamottenschichten, an der viel zu kalten Bierflasche. Gesungen wird auch. „Das Dach, das Dach, das Dach ist am brennen“…“lasst den Mutterf***** brennen, brenn Mutter******, brenn!“ und einer klampft und haucht  „Hero“ von Enrique Iglesias in die Nachtluft . Der ein oder andere arbeitet am nächsten Tag nah an der Brechungskante (…), das schreit nach einer alkoholfreien Woche.

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Am Samstag kommt dann doch tatsächlich abends die  Sonne für mehr als ein paar Minuten hinter den Wolken hervor. Pünktlich zum gemeinsamen Grillen vor dem Championsleague Finale. Das Camp glänzt, wir genießen den freien Abend und dann gewinnt auch noch Bayern. Wunderbar, vielleicht gehts ja jetzt mal bergauf.

Bald haben wir hier übrigens alle Kinder, die kleine Juni verzaubert alle Teamer. Wer auf das Baby trifft beginnt zu strahlen und selbst die härtesten Kerle werden sanftmütig in Gegenwart von dem Kinde alias Erdnussflip, zukünftiges Surfergirl oder gelegentlich begrüßt man sie auch mit „Hey, da kommt die Zukunft“. Sweet sweet Juni. Der Name muss uns bald warmes Wetter bringen, ihr Monat steht vor der Tür.

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Orangenbäume

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Sollte ich irgendwann ein Fensterbrett besitzen, genauer ein Zimmer mit einem Fenster und einem Fensterbrett, am besten mit Nachmittagssonne, dann will ich zwei rostbraune Terrakottatöpfe mit zwei südlich anmutenden Orangenbäumchen darin, mit leuchtenden Orangen daran. Und Blätter von saftigem, dunklen Grün. Dazwischen eine mittelalterliche Laterne, die nachts ein warmes gelbliches Licht auf das Fenster und die Bäume wirft. Und irgendwo aus den Gassen der Stadt tönt eine mittelalterliche Flöte, bei einem lauen seichten Sommerwind.

Durststrecke Wolkendecke

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Es prasselt auf mein Zeltdach als ich aufwache. Es prasselt lauter als ich mich zum Mittagsschlaf aufs Ohr haue. Es tröpfelt noch immer als ich mich am Abend in meinen Schlafsack verkrieche. Heilige Wildsau, bald haben wir mehr Wasser vor als hinter der Düne! Wolldecken- und Strümpfe, Regenjacken und Mützen gelten derweil noch immer als obligatorisches Accessoire, es wird begonnen mit Heizlüftern für Zelte zu handeln. Ein 3’2er Neo gilt als Herausforderung, selbst die harten Kerle greifen meist auf dickeres Neopren zurück. Allerdings bauen wir alle auch gepflegt unser „Biopren“ auf bzw. an, denn die Verweildauer im Küchenzelt ist höher als die im Wasser. Soviel zum athletisch gebräunten Surferbody. Adé, du Idee des gadligen Sommerkörpers.

Aber wir wollen optimistisch bleiben. Um frohes Gemüt bemüht. Pfingsten naht, es tauchen mehr und mehr bekannte Gesichter auf und endlich werden wieder Sprüche geklopft. Eine erste Stippvisite, nur ein oder zwei Wochen, bevor man im Sommer für eine längere Zeit wiederkommt. Die Nase Atlantik und Pinienwald schnuppern lassen. Und manchmal gehen wir doch noch surfen. Freitag Abend hatte sich der Wellenwahnsinn etwas beruhigt, was in einem spontanen nachabendessenlichen Teamsurf endete. Schweigendes Paddeln, neoschwarze Oberkörper zwischen Wellenkämmen auf und ab, auf und ab hüpfend im line-up. Stille. Bis auf das Rauschen der brechenden Wellen, die Explosion wenn Wasser auf Wasser trifft. Bei einem tieforangenen Sonnenuntergang, unter den Augen einer anmutig marschierenden Karawane von Wolkenelephanten am Horizont blieben wir im Wasser bis es zu dunkel wurde. Nass und fröstelnd, aber glücklich wanderten wir über die Düne zurück ins Camp. Der Sand kalt wie Schnee. Was für ein Glück, dass es die heiße Neodusche gibt.

Die kalten Abende reden, spielen (Tischtennis, King of Tokyo, Dart etc) und trinken wir uns ansonsten warm. Die neuesten Themen hoch im Kurs sind vor allem kulinarisch angehaucht: Grüne Smoothies und Weizengras Shots, New Yorks kulinarische Vielfalt, gesunde Ernährungskonzepte. Gelegentlich findet man sich dann aber doch bei Verschwörungstheorien zum 11. September wieder. Und das alles bei Bier und Panachée und ganz ganz viel Tee.

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Das Camp steht

Eine Woche im Wald geackert. Etliche Nägel, Kabelbinder und Schaufeln Erde stecken jetzt in diesem Waldabschnitt. Das Camp steht. Die deutsche Wellenreiterkolonie hat sich, wie jeden Sommer, dieses Fleckchen Frankreich  zurückerobert. Dafür sprechen in jedem Fall die Gartenzwerge im sandigen Zeltvorgarten. Die Woche war, sagen wir, durchwachsen. Sonne und Wolken und Regen und Wind. Leider wenig Surf, denn die Bedingungen ließen zu wünschen übrig und Hand aufs Herz: So sehr zog es uns bei den aktuellen Temperaturen und nach dem schweren Tagewerk dann auch wirklich nicht ins kühle Nass. Da macht man sich lieber utopische Gedanken. Surfponchos sehen aus wie Mönchskutten, wir eröffnen ein Kloster, eine Community im Wald! Einer von uns studiert Zukunftsforschung und nachdem wir hören was uns möglicherweise alles so blüht, sind wir entschlossener denn je auf Kursteilnehmer dieses Jahr zu verzichten und auf den feinsäuberlich gehakten Zeltplätze doch wirklich lieber Selbstversorgergemüse anzubauen. Einige sind schon so praktisch in Terrassenform angelegt, dass wir auch über ein balinesisches Reisbauern-Bewässerungssystem nachdenken. Es folgen Diskussionen über Coke Zero und Zuckerersatzstoffe, zu minutengenauen Regenvorhersagen und über amerikanische Waffengesetze.

Dazwischen schleppen wir Zelte, stechen Heringe in staubigen Boden, spannen neonfarbene Schnüre. Alles krabbelt und kribbelt und ich habe das Gefühl ich werde hier entgültig – durch Schocktherapie – meine Spinnenphobie los.Tekla ist überall. Weiter Unkraut jeten, Planen legen, Finnen an Boards schrauben und Leashes befestigen, an Regentagen verstaubtes Geschirr in Massen spülen, Erde in Schubkarren schaufeln, Erde von Schubkarren in Erdlöcher schaufeln, Tische zusammenbauen, Strom anschließen etc etc. Langsam lässt sich ein Camp erkennen. Es ist irgendwie etwas Besonderes mal von Anfang an dabei zu sein, jedes Detail der Entstehung mitzubekommen. All das aufzubauen, was hier dann bis Ende September stehen wird. Zelte aufzustellen, in denen hunderte von Kursteilnehmer schlafen werden. Noch ist hier alles so friedlich, bis auf ein anderes Surfcamp und ein paar vereinzelte Camper sind kaum Menschen zu sehen und zu hören. Donnerstag. Es ist schweinekalt und regnet Bindfäden. Ekelhaft. Die Uhr hängt mittlerweile im Küchenzelt und wir können mitverfolgen, wie das Thermometer fällt. Wir trinken Café mit Averna-Schuss, Wärme von innen fördern! Geschickte Schlafsack-Einwicklungs-Taktiken sind jetzt gefragt. Alle, die an eine Wärmflasche und Gummistiefel gedacht haben, werden beneidet. Samstag verpassen wir der Zeltstadt den letzten Schliff und gehen abends tatsächlich nochmal ins Wasser. Einmal das Shorebreak Adrenalin hochgefahren, sonst ging da gar nicht viel. Zum Glück sind alles Boards und Knochen heil geblieben, das hat ganz schön auf den Strand gehämmert. Und die Vorhersage wird nicht kleiner, na Mahlzeit! Morgen treffen hier die Kursteilnehmer ein und dann geht die Saison wirklich los. Hoffentlich haben die ein dickes Fell und keine Karibikbilder im Kopf, willkommen am Atlantik im Mai !

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Elementarteilchen

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Elementare Teilchen. Sandkörner. Wasserpartikel. Elementar wichtig. Berauscht und beschienen, von Wellen und Sonne. Schon völlig verstrahlt. Liege ich auf meinem Boardbag, den Kopf  im Schatten. Meine Nase ist schon ganz rot. Könnte aber auch noch von der Erkältung kommen. Der Schlaf der letzten Nacht geht mir auf jeden Fall ab. Der 20 Jahre alte Opel Omega hat uns von Hamburg die 1800km nach Frankreich gebracht, über Nacht. Einmal kurz Reifenwechsel bei Frankfurt, das war allerdings geplant. Heute morgen vor allem Nebel, noch sehen wir nirgens die ersehnten Pinienwälder. Um 9 Uhr Ankunft in Contis Plage, Südfrankreich. Atlantikküste. Und die Sonne scheint. Fast windstill. On est arrivée!

Und natürlich mussten wir gleich erste Wasserkontakte knüpfen. 13°C Wassertemperatur. Wie dankbar ich für mein langärmliges Lycra und die Booties bin. Und dazu entspannte kleine Wellen, wie man sie sich nach 8 Monaten Brettpause (geht gar nicht!) nur wünschen kann. Und trotzdem melden sich natürlich ganz schnell die Arme. Aber ich bin froh, dass Surfen etwas vom Radfahren hat und man das Boardgefühl irgendwie nicht verliert. Die Euphorie spielt eh mit. Die ersten Schritte ins Wasser, ungeduldig gegen das hereinströmende Wasser ankämpfen und dann findet der Bauch das Brett, der Körper die Mitte. Und der Geist sowieso. Man ist im Element. Wasser. Paddelt dahin, über die Wellenkämme, mit regelmäßigen ruhigen Armzügen. Bis ins line-up. Willkommen zurück.

Noch sind wir im Haus in Contis, morgen ziehen wir ins Zelt nach St. Girons. Und dann wird aufgebaut. Die kleine Zeltstadt am Ende des Campingplatzes errichtet. Da gibt es dann auch wirklich kaum noch Internet. Dann sind wir wirklich im Waldmodus. Aber heute Abend genießen wir nochmal den Luxus von einem Haus auf der Düne, direkt am Meer, eine Nacht in einem warmen Bett und natürlich die Wifi Verbindung. Bonne nuit.

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Schicksal nahm seinen Lauf

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Ich war immer schon der Überzeugung, dass es sowas wie eine Vorausbestimmung gibt. Das ist um Gottes (…) Willen, um hier gleich mal einen disclaimer anzubringen, keine religiöse Ansicht. Aber der Gedanke, dass alles im Leben aus einem bestimmten Grund geschieht, da scheint manchmal wirklich etwas dran zu sein. Wie Kierkegaard sagte „Verstehen kann man das Leben nur rückwärts, leben muss man es aber vorwärts“. Da ziehen sich die Schicksalsfäden durch unsere Stunden und Tage und manchmal Jahre, immer unsichtbar und scheinbar willkürlich gewoben. Bis du dich irgendwann umdrehst und ein perfektes Netz sehen kannst und alle Kreuzungen und Abzweigungen und (Un)Geschehnisse plötzlich Sinn machen. In meinem Fall stehe ich nicht vor einem Netz, sondern in unserem Wohnzimmer. Ich starre ungläubig in die Augen der Freiheitsstatue, die seelenruhig an der Wand neben dem Fenster hängt. Mit Fackel und grünem Umhang und im Hintergrund erstreckt sich New York.

Ich fasse es nicht: Wie lange hängt die denn da schon? „So zehn Jahre vielleicht“ kriege ich als Antwort. Verrückt. Natürlich kenne ich das Bild, es ist nicht so, als hätte ich sie noch nie da hängen sehen. Aber mir war dennoch nicht BEWUSST, dass wir eine Freiheitsstatue im Wohnzimmer hängen haben. Die Luttis sowieso, als irgendwie unamerikanischste Familie überhaupt. Und jetzt, da New York, Manhattan , Brooklyn, der Hudson, Lady Liberty nicht mehr bloß nichtssagende Namen für mich sind und ich dieses Bild tatsächlich wahrnehme, frage ich mich, ob da mehr dahinter steckt. Ein jahrelanger Wink mit dem Schicksal oder so. Ja, vielleicht hat mir das Bild über die Jahre des unschuldigen Betrachtens hinweg insgeheim zugeflüstert „2013 wirst du einige Zeit in New York verbringen und die Staaten werden sich so schnell nicht wieder loslassen“. Das klingt schon ein bisschen psycho, das gebe ich zu. Alles was ich sagen will ist, dass das Leben manchmal ganz schön unheimlich sein kann. Wenn es in der Retrospektive plötzlich alles völlig klar zu sein scheint. Und dann schaut man wieder ganz anders auf die Dinge, die so um einen passieren. Ich in meinem Fall schaue misstrauisch auf diese Frau in unserem Wohnzimmer. Und gerade habe ich entdeckt, dass auch in meinem Zimmer noch ein kleiner Dämon ihrer selbst haust (s.u.).Verschwörung! Also jetzt ist alles klar, hier ist alles vorausbestimmt. New York war wahrscheinlich seit Jahren klar wie Kloßbrühe und ich hab nix davon gewusst.

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Blaue Linien

 

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Die Reeperbahn ist Teil der Strecke, wie immer. Durchs Rotlichtviertel bei Tageslicht. Aber wir gehen nicht auf den Strich, wir laufen. Entlang der blauen Streifen, die sich seit Dienstag wieder durch Hamburg ziehen wie Indizien einer Schnitzeljagt wirken. 15.000 Schatzsucher werden Sonntag beim Hamburg Marathon ihre Beine strapazieren, Knie und Rücken und Bänder aller Art riskieren. Um das Adrenalin, den Kick zu spüren. Mit Glückshormonen um sich zu schmeißen – in Erwartung des runner’s high. Möglichst lange locker dahin traben, die Gedanken beschäftigen und die Aussicht an der Elbchaussee und der Außenalster genießen, bis spätestens in Ohlsdorf der Mann mit dem Hammer sich zu Wort meldet und irgendwo hinter dem nächsten Getränkestand auftaucht. Wir werden sehen. Bis dahin gilt es dem Körper Ruhe zu geben (zum Beispiel Erkältungen loswerden, so unnütz aber auch!), mit Dehnung Wunder bewirken und Kohlehydrate futtern. Damit am Ende niemand zu einem sagt (wortwörtliches Zitat – vorhin bei der Startnummernausgabe in der Karolinenstraße, Zieleinlauf, aufgeschnappt –  eines kleinen Jungens auf dem Rad, hinter seinem Vater fahrend): „Ah, ich weiß was die hier machen. Die bauen das Ende auf. Das kenn ich hier. Das ist doch da wo es dir letztes Mal so schlecht ging, wo du so ganz weiß um den Mund warst.“ Also dann, lasst uns laufen!

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Moin moin Hamburg

Man identifiziert sich mit Heimat ja vor allem auch kulinarisch. Mit Papa gleich nach der Ankunft in Hamburg ein Franzbrötchen bei Luise gegessen. Hallo Fuhlsbüttel, wieder hast du dich so gar nicht verändert. Alle grünt und blüht und ist endlich warm. Gut, dass ich nicht eher gekommen bin. Dann gibts auch gleich noch eine nachträgliche Geburtstagstorte auf der Terrasse. Erste Euphorie, erste Bilder zeigen, erste Freunde wiedersehen. Jetzt sitze ich allerdings hier im Wohnzimmer und versuche mit dem Krabbensalatbrötchen auch meine Verwirrung hinunterzuschlucken. Ich bin irgendwie wieder hier. Oder auch noch nicht ganz. So gar nicht eigentlich. Trotz des Boston Dramas ist die Reise problemlos verlaufen. Langwierige Sicherheitskontrollen am Airport, aber die sind ja auch sonst nichts Neues. In Hamburg rollt kein einziges Gepäckband, Stille in den Flughafengebäuden. Was für ein Provinzflughafen. Mein Rucksack hat den Umstieg London-Hamburg nicht geschafft. Hat sich noch bis zum Mittag in England rumgetrieben, wurde dann aber persönlich von BA zu uns nach Hause eskortiert. Ansonsten ist hier schon wieder viel zu viel los und ich bin noch etwas zu müde und etwas zu erkältet. Die to do liste wächst, über den Kopf, und der muss daneben vor allem erstmal mit sich klarkommen. Gedanken drehen hier östlich des Atlantiks wieder schneller und Fragen bitten um Antworten.

Gebloggt wird weiter, stay tuned. Ist ja nicht so, dass das Leben vorbei wäre. Meine Tastatur ist gerade erst warmgetippt. Sonntag steht der Hamburg Marathon an, bald geht es nach Frankreich ins Camp, vielleicht gibt es im Juni amerikanischen Besuch und Berlinabenteuer und im Juli steht Hüttenarbeit in Österreich auf dem Programm. Riecht nach einem reichhaltigen Blogsommer. Ich spiele dann auch mal ab jetzt ein bisschen mit meinem iphone (yey!) herum. Endlich kann ich auch „coole“ Instagram Bilder posten.

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Kulturelle Prägung

Das letzte Wochenende in NYC war von zwei kulturellen Erfahrungen geprägt. Baseball und Skulpturen.

YANKEE STADIUM, Bronx

Freitag Abend stand ein Yankee’s Spiel auf dem Plan. Vor allem Linda, Matti und ich waren ultra gespannt und irgendwie war auch alles wie im Fernsehen als wir da oben auf der höchsten Tribüne standen und über das Stadion blickten. Nur: Das Wetter war nicht ganz so filmreif. Und machte uns dann im Endeffekt auch ein bisschen einen Strich durch die Rechnung. Trotz heißer Schokolade, warmen Chicken Fingers und großen Plastiktüten als Regen- und Windschutz war die Kälte und Nässe dann doch irgendwann übermächtig und wir machten uns knapp vor der Hälfte aus dem Staub. Brrrrr, so kalt!

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STORM KING

Und obwohl sich meine Zeit in NYC mit raschen Schritten dem Ende näherte, mussten wir diesen Sonntag der Stadt nochmal den Rücken kehren. Um der Verschmelzung von Kunst und Natur zu fröhnen, uns dem Kulturellen hingeben. Eine Stunde nördlich von NYC besteht seit den 70ern ein Kunstzentrum, dass  sich auf einem weit ausgedehnten Waldgebiet erstreckt. Skulpturen von groß bis klein in freier Wildbahn. Und wir durften quasi lustwandeln und staunen und frei assoziieren, was uns zum Beispiel ein oranges Metallgestell in Tamponform  sagen möchte. Fast vier Stunden erwanderten wir Wald und Wiese, mit kleinen Abstechern zum Fluss und Ruhepausen auf der Picknickdecke und im Parkcafé. Sehr entspannend und dabei auch noch kulturell wertvoll.

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„The Storm King Art Center in Mountainville, New York is an open air museum which has extended the concept of a „sculpture garden“ to become a „sculpture landscape.“ Founded in 1960 by Ralph E. Ogden as a museum for Hudson Valley painters, it soon expanded into a major sculpture venue with the acquisition of works from the estate of sculptor David Smith.The site is approximately 500 acres (2.0 km2) of meadow and woodland located about an hour north of Manhattan.“ (Wikipedia), http://www.stormking.org/

Auf Roadtrip folgt Boattrip

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So nutzt man connections aus, die man in San Francisco geknüpft hat. Da kündigt sich der heißeste Tag des Jahres an und schon flattert die Möglichkeit zu einem kleinen Harbour Cruise ins Haus, so haben wir das gerne. Matti, den ich aus dem Goethe Institut kenne, war sofort Feuer und Flamme und demnach saßen wir um 17.45 bei Björn von NY Media Boat auf einem alten Militärschlauchboot und schipperten (manchmal auch ein bisschen schneller!) hinaus, Richtung East River und dann zur Freiheitsstatue. Die neidvollen Blicke der Touris auf den großen Booten waren gewiss. Wir VIPs! Bei Chips und Popcorn warten auf den Sonnenuntergang, bis die Silhouette Manhattans in Gold getaucht vor uns lag. Ein (touristisches) Träumchen zum nahenden Ende dieses New York Abenteuers. Perfekt.

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http://nymediaboat.com/

Eastcoast Roadtrip mit Karo – Tag 7

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Eigentlich gibt es gar keinen Tag 7 mehr. Wir sind nachts schon nach NY zurückgekommen. Haben beschlossen, dass es sich nicht lohnt nochmal unsere Betten zu bauen. Und dann im übelsten Stau zu stehen, wenn wir am Tag durch Manhattan durch müssen. Demnach haben wir es mit Hilfe von viel Cafe und jeder Menge Snacks noch in der Nacht von Freitag auf Samstag nach NY zurück geschafft. Um half fünf konnten wir in richtige Betten sinken. War anstrengend, hat sich aber gelohnt.

Besser hätte diese Woche gar nicht verlaufen können. Wir sind verzaubert, wie großartig alles gelaufen ist. Nur der car drop off am Samstag rief leichte Aggressivität in Karo und mir hervor, wir waren uns sicher NYC in diesem Moment zu hassen. Ätzender Verkehr. Wir sind eindeutig wieder in städtischen Gefilden. Eine Ewigkeit im Stau gestanden, bei schönstem Wetter. Und dabei ganz dringend mal auf die Toilette müssen. Keine gute Kombi. Aber wir haben uns um Gleichmut bemüht und ihn schließlich wiedergefunden. Denn keiner hatte bei der Mietstation etwas zu meckern. Ratzfatz Auto weg und wir konnten entspannt, erleichtert mit der Bahn zurückfahren. ENDE GUT, ALLES GUT. Nur die Natur geht uns etwas ab. Da aber in NY gerade der Sommer ausbricht – Dienstag erwarten uns 26°C – werden wir u s gleich mal in die zahlreichen Parks begeben und alles grün einsaugen, das sich schon blicken lässt.

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Noch eine kurze Zusammenfassung der Reise. Der Roadtrip in Zahlen sozusagen:

Gesamtdistanz: 2567 Meilen (4131 km)

Benzinkosten: $ 265 (Can you believe it?!)

Autokosten (Miete, Navi, Versicherung): knapp 430 Euro (quasi gleichzeitig Übernachtungskosten)

Staaten durchquert: 11 (New York, New Jersey, Delaware, Maryland, Virginia, North Carolina, South Carolina, Georgia, Florida, West Virginia, Pennsylvania)

Eastcoast Roadtrip mit Karo – Tag 6

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Freitag, den 05.04.2013

Wir erwachen an diesem Freitagmorgen und sind überraschender Weise nicht erfroren. So kalt wie erwartet war die Nacht nicht. Der erste Blick nach draußen lässt uns mit gemischten Gefühlen in den Tag starten, es ist ziemlich grau am Horizont. WIr bemerken, dass wir unsere Laufschuhe im Kofferraum vergessen haben – die sind noch nass vom Strandlauf vorgestern. Verdammt. Jetzt wissen wir auch was die (wahre) Quelle des Fischgeruchs war…Im luxuriösen Toilettenhäuschen der Raststätte trocknen wir also unsere besten Freunde unter dem Handtrockner, damit sie uns später in den Bergen trockene Dienste leisten können. Dann brechen wir auf nach Asheville, eine kleine Stadt in den Appalachian Mountains, die ohnehin nur noch 20 Minuten entfernt liegt. Dort kaufen wir ein bisschen Vorrat ein – die ultimative ALDI experience, da mussten wir natürlich hin – wir wissen ja nicht wie viel Zivilisation uns in den nächsten Stunden über den Weg läuft. Wir fahren weiter Richtung Blue Ridge Parkway, einer scenic route, die man uns empfohlen hat. Das Wetter wird leider eher schlechter als besser. Dichte Nebelsuppe umgibt uns, als wir eine ziemlich eng gewundene Serpentinenstraße hoch und wieder hinunter kriechen. Wir fahren ein Weile, lassen die Aussichtspunkte links (rechts) liegen, man sieht eh nix. Landen schließlich irgendwie auf einer gravel road, die sich 15 Meilen durch Wald und noch mehr Wald schlängelt. Wir fragen uns, wie robust unsere Reifen eigentlich sind und wo zum Teufel wir hier rauskommen… Aber dann: Wenn Engel reisen freut sich das Wetter, hat unsere Grundschullehrerin schon immer gesagt. Die Sonne bricht gen Mittag durch die Wolken und plötzlich ist kein Weiß mehr am Himmel zu sehen. Der Himmel ist blau, so blau. Wir erreichen unsere erste Wanderroute: Der Weg zu den Linville Falls. Springen freudig aus dem Auto und verschaffen unseren Beinen die Bewegung, die sie schmerzlich herbeigesehnt haben. DIe ganze Natur hier erinnert mich an die canadischen Rockies. Eine kleine Stadt namens Blowing Rock, in die wir später kommen, erinnert mich an Jasper und Banff. Wie passend, dass wir uns in den Blue Ridge Mountains bewegen und auf das Shenandoah Valley zufahren. Sang doch John Denver schon in einem sehr bekannten Song von diesen Plätzen. Wir fühlen uns am richtigen Ort und ein bisschen wie im Märchen. Wir rollen weiter, fahren in den idyllischen Abend hinein. Assoziationen reißen nicht ab. Auf canadische Wildniss folgt Bayerisches Voralpenland, diese malerische Abendsonne, die grünen weiten Wiesen.Später parken wir vor McDoof und trotzen dem Drive In mit einem (Aldi) Dinner deluxe  im Auto. Wir haben noch einige km vor uns. Mal sehen, wie weit wir es heute Abend noch schaffen. Morgen um 15 Uhr muss das Auto wieder in NY sein.

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Zu diesem Bild: Karo kommentiert unsere tägliche Suche nach WiFi „Man ey, wir sind ganz schön internetabhängig“. Tja, wat soll man machen, ist halt heutzutage so.

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Eastcoast Roadtrip mit Karo – Tag 5

Donnerstag, den 04.04.2013

Wenn ein Ort mit einer Farbe assoziiert werden würde, dann wäre Tallahassee in unseren Köpfen nun für immer grün. Lush green. Tropisch, warm, geradezu schwül durch die hohe  Luftfeuchtigkeit, präsentiert sich die Stadt im Westen Floridas. Spanisches Moos hängt von den Bäumen, Palmen überall, Tarzan könnte jederzeit an einer Liane vorbei schwingen. Wir fahren an weitläufigen Grundstücken vorbei, tollende Squirrels springen in den Bäumen und auf der Straße herum (wir könnten eventuell eins überrollt haben, wozu man uns vor Ort gratulierte – die sind wohl eine ziemliche Plage hier, bunte Vögel singen, Grillen zirpen. Hier fangen wir uns auch unsere ersten Mückenstiche des Jahres ein, hurra! Bei Joe und Sue kriegen wir ein leckeres Frühstück, dann wird die Karte rausgeholt und wir überlegen auf welchem Highway wir später gen Norden fahren, Richtung Apalachian Mountains.  Dann nimmt Adam uns mit auf eine Tour durch Tallahassee, später packen wir zusammen, sagen goodbye und können uns eigentlich kaum trennen. Bevor wir Tallahassee verlassen machen wir einen „kurzen“ Shoppingausflug in einen sportladen – Karo wollte eigentlich nur Chucks kaufen (hier sind die nämlich wirklich billiger, nicht wie in NYC). Naja, jetzt sind wir um ein paar Sportklamotten reicher. Dann noch schnell in den Supermarkt, key lime pie müssen wir noch mitnehmen, eine Spezialität Floridas. Picknick auf dem Parkplatz in der Sonne, warmer Asphalt verbreitet noch mehr Sommerstimmung. Hochsommer. Die Luft ist ziemlich drückend. Riecht fast nach Gewitter. Mal sehen, vielleicht kriegen wir doch noch einen für diese Gegend eigentlich obligatorischen thunder storm mit.  Vom weiteren Tag gibt es nicht viel zu berichten. Wir müssen ein paar hundert km abreißen, damit wir es bis abends nach Asheville, North Carolina schaffen. Je weiter wir nach Norden kommen, desto schlechter wird das Wetter und desto schneller fällt das Thermometer, bis wir irgendwann nur noch bei ca. 3°Celsius haben. Wir fahren und fahren. 8 Stunden. Dann finden wir eine rest area ca 12 Meilen von Asheville entfernt. Es ist wirklich scheiße kalt geworden. Und wir immer noch in Flipflops. Heute bauen wir unsere Betten besonders schnell, ziehen in Erwartung einer sehr kalten Nacht mehrere Schichten und Socken an. Na dann, „gute“ Nacht.

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Eastcoast Roadtrip mit Karo – Tag 4

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Mittwoch, den 03.04.2013

Es wird nicht langweilig, auch wenn es morgens  bisher immer ähnlich aussieht. Die Sonne scheint wieder als wir aufwachen. Kurze Morgenwäsche im Starbucks und runter zum Strand. St. Augustine Beach, Florida. Wir kurven ein bisschen ratlos herum. Hier ist alles zugepflastert mit Hotels. Rasen wie mit der Nagelschere geschnitten, Rasensprenger verrichten monoton ihr Werk. Die Gebäudekomplexe sind gar nicht mal so schön. Wir sind uns einig: Die Gegend um Charleston hatte definitiv mehr Charme. Trotzdem können wir nicht meckern: Wir finden doch noch einen Parkplatz dicht am Strand, hüpfen barfuss auf den sommerwarmen Asphalt. Es ist 8 Uhr und schon ziemlich warm, schwüler als bisher. Es sind Gewitter angesagt, aber noch ist der Himmel blau. Der Strand ist unendlich breit und noch unendlich viel länger. Oystercatcher und kleine weiße Vögel tummeln sich an der Wasserkante. Wir laufen, mit etwas steifen Knochen von der vergangenen Nacht. Die Beine sind noch nicht ganz wach. Dann findet Karo endlich ihren Aligator. Beweis:

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Uns tropft der Schweiß aus allen Poren, ich laufe das erste Mal nur im Bikinioberteil. Immer wieder der kritisch prüfende Blick zur Seite, auf den Oberarm. Ist da schon ein Abdruck zu sehen? Ein bisschen Bräune wollen wir schon mitnehmen. Damit das auch wirklich was wird mit dem Teint, gammeln wir nach dem Lauf noch eine halbe Stunde faul am Strand herum. Aber hilft ja alles nix: Wir stinken und müssen nach Wasser suchen. Unsere heutige Waschgelegenheit ist wieder eine öffentliche Dusche hinter den Dünen, umziehen können wir uns im Badhaus daneben. Klappt doch alles. Und voila, wir sind wieder frisch. Und das für lau. Frühstück wird heute gleich zum Mittagessen. Und weil wir am Meer sind gibt es Fisch und Salat (wir hätten auch Aligatoren Schwanz bestellen können, schließlich sind wir jetzt im „Gator Country“). Als die Teller vor uns stehen, sind wir uns sofort einig, dass wir solche „mediterrane“ Kost doch wirklich lieber mögen als das ganze junk food. Wir Europäer. Glücklich kauen wir auf unseren Salatblättern (Kanickelfutter, wie Oma sagen würde), dazu gibt es geröstete Pecannüsse, Cranberries, Rosinen, Gorgonzola und Mangodressing. Und auf diesem grünen Bett thront bei mir ein weißes Telapia Fischfilet, bei Karo rosafarbene Shrimps. Dazu streift uns eine seichte Meeresbrise um die Nase. Hach…On the road again. Keith Urban und Joe Nichols tönen aus dem Radio und bringen uns wieder in Roadtrip Stimmung. Mir fällt auf, dass ein ziemlich hoher Prozentanteil meiner iPod Musik von Leuten bekommen habe, die anscheinend von amerikanischen Radiosendern inspiriert wurden. Danke Annie, Julius, Josh. Dank euch kann ich lauthals mitsingen. Zur Verdauung des Fisches brauchen wir Kaffee und machen eine neue Erfahrung mit dem Starbucks drive-through. Genial: Geht schneller und man muss keine Namen angeben. Wieder ein Hamburg Süd Truck. Ich will kurzzeitig aufspringen, aber dann kommt mir in den Sinn, dass ich wahrscheinlich eher als das entsprechende Schiff wieder in HH sein werden. Lieber noch ein bisschen amerikanischen Lifestyle leben bis es wieder nordisch wird. Weiter gehts, diesmal in eine andere Himmelsrichtung. Erst ein Stück zurück nach Norden, dann machen wir die Biege nach Westen: Auf nach Tallahassee. Auf Wiedersehen Küste, hallo Country. Ich trage wieder meinen Hut, wir fühlen uns nach Cowboystiefeln und halten Ausschau nach Flea Markets am Straßenrand. Dann zerplatzen die ersten Regentropfen auf unserer Scheibe. Dunkle Wolken hängen über dem Highway. Das Grau des Himmels und die immer grüner werdende Vegetation. Farbenspiel. Durch die Lüftung strömt Sommerregenluft, nasses Gras und warmer Asphalt.  Wir drehen das Radio auf. Glück prasselt mit dem Regen. Karo trommelt auf dem Lenkrad, meine Zehen wippen auf dem Amaturenbrett, Dolly Parton singt Jolene,  „your voice is soft like summer rain“. Dann kann diese Stimme gar nicht mehr so zart sein. Ich dachte als Hamburger sei man ne Menge Schietwetter gewöhnt, aber Regen in Florida ist eine Nummer größer. Platzregen wortwörtlich, halleluja! Wir sehen kaum noch etwas, der Scheibenwischer überschlägt sich fast, wir können ihn keuchen hören.Um 16.30 Uhr kommen wir in Tallahassee an, heute Nacht dürfen wir uns bei Jeff’s Eltern einquartieren. Uns erwartet der pure Luxus. Bestes Essen (selbstgefangener Fisch, gartenfrischer Salat, frisch gebackener Pecannuss Kuchen), warme Duschen und weiche Betten. Womit haben wir so viel Gastfreundschaft verdient? Sue zeigt uns das Haus, Joe führt uns in seine Werkstatt, wo er Möbel anfertigt. Das halbe Haus haben sie selbst gestaltet. Wir sind fasziniert, so viel DIY ist großartig. Später holt Adam uns ab, wir lernen noch ein paar andere Leute kennen. Können noch immer nicht glauben, wie warm wir aufgenommen werden. In einer Bar sitzen wir und lernen vor allem eine Menge über College Sport Teams. Gegen ein Uhr nachts fallen wir totmüde, aber überglücklich auf echte Matratzen und kriechen unter richtige warme Decken und schlafen wirklich wirklich gut. Thank you so much!!

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Eastcoast Roadtrip mit Karo – Tag 2

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Montag, 01.04.2013

Die Sonne scheint als wir erwachen.  Ein golden-lila Morgen, noch frisch, crisp air. But beautiful! Die Scheiben unseres Chryslers sind nicht nur beschlagen, eher tropfnass. Wir schreiben den 1. April in das Kondenswasser. Es riecht nach Frühling als wir fröstelnd, aber bestens gelaunt zum Klohäuschen der rest area dackeln. Die erste Nacht im Auto war gar nicht mal so unbequem. Nur kalt. Aber wahrscheinlich werden wir von Tag zu Tag, Nacht zu Nacht besser. Gegen 7.30 Uhr rollen wir weiter auf dem Highway gen Süden, nächstes Ziel Charleston, ca. 600km weiter südlich an der Ostküste. Das Thermometer im Auto liegt schon bei 50°Fahrenheit. So sicher sind wir uns mit der Umrechnung in Celsius auch nicht, aber alles jenseits der 50 hört sich vielversprechend an. Die Straße entspricht nun mehr und mehr unseren Vorstellungen von einem amerikanischen Highway: Ziemlich viel Nichts. Bäume und Asphalt und der blaue Himmel. Genau das, was wir nach den Tagen in der Stadt und dem Manhattanstau gestern brauchen. Schilder am Straßenrand kündigen alle paar Meilen Essgelegenheiten an. Eine reichhaltige Auswahl: McDonals, Wendy’s, Burgerking, ‚Chick-fil-A‘ etc. Wir entscheiden uns frühstückstechnisch für das ‚Waffle House‘. Good choice!  Karo stellt fest: Die Anzahl von Menschen in rosa Plüschanzüge nimmt zu und generell werden die Gestalten massiger. Mein Gott, wir müssen wirklich in Amerika sein. Ein Roadtrip durch die (Oststaaten der) USA, das müssen wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen. Die Sonne strahlt weiter, wir sind mittlerweile bei 73°F angelangt und tauschen lange gegen kurze Ärmel. Musik versüßt die Highway experience (Annie, ich habe Rascal Flatts aus vollem Herzen und voller Kehle mitgesungen!) und mein Magen kribbelt jedes Mal, wenn in den Countrysongs der 94.7 radio station die Ortsnamen und Staaten auftauchen, auf dessen Grund und Boden unsere Räder gerade rollen. By the way, wir durchqueren einen Staat nach dem anderen. Bisher haben wir auf unserem Konto: New York, New Jersey, Delaware, Maryland, Virginia, North Carolina und South Carolina. In einem kleinen Ort namens Wilmington finden wir einen Fleamarket, Trödelmarkt, und gehen im Paradies stöbern. Diese Möbel sind der Wahnsinn. Wenn wir nur etwas mit nach Hause nehmen könnte. Alte Schränke, schönste Kommoden und antike Teesets, dazwischen Spiegel in rustikalen Rahmen und jede Menge Krimskrams, der das Herz erfreut. Unsere Ausbeute: Ein Cowboyhut, eine alte Schallplatte, drei Garderobenhaken und für den guten Zweck – und einen glücklichen Magen – eine Packung Girlsscouts Peanutbutter-Chocolate Cookies. Mit Randy Travis geht es weiter on the road. Karo lehrt mich den Tempomat zu nutzen und die ganze Fahrerei wird noch ne Runde chilliger. Es geht weiter, vorbei an hölzernen Dorfkirchen (es gibt vor jeder Kirche ein Straßenschild, dass auf die ‚Church‘ hinweist…), die eifrig die Osterbotschaft „He is risen“ auf  großen Plakaten verkünden. Stars und Stripes in fast jedem Vorgarten sind keine Besonderheit, hier und da rollen gelbe Schulbusse und Monstertrucks an uns vorbei. Ja, ja, wir müssen wirklich in Amerika sein. Verrückt. Die Straße führt uns schließlich an die Küste, das Örtchen Garden City Beach überrascht uns mit seiner Wärme und einem langen Strand. Da der kurze Hosen Kauf unerfolgreich bleibt, müssen wir eben gleich alle Hüllen fallen lassen: Ab in den Bikini und noch ein Stündchen die Zehen im Sand vergraben. Und ein paar Yogaübungen am Strand zu machen, oh ja! Wir sind gerade mal wieder richtig frei. Und die Abendsonne taucht die Szenerie dazu in ein wunderbar kitschig-güldenes Licht. Ommmmm. Als es dunkelt fahren wir weiter Richtung Charleston. Noch immer ungläubig, dass wir gestern noch Schals und Winterjacken trugen und heute schon am Strand lümmeln. Wunderbar. Jetzt liege ich im Auto, irgendwo kurz hinter Charleston. Wir haben auf einem Mallparkplatz geparkt und hoffen, dass uns hier niemand verscheucht. Aber bisher ist alles ruhig. Genialer Weise hat der Laden gegenüber WiFi herumschwirren und da habe ich mich ganz frech mal eingeladen, das Internet zu benutzen. Sehr praktisch. Also gut, ich begebe mich auf meine Thermarestmatte, in den Schlafsack und krieche halb in den Kofferraum. Eine richtige Höhle, unser Chevrolet. Gute Nacht.

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Eastcoast Roadtrip mit Karo – Tag 1

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Sonntag, 31.03.2013

Eine Weile nicht am Steuer gesessen zu haben macht einen ja doch etwas nervös, wenns dann wieder mal so weit ist. Autofahren. Und das in Amiland, wo man von rechts und links überholt… Meine Stimmung schwankt  zwischen Aufregung, Nervosität und Vorfreude, als Karo und ich uns an diesem Ostersonntag zum JFK Car rental aufmachten. Unseren Mietwagen abholen, der uns sechs Tage lang durch den Osten der USA kutschieren soll. Das wird der ungeplanteste Trip aller Zeiten Wir hatten null Muße irgendetwas zu organisieren. Gedanke über die Route haben wir uns kurz heute Vormittag beim Frühstück via google maps und ungefähren Distanzeinschätzungen gemacht. Kein Plan von nix, aber viel Lust auf Roadtrip-Abenteuer. Wir werden sehen, ob das gut geht. Oder vielleicht sogar besser wird. Keine Erwartungen und so. Immerhin haben wir jetzt eine ungefähre Route im Kopf: Von New York Richtung Süden, vorbei an Washington DC, nach Charleston, dann Savannah und schließlich Florida, St. Augustine Beach als südlichsten Punkt. Je nachdem wie viel Zeit uns danach bleibt werden wir uns gen Westen nach Tallahassee aufmachen und von dort den Rückweg Richtung Norden durch die Appalachian Mountains antreten. Die Abholung läuft wie geschmiert, wir adoptieren einen weißen Chevrolet. Ziemlich neu das Ding. Aber wir haben die Selbstbeteiligung im Schadensfall auf 0 reduziert – ein bisschen deutsche Sicherheit sitzt uns halt doch noch in den Knochen, trotz der amerikanischen Roadtrip-Freiheits-Träume. Aus Brooklyn raus schaffen wir es ganz gut. Dann macht aber das Navi komische Sachen, oder vielleicht haben wir auch zu vertieft dem Country Song im Radio gelauscht, jedenfalls verpassen wir eine Abzweigung und finden uns, du Schande, auf der Manhattan Bridge wieder. Dabei war das erste Ziel: Manhattan mit dem Auto meiden. Jetzt sind wir drin. Mitten drin. Und zwar so richtig. Im fettesten Stau. In den chaotischsten Straßen. Wir brauchen 2 Stunden bis wir den Stadtteil von Ost nach West durchquert haben, so langsam geht es voran – wenn überhaupt. Wir schnecken durch mein Büroviertel in Soho, niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich hier mal im Auto vorbeifahre. Whatever, das hat lange gedauert, aber jetzt können wir wenigstens behaupten uns im Manhattenverkehrswahnsinn behauptet zu haben. Check! Durch den Holland Tunnel entkommen wir den Massen.  Grau in grau verabschiedet uns NYC, neblig und regnerisch empfängt uns New Jersey. Bald fahren wir im Dunkeln.  Hat ja jetzt etwas länger gedauert… aber wir sind guten Mutes. Wir haben zwar eine Navi-Else, kaufen aber noch eine Papierkarte an der ersten  Tankstelle. Das macht mehr Spaß und man kriegt einen besseren Überblick. Für diesen Abend ist Washington DC Anfahrtspunkt. Beziehungsweise irgendein Rastplatz vor, hinter, bei Washington. Die letzten Meilen sind ein kleiner Kampf, wir sind echt müde. Irgendwann gegen kurz nach zwölf finden wir eine rest area am Highway, die recht belebt aussieht. Hier werden wir unser Nachtlager aufschlagen. Ein paar Umbaumaßnahmen im Auto und schon haben wir eine eigentlich ganz passabel aussehende Liegefläche geschaffen. Na dann mal ab in die Federn, Schlafsäcke. Und hoffen, dass keine Polizei an die Scheibe klopft – oder sonst wer.

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Wer hat an der Uhr gedreht?

D.R.E.I. Drei Monate. So lange habe ich es in letzter Zeit selten irgendwo ausgehalten. Ich fange gar nicht erst an, mich über die Zeit zu wundern. Sie verstreicht, natürlich! Und ich habe, naiv wie ich war, zu Anfang geglaubt sie würde hier in New York endlich kriechen statt rennen. Pustekuchen. PusteBLUME. Eis schmilzt, Frühling kommt. Ist Anfang, ist Ende und wieder Anfang und so weiter. Unglaublich aber wahr: Last day at work. 72 Spring Street ist ab heute keine tägliche Anlaufstelle mehr. Time to say goodbye. Thank you guys, I will terribly miss you!!!

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Wortlos

Meine Kommunikation: Eine Katastrophe, I know! Aber es gibt immer Gründe. Gute Gründe, seid beruhigt. Da schreiben stagniert, greifen wir auf Bilder zurück. For now. Das ist keine Lösung, überbrückt aber das Warten. Auf Worte. Die kommen wollen, da sind. Nur durch Finger und Gedanken gebunden, die keine Zeit finden und abschweifen. Das Mopped wird überholt, aber es wird wieder fahren. I promise.

gesehen bei VISUAL STATEMENTS(gesehen bei VISUAL STATEMENTS)

 

Frühlingsgefühle

Die Sonne scheint in New York heute morgen.
Zeit, an den Sommer zu denken, die Gedanken hinunter, herüber an den Atlantik zu lenken. Schonmal gedanklich das Wippen des Schreibtischstuhls in das Schaukeln der Hängematte zu verwandeln, wieder Seekiefernduft und Neopren zu atmen. Dünen zu erklimmen. Um dahinter das Meer zu finden.

https://www.youtube.com/watch?v=wTvwBGKlU8o&feature=player_embedded

Team Fridolin

„Hier ist der Start, dort  ist das Ziel. Dazwischen musst du laufen.“ (Emil Zatopek)

Bevor einer fragt: Fridolin ist die Katze eines ehemaligen Mitarbeiters. Warum die in die Geschichte eingegangen ist und ihr Name jetzt auf Team-Tshirts gedruckt wird, don’t ask me. Jedenfalls habe ich den kompletten Freitag Nachmittag damit verbracht, den Balkon mit Sprühfarbe zu verwüsten. Damit ich am Samstag wie Grace, Thomas und Hannah auch im Team Tshirt auflaufen kann. Ein Shirt professionell zu bedrucken, das lassen sich die New Yorker mit $45 aufwärts nämlich teuer bezahlen. Dann doch lieber DIY. Die letzten Tage hat sich der New Yorker Himmel nicht gerade farbenprächtig gezeigt und das gipfelte dann am Freitag in einem grandios ekelhaften Mix aus Schnee und Regen. Demnach war die kreative Bastelsession in Gammelklamotten ganz passend angesiedelt. Als das Mistwetter allerdings abends immer noch anhielt kamen mir leichte Zweifel an der makellosen Wettervorhersage für Samstag, die blauen Himmel und Sonnenschein versprach.

Aber tatsächlich, um 6:15 Uhr heute morgen fiel kein Schnee, es ging die Sonne. Auf! Und ich lief los. Auf der Brooklyn Bridge kitschiger Weise der Sonne entgegen. So ganz ohne Touristenströme zu dieser frühen Stunde. Die Flatbush Avenue hinunter, durch Brooklyn bis zum Prospect Park. Startschuss für den Lauf war um neun, ein 5k‘ race einmal rund um den Park. Mit dem Team Fridolin und Jeff. Vorbei an verschneiten Wiesen, im Einklang mit weißen Atemwolken von der Morgenfrische. Später dann eher Dampfwolken, weil die Sonne höher und der Kurs (an)gestiegen war. Nach einer guten halben Stunde war schon wieder alles passé und wir waren bereit für Frühstück, self-made bei Grace. Zünftig amerikanisch mit to-go Kaffee, Omlette, bacon und doughnuts. Inklusive Musik vom Plattenspieler und in der Gesellschaft von Katze Cleopatra und Hund Scarlett. Ein nicht ganz gewöhnlicher Morgen in Brooklyn, eine ungewöhnlich schöne Art den Tag zu beginnen. Um den Kreis zu schließen setzten Thomas und Hannah mich vor einer Brücke auch wieder ab, diesmal die Manhattan Bridge. Die bietet auch am Tag, wenn die Brooklyn Bridge schon lange von sonnenhungrigen Touristenströmen eingenommen ist, noch jede Menge Platz zum Laufen. Downtown Manhattan queren, durch Menschenmengen in Chinatown, hinüber an den Hudson. Und dann hoch, gen Norden, zurück in die Upper West Side. Und dann erstmal duschen.

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Leif Randt in einem Interview mit Zeit-Online zur Frage: Was ist denn junge deutsche Literatur?

„Oft Beziehungsgeschichten, die in jungen, akademischen Milieus stattfinden, in Großstädten, in WG-Küchen, in denen die Morgensonne in einem bestimmten Winkel hereinfällt, während der Kaffee gekocht wird. Und es gibt ziemlich abgründige Emotionen, die oft mit der Familie zu tun haben. Man ist sehr medienerfahren, die Figuren haben viele Serien und Filme gesehen, es herrscht eine Grundabgeklärtheit. Die Konflikte sind unausgesprochen und schweben. Die Dinge werden nicht beim Namen genannt, sondern durch die genaue Beschreibung der Sonne auf dem Küchentisch ausgedrückt. Das kann oft ganz schlimm sein. Manchmal aber auch gut.“

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2011-05/interview-leif-randt-prosanova

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EBM – The Espresso Book Machine

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Keine Höllenmaschine, eine Himmelsmaschine. Ein Traum für jeden self-publishing Enthusiasten. Die Espresso Book Machine. Ich habe versprochen zu berichten. Im unabhängigen Buchladen McNally Jackson in Soho, fünf Minuten von unserem Office entfernt, steht also so eine EBM. Zunächst hat das (leider) nichts mit Kaffee zu tun – den gibt es im McNally Café nebenan. Aber dafür druckt und bindet diese Maschine in Rekordzeit Bücher. Richtige, professionell aussehende Bücher. Das bedeutet jeder kann ein entsprechend formatiertes PDF (es gibt einen DIY formatting guide der alles erklärt) an den Buchladen schicken, die füttern die Maschine mit den Daten und dann geht es los. Die EBM ist im Prinzip nur zum Binden des Buches da. Ein ganz normaler Drucker druckt die Seiteninhalte (schwarz weiß), ein zweiter Drucker druckt den Bucheinband (ggf. farbig vorne und hinten) und alle Seiten werden dann automatisch in die EBM weitergereicht. Die kennt das gewollte Format, stutzt alles zurecht, bindet und spuckt dann schlussendlich das fertige Buch aus. Der ganze Vorgang dauert nicht länger als 5-10 Minuten. Mindestanzahl der Seiten sind 40, maximale Anzahl 800 Seiten. Für ein 100 Seiten Buch sind es ca. $10, die der „Autor“ zahlen muss. Aber McNally bietet auch noch sämtliche Servicepakete an, beispielsweise proof reading, die Präsentation des Buches im Geschäft, online placement, Kontakt zu Lektoren etc. Das kostet dann zwar extra, aber insgesamt ist das Ganze nicht unbezahlbar.

Eigentlich wurde die EBM für print-on-demand entwickelt, sprich um Bücher zu drucken, die so im Buchhandel nicht oder kaum verfügbar sind. So können zB freigegebene GoogleBooks gedruckt werden. Dieses print-on-demand macht allerdings nur noch 5% der Maschinennutzung aus, 95% der gedruckten Manuskripte sind self-publishing Werke. Es ist hier in den USA um einiges normaler als beispielsweise in Deutschland, sich nicht an einen Verlag zu wenden, sondern sein selbstverfasstes Manuskript im Selbstverlag rauszubringen. Dafür ist die Unterstützung von McNally und der EBM großartig, weil man es zumindest schonmal zu einer Präsenz im Buchladen geschafft hat.

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EBM locations

Ich musste dann sofort mal rausfinden, wo es überall diese EBMs gibt. An dieser Karte sieht man, dass es erstens noch nicht viele gibt und dass doch ein erhebliches Ungleichgewicht bzgl des Vorhandenseins von EBM zwischen den USA und Europa existiert. Kulturell kaum verwunderlich – mal wieder ein Ausdruck des ‚American-Dream-Do-It-Yourself‘ Gedankens schätze ich. Sogar Alaska hat eine EBM, in Deutschland geht da hingegen gar nichts. Ich hätte gedacht, dass es wenigstens eine Maschine irgendwo gibt. Neuseeland hat auch keine. Zwei Locations, die unbedingt aufholen müssen… Dafür müsste man vielleicht das self-publishing in Deutschland ein bisschen pushen und eine geschickte Geschäftsidee entwickeln…es scheint, als wäre man damit tatsächlich noch eine Art Pionier, was ja heutzutage meistens unmöglich ist – etwas zu machen, was noch (fast) kein Anderer getan hat. Bedauerlicherweise sind die EBMs nicht gerade günstig. Immer an irgendwelche Druck-, Wartungs- und Nutzungsverträge gebunden. Mit dem start-up Finger schnipsen ist da wohl nciht so einfach. Und dann wird natürlich jede Menge Kritik laut, nämlich dass dann zunehmend der letzte Mist gedruckt werden kann, Druckereien, Verlage und Versandtunternehmen werden überflüssig etc etc.

Trotzdem, irgendwie ist das Ding genial. Man kann auch einen Blog binden lassen…vielleicht  kommen die NY Beiträge ja in ein Buch, da muss ich mal ein ernstes Wörtchen mit McNally reden. Un einen Espresso drüber trinken.

Vorsätze

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„Franz war erfreut, diese Bekanntschaft gemacht zu haben. Er äußerte seine Verwunderung, daß Rudolph in so früher Jugend schon von der Welt so viel gesehn habe. »Das muß Euch nicht erstaunen«, sagte jener, »mein unruhiger Geist treibt mich immer umher, und wenn ich eine Weile still in meiner Heimat gesessen habe, muß ich wieder reisen, wenn ich nicht krank werden will. Wenn ich auf der Reise bin, geschieht es mir wohl, daß ich mich nach meinem Hause sehne, und mir vornehme, nie wieder in der Ferne herumzustreifen; indessen dauern dergleichen Vorsätze niemals lange, ich darf nur von fremden Ländern hören oder lesen, gleich ist die alte Lust in mir wieder aufgewacht. So bin ich auch schon Spanien durchstreift, ich habe Valencia und das wundersame Granada gesehn, mit seinem herrlichen Schlosse, den fremden, seltsamen Sitten und Trachten, ich habe die Luft der elysischen Gefilde von Malaga eingeatmet, und kenne den Manserrate mit seinen Klöstern und grünbewachsenen Klippen.“

(aus Ludwig Tiecks Franz Sternbalds Wanderungen, Kap.16)

MJ Day

Manche Tage ziehen einfach vorbei, grau und belanglos und dann ist ein Tag wie der andere. Von manchen Tagen aber erwartet man nichts….und bekommt alles. This day will go down in history as Marc Jacobs Day. Zumindest in Goethe und GBO Kreisen.

Ich habe verpennt, dabei wollte ich endlich mal wieder disziplinierter trainieren. Das regelmäßige Lauftraining hat in den letzten zwei Wochen durch SF und das Festival ziemlich gelitten. Um 7.30 schnüre ich also hastig die Laufschuhe, wenigstens eine halbe Stunde. Aber es ist denkbar unentspannt mit der Zeit im Nacken durch den Park zu hasten. Trotzdem fühle ich mich etwas wacher als ich in den B Train steige um zur Arbeit zu fahren. Und irgendwie bin ich tatsächlich früher dran als sonst. Effizienz und Zeitdruck arbeiten gut zusammen. Hätte ich auch noch länger laufen….ach egal. Im Büro kündigt unsere Direktorin Riky an, dass wir am Montag von einer Gruppe chinesischer Publishing Professional Besuch bekommen. Und wir interkulturell Kompetenten (Riky hat im übrigen auch Kuwi in Passau studiert) wollen den Besuchern natürlich etwas bieten. Ich fliege also aus mit dem Ziel Chinatown, das eh gleich bei uns um die Ecke beginnt. Mission: Chinesischen Tee, chinesische Cookies und Fortune Cookies (für uns!) kaufen. Die Sonne kommt raus und ich habe so gar nichts dagegen noch ein bisschen draußen herumzulaufen, anstatt mich gleich an den Schreibtisch zu pflanzen.

Chinatown ist immer einen Ausflug wert. People watching. Und Tiere. Vor mir öffnet ein Lastwagen seine Türen und ich blicke auf zukünftige Mittag- und Abendessen: Schweine hängen von der Decke des Transporters. Uh, vielleicht geh ich doch mal zu dem Vegetarian food festival, das dieses Wochenende in NY stattfindet. An der nächsten Ecke finde ich Glückskekse, stolpere danach in einen chaotischen Supermarkt und wieder über Tiere. Diesmal seafood, aber noch lebendig. Scheren zwicken, Fühler zucken, eine Frau steht vor einem Bündel länglicher Muscheln und betatscht immer wieder ruckartig das hervorquellende helle Fleisch. Ganz überzeugt von der Frische scheint sie nicht zu sein. Ich brauche ungefähr eine halbe Stunde bis ich mich endlich für ein paar Kekse und Cracker entschieden habe. Dieses Angebot überfordert mich. Und hier spricht außerdem kaum jemand Englisch. Da kann ich noch so oft fragen, was Chinesen denn kekstechnisch am ehesten zum Frühstück essen – ratlose Blicke und unverständliche Worte. Ich lächle einfach nur, thank you.

(Hier käme jetzt der Part, in dem ich euch über meine neueste Entdeckung berichte. Denn nach Chinatown musste ich noch in einen Buchladen, um einen Besichtigungstermin für die Chinesen zu besprechen. Aber diese Entdeckung verdient einen eigene Runde auf dem Blogmopped, heißt: es gibt einen separaten Beitrag zum Buchdruck der etwas anderen Art. Großartige Sache, diese Espresso Book Machine. Stay tuned!)

Als ich zurück ins Office komme herrscht eine ungewöhnliche Stille. Kaum jemand hämmert in die Tastatur, niemand telefoniert, überhaupt ist alles wie ausgestorben. Nur ein paar vereinzelte Plätze sind noch besetzt. Und auf meinem Schreibtisch liegt ein schwarz-weiß gestreiftes Armband. Die Empfangsdame schlurft an mir vorbei und weil ich anscheinend etwas verwirrt dreinblicke sagt sie nur: „Go down to 10th floor. Sample sale at Marc Jacobs.“ Marc Jacobs nimmt bei uns im Gebäude so vier bis sechs Stockwerke ein und die Mitarbeiter blockieren ständig den Fahrstuhl, weil sie zwischen den floors hin und her stöckeln(!). Ich lade die gelben Chinatowntüten ab, tüdel mir das Armband um und mache mich auf die rund 10 minütige Reise, um einen Stock tiefer zu kommen. Ab hier endet die Zeitwahrnehmung. Als ich eintrete steckt das halbe Goethe Institut und GBO bis zum Hals in Designerklamotten, wühlt auf Bargaintischen herum, trägt Kleiderbügel von A nach B. Inmitten von gefühlt 200 anderen eifrigen Shoppern. Die Raumtemperatur beträgt circa 40 Grad und animalische Instinkte blitzen aus dem ein oder anderen Auge hervor, zeichnen sich durch so manchen aggressiven und hektischen Handgriff ab. Meins! Das Beste finden! Alles so günstig! Schnell! Lass das bloß hängen, das hatte ich gerade ausgesucht!

Wir verbringen mehr als 2 Stunden im Kaufrausch. Nichts kostet hier mehr als $15. Normalerweise gibt es bei MJ wohl nicht mal einen Schnürsenkel für diesen Betrag. An Arbeit denkt in diesem Moment niemand mehr. Da man hier unerklärlicher Weise nur mit Checks zahlen kann und kaum einer von uns sowas besitzt, kommt kurz Panik auf. Wie sollen wir die ganzen Schätzchen bezahlen? In der Not aber hält man zusammenhalten: Dustin rettet uns. Wir dürfen mit seinem Check bezahlen. Also alles auf eine Rechnung. Die Endsumme ist $660 und das Endergebnis ein gigantischer Stapel Klamotten. Es dauert eine Weile bis man uns an der Kasse abgefertigt hat. Aber das macht nichts. Wir diskutieren über eine Geschäftsidee: Edle Klamotten weit unter dem Normalpreis anbieten, keine Spiegel und keine Anprobemöglichkeiten anbieten. Diese drei Komponenten und voilà, die Leute kaufen wie blöd. Nur sind wir uns noch nicht sicher, wie wir uns eine MJ ähnliche Reputation beschaffen können. Egal, wir sind glücklich. Im Büro geht das Geschnatter weiter, Sachen werden verglichen. Man bestätigt sich gegenseitig wie schön alles aussieht und dass das aber nun wirklich ein Schnäppchen war. Danke Marc Jacobs, du hast uns den Tag im Büro ungemein erträglich gemacht.

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The Left Coast

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Zugegeben, das Blogmopped hat in der letzten Zeit ein bisschen gestottert. Es ist nicht so, dass es zu wenig Sprit hatte. Eher ein mittlere bis große Überdosis an Zündstoff, die verdaut werden musste. Kleine Explosion im emotionalen Tank. Während der letzten Woche schien sich die Welt doppelt so schnell zu drehen und gleichzeitig im absoluten Stillstand zu verharren. Ideen blitzen im Geist, aber Eindrücke erdrücken wenn sie in Scharen kommen. Ich konnte noch nicht schreiben, ich musste erstmal nur staunen und erleben und vielleicht auch ein bisschen Abstand gewinnen. Langsam bekomme ich aber Schiss vor meinem persönlichen Himalaya an konfusen Notizen, die sich auf den Seiten meines Tagebuches stapeln. Keine Angst, spurlos geht hier gar nichts vorbei. Ich brauchte nur etwas, um alles Erlebte in lesbarer Form auf das Mopped zu schnallen. Aber jetzt ist es höchste Zeit Ordnung ins Chaos der vergangenen Tage zu bringen.

Wie beschreibt man Perfektion ohne dass man in Kitsch und Floskeln abdriftet? Mit welchen Worten füllt man Zeilen, damit ein Text so lebendig wird wie das Erlebte? Ich zermatere mir den Kopf, wie ich von den fünf Tagen San Francisco authentisch berichten kann. Akzeptiert den Kitsch, wenn er euch über den Weg läuft. Es geht nicht anders. Voilà:

Es gibt Orte, die erinnern einen daran wer und wie man ist, vielleicht daran wer man mal war und vor allem wer man sein will. Eine unserer Autorinnen des Literaturfestivals hat hinten auf ihrem Buch dieses Zitat stehen. „Wir vergessen unsere Träume. Aber unsere Träume vergessen uns nicht.“ San Francisco hat sich von hinten angeschlichen und mir ohne Vorwarnung einen Lebensentwurf vor die Füße geknallt, der immer da war. Der mir lediglich in diesen letzten Wintermonaten gedanklich irgendwie abhanden gekommen ist. Mit Pauken und Trompeten, Sonnenschein und Meer ist die Stadt in die alltäglich gewordene Seele einmarschiert und flutet seitdem durch alle Gedanken und Gefühle.

SAN FRANCISCO. Eine Stadt, die bis vor einer Woche auf meiner persönlichen Weltkarte noch einen ziemlich weißen Fleck darstellte. Keine Bilder, keine Gerüche und Erlebnisse, keine Sehnsüchte, die ich mit diesem Ort verband. San Francisco war nicht mehr als ein Name für mich, blass, bis auf ein paar Schwärmereien von Freunden und die persönlich belanglose Assoziation der weltbekannten Brücke. Ich glaubte insgeheim nicht mal daran, dass mich eine Stadt in Amerika wirklich begeistern könnte. Da haben wir es wieder: keine Erwartungen. Beste Voraussetzung für eine RIESENüberraschung.

JetBlue Airways ist nicht Ryanair. Ich habe im Flieger sogar mehr Beinfreiheit als in der Holzklasse bei Lufthansa oder einem anderen Nicht-billig-Flieger. Daumen hoch für supersize seats der Amis. Sieben Uhr dreißig am Morgen und ich, überhaupt gänzlich ohne Schlaf diese Nacht, will gerade meinen iPod einstöpseln und noch vor dem Start eindämmern, da flötet eine helle Stimme in den Lautsprecher der Kabine „Happy Valentine’s Day guys „. Die Stewardess hat sich in den Kopf gesetzt, Liebe zu versprühen. „Do you feel the love? If not yet, we will make you feel it!“ Der Steward grinst sich einen und legt ein kleines Tänzchen hin. Kurz nach der Landung begrüßt man uns mit einem „Welcome to LOVELY San Francisco“. Ha, indeed: San Francisco. Ich trete aus dem Terminal und kann jetzt schon nicht mehr aufhören zu grinsen. People wear short sleeves, ahhh, how awesome is that! I get the feeling that I am much more the California-type-of-person than a New Yorker. Wie gut, dass ich den Backpack genommen habe, back to travelling. Ich spüre das Reisefieber aufwallen und halte meine blasse Winternase in die kalifornische Februarsonne. Hier ist Zeit, hier ist Wärme und ganz in der Nähe auch irgendwo das Meer.

San Francisco erinnert mich an eine Reihe von Orten, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe. Es scheint mir wie eine gelungene Mischung aus Sydney, Wellington, Nelson, Raglan und den Kanaren. Die Stadt schmiegt sich in die Natur, so ganz anders als das verglaste und betonierte New York. Mit seinen Hügeln und schroffen Klippen, Stränden und Coastal Trails, Palmen und südlichen Bäumen und Blumen. Und natürlich dem Pazifik. Das Geschrei von Möwen, gehisste Segel der Schiffe in der Bucht. Hier ist alles sandfarben. Der sunrise und sunset verwandelt die Szenerie täglich zweimal in ein Märchen. Da ist wieder der Kitsch. Aber ganz ehrlich, wenn ihr die Golden Gate Bridge, die Bay und den Coastal Trail in einem solchen Licht sehen würdet, dann kann man gar nicht genug Schmalz auflegen, um den Anblick zu beschreiben. Die ganze Zeit kommt es mir vor, als bekäme ich nonstop eine aufputschenden Droge eingeflöst. Ich kann einfach nicht aufhören in mich rein und aus mir raus zu grinsen.

Nach einem Strandlauf ziehe ich die Schuhe aus und dippe mit meinen weißen Füßen vorsichtig in die kleine beruhigend schwappende Uferwelle. Huh. Ich tänzel einige Male vor und zurück bis ich länger in dem kühlen Wasser stehen bleiben kann. Weiter draußen in der Bucht ziehen hartgesottene Triathleten ihre Bahnen im Morgenlicht. Das Wasser ist so seicht und alles um mich herum noch so still. Nur die Vögel sind da. Man hört sie hier und auch das macht einen Unterschied. Es flattert Freiheit, zwitschert Exotik. Westcoast – „left coast“ – du bist so schön. Barfuß wandere ich langsam zurück zum Hostel. Über den Strand, dann auf dem Asphalt. Und spüre wie das raue Pflaster meinen Füßen den Sommer einhaucht. Ich komme mir vor wie ein buddhistischer Mönch in seiner Achtsamkeitsmeditation – ich bin so unglaublich entspannt und hier und hier und einfach nur hier. So viel Glück hat sich seit langer Zeit nicht aufgehäuft. Und dabei ist es erst 8 Uhr morgens.  Ein Waschbaer kreuzt meinen Weg. Er dreht kurz den Kopf, huscht den Hügel hinauf und dreht sich oben nochmal mit einem leicht vorwurfsvollen Blick zu mir um: Ich störe die Ruhe vor dem (Touristenan)Sturm. Ich wandere den Municipal Pier hinunter und lehne mich am Ende gegen die Mauer. Die Bay in Licht und Schatten, der Sommermorgen mit leichter Brise streicht über meine Arme. Unter mir im Wasser krault ein Schwimmer. Als er beim Richtungswechsel aufschaut grinst er mir zu, hebt den Daumen und ruft schnaufend und etwas zu laut (weil er Ohrstöpsel trägt) „Hey, good morning. It’s quite chilly in here“.  Ich grinse, natürlich. „Good job“ , aber ich bin mir nicht sicher, ob er das hört. Schon nimmt er den Rythmus wieder auf und entfernt sich Richtung Strand. Ich halte meine nicht mehr ganz so winterweiße Nase in die Sonnenstrahlen. Tatsächlich habe ich im Spiegel schon ein bisschen Farbe auf den Wangenknochen entdeckt. Sweet! Gedanken kreisen, ob man hier nicht tatsächlich leben könnte. Wie viel Lebensentwurf zeichnet man selbst? Wie viel Freiraum braucht das Leben, um die besten Geschichten zu schreiben und wann greift man ein, um selbst zu schreiben?

Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag – Sonne. Und Unterwegssein. Ein unendlicher stream of conciousness. Wir frühstücken in einem Straßencafé, sitzen draußen und können die Wärme auf dem Gesicht kaum aushalten. Luxusprobleme. Sehen Chinatown, Fisherman’s Wharf, schlendern die World’s Crookedest Street an einem lauen Sommerabend hinunter. Auf den Cable Car Schienen balanciert man über das ratternde Seil, Straßengebirge erklimmen, um vom baumbewachsenen Hügel bei Nacht die Lichter der Stadt zu erblicken. Wir werden zum geheimen Pizzagourmet in einer Seitenstraße des Ocean Beach, entdecken Surfshops und sprechen mit Locals, die einem davon abraten in der Schweinegrütze von Brandung surfen zu gehen. Aber man solle doch nach Santa Cruz weiterfahren, da gebe es definierte Wellen und Perioden von bis zu 30 Sekunden. Ein antiker Käfer am Straßenrand, Preis $2000, lässt mich kurz tagträumen, dann aber doch lieber Rückzug in die windgewogenen Dünen. Als die Sonne tiefer sinkt und der Wind kühler wird verlassen wir den Strand. Ein Bier in der Surferbar an der Ecke, die vom Abendlicht durchflutet wird. Viel eher eine Szene aus einem kalifornischen Surffilm als die Wirklichkeit. Vielleicht wahr, vielleicht Traum. Und vielleicht auch mal wirklich beides vereint. Selbst der graue Himmel am Montag kann das Licht nicht wirklich trüben. Abreisetage müssen grau sein. Die Book Bay, eine kleine second-hand-Buchhandlung auf dem alten Militärgelände Fort Mason bietet Wolkenschutz. Und schwerwiegendes Handgepäck. Man kann ja nicht ohne Buch gehen.

Wie bunt San Francisco in meiner mind map geworden ist kann ich immer noch nicht glauben. Jemand hat den ganzen verdammten Malkasten, inklusive Buntstifte, Filzstifte, Wachsmalstifte und sämtlicher Glitzerstiftvariationen über mir ausgekippt. Man lebt Jahre vor sich hin und dieser Platz existiert die ganze Zeit. Ein bisschen unheimlich, wie viele solcher Plätze man nie kennenlernen wird. Ich beschließe es andersherum zu sehen: wie viele solcher Orte einen noch von hinten, vorne oder von der Seite anspringen werden. Wann wir uns wo und wie wiederfinden und für welchen Lebenslauf, -weg und -entwurf wir uns entscheiden, wenn so etwas wie diese Stadt einfach plötzlich unerwartet um die Ecke schaut und freundlich einladend winkt. Da soll noch mal einer sagen, das Leben wäre auch nur ansatzweise berechenbar. Kaum planbar. Eher sonderbar, ganz sicher aber wunderbar.

Ich warte am Flughafen. Mein Hoch flacht etwas ab. Sadness kicks in. Ich will nicht zurück. Habe ich erwähnt, dass ich amerikanische Flughafentoiletten hasse? Nicht nur, dass die Kabinen eher aus Schlitzen statt Wänden bestehen. Vor allem verstehe ich die Leute nicht, die sich bei zwanzig verfügbaren Kabinen genau in meine Nachbarkabine drängen. Und dann noch nicht mal vorauspreschen, sondern in peinlicher Stille abwarten. Es ist ein stiller Kampf, ein Lauschwettbewerb.  Bis einer den Anfang macht oder das Papier zu knittern und knistern und reißen beginnt oder eventuell sogar kapituliert und gleich die Klospülung rauschen lässt. Das ist mir zu viel fremde Intimität. Das Örtchen der Stille ist passé, hmpf…ich geh im Flugzeug. Das hat dann über eine Stunde Verspätung. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich bin froh, wenn ich noch länger westcoast Boden unter den Füßen habe. Und morgen früh muss ich eh direkt mit dem Backpack ins Büro marschieren. Bei dem Gedanken grinse ich dann doch wieder. Was für ein Trip.

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SHIT happens…

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Fisherman’s Wharf Hostel – perfekte Lage, direkt am Wasser
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Gemeinsamer Sonntagsausflug: Hunde an Bord
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Pupsi, was machst du in einer Galerie in San Francisco??

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Still waiting on the world to change

Wenn ich im Office zwischen der Amerikanischen und der Deutschen Tastatur hin und her switche (weil ich ab und zu mal ä,ö und ü brauche), dann ändern sich auch ein paar Buchstaben. Da wird NY dann ganz schnell mal zu NZ. Und deshalb machen wir jetzt mit New Zealand weiter….

Das Internet vergisst nicht. Nie. Was man nicht alles so wiederfindet in dem alten Datenhaufen. Blogs aus alten Zeiten. Ich hätte nie gedacht, dass die noch funktionieren. Neuseeland ist immerhin mehr als 4 Jahre her. Linas Blog funktioniert sogar noch einwandfrei. Bei mir schwächeln die Bilder, aber die Texte sind noch frisch und knackig wie eh und je. Großartig. Und seltsam zu lesen. Hat zwar nicht so viel mit NY zu tun, aber! Viel Spaß beim Stöbern in der Vergangenheit, verliert euch nicht darin! Sie hängt immer ein bisschen hinten dran, die Gute. Alte. Zeit.

http://blogs.statravel.de/bentschie/blog

http://blogs.statravel.de/linajo/albums

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„Geduld ist das Vertrauen,

dass alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist.“

Nach 8 Monaten Neuseeland und 5 Monaten der Verwahrlosung (…) bekommt dieser Blog wieder eine Aufgabe (tja, irgendwie hatte ich mir wohl Berichterstattung aus Passau vorgenommen)…sweet as!

Gerne würde ich behaupten, der Grund sei eine erneute Reise. Doch dieses Mal liegt das andere Ende der Welt nur ca. 750km weiter südlich von Hamburg City. Eine eigene Kultur gibt es hier dennoch….

Hier? Das ist Passau. Die Stadt in der äußersten Ecke Bayerns. 250km bis Prag, 180km bis München.

Eine Zwischenstation auf der Suche nach dem „endless summer“, um schnell ein paar kulturell-kapitalistisch geprägte ECTS Punkte einzusammeln, die Alpen zu erklimmen, den Geist aufzurütteln und irgendwann „well educated“ mit einem Bachelor im Gepäck wieder in die weite Welt aufzubrechen.

„Warum überquerte das Huhn die Straße?

– Um dorthin zu gehen, wohin noch kein Huhn gegangen war!“

Gehabet euch wohl…and keep me up-dated what life’s like out there!

Bentschie

….hm, und dieser „Abschluss“ meines Blogs macht mich stutzig. Ist irgendwie unheimlich. Diese Worte sind so simpel, aber zwischen ihnen und mir hier klafft…ewas. Ein anderes ich, eine ganze Welt. Dazwischen türmt sich ein Etwas, das Studium heißt. Das Reisen und Menschen und alle Arten von Erlebnissen beinhaltet. Ein ganzer Lebensabschnitt. Drei verdammte Jahre. Und diese Worte stehen sich so naiv die Beine in den Bauch, dass es einem fast schlecht wird. Das ist irgendwie brutal, weil dieser Text dort ist und ich hier und dazwischen eine riesige Fläche mit Bergen und Tälern und Meeren und Wäldern liegen sollte, aber in dem Moment des Lesens wird das alles ganz brutal zusammengestaucht serviert: Bon appetit, deine letzten drei Jahre.

Meet me in Montauk

-M-O-N-T-A-U-K

Der Name dieses Ortes hat mir seit einer kleinen Ewigkeit im Kopf herumgespukt. Irgendwann habe ich ganz willkürlich den Roman aus dem Bücherregal zu Hause gezogen. Absolute Begeisterung vorzugeben wäre Heuchelei. Ich mochte ihn nicht besonders. Nur ein paar wenige Stellen habe ich angestrichen, ein paar gute Gedanken finden sich meistens irgendwo zwischen den Zeilen.  Jedenfalls habe ich Montauk sofort googlemapsen (Anneke, das ist für dich) müssen und weiß seitdem, dass es der so ziemlich letzte Ort auf Long Island ist. Circa 3 Stunden Autofahrt von NY entfernt – bei amerikanischer Geschwindigkeitsbegrenzung zumindest. Dann kam dazu, dass dieser Film – „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ – teilweise dort spielt. „Meet me in Montauk“, ein hängengebliebenes Zitat. Dieses Bett mitten am Strand, mit Jim Carey und daneben Kate Winslet mit blau-pink-orangefarbenen Haaren. Abgedreht. Und natürlich die Suche nach den Surfspots nicht zu vergessen. „Ditch Plaines“ bei Montauk ist dabei nicht wegzudenken. Zahlreiche Point Breaks reihen sich am Ende der Insel aneinander.

Wie es der Zufall so will habe ich also mit meinen Mitbewohnern Ron und Anna vor eineinhalb Wochen gemütlich auf der Couch gesessen. Wir sind aufs Surfen gekommen und Ron erzählt von seinem Freund John, der verrückt nach Wellen und Boards ist. Und hey, eigenlich könnten wir den mal besuchen, der wohnt in MONTAUK. Ihr könnt euch mein Gesicht vorstellen….

– Ja, wie, seriously or what?

 – Sure!

Was wir von einem Wochenendausflug halten würden…

– To Montauk? I’ve always wanted to go!

 – So, let’s do it!

– Let’s do it!

Und so sitzen wir Sonntag früh im Auto Richtung Montauk: Ron, George (ein weiterer Freund von Ron), Anna und ich. Ein Roadtrip der Sonne entgegen, mit HERRlichem Jazz Musik Talk vorne und glücklichen StrickFRÄULEINS hinten auf der Rückbank.

Montauk. Es riecht nach Kaminfeuer. Geräuchert, nach Holz und Meer. Das Donnern der Brandung dringt bis ins Haus. Ich muss an Jackett’s Island, Neuseeland denken. Wieder bin ich in einem Haus am Strand gelandet. Bei Unterkünften scheint mir das Glück wirklich hold zu sein. Ich schicke zum Dank eine Opfergabe aus mentalen Heringen und Muscheln an Neptun. Und an John, der uns dieses mehr als nette Häuschen zur Verfügung stellt. Überall liegt hier Surfzeug herum – Boards, mindestens 10 Stück, Wetsuits in allen erdenklichen Millimeterstärken. Einen Busch vor der Tür schmücken Neoprenschuhe, die wie Weihnachtsbaumkugeln auf die Zweige gesteckt sind. Surfbücher und -guides bevölkern ein Regal im Erdgeschoss, ein Indoboard auf der Terrasse wartet darauf, dass ich ihm meine Balance schenke. Wir erkunden das Haus, ich schwappe über vor Begeisterung. Da ist noch ein Schuppen im Garten, noch mehr Boards. John und Liz machen währenddessen Salmonburger, aber Anna und ich schnappen uns nur einen Café. Wie kommt man hier zum Strand? Mit unseren Tassen machen wir uns auf den Weg, es sei nur ein kurzer Weg sagt John. Drei Minuten. Keine Zeit zu verlieren, wir müssen Meer sehen.

Die Grundstücke hier draußen werden von einem hohen Baumgestrüpp eingerahmt, das alle Geräusche zu dämpfen scheint. Absolutes Kontrastprogramm zu dem konstanten Geplärre der Stadt. Nur die Wellen machen Lärm, aber das zählt nicht, die gehören zur (Geräusch)Kulisse. Die Szenerie wirkt, als hätte sie schon jemand mit Fotoshop bearbeitet. Schon einen Filter darübergelegt sagt Anna, im fachmännischen Fotojargon. Ich habe mir auch einen Filter übergelegt. Der filtert nur noch frische Luft und Algenduft und all das was uns umgibt. Alles andere wird ausgesiebt. Ein langer Strandspaziergang. Das Kliff – „Bluff“ wie sie es hier nennen – die Wellen, viel Weißwasser. Treibholz, Strandgut, diese Farben! Sandfarbene Strandfarben. Mit Dünengras und Muscheln und dem endlosen Himmel ohne Wolken mit viel Sonne. Wir filmen und fotografieren und rollen im Sand. Ich bin froh, dass Wintersaison ist. Außer ein paar Hundebesitzern und einer Reiterin begegnet uns niemand. Dabei soll hier im Sommer die Hölle los sein.

Als wir zurückkommen ist das Buffet schon aufgebaut. Taccos, Guacamole, Salsa. Football is on. Vor uns, eher vor George, John und Ron, liegen 6 Stunden Sport (…). Zwei Halbfinals zum Superbowl sind zu bestreiten. Da braucht man Sitzfleisch!! We watch the games, Anna and I knit our scarfs. The fire is burning and the sun disappears behind the dunes, behind the trees…..Manchmal macht das Glück wirklich Haufen. Uns geht es einfach nur gut. Und so kürt Anna das Motto dieses Trips mit einem entspannt seufzenden: Could be worse!, als wir bräsig auf dem Sofa liegen.

Nach zwei Stunden Kaminräucherei, Essen und der Ladung Frischluft von vorhin wanke ich in mein Zimmer. Die Schläfrigkeit im Arm. Bei offenem Fenster liege ich im Bett, die Decke bis unter die Nase gezogen. Meeresluft weht herein, kühl und frisch. Es ist schon dunkel geworden, ganz dunkel hier draußen. Die Sterne und der Wind. Und ich liege einfach nur da, atme und dämmere davon, in einen unglaublich erholsamen Schlaf.

– Sorry guys, guess I fell asleep…

– Heyyy, roommate*, there you are…get something to eat!

(*  „roommate“ ist mein neuer Spitzname. So hat Ron mich getauft, weil er laut Anna am Anfang nie meinen Namen aussprechen konnte. Als ich noch ein Skypekontakt aus Deutschland war. jetzt macht er das aber schon ganz gut. Aber „Hey roommate, what’s up?“ beim Nachhausekommen zu hören gefällt mir eigentlich auch ganz gut. Vielleicht sollte ich das bei Starbucks versuchen…)

Das zweite Spiel beginnt in ein paar Minuten. Die Herren der Schöpfung sind noch immer Feuer und Flamme. Annas Wolle ist inzwischen aufgebraucht, Ron trägt schon seinen neuen Schal. Ich stricke weiter. Zwischendurch immer wieder auf den Balkon, frischlüften. Wir beobachten die Sterne beim Wandern gen Westen. Der große Wagen hängt hier merkwürdig auf der Seite, Orion steht am Anfang genau über uns. Ein letztes Glas Wein. Der Superbowl hat seine Teams und wir verkriechen uns in unsere Betten.

Auch als ich aufwache ist es still. Bis auf ein gelegentliches Schnarchen aus dem oberen Stockwerk. (George und John, die beide aus dem Musikbusiness kommen, schmieden später beim Frühstück Pläne wie sie Rons nächtliches Sägen für einen Remix verwerten könnten. Anna bezweifelt, dass man den Ton und dessen Lautstärke bei einer Aufnahme überhaupt originalgetreu wiedergeben könnte.) Brrr, schnell raus aus dem Bett und wieder rein in warme Klamotten. Laufschuhe an, GoPro auf den Kopf und los. Ich trabe los in Richtung Strand, biege rechts ab und nehme den Trampelpfad, der sich oben auf dem Kliff die Küste entlangwindet. Das Meer hat heute seinen gutmütigen Charakter aufgelegt. Bei der morgendlichen Windstille brechen nur ein paar kleine Wellen dicht am Ufer. Glasklar und definiert im glänzenden Licht der Morgensonne. Heidewitzka, was für ein Kitsch. Und wieder ist niemand unterwegs. Nur die üblichen Verdächtigen: Hunde und ihre Anhängsel. Wie immer. Ich laufe jetzt am Strand, drehe irgendwann um und falle rechtzeitig an den Frühstückstisch, wo John mir kaum das ich sitze schon eine Waffel mit Sirup auf den Teller gleiten lässt.

Heute ist übrigens Feiertag, deswegen können wir getrost auch noch den Montag in Montauk verbringen. Und so fliegen wir aus einen Ausflug zum berühmten Leuchtturm an der Spitze der Insel zu machen. Eine seltsame Truppe, finden Anna und ich, auch als wir uns später zu Hause die Fotos anschauen. Aber sehr gelungen, gut gewürfelt. Ein echter Kniffel.

Gegen drei müssen wir uns loseisen vom Paradies. Wortwörtlich. Es ist ziemlich kalt geworden. Und grau. Es fängt leicht an zu schneien. Als wir eine gute halbe Stunde auf dem Highway unterwegs sind wird der leichte Schnee zu dichtem Gestöber. Verrückter Szenenwechsel von gestern auf heute. In der Stadt ist dann wieder gar nix mehr weiß. Nur laut und hoch und geschäftig und irgendwie so gar nicht wie in Montauk.

Montauk ist also nicht mehr nur ein Buchtitel, ein Ort im Film oder ein Surfspot. Montauk hat in diesen Tagen ein Gesicht bekommen und mein Kopf oder Herz oder beides einen Sehnsuchtsfleck mehr.

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…das Video folgt noch. WIr müssen noch schneiden!!

A weekly note

Eine Woche. So grob. Ich versuche demnächst mal kleinere Häppchen zu servieren. Derweil: Enjoy!

1. Running

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Eintrag Lauftagebuch 07-01-2013:

„Montag morgen. Dritter Arbeitstag. Gott, 05:50 Uhr, ist das dein Ernst? Draußen ist es noch stockdunkel, praktisch Nacht. Im Zimmer ist es eiskalt. Mein Mitbewohner Ron schnarcht durchdringend auf dem Sofa. Alles spricht dagegen jetzt aufzustehen und sich in die Laufsachen zu zwängen. Aber ich spüre, dass der Tag nicht gut werden wird, wenn ich mich in diesem Moment von meinem schlaftrunkenden Selbst überreden lasse nicht zu gehen. Ne Stunde länger schlafen…in ner Stunde bin ich auch nicht wacher. Lieber heute Abend laufen….als ob ich nach der Arbeit motivierter wäre. Scheiße. Also los. Es ist 6:20 Uhr als ich auf Zehenspitzen an der Couch vorbei schleiche. Ich schnüre meine Laufschuhe, vermumme mich mit Schal und Stirnband und trabe los in die Dämmerung, gen Central Park. Zum Glück ist schon etwas los, Und wie. Die Läufer und Hundebesitzer sind die Schlaflosen der Stadt. Heller wird es erst gegen 6:45 Uhr. Über Asphalt, gelegentlich Stock und Stein. Mein Laufguru, Haruki Murakami säuselt mir ins Ohr und alles ist gut. Die Beine sind locker, alles zieht vorbei und der Himmel färbt sich kitschig rosa-blau…“lila Wolken“ klingt auf dem shuffle Modus des iPods an – ohne scheiß, ganz zufällig! Es wird immer voller. Ich laufe 40 min. und biege ab in die 96. Straße. Irgendjemand hat mal gesagt, dass Laufen am Morgen den Tag verlängert. Als ich ins Büro fahre habe ich das Gefühl ich bin schon ewig wach. Und frisch und munter. Wie ein Fisch und geh nicht unter (höhöhö).“

Nach diesem Muster spielen sich einige frühe Stunden ab. Vom Widerwillen zur Beschwingtheit. Warum das alles? Das Training hat begonnen. Das Ziel heißt Hamburg 21.04.2013. Eine fixe Idee, die Karo und ich im Bruchteil einer euphorischen Neujahrssekunde via facebook fällten. Und wo könnte man sich besser auf einen Marathon vorbereiten, als in der Traumstadt vieler 42, 195-Fanatiker…zumindest theoretisch. Ich laufe eigentlich lieber etwas abgeschieden, für mich im Einklang mit der Natur oder sowas kitschiges. Davon bin ich im Central Park allerdings meilenweit (im wahrsten Sinne des Wortes und ich tue mich noch schwer mit der Meilen-KM Umrechnung) entfernt. An Sonntagen könnte man direkt klaustrophobische Anfälle bekommen, weil die New Yorker an Wochenenden die grüne Oase Manhattans regelrecht stürmen. In neonfarbenen Funktionsoutfits ziehen schmächtige size zero Damen stromlinienförmig an mir vorbei, riesige Pulks von Laufgruppen kommen mir rythmisch trabend wie eine undurchdringbare Wand entgegen. Ich springe über die seitliche Absperrung der Asphaltlaufbahn und …weiche einem Hund (Ratte?!) und seinem Frauchen aus, die gerade das Geschäft ihres Lieblings aufsammelt. Selten habe ich so viele Hunde im „Augenblick des Geschehens“ beobachtet. An jeder Ecke, überall, ständig wird einem hier vor die Füße geschi…ich übergebe das Wort an Max Frisch:

„SANITATION:

immer noch erwache ich viel zu früh. Bevor der Alltag losgeht, führen sie ihre Hunde und Hünchen durch die Straßen, halten sich an der Leine, während die Tiere pinkeln oder scheißen. Eine Hundestunde morgens, eine Hundestunde abends. Man muss eben aufpassen, wo man hintritt.“

(Max Frisch, aus „Amerika!“)

Central Park kenne ich also nun schon fast wie die berühmte Westentasche. Vor allem geht es hinauf und hinunter, was die Beine ein wenig strapaziert. Einmal herum auf diesem sogenannten „outer drive“, der Asphaltstraße, sind es ca. 9,7km. Besonders der nördliche Teil, das Harlem Meer, ist ein Traum. Ein großer See von Hügeln gesäumt, die einen ein wenig aus der Flut der Läufer entkommen lassen und das Gefühl von Natur entstehen lassen. Ein Plateau mit Kiefern erinnert mich an Frankreich, an die Seekieferwälder an der Atlantikküste. Eine Alternative zum Park sind die Ufer des Hudson Rivers im Westen. Dort lässt es sich kilometerweit laufen. Nur im Dunkeln ist es dort unheimlich. Deshalb wird das wohl eher das Laufterrain für Wochenenden, denn in der Woche geht ohne Dunkelheit leider gar nix. Winterschicksal. Oh, was mir zum Zentralen Park noch einfällt. Herr Frisch, bitte:

„CENTRAL PARK:

A reliable source has taught me that the famous squirrels are not in fact squirrels, but tree rats. Once there were squirrels here. The tree rats are not reddish like squirrels, but are no less decorative. One can watch them from quite close for minutes at a time, so tame are these tree rats. The main thing that distinguishes them from squirrels is that they destroy squirrels.“

Man lernt nicht aus. Neben Baumratten: Celebrities habe ich übrigens noch nicht getroffen, außer eventuell neulich früh Justin Timberlake. Der kam mir vielleicht entgegengejoggt. Aber es war ja noch ziemlich dunkel. Wer weiß. Eigentlich auch ziemlich egal.

 

2. Working

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Hmm, I skip this section. Ich mache diese kommende Woche mal ein paar mehr Bilder im Büro. Dann erzähle ich was von der Arbeit. Ist ja auch erst eine Woche gewesen, was soll man da erzählen. Aber soweit ist alles gut, die Leute sind nett, ich habe was zu tun, tralala. Demnächst mehr.

3. Reading

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Im Goetheinstitut NY, in dem auch unser Büro ansässig ist, gibt es diese Bibliothek. Fataler Weise. Demnach bin ich Freitag mit einem Stapel Bücher nach Hause gestolpert. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Max Frisch habt ihr bereits zu hören bekommen. Unsympathischer Typ, was das Äußere angeht, aber er hat ne Menge über Amerika geschrieben. Für ne ganze Weile hier gelebt. Und  hat demnach wirklich interessante Dinge über Land und Leute geschrieben. Vor Ort sowas zu lesen ist viel spannender, weil man einiges direkt beobachten kann. Ich sage nur siehe oben, die „scheißenden Hunde“. Und von solchen Wahrheiten schreibt er einiges. Außerdem hat er „Montauk“ geschrieben, was mich auf Long Island und den selbigen Ort gebracht hat. Karo, da fahren wir im April hin. Das äußerste Ende von Long Island.

Tragischer Weise musste ich diese Woche ein Buch beenden, das mir so sehr am Herzen lag wie lange keins. „Beck’s letzter Sommer“ von Benedict Wells klingt noch nach. Macht eins richtig und sucht den nächsten Buchladen. Es ist großartig. Und ich bin traurig, dass es mich nicht mehr in die Bahn und die Cafés, an die Waterfront und ins Bett begleitet. Am liebsten würde ich es weiter mit mir herumtragen. Es ist ein deutsches Buch, ja, aber es hat die erste Zeit hier in New York sehr geprägt.

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4. Chill (mal dein Leben)

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Nach fünf Tagen im Büro und mit reichlich Lesestoff konnte und sollte dieses Wochenende einfach nur lazy werden. Wunderbar gammelig. Ich habe mit meinen Mitbewohnern um die Wette gechillt.

Samstag: ausschlafen, laufen, in den Straßen wandern, lesen, stricken (jaha, ich stricke!! semi-professionell, aber ich stricke!) bisschen Praktikumsbericht, essen, schlafen.

Sonntag: ausschlafen, laufen, food shopping* und Uptown-Rundfahrt im Auto mit Anna und Ron (Harlem, Columbia University, Morningside Heights) essen, schlafen, lesen, essen, schreiben, schlafen.

*aha, kultureller Unterschied: Während die Deutschen sich samstags in den Geschäften drängen und sonntags Familienzeit oder sonstigen, eher weniger materialistisch geprägten Tätigkeiten nachgehen, ist das in New York andersherum. Weil hier auch am Sonntag alles geöffnet hat, nimmt man eher den Samstag für die Familie, Freunde etc und geht sonntags mit viel Begeisterung dem (food) shopping nach. Was es hier für Essen gibt. Und was man dafür ausgeben kann (und es gelegentlich leider tut, überwältigt von ausladenden Käsetheken und gigantischen Kuchenregalen und Obstpyramiden, auf die jeder Pharao neidisch wäre). Himmlisch. So ganz ohne Fastfood.

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Achso, ja, ich habe mir eigenen Café gekauft. Das hilft, schränkt den Starbuckskonsum ein. Es ist nicht leicht, aber das ist Entzug wohl nie. Und Instantcafé mit stümperhaft aufgeschäumter Milch (ich vermisse meinen Aufschäumer!) ist zwar kein vergleichbares Geschmackserlebnis, hilft aber zur Ablenkung.

Und mir ist übrigens bisher nichts passiert, trotz Häuserbrand einen Block vom office entfernt, Grippeausbruch in den USA (man plädiert im Büro dafür sich impfen zu lassen, aber ich glaube ich vertraue auf mein Immunsystem…Panikmache hier!) und Fähren-Crash am Pier 11 (jemand aus dem Büro saß drauf und wurde gleich mal von der ard interviewt – vielleicht hat der ein oder andere es ja im deutschen fernsehen mitbekommen) während der letzten Woche. Gefährliches New York!!

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5. Sleeping


 Ron schnarcht schon wieder auf der Couch. Ein Zeichen, mich auch in die Federn zu betten. Morgen ist schon wieder Montag. Aber das ist okay. Kurioser Weise vergeht die Zeit hier wirklich mal langsam. Warum weiß ich nicht, aber es ist gut so.

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Starbucks Konversation

Morgens, 9:00 in New York:

„What’s your name?“

„Bentje“

„What?“

„B-E-N-T-J-E“

(Gerunzelte Stirn, skeptischer Blick, stagnierender Filzstift…ich gebe auf:)

„It is Lina, write LINA“

(Die Stirn der Starbucksfrau glättet sich, glückseelig kritzelt sie den Namen auf meinen Pappbecher und reicht ihn zur Befüllung weiter)

Die Moral von der Geschicht‘:

Wenn ich mich nach nem Café sehn‘, muss ich ne andre Identität annehm‘.

Danke an Lina und Lina, dass ihr mir euren Namen leiht. Vielleicht probiere ich mal alle eure Namen durch und erstelle dann ein Ranking, welche Namen auf der Verständlichkeitsskala auf nordamerikanischem Territorium ganz oben rangieren (allerdings versteht auch in Deutschland niemand direkt meinen Namen, es liegt nicht nur an den Amis…). Das ist also der ideenbehaftete Rattenschwanz eines simplen Cappuccinos vor der Arbeit;)

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Trostloses Coney Island

Nachtrag zum 01-01-2013:

Ich wollte Meer sehen. Und weil ich den Times Square Wahnsinn am Silvesterabend gemieden hatte, verspürte ich am Neujahrsmorgen weder einen Kater noch allzu große Müdigkeit. Die blaue C Linie  nach Midtown, Manhattan war an diesem Morgen wie leergefegt und auch der orange F train beförderte kaum mehr als eine handvoll Leute.  Nachtschwärmer, mit ihren goldenen Zylindern und grün glitzernden 2013-Brillen. Das Morgengrauen zeigte sich eher grau als schillernd. Happy New Year, anyway. Ich weiß nicht wie viele meiner stummen, sanft schlummernden Mitreisenden im Endeffekt freiwillig nach Coney Island hinausfuhren – für eine Mütze voll Schlaf reichte die fast einstündige Fahrt durch Manhattan und Brooklyn aber allemal.

Auf Coney Island, einer Halbinsel an der Atlantikküste, war Totentanz angesagt. Ich hoffe nicht wortwörtlich, denn nachdem ich aus dem Bahnhof hinaustrat, waren rot-blau-weiße Lichter diverser Polizeiautos quasi mein Sonnenaufgang über dem Pier. Keine Ahnung, ob da jemand böse statt gute Vorsätze hatte. Diese amerikanischen Sirenen und Blinklichter erinnern mich ständig an irgendwelche Schießereien und Krimiserien. Prägendes Fernsehen, großes Kino. Etwas nervös schlich ich an der Hauptstraße entlang, auf der Suche nach dem nächsten Aufgang zur Strandmeile. Außer der Polizeiautos war keine Menschenseele unterwegs und unter dem grauen Januarhimmel lag der berühmte Vergnügungspark des Strandbades zwischen mir und dem Meer trostlos und verlassen da. Der helle Tag und der Winter entblößten ihn. Sinnlose, hässliche Saisonlosigkeit drang aus den Bahnen und Buden. Verschlossene Metallgitter, die im Wind quietschten und die abblätternde Farbe der Attraktionen. Ein blauer Delphin wippte mit einem erstarrten „life-is-beautiful“-Lächeln im Wind vor und zurück. Ich ging schneller, bloß ans Wasser. Algengeruch stieg mir in die Nase als ich die Promenade betrat und der Wind wurde immer schneidender. Hier waren mehr Menschen unterwegs, am Meer. Vor allem Jogger und Hundebesitzer. Und Hunde. Ich trat auf den breiten Strand, Sand nicht zwischen den Zehen, aber immerhin unter den Winterstiefeln. Eine Ahnung von Sommer. Mit ganz viel Nordsee-Sylt-Flair gewürzt. Bis ich mich umdrehte und hinter mir die Hochhäuser erblickte, die weder appetitlich noch ansehnlich waren. Sehr geschmackvoll… Für eine Weile stand ich mit ein paar Möwen dumm am Ufer rum, stierte in die grau-braunen Wellen und kämpfte mich ein Stück gegen den Wind. Nicht mal ein schönes melancholisch-winterliches Gefühl wollte sich auftun. Also ließ mich bald zurück in die Bahn wehen. Eine Stunde Rückfahrt, „ohne Frühstück , nicht mal Café“ grummelte mein Magen. Und so gab ich nach 40 Minuten auf, unterbrach die Fahrt und ließ mich ins nächste, in der Tat sehr einladende Café fallen. Der Geschmacklosigkeit des Morgens war so ein Ende gesetzt. Und wenigstens hatte ich Meer gesehen und die Seele und Haare ein bisschen im Wind windzerzaust – aber Coney Island brauche ich nicht nochmal.

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Es interessiert mich nicht…

Es interessiert mich nicht, was du beruflich machst.

Ich möchte wissen, wonach du dich sehnst

und ob du es wagst, davon zu träumen,

deines Herzens Sehnsucht zu stillen.

 

Es interessiert mich nicht, wie alt du bist,

ich möchte wissen, ob du es riskieren wirst,

wie ein Narr zu wirken,

um der Liebe willen, um deiner Träume willen,

für das Abenteuer des Lebens.

 

Es interessiert mich nicht, welche Planeten im Quadrat zu deinem Mond stehen.

Ich möchte wissen, ob du das Zentrum deines eigenen Kummers berührt hast, ob du durch des Lebens Verrat geöffnet worden bist oder ob du dich verhärtet und verschlossen hast aus Angst vor weiterem Schmerz.

Ich möchte wissen, ob du Schmerz aushalten kannst,

meinen oder deinen eigenen, ohne ihn verstecken, verkleinern oder heilen zu wollen.

Ich möchte wissen, ob du Freude erleben kannst,

meine oder deine eigene:

ob du mit Wildheit tanzen kannst und dich von Ekstase auffüllen lässt bis in die Finger- und Fußspitzen, ohne uns zu ermahnen vorsichtig oder realistisch zu sein oder uns an die Beschränkungen des Mensch-Seins zu erinnern.

Es ist mir egal, ob die Geschichte, die du mir erzählst, wahr ist.

Ich möchte wissen, od du jemand Anderen enttäuschen kannst,

um dir selbst treu zu bleiben;

ob du die Anschuldigung des Verrats ertragen kannst,

ohne deine eigene Seele zu verraten.

Ich möchte wissen, ob du treu sein kannst und damit vertrauenswürdig.

Ich möchte wissen, ob du die Schönheit sehen kannst,

selbst wenn sie nicht jeden Tag hübsch anzuschauen ist,

und ob du den Ursprung deines Lebens aus ihrer Gegenwart entnehmen kannst.

Ich möchte wissen, ob du mit Misserfolgen leben kannst,

deinen oder meinen,

und dennoch am Ufer eines Sees stehend dem silbernen Mond zurufen kannst: „Hurra!“

 

Es interssiert mich nicht, wo du lebst oder wieviel Geld du hast.

Ich möchte wissen, ob du nach der Nacht der Trauer und Verzweiflung aufstehen kannst, erschöpft und zerschlagen,

und für dich sorgen kannst, wie es nötig ist.

 

Es ist mir egal, wer du bist oder wie du hierher gekommen bist,

ich möchte wissen, ob du mit mir inmitten des Feuers stehen wirst,

ohne zurück zu zucken.

 

Es ist mir gleich, wo oder was und bei wem du studiert hast.

Ich möchte wissen, ob du mit dir alleine sein kannst,

und ob du deine Gesellschaft in den leeren Momenten wirklich magst.

 

(Oriah Mountain Dreamer, Indian Elder)

Fragen an einen Freund

FRAGEN AN EINEN FREUND

• An welchem Tag meines Lebens wärst du gerne dabei gewesen?

• Was war dein erster Eindruck von mir?

• Welche Mutprobe täte mir gut?

• Sind wir in 20 Jahren noch Freunde?

• Was könnte dazu führen, dass wir es nicht mehr sind?

• Welche Sorge mache ich mir umsonst?

• Soll ich dir sagen, wenn dein Partner dich betrügt?

• Welche Eigenschaft hatte ich vor zehn Jahren noch nicht?

• Welches meiner Talente unterschätze ich?

• Was soll ich mir für 100 Euro einmal leisten?

• Habe ich Mundgeruch?

• Was besitze ich, was du gerne hättest?

• Welches Problem zwischen uns hast du dich nie getraut anzusprechen?

• Bis wann in der Nacht würdest du mich anrufen?

• Spontan: Ein Tisch, an dem wir zusammensaßen, und worüber wir sprachen?

• Was ist/wäre schwierig daran, mein Kind zu sein?

• Was ist/wäre schwierig daran, mein Partner zu sein?

• Welcher Satz von mir klingt dir noch in den Ohren?

• Welchen Satz möchtest du von mir nicht mehr hören?

• Wann war ich dir unsympathisch?

• Über wen rede ich viel zu schlecht?

• Welche Facette fehlt meinem Stil?

• Was findest du nur bei mir?

• Wie heißt der Ort, aus dem ich komme?

• Ein Moment, in dem du etwas von mir gelernt hast?

• In welches Abenteuer sollte ich mich an einem Freitagabend mal stürzen?

• Wofür schäme ich mich zu Unrecht?

• Was sollte ich jeden Tag fünf Minuten lang tun?

• Worauf eine Woche verzichten?

• Würdest du mit mir auf eine Berghütte fahren?

• Wenn ja: wann?

• Welche meiner Eigenschaften würdest du in meiner Grabrede erwähnen?

• Welche lieber nicht?

(aus: ZEITmagazin 26.01.2012)

Mönch am Meer

Mönch am Meer (Casper David Friedrich)

»Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine unbegrenzte Wasserwüste hinauszuschauen. Dazu gehört gleichwohl, dass man dahin gegangen sei, dass man zurück muss, dass man hinüber möchte, dass man es nicht kann, dass man alles zum Leben vermißt und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Flut, im Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, in dem einsamen Geschrei der Vögel vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch, um mich so auszudrücken, den einem die Natur tut. Dies aber ist vor dem Bilde unmöglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nämlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild tat; und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild war die Düne, das aber, wohinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei geheimnisvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob es Youngs Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm(en), zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären. Gleichwohl hat der Maler zweifelsohne eine ganz neue Bahn im Felde seiner Kunst gebrochen; und ich bin überzeugt, dass sich, mit seinem Geiste, eine Quadratmeile märkischen Sandes darstellen ließe, mit einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krähe einsam plustert, und dass dies Bild eine wahrhaft Ossiansche oder Kosegartensche Wirkung tun müsste. Ja, wenn man diese Landschaft mit ihrer eignen Kreide und mit ihrem eigenen Wasser malte; so, glaube ich, man könnte die Füchse und Wölfe damit zum Heulen bringen: das Stärkste, was man, ohne allen Zweifel, zum Lobe für diese Art von Landschaftsmalerei beibringen kann.
- Doch meine eigenen Empfindungen, über dies wunderbare Gemälde, sind zu verworren; daher habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage, vorgenommen, mich durch die Äußerungen derer, die paarweise, von Morgen bis Abend, daran vorübergehen, zu belehren.«

Clemens Brentano (1778-1842),
bearbeitet durch Heinrich von Kleist (1777-1811),
aus den »Berliner Abendblättern« Nr. 12 vom 13. Oktober 1810

Reich an Koffein

„Die beste Methode, das Leben angenehm zu verbringen, ist, guten Kaffee zu trinken. Wenn man keinen haben kann, so soll man versuchen, so heiter und gelassen zu sein, als hätte man guten Kaffee getrunken.
(Jonathan Swift)

Streifzüge durch den Kiez Prenzlauer Berg sind vor allem eins: koffeinhaltig.

Ich falle aus meiner neuen Wohnung, die übrigens ganz berlinerisch in einem wunderbaren, von außen kaum zu erahnenden Innenhof liegt, und tauche ein in eine andere Welt. Eine Welt voller Cafés. Große und kleine, kitschige und geschmackvolle, günstige und relativ günstige, kreativ gestaltete und total freakige. CAFÉS. KAFFEE. Soweit das Auge reicht. Kein Land in Sicht, manchmal, aber immer ein Café. Die Grenze zur Überforderung ist längst überschritten. Unglaubliche Auswahl versus Entscheidungsschwierigkeiten. Lassen wir sie gemeinsamen Weges gehen. Seit einer Woche stecke ich in diesem Labyrinth aus Cappuccino, Café Latte, Espresso, gelegentlich auch Grünem Tee, Muffins, Kuchen und co. Und: ICH LIEBE ES ! Sich im Prenzlauer Berg ‚durchzubeißen‘ heißt genau das. Ausprobieren. Den Weg aus dem Irrgarten zu finden bedeutet sich ins nächste Vergnügen zu stürzen. En garde!

Ein ganz besonderes Kleinod liegt in der Sredzkistraße, die zwar unglaublich schwer auszusprechen, dafür aber ganz schnell per pedes zu erreichen ist. Das Café ‚elbspeicher‘ ist ein kleines Stück Hamburg in Berlin. Durch und durch nordisch, mit Möbeln aus splittrigem alten, Holz, blau-weißen Polstern, Kaffeebohnen aus der Elbgold Kaffeerösterei in der Hamburger Speicherstadt und vor allem gibt es Franzbrötchen. Klitschig und butterweich. Ein Gedicht. Das will was heißen, denn die Franzbrötchenqualität ist in der Regel eine kritische Sache. Das war Liebe auf den ersten Blick. Und den ersten Geschmack. Die ewigen Currywurstrivalen Hamburg und Berlin können anscheinend doch ganz gut harmonieren.

Der Kiez lässt sich der Fülle von Cafés entsprechend auch ziemlich gut „abfrühstücken“. Samstag um zehn. Bei Anna Blume bogen sich die Tische unter der Last von reichhaltig beladenen Frühstücks-Etageren, dampfenden Tassen und diversen Ellenbogen. So wechselten wir die Straßenseite und fanden, oh Wunder, ein CAFÉ. Ein, zwei, drei, vier, fünf. Mal Café, fünfmal Frühstück. Und dabei diskutierten wir. Wie die Erwachsenen, so ganz groß. Aber nicht arrogant (4 Kuwis am Tisch, keine BWLer). Über Finanzhaie, Goldman Sachs, Kapitalismus in der Krise und überhaupt suchten wir nach der Moral. Beschlossen verantwortungsvoll und glücklich im eigenen Mikrokosmos zu leben. Und wollten doch irgendwie noch die Welt retten. Und wir. Hier. In 30 Jahren. Wie? Und wir schweiften ab zu literarischen Klappstühlen und abgelehnten Nobelpreisen. Schlidderten in Gefilde der sexuellen Verklemmtheit und erfuhren, dass man in Dänemark oder so ‚Sexologie‘ studieren kann. Und Jesus ist auch nie über Wasser gegangen, immer schon über Bier. Es war dreizehn Uhr als wir vom Frühstück aufstanden. Belebt und doch. Uns wieder trennen mussten. An einer Kreuzung in Berlin. Solche Tage sollte es öfter geben. Und neben dem Zusammensein war natürlich auch der Café gut. Im Café ‚Sowohlalsauch‘. Lecker Café!

 

Inselgedanken

Blick nach vorne. Blick zurück. Wechselspiel. Habe einen alten Eintrag gefunden, der in der Zwischenablage versauerte. Er soll seinen Auftritt bekommen. Bühne frei.

27. Juli 2012

9.02 Uhr. Auf dem Weg zur NOB nach Sylt. Die Sonne flutet ihr warmes Morgenlicht durch die Straßen der Stadt. Die S-Bahn rattert durch Altona. Graffitti an Häuserwänden. Großstadtlärm klingt in der Luft – so vertraut. Sehnsüchtig erwartet. „Ich rieche den Dreck, ich atme tief ein, und dann bin ich mir sicher, wieder zu Hause zu sein“. Wieder Nordlicht sein. Die Dünen warten.

Die Nacht am Strande

Sternlos und kalt ist die Nacht,

Es gärt das Meer;

Und über dem Meer, platt auf dem Bauch,

Liegt der ungestaltete Nordwind,

Und heimlich, mit ächzend gedämpfter Stimme,

Wie ’n störriger Griesgram, der gut gelaunt wird,

Schwatzt er ins Wasser hinein,

Und erzählt viel tolle Geschichten,

Riesenmärchen, totschlaglaunig,

Uralte Sagen aus Norweg,

Und dazwischen, weitschallend, lacht er und heult er

Beschwörungslieder der Edda,

Auch Runensprüche,

So dunkeltrotzig und zaubergewaltig,

Daß die weißen Meerkinder

Hoch aufspringen und jauchzen,

Übermutberauscht.

(Heinrich Heine)

Machs gut, Passau!

Zeit vergeht. Nicht wie im Fluge. Sie rennt auch nicht, sie rast nicht. Sie vergeht einfach. Und mit ihr der ein oder andere Lebensabschnitt. Drei Jahre Passau, drei Jahre Bachelorstudium sind mit diesen Zeilen so gut wie Geschichte. Eine Erinnerung. Wer kann das schon verstehen? Dazu braucht es wohl Zeit. Zur Reflektion.

Ich sitze in einem leeren Zimmer. Frisch gestrichen. Nicht perfektionistisch, aber funktional. Ausreichend für eine Studentenwohnung. Meine Finger sind noch mit weißer Farbe bekleckst und das Tippen der Tastatur hallt wider in den vier Wänden, die noch immer und doch schon so gar nicht mehr die meinen sind. Es nie waren und doch so schienen. Die Kartons stehen fertig gepackt zur Abreise in der Abseite (norddeutsch für „Nische, Rumpelkammer“…man gewöhnt sich hier mit der Zeit an kulturelle Unterschiede). Der Mietwagen ist bestellt. Morgen geht es gen Norden. Neue alte Heimat. Und wieder nur Zwischenstation.

Aber noch bin ich hier. In diesem leeren Zimmer voll Erinnerung. Ich lege mich nochmal auf den jetzt teppichlosen Boden. Stelle mich auf den Schreibtisch. Krieche unter das Bett. Perspektivenwechsel. Mir kommt es vor, als könne ich noch nicht gehen. Ich habe doch noch nicht alles gesehen. Alles ausprobiert. Aber so ist das immer. Am Ende macht man die Augen auf. Irgendwann lernt man vielleicht daraus. Seize The Day, und so. Drei Jahre sind lang. An was denkt man, wenn eine Erinnerung so weit und vielfältig ist? Passau, wie ich dich zwischendurch gehasst habe. Du niederbayerischen Kaff, Nebelloch, Provinznest. Manchmal warst du wirklich ein Gefängnis für ein Großstadtkind mit nordischer Seele. Das war nicht ganz fair. Tut mir leid. So schlimm war es gar nicht. Nur manchmal.

Über den Dächern von Passau. Wenn der Vermieter wüsste. Wir waren die Freunde des Sternenschlummerns. Mit Sternen-App und dabei gar nicht unromantisch. Haben Würstchen im Eimer gegrillt und spätes Frühstück genossen. Mit eigenem Gemüsebeet einen Schritt in Richtung Autarkie gewagt als EHEC über uns hereinbrach. Gitarre und mit den Schatten der Abendsonne gespielt. Im Schlafsack klirrender Märzluft getrotzt und über Gott, eher Buddha, und die Welt philosophiert. Der sengenden Julisonne ALLE Körperteile zugewandt (…). Die Vögel auf dem Kirchturm nebenan beobachtet, dem Inn beim Fließen zugeschaut, den Worten des Stadtführers gelauscht. Und manchmal habe ich einfach nur dagesessen. Das Dach wird mir fehlen.

Gisela, Gisela, selige Gisela. Unser Hausgeist. Altes Mädchen, auch du wirst mir fehlen. Aber nicht halb so sehr wie die Freundschaften, die entstanden sind. Um bestehen zu bleiben, hoffentlich. Wieder verstreuen wir uns in alle Welt. Wortwörtlich. Weit, abenteuerlich, voll von Möglichkeiten. Aber eins kann die Welt da draußen nicht. So gemütliche Steinweg -Teppich-Tee-Abende sind schwer zu ersetzen. Innrunden, Ilztunnel, Wernsteinläufe und Donaubrücken bleiben die beste Marathonvorbereitung. Besseres Essen als in der S-13 lässt sich in den erlesensten Restaurants nicht finden, der Drache mit Tetrismelodie wandert nur auf roten Schlafsofas. Und morgens Café barfuß am Inn schlürfen geht eben nur hier am Fuße des Schwabgäßchens. Ein bisschen Wehmut lässt sich wohl nicht vermeiden. Das ist gut so. Wenn man nicht flieht, sondern lächelnd Abschied nimmt.

 Also dann, die letzte Nacht. Es riecht nicht mehr nach Farbe. Sie ist schon getrocknet. Morgen werden die letzten Bücher abgegeben. Vielleicht einen letzten Cappuccino in der Mensacafete trinken. Ein letztes Mal mit dem Rad am Inn entlang fahren und den alten Leuten, die sich darüber beschweren, lächelnd ein „Ihnen auch noch einen schönen Tag“ zurufen. Das nächste Mal wenn ich komme bin ich nur noch Tourist. Gott (Buddha) sei Dank nicht so einer mit Knopf im Ohr. Obwohl, eine Stadtführung steht noch auf meiner To-Do-Liste… wir werden sehen. Machs gut, Passau. Es war schön mit dir!

Aufbruch

Es ist  Zeit aufzubrechen. Zeit, neue Wege einzuschlagen. Mal wieder. „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“ sagt Hesse. Und so lässt man zurück, entflieht dem Alltag, der sich nie einstellte. Weil er keine Zeit fand in unser Schnelllebigkeit. Und doch scheint der Trott hinter jeder Ecke zu lauern, bereit zum Sprung. Deshalb fliehen wir. Bevor die Monotonie von uns Besitz ergreifen kann sind wir auf und davon. Der Rastlosigkeit folgend. Denn wir, wir haben Panik vor Enge. Entwickeln klaustrophobische Ängste in der Tretmühle der Gesellschaft. Immer weiter laufen, weiter suchen, niemals finden?

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe/ Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,/ Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern/ In andre, neue Bindungen zu geben./ Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,/ Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ So ziehen wir also los. Ziehen weiter, zu neuen Orten, neuen Menschen, neuen Erfahrungen. Aber vergessen nicht. Nehmen mit in der Erinnerung was uns prägte. Bemüht um ein Leben im Hier und Jetzt – Carpe Diem. Stattdessen Sehnen und Vermissen im Augenblick der Gegenwart. Doch „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten„. Wir finden Trost in der Unstetigkeit. Wir sind Suchende. Noch können und müssen wir weiterziehen. Und so machen wir uns auf.

Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Treibholz

 

Prolog

Piepton.

Sie haben vier neue Nachrichten.

Erste Nachricht.

„Schönen guten Tag, Ulrike Wilmers, BMW Personalmanagement. Herr Martens, Sie waren heute früh um 10 Uhr zu einem Assessment Center Meeting bei uns eingeladen. Bedauerlicherweise sind Sie trotz Zusage nicht erschienen. Ich bitte Sie um Rückruf, damit wir die Angelegenheiten klären können. Vielen Dank.“

Ende der ersten Nachricht.

Zweite Nachricht.

„Hallo Justus, hier ist Bernd. Die Sekretärin meines Vorgesetzten hat gerade angerufen, weil sie dich nicht erreichen kann. Wieso warst du nicht bei dem Assessment Center? Ich hoffe, es gibt einen guten Grund für dein Fernbleiben. Das war mit gerade ziemlich peinlich, verstehst du?! Ich habe mich extra stark gemacht für dich. Betont, wie zuverlässig du bist. Melde dich bitte asap.“

Ende der zweiten Nachricht.

Dritte Nachricht.

„Justus, hallo, hier ist Mama. Sag mal wo bist denn du? Ich habe schon fünfmal angerufen. Papa und ich wollen wissen, wie das Gespräch bei BMW gelaufen ist. Wir sind so neugierig. Ruf doch mal an mein Schatz, ja?! Bis bald, tschü-hüs und küsschen. Mama.“

Ende der dritten Nachricht.

Vierte Nachricht.

„Ey Alter, hier is Hannes. Man wo steckst du? Ich muss dir was erzählen. Hey, rat mal, was ich gerade gemacht hab…BÄM, den Bali Flug gebucht! 27. März geht’s los. Du MUSST mich besuchen kommen, Dude. Das Praktikum da wird so der Hammer. Hab gerade nochmal auf der Homepage gesehen, dass das Boot der Firma da regelmäßig die Pro Surfer aufs Meer rausschippert. Geilste Surfsessions mit den ultra cleanen Wellen. Ein Traum. Ich hab dir n paar Videolinks auf facebook geschickt.  Ey, da schleus ich uns mit auf so n‘ Trip. Surfen, surfen, surfen !! Ruf an Junge, RUF MICH AN !!“

Ende der vierten Nachricht.

Keine neuen Nachrichten.

Ein letzter Piepton.

Die Worte hallten in ihm wieder wie ein Echo. Von Wänden aus kaltem Stein. Er fühlte sich leer, so unendlich müde. Wie sollten sie ahnen, was in ihm vorging? Die Gedanken, die er teilte, waren nicht die, die er Tag und Nacht mit sich herumschleppte. Gedanken, die in seinen Kopf Eingang, aber keinen Ausgang fanden. Rasende Kopfschmerzen quälten ihn. Was er wollte, das wusste er nicht wirklich. Es war schlicht zu viel was auf ihn einströmte, ihn durchströmte und doch ernüchtert zurückließ. Sein Leben kam ihm vor, wie eine schwindelerregende Irrfahrt in einem Labyrinth der tausend Pfade. NO EXIT an jeder Weggabelung. Justus rief nicht zurück. Er floh.

Wellenentstehung.

Der Luftdruck war immer weiter gefallen, die Isobarenlinien enger und enger zusammengerückt. Über Europa legte sich die kalte Jahreszeit und das Islandtief sandte als Vorboten wilde Herbststürme aus. Dort draußen braute sich ein Unwetter zusammen und schon seit langem pfiff ein eisiger Wind über den Nordatlantik. Er fuhr in jede Woge, in jedes Wellental, das sich ihm bot und verwandelte das eisgraue Meer in eine Sturmsee. Wellen türmten sich auf, liefen in alle Richtungen. Größere verschluckten kleine Wasserberge, nahmen sie in sich auf. In den Wintermonaten wurden die Wellentäler besonders tief und  die Wellenkämme erhoben sich zu  hohen, grauschwarzen Monstern. Der Wind trieb die Wellen Richtung Südwesten, fort aus dem Auge des Sturms. Vier Tage wanderten die Wassermassen, um die Biscaya zu erreichen. Dort brandeten sie als unruhige See an die französische Atlantikküste.

1600km. Er fuhr die ganze Nacht. Nach Süden, dann Südwesten. Mit einer alten Landkarte auf dem Beifahrersitz, die seine Eltern kürzlich wegen eines neuen Navis aussortiert hatten. Das Papier war vergilbt und hing in FetzenZweimal passierte Justus die gespenstisch beleuchteten Kontrollstationen einer Landesgrenze. Er mied die autoroutes und ihre Mautstationen. Stattdessen rumpelte er mit seinem VW Bus über kurvige Landstraßen und durch kleine, verlassene Dörfer. Die Nacht war so schwarz, dass er glaubte die Dunkelheit greifen zu können. Undurchdringlich, wie ein Vorhang aus dichtem Stoff, lag sie schwer über der Straße und den Feldern. Es schien, als verschlucke das Schwarz alles außerhalb des Scheinwerferlichtes. Dieser Kegel, das waren er und sein Bus und das war alles was zählte in diesem Moment. Vom plötzlichen Übermut des Abenteuers gepackt, drehte er die schnarrenden Lautsprecher auf. Gemeinsam mit Jack Johnson sang er in die Nacht hinaus. „The wisdom’s in the trees, not in the glass windows“.

Irgendwann verlor sich die Euphorie in der Dunkelheit. Pause.

Justus klappte die Rückbank um und kroch in seinen Schlafsack, doch trotz der  Müdigkeit fand er keinen Schlaf. Gedanken kreisten in seinem Kopf und ließen ihm keine Ruhe. Bisher hatte er schlaflose Nächte stets für ein Klischée gehalten. In Büchern als Stilmittel oder von Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit als Ausdruck ihrer Erschöpfung gebraucht. Doch seit einigen Monaten merkte Justus, wie schwer es ihm fiel, abends und nachts das Getöse seiner Gedanken zu ignorieren. Seit es in die Abschlussphase seines Studiums gegangen war,  drängten sich ganz unfreiwillig von allen Seiten die Fragen des ernsten Lebens so dreist in sein Leben, dass sie sogar den Schlaf zu übertönen schienen. Antworten fand er selten und diese warfen meist neue Fragen auf. Zukunft, das wurde ihm klar, war eine komplexe Sache und er hatte absolut keine Ahnung was sie von ihm wollte. Gegen acht wurde es hell, aber es ging keine Sonne auf. Das milchige Grau des Novemberhimmels hing stählern über den Seekieferwäldern abseits der Straße und als er das widerspenstige Fenster hinunterkurbelte, schlug ihm ein eisiger Wind entgegen. Der Winter war eingezogen. Mit seiner Armee der Trostlosigkeit besetzte er die südliche Landschaft, die Justus nur aus warmen Sommertagen kannte. Die Karte flatterte im Wind und fröstelnd stellte er fest, dass er sein Ziel nach 16 Stunden Fahrt fast erreicht hatte.

St. Girons Plage lag am südlichen Abschnitt der langen Atlantikküste und auch hier brandete seit Tagen die Nordwestdünung an die Strände. Weit draußen vor der Küste brachen die ersten Wellen. Die Sandbänke dort draußen lagen tief, doch die Brecher waren so gewaltig, dass der Meeresboden sie abrupt abbremste und die Wellen zornig ihre schaumigen Lippen auswarfen. Donnernd krachte Wasser auf Wasser und der Küstenstreifen verwandelte sich in eine brodelnde Hölle aus weißem Schaum.

Er drehte den Schlüssel. Erst als der Motor mit einem Blubbern erstarb, vernahm er die Stille. Sein Atem, der Wind und das entfernte Rauschen der Brandung, sonst nichts. Lange saß Justus da, ohne sich zu rühren. Er starrte planlos durch die Frontscheibe auf den Stamm einer knorrigen Kiefer. Was zum Teufel machte er hier? Erst die schmerzenden, weißen Hände erinnerten ihn daran, dass er erbärmlich fror. Sehnlichst phantasierte er für eine Minute von einer Vebasto Standheizung, nur um verächtlich schnaubend, mit den Worten „unnötiger Spießerkram“ auf den Lippen, nach hinten zu klettern und seine Jacke zu suchen. Als er die seitliche Schiebetür mit der kitschigen Hawaiiblume darauf öffnete, klang das Geräusch in der Stille wie eine unerwünschte Ruhestörung. Unsicher wohin er gehen und was er tun sollte, stand er neben dem Bus und trat auf dem federnden Waldboden von einem Bein aufs andere. Eigentlich sah alles so aus, wie er es im Sommer zurückgelassen hatte. Der Campingplatz, rechts der dichte Wald und vor ihm erhob sich die Düne, hinter der endlos und weit das Meer lag. Und doch erkannte Justus diesen Ort kaum wieder. Die Umrisse und Formen waren deutlich erkennbar, aber sie waren so starr und leblos wie Kulisse auf einer Bühne ohne Theaterstück. Ihm war, als stieße er mit seiner Bitte um Zuflucht auf kalten, leblosen Stein. Die Geborgenheit, die dieser Ort ihm im Sommer gegeben hatte, war ebenso erfroren wie seine Hände und Füße. Die salzige Luft  war härter geworden und die Grillen gaben offensichtlich keine Konzerte in der Wintersaison. Verlassen und nackt lagen die leeren Stellplätze zwischen den hoch aufragenden, kahlen Kieferstämmen. Außer Justus befand sich hier keine Menschenseele. Traurig flatterte noch eine vereinzelte Wäscheleine im Wind – ein letztes Überbleibsel des vergangenen Sommers. Er lief ein Stück am Waldrand entlang und kickte einen großen Tannenzapfen vor sich her. Wenigstens die waren noch da. Das Waschhaus lag am Ende des Weges. Er erinnerte sich, wie der allabendliche Abwasch stets in einer Wasserschlacht geendet hatte. Jetzt, mit seinen verschlossenen Türen,  sah das Häuschen so einsam und traurig aus, als nehme es all die Trostlosigkeit der Jahreszeit in sich auf. Deprimiert wandte Justus sich ab und lief, die Hände tief in den Hosentaschen und mit hochgezogenen Schultern, in Richtung Düne. Das alles schien ihm zu sehr Spiegel seiner eigenen Leere zu sein, als das es, wie erhofft, das Gefühl von Freiheit und Zuversicht zu ihm zurückbringen konnte.

Er hörte die Stimmen der Mailbox in seinem Kopf, sah seinen Cousin, wie dieser vor vier Wochen nach der Übergabe von Justus‘ Bachelorzeugnis vor ihm gestanden hatte. Sein Cousin erzählte ihm mit wichtiger Stimme, wie es für ihn bei BMW gerade „steil bergauf“ gehe. Justus hatte gezählt. Neun Mal war in ihrem kurzen Gespräch, das eher einem Monolog Bernds glich, das Wort „Karriere“ gefallen und mindestens genauso oft formte dessen Mund die Worte „Zielstrebigkeit“ und „committment“. Er schien sie zu liebkosen, diese Worte, in seiner schleimigen Businessetikette, die er selbstzufrieden an den Tag legte. Später hatte er Justus eine Broschüre gegeben, die für ein Traineeprogramm bei BMW warb. Das Cover zeigte ein Foto, auf dem ganz offensichtlich ein Klon von Bernd oben auf einer Leiter stand, denn auch er trug Anzug, hatte schleimige Haare und lächelte ebenso selbsteingenommen. In großen Buchstaben baumelte ein Schild mit dem Wort KARRIERELEITER über dem Hänfling. „Jetzt fängt das Leben an, Justus“ hatte Bernd gesagt und ihm auf die Schulter geklopft. Justus hatte gequält genickt und als er sich endlich loseisen konnte, war er ins Bad geflüchtet. Würgereiz. Das war alles, was er nach dieser Ansprache empfand.

Zwei Wochen später jedoch, auf Drängen der ein oder anderen Seite, schickte er eine Bewerbung ab. Empfänger: BMW. Er hatte sich nicht viel dabei gedacht. Es würde schon nichts dabei herauskommen. Vor einer Woche dann die Überraschung: Eine Einladung zum Assessment Centre. Er war verwirrt. Was jetzt? Die Tage verstrichen und Justus dachte, es könne nicht schaden, mal den ein oder anderen Blick auf die Website zu werfen. Vielleicht war die Firma ja doch gar nicht so übel? Er begann, im Internet nach typischen Assessment Centre Fragen zu googeln und die ein oder andere gedanklich zu beantworten. Schließlich bügelte er sogar sein weißes Hemd, obwohl er Bügeln normalerweise als viel zu gesellschaftskonform abtat.

Vorgestern Nacht saß er wieder im Bad.

Beim Umräumen des Kellers, war ihm  sein Surfboard in die Hände gefallen. Ein Schlag in die Magengegend. Mit dem Lippenstift seiner Mitbewohnerin hatte er VERRÄTER an den Spiegel geschmiert und war theatralisch, mit dem Rücken am Rand der Badewanne, auf den Boden gesunken. Da saß er wie ein Häuflein Elend, während die Verachtung ihm ins Ohr flüsterte, was für ein Heuchler er war. Was, wenn er keine weiteren Sommer erleben würde? Wenn das Schwingen der Hängematte sich ein für alle Mal in das Wippen eines Bürostuhls verwandelte? Wenn er zu so einem Karrieretypen wie Bernd wurde, den er doch verachtete? VERRÄTER. Unmöglich, das wusste er, konnte er zu diesem BMW Meeting erscheinen.

Im Sommer war der Strand breit und die Düne kam nur selten mit dem Meer in Berührung. Doch jetzt erhob sich der Sandwall majestätisch wie eine Insel, an dessen Ufer die See brandete. Der Strand war schon lange nicht mehr zu sehen. Am Fuß der Düne klammerten sich ein paar Dünengräser hoffnungslos mit ihren dünnen Halmen an die erodierende Sandschicht. Jede Welle spült ihr Fundament  weiter aus. Immer und immer wieder, bis die Pflänzchen, eines nach dem anderen, den Kampf verloren. Gemeinsam mit Treibholz und anderem Strandgut trieben sie in der Strömung davon. Die Wogen warfen sie hin und her. Wie ein Spielball der Gegebenheiten taumelten sie, drehten sich, tanzten geknickt in den wirbelnden Wassermassen. Von der Lateralströmung hinter der Wellenbrechung  erfasst, trieben sie davon, unbekannten Ufern entgegen.

Justus Herz hämmerte im Rhythmus der Musik des iPods. Sein Puls pochte in den Ohren und seine Füße gruben sich tief in den kühlen Sand während er die Düne hinaufstolperte. Hoch, hoch, immer höher…und als er oben ankam und der böige Wind ihm entgegenschlug und das Meer sich vor ihm auftat, da explodierte ein ganzes Orchester in ihm und er spürte wie sich alles zu einer Synfonie der endlosen Freiheit und unbändigen Traurigkeit verband.  Ein Feuerwerk der Emotionen. Was sollte er tun, wenn er nicht bereit war? Was, wenn das Ende des Studiums der Beginn einer lebenslangen Haftstrafe war? Es schnürte ihm die Kehle zu. Tränen liefen über sein  verschwitzen, salziges Gesicht und sein Schluchzen nahm der Wind in sich auf. Er trug es hinaus aufs Meer, wo die Böen es hin und her warfen wie das entwurzelte Dünengras. Spielerisch und leicht nahm der Sturm seinem Kummer die Luft und er sackte kraftlos in den Sand. Er könnte bleiben und einfach hier draußen sterben, wie der Typ aus „Into the Wild“. Dann wäre er ihn los, den ewigen Zweifel, der ihm wie ein Schatten auf Schritt und Tritt folgte und gleichzeitig könnte er sich auch dem lästigen Gesellen namens Gesellschaft entledigen.

Justus war in diesen Wochen und Monaten ähnlich nah am Wasser gebaut wie die Düne. Die Flut der Entscheidungen und Überlegungen, der Abwägungen und Eventualitäten nagte an seiner Substanz, höhlte ihn aus. Was hätte er ihnen sagen sollen, den Personalchefs bei BMW, wenn sie ihn fragten, wo er sich in 5  Jahren sehe? Hannes hatte gesagt, er solle ehrlich sein: „Sag ‚Ich seh mich mit einem Board auf ner Welle‘. Das ist, als ob du nem Bundeswehroffizier bei der Musterung erklärst, dass du kiffst.“

Da war kein roter Faden. In ihm regte sich weder ein Streben nach Reichtum noch nach Karriere und großer Verantwortung. Alles, was er wollte, war glücklich sein. Zeit haben. Mehr von der Welt sehen. Nur hatte er noch keinen Job gefunden, das ihm eine solche Zukunft versprach.

Arm in Arm mit der Ratlosigkeit wanderte er zurück zum Bus. Unter der Rückbank fand er eine Flasche billigen Rotweins. Sein Vater hatte so einen unedlen Tropfen immer „Pennerglück“ genannt. Auf mich und mein tolles Leben, dachte er und trank. Justus stapfte mit der Flasche zurück auf die Düne. Versehentlich ließ er sich auf einer Diestel nieder, sprang fluchend auf und platzierte sich ein Stück daneben. Er stierte aufs Meer und nippt am Wein. Eine Weile saß er da, den Kopf auf die Knie gelegt, den Blick abgewandt von der Welt. Erst ein wärmendes Gefühl im Nacken ließ ihn überrascht aufblicken und er sah, dass die Sonne sich durch die Wolken kämpfte. Das Meer glitzerte und ganz weit draußen tanzte ein Gegenstand auf den Wogen. Zu weit entfernt jedoch, als dass er hätte sagen können, was es war.

Der Wein wirkte. Er zog einen Zettel aus der Tasche und schrieb energisch, in dramatischen Lettern PLÄDOYER DER FREIHEIT darauf. Dann rollte er das Papier zu einem dünnen Röhrchen auf. Mit einem  triumphalen Blick leerte er den Rest Wein über der verhängnisvollen Diestel aus und buchsierte das Papier durch den Flaschenhals. Er verkorkte die Flaschenpost, sprang auf und rannte hinunter an die Wasserkante. Schwer atmend stand er da und spürte das Leben in seine Lungen zurückströmen. Das Donnern der Brandung. Nebelschleier der aufspritzenden Gischt. Endlose Küste. Weit weg von allem. Justus atmete tief ein und genoß die Wärme der Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Es war das erste Luftholen seit Wochen. Er ging ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf, holte aus und schleuderte die Flasche mit aller Kraft in die Wellen.

Der Gegenstand, den er vorhin weit draußen ausgemacht hatte, war inzwischen mit der Strömung dichter ans Ufer gespült worden. Justus erkannte die dünnen Aluminiumarme eines Regenschirms, dessen Stoffdach nur noch in Fetzen darüber hing. Er beobachtete den Schirm eine Weile, wie er tanzend zwischen den Wellenbergen auf und ab hüpfte. Nach jeder Welle, die ihn überspülte, tauchte er wieder auf. Tapfer, dachte Justus, lässt sich nicht unterkriegen.

Die Nacht brach an. Im Bus lag sein Handy, das ihm eine neue Nachricht und 7 verpasste Anrufe anzeigte. Er ignorierte die Anrufe und hörte die Mailbox erst am nächsten Morgen ab. Es war eine weitere Nachricht von Hannes.

„Ey Just, hast du dich abgesetzt, oder was? War BMW so ätzend? Ich hoffe, du hast denen da ordentlich was vom Surfen erzählt! Bloß kein Depri schieben jetzt. Du findest schon noch was Cooles. Immer dran denken: es regnet nicht, es tropft nur von oben.  Ach und ich hätt gerade übrigens voll Bock einfach mal abzuhauen. Mein Nebenjob nervt so mega. Hey, was sagst du, wenn wir uns in deine alte Klapperkiste von VW Bus setzen und einfach für ein paar Tage Meeresluft schnuppern?!“

Lächelnd erweckte Justus den Motor zum Leben. Er würde Hannes ein pain au chocolat und eine Flasche Rotwein mitbringen und dann würden sie anstoßen, auf ihre Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer.

 ENDE