@ Work

Ach verdammt, morgen ist schon wieder Freitag und ich wollte mich ja mal früher melden…hier gibt es ein paar Bilder vom German Book Office, meinem Arbeitsplatz, und dem Goethe Institut NYC. Wir sitzen sozusagen in einer kleinen Ecke des Goethe Institutes, weil das GBO viel mit Goethe zusammenarbeitet und außerdem auch vom Auswärtigen Amt unterstützt wird.  Mit Soho haben wir da wirklich eine ziemlich nette Lage abgegriffen. Das weiträumige, helle Büro ist dazu noch im 11. Stock gelegen, d.h. die Aussicht kann sich sehen lassen und das Viertel hier ist ziemlich lebhaft. Vor allem was Shopping und Essensmöglichkeiten angeht…gefährlich! Jeder Lunch sieht anders aus, mal asiatisch, mal italienisch, mal französisch, mal starbucksich, mal bagelich, mal salatich, mal der-chef-läd-zum-essen-ein. Das letzte mag ich am liebsten:)

Was das GBO macht in Kürze: Es ist ein Büro, das die internationale Arbeit der Frankfurter Buchmesse unterstützt bzw wurde als solches gegründet. Im Prinzip wird hier die Vermittlung und Übersetzung Deutscher Literatur im Bezug auf den Buchmarkt der USA vorgenommen und gefördert. Das bedeutet viel Informationsarbeit, beispielsweise veranstalten wir Ende Februar ein Festival Neue Literatur, bei dem sechs deutschsprachige Autoren nach NY kommen und Lesungen abhalten, mit Studenten diskutieren etc.

Außerdem gibt es pro Jahr zwei Ausgaben der Broschüre New Books in German. Dabei durchkämmt eine Jury aus Literaturkritikern, Verlagsleuten etc im Vorfeld den deutschen Buchmarkt, schaut sich die Neuerscheinungen an und überlegt dann, welche Bücher für eine Übersetzung für den englischsprachigen Raum geeignet wären. Da sitze ich momentan zum Beispiel dran. Ich erstelle die Liste der engeren Auswahl, lese die Rezensionen und halte fest, welche Bücher zur Übersetzung empfohlen werde und warum. Nächste Woche haben wir dann wieder ein Meeting, bei dem eine noch engere Auswahl getroffen wird.

Hier sind noch ein paar Links:

http://festivalneueliteratur.org/          http://www.buchmesse.de/bilder/new_books_in_german_2012.pdf

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A weekly note

Eine Woche. So grob. Ich versuche demnächst mal kleinere Häppchen zu servieren. Derweil: Enjoy!

1. Running

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Eintrag Lauftagebuch 07-01-2013:

„Montag morgen. Dritter Arbeitstag. Gott, 05:50 Uhr, ist das dein Ernst? Draußen ist es noch stockdunkel, praktisch Nacht. Im Zimmer ist es eiskalt. Mein Mitbewohner Ron schnarcht durchdringend auf dem Sofa. Alles spricht dagegen jetzt aufzustehen und sich in die Laufsachen zu zwängen. Aber ich spüre, dass der Tag nicht gut werden wird, wenn ich mich in diesem Moment von meinem schlaftrunkenden Selbst überreden lasse nicht zu gehen. Ne Stunde länger schlafen…in ner Stunde bin ich auch nicht wacher. Lieber heute Abend laufen….als ob ich nach der Arbeit motivierter wäre. Scheiße. Also los. Es ist 6:20 Uhr als ich auf Zehenspitzen an der Couch vorbei schleiche. Ich schnüre meine Laufschuhe, vermumme mich mit Schal und Stirnband und trabe los in die Dämmerung, gen Central Park. Zum Glück ist schon etwas los, Und wie. Die Läufer und Hundebesitzer sind die Schlaflosen der Stadt. Heller wird es erst gegen 6:45 Uhr. Über Asphalt, gelegentlich Stock und Stein. Mein Laufguru, Haruki Murakami säuselt mir ins Ohr und alles ist gut. Die Beine sind locker, alles zieht vorbei und der Himmel färbt sich kitschig rosa-blau…“lila Wolken“ klingt auf dem shuffle Modus des iPods an – ohne scheiß, ganz zufällig! Es wird immer voller. Ich laufe 40 min. und biege ab in die 96. Straße. Irgendjemand hat mal gesagt, dass Laufen am Morgen den Tag verlängert. Als ich ins Büro fahre habe ich das Gefühl ich bin schon ewig wach. Und frisch und munter. Wie ein Fisch und geh nicht unter (höhöhö).“

Nach diesem Muster spielen sich einige frühe Stunden ab. Vom Widerwillen zur Beschwingtheit. Warum das alles? Das Training hat begonnen. Das Ziel heißt Hamburg 21.04.2013. Eine fixe Idee, die Karo und ich im Bruchteil einer euphorischen Neujahrssekunde via facebook fällten. Und wo könnte man sich besser auf einen Marathon vorbereiten, als in der Traumstadt vieler 42, 195-Fanatiker…zumindest theoretisch. Ich laufe eigentlich lieber etwas abgeschieden, für mich im Einklang mit der Natur oder sowas kitschiges. Davon bin ich im Central Park allerdings meilenweit (im wahrsten Sinne des Wortes und ich tue mich noch schwer mit der Meilen-KM Umrechnung) entfernt. An Sonntagen könnte man direkt klaustrophobische Anfälle bekommen, weil die New Yorker an Wochenenden die grüne Oase Manhattans regelrecht stürmen. In neonfarbenen Funktionsoutfits ziehen schmächtige size zero Damen stromlinienförmig an mir vorbei, riesige Pulks von Laufgruppen kommen mir rythmisch trabend wie eine undurchdringbare Wand entgegen. Ich springe über die seitliche Absperrung der Asphaltlaufbahn und …weiche einem Hund (Ratte?!) und seinem Frauchen aus, die gerade das Geschäft ihres Lieblings aufsammelt. Selten habe ich so viele Hunde im „Augenblick des Geschehens“ beobachtet. An jeder Ecke, überall, ständig wird einem hier vor die Füße geschi…ich übergebe das Wort an Max Frisch:

„SANITATION:

immer noch erwache ich viel zu früh. Bevor der Alltag losgeht, führen sie ihre Hunde und Hünchen durch die Straßen, halten sich an der Leine, während die Tiere pinkeln oder scheißen. Eine Hundestunde morgens, eine Hundestunde abends. Man muss eben aufpassen, wo man hintritt.“

(Max Frisch, aus „Amerika!“)

Central Park kenne ich also nun schon fast wie die berühmte Westentasche. Vor allem geht es hinauf und hinunter, was die Beine ein wenig strapaziert. Einmal herum auf diesem sogenannten „outer drive“, der Asphaltstraße, sind es ca. 9,7km. Besonders der nördliche Teil, das Harlem Meer, ist ein Traum. Ein großer See von Hügeln gesäumt, die einen ein wenig aus der Flut der Läufer entkommen lassen und das Gefühl von Natur entstehen lassen. Ein Plateau mit Kiefern erinnert mich an Frankreich, an die Seekieferwälder an der Atlantikküste. Eine Alternative zum Park sind die Ufer des Hudson Rivers im Westen. Dort lässt es sich kilometerweit laufen. Nur im Dunkeln ist es dort unheimlich. Deshalb wird das wohl eher das Laufterrain für Wochenenden, denn in der Woche geht ohne Dunkelheit leider gar nix. Winterschicksal. Oh, was mir zum Zentralen Park noch einfällt. Herr Frisch, bitte:

„CENTRAL PARK:

A reliable source has taught me that the famous squirrels are not in fact squirrels, but tree rats. Once there were squirrels here. The tree rats are not reddish like squirrels, but are no less decorative. One can watch them from quite close for minutes at a time, so tame are these tree rats. The main thing that distinguishes them from squirrels is that they destroy squirrels.“

Man lernt nicht aus. Neben Baumratten: Celebrities habe ich übrigens noch nicht getroffen, außer eventuell neulich früh Justin Timberlake. Der kam mir vielleicht entgegengejoggt. Aber es war ja noch ziemlich dunkel. Wer weiß. Eigentlich auch ziemlich egal.

 

2. Working

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Hmm, I skip this section. Ich mache diese kommende Woche mal ein paar mehr Bilder im Büro. Dann erzähle ich was von der Arbeit. Ist ja auch erst eine Woche gewesen, was soll man da erzählen. Aber soweit ist alles gut, die Leute sind nett, ich habe was zu tun, tralala. Demnächst mehr.

3. Reading

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Im Goetheinstitut NY, in dem auch unser Büro ansässig ist, gibt es diese Bibliothek. Fataler Weise. Demnach bin ich Freitag mit einem Stapel Bücher nach Hause gestolpert. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Max Frisch habt ihr bereits zu hören bekommen. Unsympathischer Typ, was das Äußere angeht, aber er hat ne Menge über Amerika geschrieben. Für ne ganze Weile hier gelebt. Und  hat demnach wirklich interessante Dinge über Land und Leute geschrieben. Vor Ort sowas zu lesen ist viel spannender, weil man einiges direkt beobachten kann. Ich sage nur siehe oben, die „scheißenden Hunde“. Und von solchen Wahrheiten schreibt er einiges. Außerdem hat er „Montauk“ geschrieben, was mich auf Long Island und den selbigen Ort gebracht hat. Karo, da fahren wir im April hin. Das äußerste Ende von Long Island.

Tragischer Weise musste ich diese Woche ein Buch beenden, das mir so sehr am Herzen lag wie lange keins. „Beck’s letzter Sommer“ von Benedict Wells klingt noch nach. Macht eins richtig und sucht den nächsten Buchladen. Es ist großartig. Und ich bin traurig, dass es mich nicht mehr in die Bahn und die Cafés, an die Waterfront und ins Bett begleitet. Am liebsten würde ich es weiter mit mir herumtragen. Es ist ein deutsches Buch, ja, aber es hat die erste Zeit hier in New York sehr geprägt.

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4. Chill (mal dein Leben)

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Nach fünf Tagen im Büro und mit reichlich Lesestoff konnte und sollte dieses Wochenende einfach nur lazy werden. Wunderbar gammelig. Ich habe mit meinen Mitbewohnern um die Wette gechillt.

Samstag: ausschlafen, laufen, in den Straßen wandern, lesen, stricken (jaha, ich stricke!! semi-professionell, aber ich stricke!) bisschen Praktikumsbericht, essen, schlafen.

Sonntag: ausschlafen, laufen, food shopping* und Uptown-Rundfahrt im Auto mit Anna und Ron (Harlem, Columbia University, Morningside Heights) essen, schlafen, lesen, essen, schreiben, schlafen.

*aha, kultureller Unterschied: Während die Deutschen sich samstags in den Geschäften drängen und sonntags Familienzeit oder sonstigen, eher weniger materialistisch geprägten Tätigkeiten nachgehen, ist das in New York andersherum. Weil hier auch am Sonntag alles geöffnet hat, nimmt man eher den Samstag für die Familie, Freunde etc und geht sonntags mit viel Begeisterung dem (food) shopping nach. Was es hier für Essen gibt. Und was man dafür ausgeben kann (und es gelegentlich leider tut, überwältigt von ausladenden Käsetheken und gigantischen Kuchenregalen und Obstpyramiden, auf die jeder Pharao neidisch wäre). Himmlisch. So ganz ohne Fastfood.

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Achso, ja, ich habe mir eigenen Café gekauft. Das hilft, schränkt den Starbuckskonsum ein. Es ist nicht leicht, aber das ist Entzug wohl nie. Und Instantcafé mit stümperhaft aufgeschäumter Milch (ich vermisse meinen Aufschäumer!) ist zwar kein vergleichbares Geschmackserlebnis, hilft aber zur Ablenkung.

Und mir ist übrigens bisher nichts passiert, trotz Häuserbrand einen Block vom office entfernt, Grippeausbruch in den USA (man plädiert im Büro dafür sich impfen zu lassen, aber ich glaube ich vertraue auf mein Immunsystem…Panikmache hier!) und Fähren-Crash am Pier 11 (jemand aus dem Büro saß drauf und wurde gleich mal von der ard interviewt – vielleicht hat der ein oder andere es ja im deutschen fernsehen mitbekommen) während der letzten Woche. Gefährliches New York!!

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5. Sleeping


 Ron schnarcht schon wieder auf der Couch. Ein Zeichen, mich auch in die Federn zu betten. Morgen ist schon wieder Montag. Aber das ist okay. Kurioser Weise vergeht die Zeit hier wirklich mal langsam. Warum weiß ich nicht, aber es ist gut so.

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Starbucks Konversation

Morgens, 9:00 in New York:

„What’s your name?“

„Bentje“

„What?“

„B-E-N-T-J-E“

(Gerunzelte Stirn, skeptischer Blick, stagnierender Filzstift…ich gebe auf:)

„It is Lina, write LINA“

(Die Stirn der Starbucksfrau glättet sich, glückseelig kritzelt sie den Namen auf meinen Pappbecher und reicht ihn zur Befüllung weiter)

Die Moral von der Geschicht‘:

Wenn ich mich nach nem Café sehn‘, muss ich ne andre Identität annehm‘.

Danke an Lina und Lina, dass ihr mir euren Namen leiht. Vielleicht probiere ich mal alle eure Namen durch und erstelle dann ein Ranking, welche Namen auf der Verständlichkeitsskala auf nordamerikanischem Territorium ganz oben rangieren (allerdings versteht auch in Deutschland niemand direkt meinen Namen, es liegt nicht nur an den Amis…). Das ist also der ideenbehaftete Rattenschwanz eines simplen Cappuccinos vor der Arbeit;)

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Trostloses Coney Island

Nachtrag zum 01-01-2013:

Ich wollte Meer sehen. Und weil ich den Times Square Wahnsinn am Silvesterabend gemieden hatte, verspürte ich am Neujahrsmorgen weder einen Kater noch allzu große Müdigkeit. Die blaue C Linie  nach Midtown, Manhattan war an diesem Morgen wie leergefegt und auch der orange F train beförderte kaum mehr als eine handvoll Leute.  Nachtschwärmer, mit ihren goldenen Zylindern und grün glitzernden 2013-Brillen. Das Morgengrauen zeigte sich eher grau als schillernd. Happy New Year, anyway. Ich weiß nicht wie viele meiner stummen, sanft schlummernden Mitreisenden im Endeffekt freiwillig nach Coney Island hinausfuhren – für eine Mütze voll Schlaf reichte die fast einstündige Fahrt durch Manhattan und Brooklyn aber allemal.

Auf Coney Island, einer Halbinsel an der Atlantikküste, war Totentanz angesagt. Ich hoffe nicht wortwörtlich, denn nachdem ich aus dem Bahnhof hinaustrat, waren rot-blau-weiße Lichter diverser Polizeiautos quasi mein Sonnenaufgang über dem Pier. Keine Ahnung, ob da jemand böse statt gute Vorsätze hatte. Diese amerikanischen Sirenen und Blinklichter erinnern mich ständig an irgendwelche Schießereien und Krimiserien. Prägendes Fernsehen, großes Kino. Etwas nervös schlich ich an der Hauptstraße entlang, auf der Suche nach dem nächsten Aufgang zur Strandmeile. Außer der Polizeiautos war keine Menschenseele unterwegs und unter dem grauen Januarhimmel lag der berühmte Vergnügungspark des Strandbades zwischen mir und dem Meer trostlos und verlassen da. Der helle Tag und der Winter entblößten ihn. Sinnlose, hässliche Saisonlosigkeit drang aus den Bahnen und Buden. Verschlossene Metallgitter, die im Wind quietschten und die abblätternde Farbe der Attraktionen. Ein blauer Delphin wippte mit einem erstarrten „life-is-beautiful“-Lächeln im Wind vor und zurück. Ich ging schneller, bloß ans Wasser. Algengeruch stieg mir in die Nase als ich die Promenade betrat und der Wind wurde immer schneidender. Hier waren mehr Menschen unterwegs, am Meer. Vor allem Jogger und Hundebesitzer. Und Hunde. Ich trat auf den breiten Strand, Sand nicht zwischen den Zehen, aber immerhin unter den Winterstiefeln. Eine Ahnung von Sommer. Mit ganz viel Nordsee-Sylt-Flair gewürzt. Bis ich mich umdrehte und hinter mir die Hochhäuser erblickte, die weder appetitlich noch ansehnlich waren. Sehr geschmackvoll… Für eine Weile stand ich mit ein paar Möwen dumm am Ufer rum, stierte in die grau-braunen Wellen und kämpfte mich ein Stück gegen den Wind. Nicht mal ein schönes melancholisch-winterliches Gefühl wollte sich auftun. Also ließ mich bald zurück in die Bahn wehen. Eine Stunde Rückfahrt, „ohne Frühstück , nicht mal Café“ grummelte mein Magen. Und so gab ich nach 40 Minuten auf, unterbrach die Fahrt und ließ mich ins nächste, in der Tat sehr einladende Café fallen. Der Geschmacklosigkeit des Morgens war so ein Ende gesetzt. Und wenigstens hatte ich Meer gesehen und die Seele und Haare ein bisschen im Wind windzerzaust – aber Coney Island brauche ich nicht nochmal.

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There she goes

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REKORDFAHRT

„Es wird eine der coolsten Seereisen“

31.12.2012 Johannes Erdmann

Während sich die Einwohner von New York auf die große Silvestersause am Times Square vorbereiten, an dem sich etwa eine Million Menschen zum großen Ball Drop versammeln werden, ist die „Maserati“-Crew um Giovanni Soldini heute um 16.45 Uhr (10.45 Uhr Ortszeit) über die Startlinie vor dem Battery Park an der Südspitze Manhattans gesegelt. Der neunköpfigen Crew aus Italienern, einem Chinesen, einem Spanier, einem Amerikaner und dem deutschen Boris Herrmann steht eine kontrasträr ruhige Nacht bevor. Herrmann sagte der YACHT kurz vor dem Start: „Silvester und Party fallen für uns komplett aus. Ich bin schon froh, wenn wir die ersten Tage nicht an Deck einfrieren. Leider ist dies ja kein IMOCA Open 60 mit Cabrio-Cockpit und Autopilot, sondern ein offener Volvo 70. Wir sagen auf französisch ‚punition‘ (dt. ‚Strafarbeit‘, d. Red.). Das ist es, was wir in den ersten Tagen in der Kälte der nördlichen Gefilde erwarten.“

Mehr als einen Monat hatte „Maserati“ in Manhattan gelegen und auf ein perfektes Wetterfenster für den Rekordversuch gewartet. Nun endlich bekam Soldini das grüne Licht für den Start. Ziel ist es, den im Jahr 1848 aufgestellten Rekord für die Reise von New York nach San Francisco so weit wie möglich zu unterbieten. Damals war in Kalifornien Gold gefunden worden und so begaben sich die großen Segelschiffe auf schnelle Fahrt rund Südamerika. Die „Flying Cloud“ schaffte die Strecke in 89 Tagen und acht Stunden. Eine Bestzeit, die mehr als 130 Jahre nicht gebrochen wurde.

Mitte der 80er Jahre gab es dann einige Versuche, die jedoch keinen Erfolg brachten. Schließlich schrieb der Manhattan Sailing Club den „Clipper Challenge Cup“ für die Strecke aus. Im Jahr 1988/89 brach die „Thursdays Child“ den Rekord mit 80 Tagen und 20 Stunden. 1994 setzte Isabelle Autessier die Marke auf 62 Tage und fünf Stunden, bis Ives Parlier im Jahr 1998 die Zeit nochmals aus fantastische 57 Tage und drei Stunden reduzieren konnte. Sein Rekord mit „Aquitaine Innovations“ ist bis heute ungeschlagen.

„Am 31. Dezember loszufahren erinnert mich irgendwie dunkel an ein längeres Rennen mit meinem amerikanischen Buddy Ryan Breymaier“, sagt Boris Herrmann im Interview kurz vor dem Start. Vor genau zwei Jahren war der Oldenburger mit dem Amerikaner an Bord des IMOCA Open 60 „Neutrogena“ zum Barcelona World Race gestartet. Das Rennen beendeten die beiden nach genau 100 Tagen und auf dem fünften Platz. Für diesen Rekordversuch sind sie nun wieder als Crew vereint. „Im Moment ist jegliches vergangene aber kein großes Gesprächsthema“, sagt er weiter, „wir haben etliche Seemeilen und unser geliebtes Kap Horn vor uns. Hoffentlich schaffen wir es schnell bis dorthin und gern auch bis zum Ziel.“ 50 Tage sind sein Tipp. „40 wären ultra spektakulär, das kann ich mir im Moment aber noch nicht vorstellen, dafür müsste wirklich alles perfekt laufen. Eine Zeit gerade etwas unter dem Rekord von Parlier, dann wäre der Soll schon erfüllt.“

Für Herrmann, der bereits zwei Weltumsegelungen unter Regattabedingungen im Kielwasser hat, ist diese Rekordfahrt rund Südamerika ein großes, neues Abenteuer. „Ich bin sehr aufgeregt“, sagt er kurz vor dem Leinenloswerfen. „Komisch, denn beim letzten Rekord mit ‚Maserati‘ von Cadiz zu den Bahamas war ich völlig cool, zu cool vielleicht. Nun haben wir mehr als eine halbe Weltumseglung mit einer ziemlich verrückten Mannschaft vor uns.“ Doch „verrück“ ist vollkommen positiv gemeint, denn man muss wohl ein wenig verrückt sein, um solch ein Abenteuer mitzumachen. „Ich bin mir sicher, dass es eine der coolsten Seereisen wird, die ich jemals unternehmen werde“, sagt Herrmann, „Jedenfalls hat es noch nie so eine schillernde Truppe auf so ein brutales Rennschiff geschafft. Wir treten aber nicht an, um den Vogel abzuschießen, sondern ernsthaft diesen Rekord anzugreifen, den man nicht unterschätzen darf.“

Weitere Infos und Berichterstattung auf maserati.soldini.itborisherrmannracing.com – und natürlich auf YACHT-online.

Quelle: http://www.yacht.de/sport/news/es-wird-eine-der-coolsten-seereisen/a76825.html

 

Bloody freezing…

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Gemeinsam gefroren. Ich kann mich bloß nicht aufplustern…

Ahoi und Farewell

NY zeigt sich maritim. Pünktlich zum Jahresende steht ein Segeltörn ins Haus. Es geht von NYC nach San Francisco. Nicht, dass ich mitfahren würde, aber vor 4 Jahren haben Lina und ich ein Mitglied der Besatzung in Wellington, Neuseeland getroffen. Damals war Boris Herrmann mit seinem Co-Skipper im Rennen einer Regatta, die rund um die Welt führte. Morgen startet das Maserati Boot mit einer 8-köpfigen Besatzung aus der North Cove Marina, westl. Manhattan. Einen ausführlicheren Bericht findet ihr unten.

 

SET OFF IS DUE TOMORROW!

30 dec 2012

Maserati ready to challenge the New York-San Francisco record. Maserati’s departure towards San Francisco is expected tomorrow, on Monday 31st December, around 18pm (Italy time). Giovanni and Maserati’s team are expected to sail 13225 miles by Cape Horn in less than 57 days, 3 hours and 2 minuts (record by Yves Parlier with Aquitaine Innovations).

Boris Herrmann – navigator of Maserati – explains the weather conditions: “We are ready. Everything is prepared to leave tomorrow. Even the inside stacking is sorted and optimized for the upcoming weather: Everything movable in the boat has been stored to the starboard side and aft to help the boats’ righting moment with the expected winds from starboard in the next couple of days. In fact we expect strong westerly winds till the 3rd of january which makes this is a great moment for us to start the big “Gold-Route” – record around America. We plan to start tomorrow (monday) in the morning local time. Once we pass the famous “Ambrose Light Buoy”, the official record start line, it will be 6 pm in Europe.
We will be steering a general course of around 110 degrees – heading southeast – pushed along downwind in 30 to 35 knots and some increasing sea state. What a great way of welcoming 2013! Fingers crossed we wont have ice and snow for the start.
2nd of January we can expect to sail 150 or 200 miles north of Bermuda and getting rolled over by a strong cold front later that same day. At this point we will likely see some gusts up to 40 knots and wave heights up to 5,5 meters. After 3 days of power reaching we will be approaching a high pressure zone with diminishing winds. Already much warmer conditions by then will make forget the coldness of the north.
If everything goes to plan and we make it through the transition zone of the high pressure quickly, we will catch he trade winds at the end of day 5 and pick up speed again this time in much more pleasant conditions.
If the scenario sticks together we will be already close to the equator by day nine: The trade winds are well established and far north. All depends on how we get through the high pressure transition on the 4th/5th january and how we get through the doldrums…”.

Quelle: http://maserati.soldini.it/domani-si-parte/?lang=en

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Optimaler lässt sich kaum auf den Start warten – Liegestelle in der North Cove Marina mit Blick auf die Freiheitsstatue.

Segelrouten

 

NEW YORK – SAN FRANCISCO

The 13225 nautical miles that separate New York from San Francisco via Cape Horn, are an historic route, widely travelled by clippers that were involved in the gold rush starting from the second half of 1800.
The best result of the time was set in 1854 by Flying Cloud, exceptional vessel from the Boston shipyards, that reached San Francisco in 89 days and 21 hours, a record that stood for more than 130 years.
After several attempts by many boats, the 60-foot Thursday’s Child of Warren Luhrs arrived in San Francisco after 80 days and 20 hours in 1989. In 1994, Isabelle Autissier aboard Ecureuil Poitou took 62 days and 5 hours. Then, in 1998, Yves Parlier on board Aquitaine Innovations has dropped to 57 days, 3 hours, 2 minutes. This is the reference record for Giovanni Soldini and his crew who will try to beat it aboard the VOR70 Maserati, from the second half of December 2012.
The overall record in the multihull category belongs to Lionel Lemonchois that made the journey in 43 days and 38 minutes aboard trimaran Gitana 13 in 2008.

http://maserati.soldini.it/cartografia/?lang=en

Misty Lady, sunny Lady

29-12-2012

Vormittags fing es plötzlich an zu schneien. Ist wohl der erste wirkliche Schnee für NY in diesem Jahr. Nachmittags ging das dann allerdings in Regen und Nebel über. Ziemlich ungemütlich zwar, aber praktisch für einen Spaziergang entlang des Hudson Rivers – keine Menschenseele unterwegs. Und Wolkenkratzer, die nicht nur an Wolken kratzen, sondern sich in ihnen verhüllen, haben ihren ganz eigenen Charme. Glücklicherweise gibt es an jeder Ecke Starbucks, wo Aufwärmen gar kein Problem darstellt – höchstens für den Kontostand. Ein Cappuccino bei dem Laden kostet hier immerhin auch noch stolze 3 Euro.

Es gibt hier ne Menge cooler Dachterrassen. Ist leider nicht so die passende Jahreszeit, aber Ideen haben die New Yorker. Und über den Dächern ist die Freiheit zwar auch nicht grenzenlos, aber das bisschen Extraraum kann man künstlerisch bis funktional nutzen. Die Ex- und aktuelle S13 kann sich da mal ein Beispiel nehmen. YES, we can.

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Verdammt, die sind aber auch wirklich genau hier um die Ecke! Da kann ich dann auch nix dafür…
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Konkurrenz um den Status der Statue?!


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30-12-2012

Heute sah es schon wieder ganz anders aus. Sonnig und klar, aber ziemlich frostig. Vor allem der Wind, der durch die Häuserschluchten pfeift ist brutal. Beim Joggen am Hudson waäre ich heute früh fast weggepustet worden. Das Eis auf den Wegen war auch nicht ohne. Und trotz des Laufens war ich nachher so durchgefroren, dass ich mich das erste Mal richtig über die non-stop auf Hochtouren laufende Heizung in der Wohnung gefreut habe. Trotz der Kälte aber ein genialer Tag für Spaziergänge durch die Stadt.


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Gebührendes Abendessen als Abschluss einen langen Tages. Und dann noch Tatort per ARDmediathek. Gute Nacht in die Nacht, die bei euch schon lange ist und hier noch wird.

Lichter

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Ich glaube, ich bin da.

New York nachts um 01:00. Ich habe endlich den Rucksack abgeworfen und liege in einer Wohnung im 12. Stock, 86. Straße auf einer schmeichelhaft weichen Matratze. Allerdings wäre gerade selbst der härteste Knochen von Isomatte gemütlich. Ich bin müde – die Reise war lang. Hamburg-London-JFK New York. Sie haben mich reingelassen, die Kontrollfreaks. Alles gut. Nur eine kurze Verirrung in der Subway eben, falscher Zug, zu weit gefahren. Bisschen unheimlich. Aber Yellow Cab ist was für Anfänger.

Die Heizung pustet trockene Luft in den Raum. Abschalten kann man hier gar nichts. Lassen wir also die kühle Nachtluft durchs Fenster säuseln. Und mit ihr all die anderen Geräusche einer neuen Stadt. Die Dächer sehen genauso aus wie in den Filmen. Und vor einem meiner Fenster steigt im zickzack eine rostige Feuerleiter nach oben. Das Bekannte Unbekannte. Dank Hollywood. Im Osten kann man durch die Hochhäuser Wasser sehen, und Bäume. Central Park. Aber vor allem sind da Lichter. Überall. Nächte in New York gefallen mir jetzt schon. Und obwohl die Stadt nie schläft gehe ich schlafen. Vielleicht liegt morgen früh schon Schnee.

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Unfertig Ready To Go

Eben noch heulten im Bunkerballsaal Feldstraße die Sirenen auf, reimten und redeten Poeten sich um Kopf und Kragen, brachte Michel Abdollahi seinen Whiskey mit tiefen Blicken ins Glas um die Ecke. Hamburgs härteste Arena, Bunker Slam. Geistreich wunderbar, wie passend für einen abendlichen Abschied. Für den letzten Abend in der schönsten Stadt. Farewell, Hamburg meine Perle!

Ich warte darauf, dass mein Rucksack sich von selbst packt und ich schlafen gehe. Bis mein Wecker mich morgen früh mit den Worten: „Guten Morgen, es ist Zeit den Kontinent zu wechseln!“ leichtfüßig aus dem Bett springen lässt. Und ich noch alle Zeit der Welt habe bis nachmittags der Flieger in Richtung Vereinigte Staaten von Amerika abhebt…Träumchen!

Stattdessen lege ich eine Nachtschicht ein. Kein Ponyhof, kein selbstpackender Rucksack. Und wenig Schlaf ist auch mit von der Partie. Sie verstehen sich gut, die letzte Sekunde und das Chaos. Seelenverwandtschaft. Aber wie soll man auch ausgeschlafen im Flugzeug ein Auge zukriegen. Morgen also. Wieder losziehen. Über Los ziehen. Hoffentlich. Allerdings wohl eher Scheine ausgeben als einziehen. Drei Monate New York könnten in jeder Hinsicht spannend werden. Lassen wir uns überraschen.

Auf jenem diesem meinem blogmopped (zur Info für alle Nichteingeweihten: „mopped“ ist so wie „schlumpfen“, nur halt für Subjektive, nicht für Verben – kann für jeglichen Gegenstand verwendet werden. Vor allem aber oft in Kombination mit einem Wort, das schon auf den beschriebenen Gegenstand hindeutet, beispielsweise „Marmeladenmopped“ = Marmeladenglas, oder aber wenn der passende Ausdruck für einen Gegenstand gerade nicht ganz vorne auf der Zunge liegt, Dinge die man sonst ugs auch als „Ding“ oder „Pinökel“ beschreiben würde, wie „Gib mir mal das,..äh…das (Schreib-) Mopped da rüber“…. ) gibt es dann und wann Neuigkeiten aus der Stadt auf der anderen Seite des großen Teiches. NEW YORK. Soll ja nett sein.

Ich sag heute nochmal ganz nordisch tschüss und moin moin ihr Land- und Wasserratten, bevor sich demnächst wahrscheinlich die Anglizismen tricky in mein blogmopped sneaken…

Also, haltet die Ohren steif Matrosen! Ich segle nicht, ich fliege. Und das wird die Zeit auch tun. Was sind schon drei Monate? Immerhin drei Monate! We will see, we will see. Ich melde mich von Übersee. Machts gut, bis bald. AHOI. Schreibt Bentschie, die noch immer nicht auf gepackten Koffern sitzt.

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New York – Die Surfer aus der atemlosen Stadt

20.06.2011 ·  Morgan Collett importiert das Lebensgefühl der Westküste und die ewige Jagd nach der perfekten Welle in die Stadt der Ambition: Sein „Saturdays“ ist der einzige Surfer-Shop in New York. Strand und Wellen gibt es auch hier genug.

Von CLAUS BIERSCHNEIDER, NEW YORK

surf© CLAUS BIERSCHNEIDER

Morgan Collett ist mit Leib und Seele Surfer, doch um diese Uhrzeit wünscht er sich jedes Mal wieder, er hätte sich einen bequemeren Sport ausgesucht. Es ist Viertel vor fünf in Manhattan, und die Stadt, die angeblich niemals schläft, macht zumindest ein kurzes Nickerchen. Auf dem Broadway kann man mit dem Fahrrad Schlangenlinien fahren, außer den Müllwagen und den ersten Zeitungslastern ist kein Auto weit und breit zu sehen. Sogar die gelben Taxis haben Feierabend gemacht.

Morgan ist vor zwei Stunden nach Hause gekommen, er hat bis um halb drei in der Bar des Thompson-Hotels aufgelegt. Jetzt steht er im Kellerraum seines Geschäfts in der Crosby Street auf der Lower East Side und wachst sein Brett, als sein Partner Josh zur Tür hereinkommt und auf seinem MacBook ein letztes Mal die Wellen- und Windverhältnisse entlang der Küste von New Jersey checkt. Morgan und Josh sind die Inhaber von „Saturdays“, dem einzigen Surf-Shop von New York. Beide kommen von der Westküste, Josh aus Seattle, wo man am Freitagnachmittag zum Snowboarden in die Berge fährt, und Morgan aus Südkalifornien, wo Surfen im Sportunterricht Pflichtfach ist und manche Banker in der Mittagspause in die Shorts steigen, um ein paar Wellen zu reiten. Und beide wollten auf diesen Lebensstil nicht verzichten, als sie nach New York kamen. Sie wollten beweisen, dass man auch hier anders leben kann, als sich nur bei der Hatz nach Geld und Erfolg aufzureiben, wollten den freien Lebensstil der ewigen Jagd nach der perfekten Welle in die Stadt der Ambition und der Atemlosigkeit importieren.

Und warum auch nicht. Strand und Wellen gibt es in New York genügend. Nur eine halbe Stunde mit der U-Bahn entfernt, noch auf dem Stadtgebiet, liegt neben dem Kennedy-Flughafen die Halbinsel Far Rockaway. Die Leute, die dort in den Plattenbauten am zehn Kilometer langen Strand leben, surfen schon seit Jahrzehnten. Gleich dahinter fängt Long Island an mit 300 Kilometern Küstenlinie. Am äußersten Zipfel der Insel, in Montauk, schwellen zur Orkansaison im Herbst die Wellen bis zu vier Meter hoch. Und in Richtung Süden schwappt der Atlantik bis hinunter nach Atlantic City auf feinsten weißen Sand. Nach Sandy Hook, dem nördlichsten Strand von Jersey, kann man vom Südzipfel Manhattans aus sogar mit der Fähre fahren.

surf© CLAUS BIERSCHNEIDERAuch an der Ostküste gibt es Wellen: Morgan Collett in Aktion
Jeder will nur noch eine Welle reiten – und noch eine

Rund um das „Saturdays“ hat sich eine kleine Surfer-Community gebildet, die tagsüber den efeuüberwucherten Hinterhof des Ladens im Szene-Viertel SoHo bevölkert und gemeinsam rausfährt, sobald der Wind und die Wellen günstig sind. So wie heute früh. Es ist nicht einmal halb sechs, als die Kolonne von drei Autos die Mautstation am Ausgang des Holland Tunnel in New Jersey passiert, die Dachgepäckträger mit Boards voll gestapelt. Als es um Viertel nach sechs dämmert, sieht die Welt schon viel freundlicher aus. Der „Saturdays“-Konvoi biegt auf den Parkplatz von Monmouth Beach ein; acht müde Gestalten schlurfen an die Strandpromenade, lehnen sich an das Geländer und blinzeln durch dunkle Sonnenbrillen in die aufgehende Sonne, deren Strahlen fröhlich über das Wasser tanzen.

„Auf geht’s, Jungs, Surfen macht Spaß“, sagt Morgan nach zehn Minuten des stummen, meditativen Wellenstudiums, nicht zuletzt, um sich selbst dazu zu motivieren, in das zwölf Grad kalte Meer zu springen, in vier Millimeter dicken Neoprenanzügen. Eine Viertelstunde später kommt Morgan mit einem breiten Grinsen und seinem Board unter dem Arm von ganz weit außen den Strand hinuntergelaufen. Er ist gerade eine Drei-Meter-Welle geritten, bis er Sand unter dem Kiel hatte, und hat dabei den „salzigen Jungs aus Jersey“, wie er die Homeboys von hier nennt, gezeigt, was die New Yorker Wellenreiter so draufhaben. Drei Mal hat er das Brett dabei gegen die Wellenrichtung gewendet, ist mit seinem kleinen, wendigen Board senkrecht über den Kamm in die Luft geschossen und nach einem Snowboard-artigen Dreher wieder präzise im Wellentunnel gelandet. Zwei Stunden und ein gutes Dutzend Wellen später fällt Morgan ein, dass in Manhattan ein Geschäft auf ihn wartet. Mit größter Mühe sammelt er Josh und die anderen ein, die bei ihm im Laden arbeiten. Jeder will nur noch eine Welle reiten. Und noch eine. Und noch eine.

Hochbetrieb im „Saturdays“

Um halb elf erscheint das alles nur noch wie ein Traum. Joshs Kombi steht im dichten Verkehr der völlig verstopften Canal Street. Taxifahrer hupen, Fahrradkuriere drängeln sich zwischen Stoßstangen hindurch und fluchen, Polizisten blasen verzweifelt in ihre Trillerpfeifen. Josh und Morgan bearbeiten beide hektisch ihre Blackberrys, machen Termine, ärgern sich mit Nähereien für ihre T-Shirts in Hongkong und mit Fotografen herum, die ihre Herbstkollektion schießen sollen.

Als sie in der Crosby Street ankommen, ist bereits Hochbetrieb im „Saturdays“. Das Bürovolk aus dem Viertel steht an der Espressobar Schlange und wühlt nebenbei durch die Strandmode, die den rustikalen Raum mit seinen rohen Backsteinwänden füllt. Schließlich steht der Sommer vor der Tür. Als Josh und Morgan ihre Bretter und die Taschen mit den Surfklamotten in das Büro im Keller pfeffern, um sich an die Arbeit zu machen, rieselt ein Häuflein Sand aus New Jersey auf den Waschbetonboden. „Morgen früh Rockaway?“, fragt Josh seinen Kumpel. Morgan nickt, blinzelt ihm zu. Morgen früh Rockaway, was sonst?

Quelle: F.A.S.

Es interessiert mich nicht…

Es interessiert mich nicht, was du beruflich machst.

Ich möchte wissen, wonach du dich sehnst

und ob du es wagst, davon zu träumen,

deines Herzens Sehnsucht zu stillen.

 

Es interessiert mich nicht, wie alt du bist,

ich möchte wissen, ob du es riskieren wirst,

wie ein Narr zu wirken,

um der Liebe willen, um deiner Träume willen,

für das Abenteuer des Lebens.

 

Es interessiert mich nicht, welche Planeten im Quadrat zu deinem Mond stehen.

Ich möchte wissen, ob du das Zentrum deines eigenen Kummers berührt hast, ob du durch des Lebens Verrat geöffnet worden bist oder ob du dich verhärtet und verschlossen hast aus Angst vor weiterem Schmerz.

Ich möchte wissen, ob du Schmerz aushalten kannst,

meinen oder deinen eigenen, ohne ihn verstecken, verkleinern oder heilen zu wollen.

Ich möchte wissen, ob du Freude erleben kannst,

meine oder deine eigene:

ob du mit Wildheit tanzen kannst und dich von Ekstase auffüllen lässt bis in die Finger- und Fußspitzen, ohne uns zu ermahnen vorsichtig oder realistisch zu sein oder uns an die Beschränkungen des Mensch-Seins zu erinnern.

Es ist mir egal, ob die Geschichte, die du mir erzählst, wahr ist.

Ich möchte wissen, od du jemand Anderen enttäuschen kannst,

um dir selbst treu zu bleiben;

ob du die Anschuldigung des Verrats ertragen kannst,

ohne deine eigene Seele zu verraten.

Ich möchte wissen, ob du treu sein kannst und damit vertrauenswürdig.

Ich möchte wissen, ob du die Schönheit sehen kannst,

selbst wenn sie nicht jeden Tag hübsch anzuschauen ist,

und ob du den Ursprung deines Lebens aus ihrer Gegenwart entnehmen kannst.

Ich möchte wissen, ob du mit Misserfolgen leben kannst,

deinen oder meinen,

und dennoch am Ufer eines Sees stehend dem silbernen Mond zurufen kannst: „Hurra!“

 

Es interssiert mich nicht, wo du lebst oder wieviel Geld du hast.

Ich möchte wissen, ob du nach der Nacht der Trauer und Verzweiflung aufstehen kannst, erschöpft und zerschlagen,

und für dich sorgen kannst, wie es nötig ist.

 

Es ist mir egal, wer du bist oder wie du hierher gekommen bist,

ich möchte wissen, ob du mit mir inmitten des Feuers stehen wirst,

ohne zurück zu zucken.

 

Es ist mir gleich, wo oder was und bei wem du studiert hast.

Ich möchte wissen, ob du mit dir alleine sein kannst,

und ob du deine Gesellschaft in den leeren Momenten wirklich magst.

 

(Oriah Mountain Dreamer, Indian Elder)

Fragen an einen Freund

FRAGEN AN EINEN FREUND

• An welchem Tag meines Lebens wärst du gerne dabei gewesen?

• Was war dein erster Eindruck von mir?

• Welche Mutprobe täte mir gut?

• Sind wir in 20 Jahren noch Freunde?

• Was könnte dazu führen, dass wir es nicht mehr sind?

• Welche Sorge mache ich mir umsonst?

• Soll ich dir sagen, wenn dein Partner dich betrügt?

• Welche Eigenschaft hatte ich vor zehn Jahren noch nicht?

• Welches meiner Talente unterschätze ich?

• Was soll ich mir für 100 Euro einmal leisten?

• Habe ich Mundgeruch?

• Was besitze ich, was du gerne hättest?

• Welches Problem zwischen uns hast du dich nie getraut anzusprechen?

• Bis wann in der Nacht würdest du mich anrufen?

• Spontan: Ein Tisch, an dem wir zusammensaßen, und worüber wir sprachen?

• Was ist/wäre schwierig daran, mein Kind zu sein?

• Was ist/wäre schwierig daran, mein Partner zu sein?

• Welcher Satz von mir klingt dir noch in den Ohren?

• Welchen Satz möchtest du von mir nicht mehr hören?

• Wann war ich dir unsympathisch?

• Über wen rede ich viel zu schlecht?

• Welche Facette fehlt meinem Stil?

• Was findest du nur bei mir?

• Wie heißt der Ort, aus dem ich komme?

• Ein Moment, in dem du etwas von mir gelernt hast?

• In welches Abenteuer sollte ich mich an einem Freitagabend mal stürzen?

• Wofür schäme ich mich zu Unrecht?

• Was sollte ich jeden Tag fünf Minuten lang tun?

• Worauf eine Woche verzichten?

• Würdest du mit mir auf eine Berghütte fahren?

• Wenn ja: wann?

• Welche meiner Eigenschaften würdest du in meiner Grabrede erwähnen?

• Welche lieber nicht?

(aus: ZEITmagazin 26.01.2012)

Project: Running

„No matter what: keep up the running. Running every day is a kind of lifeline for me. So I am not going to lay off or quit just because I am busy. If I used being busy as an excuse not to run, I’d never run again. I have only a few reasons to keep on running and a truckload of them to quit. All I can do is keep those few reasons nicely polished. “

(Haruki Murakami, „What I talk about, when I talk about running“)

Ab heute. Sechzehnter Zehnter Zweitausendzwölf. Sechs Tage die Woche. Egal welches Wetter, früh oder spät. Bis zum Siebenundzwanzigsten Zwölften Zweitausendzwölf. Wieder die Laufschuhe schnüren. Lang vermisste Strecken zurücklegen. Das ist das Projekt. Der Mensch braucht Rituale. Und ich, ich muss wieder laufen.

Mönch am Meer

Mönch am Meer (Casper David Friedrich)

»Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine unbegrenzte Wasserwüste hinauszuschauen. Dazu gehört gleichwohl, dass man dahin gegangen sei, dass man zurück muss, dass man hinüber möchte, dass man es nicht kann, dass man alles zum Leben vermißt und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Flut, im Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, in dem einsamen Geschrei der Vögel vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch, um mich so auszudrücken, den einem die Natur tut. Dies aber ist vor dem Bilde unmöglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nämlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild tat; und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild war die Düne, das aber, wohinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei geheimnisvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob es Youngs Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm(en), zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären. Gleichwohl hat der Maler zweifelsohne eine ganz neue Bahn im Felde seiner Kunst gebrochen; und ich bin überzeugt, dass sich, mit seinem Geiste, eine Quadratmeile märkischen Sandes darstellen ließe, mit einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krähe einsam plustert, und dass dies Bild eine wahrhaft Ossiansche oder Kosegartensche Wirkung tun müsste. Ja, wenn man diese Landschaft mit ihrer eignen Kreide und mit ihrem eigenen Wasser malte; so, glaube ich, man könnte die Füchse und Wölfe damit zum Heulen bringen: das Stärkste, was man, ohne allen Zweifel, zum Lobe für diese Art von Landschaftsmalerei beibringen kann.
- Doch meine eigenen Empfindungen, über dies wunderbare Gemälde, sind zu verworren; daher habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage, vorgenommen, mich durch die Äußerungen derer, die paarweise, von Morgen bis Abend, daran vorübergehen, zu belehren.«

Clemens Brentano (1778-1842),
bearbeitet durch Heinrich von Kleist (1777-1811),
aus den »Berliner Abendblättern« Nr. 12 vom 13. Oktober 1810

Asphaltwüste

Ich wollte immer überall leben, nur nicht dort wo ich war. Am Meer, in den Bergen, in der Stadt, Großstadt, lieber Kleinstadt. Ich vermisste nie einfach nur, ich sehnte schmerzlich. Nach dem anderen Lebensentwurf, den ich gerade nicht lebte.

Die große Brücke. Hoffnungsvoll, einen Fluss zu erblicken. Natur zwischen grau verputzten Mauern zu finden. Freiheit zu schmecken, Ausblick auf Fernsicht zu haben. Aber es waren Schienen im Abgrund. Strommasten und ratternde Züge. Ohne Horizont. Mit Tunneln stattdessen, ohne Licht am Ende, nur Düsternis. Ich hatte so gehofft.

Stadtkindsein hat Grenzen. Ich mag keine Parks. Sie gaukeln einem Freiheit vor, bis man an den Rand stößt. Dann wieder Asphaltwüste. Und Blick niemals so weit das Auge reicht. Nur bis zur nächsten Mauer. Die steht immer noch. Und nicht nur eine.

Das Leben schreibt so unterschiedliche Geschichten. Stirbt Freiheit mit Sicherheit?

„There was once a man who became unstuck in the world – he realized that he was not his car, he realized that he was not his job, he was not his phone, his desk or his shoes. Like a boat cut from its anchor, he’d begin to drift.“

„There was once a man who became unstuck in the world – he took the wind for a map, he took the sky for a clock, and he set off with no destination. He was never lost.“

 „There once was a man who became unstuck in the world – instead of hooks or a net, he threw himself into the sea. He was never thirsty.“ 

„There was once a man who became unstuck in the world – with a Polaroid camera he made pictures of all the people he met, and then he gave all the pictures away. He would never forget their faces.“

„There was once a man who became unstuck in the world – and each person he met became a little less stuck themselves. He traveled only with himself and he was never alone.“

„There was once a man who’d become unstuck in the world – and he traveled around like a leaf in the wind until he reached the place where he started out. His car, his job, his phone, his shoes – everything was right where he’d left it. Nothing had changed, and yet he felt excited to have arrived here – as if this were the place he’d been going all along.“

(Castles in the Sky, T. Steele)

Reich an Koffein

„Die beste Methode, das Leben angenehm zu verbringen, ist, guten Kaffee zu trinken. Wenn man keinen haben kann, so soll man versuchen, so heiter und gelassen zu sein, als hätte man guten Kaffee getrunken.
(Jonathan Swift)

Streifzüge durch den Kiez Prenzlauer Berg sind vor allem eins: koffeinhaltig.

Ich falle aus meiner neuen Wohnung, die übrigens ganz berlinerisch in einem wunderbaren, von außen kaum zu erahnenden Innenhof liegt, und tauche ein in eine andere Welt. Eine Welt voller Cafés. Große und kleine, kitschige und geschmackvolle, günstige und relativ günstige, kreativ gestaltete und total freakige. CAFÉS. KAFFEE. Soweit das Auge reicht. Kein Land in Sicht, manchmal, aber immer ein Café. Die Grenze zur Überforderung ist längst überschritten. Unglaubliche Auswahl versus Entscheidungsschwierigkeiten. Lassen wir sie gemeinsamen Weges gehen. Seit einer Woche stecke ich in diesem Labyrinth aus Cappuccino, Café Latte, Espresso, gelegentlich auch Grünem Tee, Muffins, Kuchen und co. Und: ICH LIEBE ES ! Sich im Prenzlauer Berg ‚durchzubeißen‘ heißt genau das. Ausprobieren. Den Weg aus dem Irrgarten zu finden bedeutet sich ins nächste Vergnügen zu stürzen. En garde!

Ein ganz besonderes Kleinod liegt in der Sredzkistraße, die zwar unglaublich schwer auszusprechen, dafür aber ganz schnell per pedes zu erreichen ist. Das Café ‚elbspeicher‘ ist ein kleines Stück Hamburg in Berlin. Durch und durch nordisch, mit Möbeln aus splittrigem alten, Holz, blau-weißen Polstern, Kaffeebohnen aus der Elbgold Kaffeerösterei in der Hamburger Speicherstadt und vor allem gibt es Franzbrötchen. Klitschig und butterweich. Ein Gedicht. Das will was heißen, denn die Franzbrötchenqualität ist in der Regel eine kritische Sache. Das war Liebe auf den ersten Blick. Und den ersten Geschmack. Die ewigen Currywurstrivalen Hamburg und Berlin können anscheinend doch ganz gut harmonieren.

Der Kiez lässt sich der Fülle von Cafés entsprechend auch ziemlich gut „abfrühstücken“. Samstag um zehn. Bei Anna Blume bogen sich die Tische unter der Last von reichhaltig beladenen Frühstücks-Etageren, dampfenden Tassen und diversen Ellenbogen. So wechselten wir die Straßenseite und fanden, oh Wunder, ein CAFÉ. Ein, zwei, drei, vier, fünf. Mal Café, fünfmal Frühstück. Und dabei diskutierten wir. Wie die Erwachsenen, so ganz groß. Aber nicht arrogant (4 Kuwis am Tisch, keine BWLer). Über Finanzhaie, Goldman Sachs, Kapitalismus in der Krise und überhaupt suchten wir nach der Moral. Beschlossen verantwortungsvoll und glücklich im eigenen Mikrokosmos zu leben. Und wollten doch irgendwie noch die Welt retten. Und wir. Hier. In 30 Jahren. Wie? Und wir schweiften ab zu literarischen Klappstühlen und abgelehnten Nobelpreisen. Schlidderten in Gefilde der sexuellen Verklemmtheit und erfuhren, dass man in Dänemark oder so ‚Sexologie‘ studieren kann. Und Jesus ist auch nie über Wasser gegangen, immer schon über Bier. Es war dreizehn Uhr als wir vom Frühstück aufstanden. Belebt und doch. Uns wieder trennen mussten. An einer Kreuzung in Berlin. Solche Tage sollte es öfter geben. Und neben dem Zusammensein war natürlich auch der Café gut. Im Café ‚Sowohlalsauch‘. Lecker Café!

 

Inselgedanken

Blick nach vorne. Blick zurück. Wechselspiel. Habe einen alten Eintrag gefunden, der in der Zwischenablage versauerte. Er soll seinen Auftritt bekommen. Bühne frei.

27. Juli 2012

9.02 Uhr. Auf dem Weg zur NOB nach Sylt. Die Sonne flutet ihr warmes Morgenlicht durch die Straßen der Stadt. Die S-Bahn rattert durch Altona. Graffitti an Häuserwänden. Großstadtlärm klingt in der Luft – so vertraut. Sehnsüchtig erwartet. „Ich rieche den Dreck, ich atme tief ein, und dann bin ich mir sicher, wieder zu Hause zu sein“. Wieder Nordlicht sein. Die Dünen warten.

Die Nacht am Strande

Sternlos und kalt ist die Nacht,

Es gärt das Meer;

Und über dem Meer, platt auf dem Bauch,

Liegt der ungestaltete Nordwind,

Und heimlich, mit ächzend gedämpfter Stimme,

Wie ’n störriger Griesgram, der gut gelaunt wird,

Schwatzt er ins Wasser hinein,

Und erzählt viel tolle Geschichten,

Riesenmärchen, totschlaglaunig,

Uralte Sagen aus Norweg,

Und dazwischen, weitschallend, lacht er und heult er

Beschwörungslieder der Edda,

Auch Runensprüche,

So dunkeltrotzig und zaubergewaltig,

Daß die weißen Meerkinder

Hoch aufspringen und jauchzen,

Übermutberauscht.

(Heinrich Heine)

Machs gut, Passau!

Zeit vergeht. Nicht wie im Fluge. Sie rennt auch nicht, sie rast nicht. Sie vergeht einfach. Und mit ihr der ein oder andere Lebensabschnitt. Drei Jahre Passau, drei Jahre Bachelorstudium sind mit diesen Zeilen so gut wie Geschichte. Eine Erinnerung. Wer kann das schon verstehen? Dazu braucht es wohl Zeit. Zur Reflektion.

Ich sitze in einem leeren Zimmer. Frisch gestrichen. Nicht perfektionistisch, aber funktional. Ausreichend für eine Studentenwohnung. Meine Finger sind noch mit weißer Farbe bekleckst und das Tippen der Tastatur hallt wider in den vier Wänden, die noch immer und doch schon so gar nicht mehr die meinen sind. Es nie waren und doch so schienen. Die Kartons stehen fertig gepackt zur Abreise in der Abseite (norddeutsch für „Nische, Rumpelkammer“…man gewöhnt sich hier mit der Zeit an kulturelle Unterschiede). Der Mietwagen ist bestellt. Morgen geht es gen Norden. Neue alte Heimat. Und wieder nur Zwischenstation.

Aber noch bin ich hier. In diesem leeren Zimmer voll Erinnerung. Ich lege mich nochmal auf den jetzt teppichlosen Boden. Stelle mich auf den Schreibtisch. Krieche unter das Bett. Perspektivenwechsel. Mir kommt es vor, als könne ich noch nicht gehen. Ich habe doch noch nicht alles gesehen. Alles ausprobiert. Aber so ist das immer. Am Ende macht man die Augen auf. Irgendwann lernt man vielleicht daraus. Seize The Day, und so. Drei Jahre sind lang. An was denkt man, wenn eine Erinnerung so weit und vielfältig ist? Passau, wie ich dich zwischendurch gehasst habe. Du niederbayerischen Kaff, Nebelloch, Provinznest. Manchmal warst du wirklich ein Gefängnis für ein Großstadtkind mit nordischer Seele. Das war nicht ganz fair. Tut mir leid. So schlimm war es gar nicht. Nur manchmal.

Über den Dächern von Passau. Wenn der Vermieter wüsste. Wir waren die Freunde des Sternenschlummerns. Mit Sternen-App und dabei gar nicht unromantisch. Haben Würstchen im Eimer gegrillt und spätes Frühstück genossen. Mit eigenem Gemüsebeet einen Schritt in Richtung Autarkie gewagt als EHEC über uns hereinbrach. Gitarre und mit den Schatten der Abendsonne gespielt. Im Schlafsack klirrender Märzluft getrotzt und über Gott, eher Buddha, und die Welt philosophiert. Der sengenden Julisonne ALLE Körperteile zugewandt (…). Die Vögel auf dem Kirchturm nebenan beobachtet, dem Inn beim Fließen zugeschaut, den Worten des Stadtführers gelauscht. Und manchmal habe ich einfach nur dagesessen. Das Dach wird mir fehlen.

Gisela, Gisela, selige Gisela. Unser Hausgeist. Altes Mädchen, auch du wirst mir fehlen. Aber nicht halb so sehr wie die Freundschaften, die entstanden sind. Um bestehen zu bleiben, hoffentlich. Wieder verstreuen wir uns in alle Welt. Wortwörtlich. Weit, abenteuerlich, voll von Möglichkeiten. Aber eins kann die Welt da draußen nicht. So gemütliche Steinweg -Teppich-Tee-Abende sind schwer zu ersetzen. Innrunden, Ilztunnel, Wernsteinläufe und Donaubrücken bleiben die beste Marathonvorbereitung. Besseres Essen als in der S-13 lässt sich in den erlesensten Restaurants nicht finden, der Drache mit Tetrismelodie wandert nur auf roten Schlafsofas. Und morgens Café barfuß am Inn schlürfen geht eben nur hier am Fuße des Schwabgäßchens. Ein bisschen Wehmut lässt sich wohl nicht vermeiden. Das ist gut so. Wenn man nicht flieht, sondern lächelnd Abschied nimmt.

 Also dann, die letzte Nacht. Es riecht nicht mehr nach Farbe. Sie ist schon getrocknet. Morgen werden die letzten Bücher abgegeben. Vielleicht einen letzten Cappuccino in der Mensacafete trinken. Ein letztes Mal mit dem Rad am Inn entlang fahren und den alten Leuten, die sich darüber beschweren, lächelnd ein „Ihnen auch noch einen schönen Tag“ zurufen. Das nächste Mal wenn ich komme bin ich nur noch Tourist. Gott (Buddha) sei Dank nicht so einer mit Knopf im Ohr. Obwohl, eine Stadtführung steht noch auf meiner To-Do-Liste… wir werden sehen. Machs gut, Passau. Es war schön mit dir!

Aufbruch

Es ist  Zeit aufzubrechen. Zeit, neue Wege einzuschlagen. Mal wieder. „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“ sagt Hesse. Und so lässt man zurück, entflieht dem Alltag, der sich nie einstellte. Weil er keine Zeit fand in unser Schnelllebigkeit. Und doch scheint der Trott hinter jeder Ecke zu lauern, bereit zum Sprung. Deshalb fliehen wir. Bevor die Monotonie von uns Besitz ergreifen kann sind wir auf und davon. Der Rastlosigkeit folgend. Denn wir, wir haben Panik vor Enge. Entwickeln klaustrophobische Ängste in der Tretmühle der Gesellschaft. Immer weiter laufen, weiter suchen, niemals finden?

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe/ Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,/ Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern/ In andre, neue Bindungen zu geben./ Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,/ Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ So ziehen wir also los. Ziehen weiter, zu neuen Orten, neuen Menschen, neuen Erfahrungen. Aber vergessen nicht. Nehmen mit in der Erinnerung was uns prägte. Bemüht um ein Leben im Hier und Jetzt – Carpe Diem. Stattdessen Sehnen und Vermissen im Augenblick der Gegenwart. Doch „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten„. Wir finden Trost in der Unstetigkeit. Wir sind Suchende. Noch können und müssen wir weiterziehen. Und so machen wir uns auf.

Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Treibholz

 

Prolog

Piepton.

Sie haben vier neue Nachrichten.

Erste Nachricht.

„Schönen guten Tag, Ulrike Wilmers, BMW Personalmanagement. Herr Martens, Sie waren heute früh um 10 Uhr zu einem Assessment Center Meeting bei uns eingeladen. Bedauerlicherweise sind Sie trotz Zusage nicht erschienen. Ich bitte Sie um Rückruf, damit wir die Angelegenheiten klären können. Vielen Dank.“

Ende der ersten Nachricht.

Zweite Nachricht.

„Hallo Justus, hier ist Bernd. Die Sekretärin meines Vorgesetzten hat gerade angerufen, weil sie dich nicht erreichen kann. Wieso warst du nicht bei dem Assessment Center? Ich hoffe, es gibt einen guten Grund für dein Fernbleiben. Das war mit gerade ziemlich peinlich, verstehst du?! Ich habe mich extra stark gemacht für dich. Betont, wie zuverlässig du bist. Melde dich bitte asap.“

Ende der zweiten Nachricht.

Dritte Nachricht.

„Justus, hallo, hier ist Mama. Sag mal wo bist denn du? Ich habe schon fünfmal angerufen. Papa und ich wollen wissen, wie das Gespräch bei BMW gelaufen ist. Wir sind so neugierig. Ruf doch mal an mein Schatz, ja?! Bis bald, tschü-hüs und küsschen. Mama.“

Ende der dritten Nachricht.

Vierte Nachricht.

„Ey Alter, hier is Hannes. Man wo steckst du? Ich muss dir was erzählen. Hey, rat mal, was ich gerade gemacht hab…BÄM, den Bali Flug gebucht! 27. März geht’s los. Du MUSST mich besuchen kommen, Dude. Das Praktikum da wird so der Hammer. Hab gerade nochmal auf der Homepage gesehen, dass das Boot der Firma da regelmäßig die Pro Surfer aufs Meer rausschippert. Geilste Surfsessions mit den ultra cleanen Wellen. Ein Traum. Ich hab dir n paar Videolinks auf facebook geschickt.  Ey, da schleus ich uns mit auf so n‘ Trip. Surfen, surfen, surfen !! Ruf an Junge, RUF MICH AN !!“

Ende der vierten Nachricht.

Keine neuen Nachrichten.

Ein letzter Piepton.

Die Worte hallten in ihm wieder wie ein Echo. Von Wänden aus kaltem Stein. Er fühlte sich leer, so unendlich müde. Wie sollten sie ahnen, was in ihm vorging? Die Gedanken, die er teilte, waren nicht die, die er Tag und Nacht mit sich herumschleppte. Gedanken, die in seinen Kopf Eingang, aber keinen Ausgang fanden. Rasende Kopfschmerzen quälten ihn. Was er wollte, das wusste er nicht wirklich. Es war schlicht zu viel was auf ihn einströmte, ihn durchströmte und doch ernüchtert zurückließ. Sein Leben kam ihm vor, wie eine schwindelerregende Irrfahrt in einem Labyrinth der tausend Pfade. NO EXIT an jeder Weggabelung. Justus rief nicht zurück. Er floh.

Wellenentstehung.

Der Luftdruck war immer weiter gefallen, die Isobarenlinien enger und enger zusammengerückt. Über Europa legte sich die kalte Jahreszeit und das Islandtief sandte als Vorboten wilde Herbststürme aus. Dort draußen braute sich ein Unwetter zusammen und schon seit langem pfiff ein eisiger Wind über den Nordatlantik. Er fuhr in jede Woge, in jedes Wellental, das sich ihm bot und verwandelte das eisgraue Meer in eine Sturmsee. Wellen türmten sich auf, liefen in alle Richtungen. Größere verschluckten kleine Wasserberge, nahmen sie in sich auf. In den Wintermonaten wurden die Wellentäler besonders tief und  die Wellenkämme erhoben sich zu  hohen, grauschwarzen Monstern. Der Wind trieb die Wellen Richtung Südwesten, fort aus dem Auge des Sturms. Vier Tage wanderten die Wassermassen, um die Biscaya zu erreichen. Dort brandeten sie als unruhige See an die französische Atlantikküste.

1600km. Er fuhr die ganze Nacht. Nach Süden, dann Südwesten. Mit einer alten Landkarte auf dem Beifahrersitz, die seine Eltern kürzlich wegen eines neuen Navis aussortiert hatten. Das Papier war vergilbt und hing in FetzenZweimal passierte Justus die gespenstisch beleuchteten Kontrollstationen einer Landesgrenze. Er mied die autoroutes und ihre Mautstationen. Stattdessen rumpelte er mit seinem VW Bus über kurvige Landstraßen und durch kleine, verlassene Dörfer. Die Nacht war so schwarz, dass er glaubte die Dunkelheit greifen zu können. Undurchdringlich, wie ein Vorhang aus dichtem Stoff, lag sie schwer über der Straße und den Feldern. Es schien, als verschlucke das Schwarz alles außerhalb des Scheinwerferlichtes. Dieser Kegel, das waren er und sein Bus und das war alles was zählte in diesem Moment. Vom plötzlichen Übermut des Abenteuers gepackt, drehte er die schnarrenden Lautsprecher auf. Gemeinsam mit Jack Johnson sang er in die Nacht hinaus. „The wisdom’s in the trees, not in the glass windows“.

Irgendwann verlor sich die Euphorie in der Dunkelheit. Pause.

Justus klappte die Rückbank um und kroch in seinen Schlafsack, doch trotz der  Müdigkeit fand er keinen Schlaf. Gedanken kreisten in seinem Kopf und ließen ihm keine Ruhe. Bisher hatte er schlaflose Nächte stets für ein Klischée gehalten. In Büchern als Stilmittel oder von Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit als Ausdruck ihrer Erschöpfung gebraucht. Doch seit einigen Monaten merkte Justus, wie schwer es ihm fiel, abends und nachts das Getöse seiner Gedanken zu ignorieren. Seit es in die Abschlussphase seines Studiums gegangen war,  drängten sich ganz unfreiwillig von allen Seiten die Fragen des ernsten Lebens so dreist in sein Leben, dass sie sogar den Schlaf zu übertönen schienen. Antworten fand er selten und diese warfen meist neue Fragen auf. Zukunft, das wurde ihm klar, war eine komplexe Sache und er hatte absolut keine Ahnung was sie von ihm wollte. Gegen acht wurde es hell, aber es ging keine Sonne auf. Das milchige Grau des Novemberhimmels hing stählern über den Seekieferwäldern abseits der Straße und als er das widerspenstige Fenster hinunterkurbelte, schlug ihm ein eisiger Wind entgegen. Der Winter war eingezogen. Mit seiner Armee der Trostlosigkeit besetzte er die südliche Landschaft, die Justus nur aus warmen Sommertagen kannte. Die Karte flatterte im Wind und fröstelnd stellte er fest, dass er sein Ziel nach 16 Stunden Fahrt fast erreicht hatte.

St. Girons Plage lag am südlichen Abschnitt der langen Atlantikküste und auch hier brandete seit Tagen die Nordwestdünung an die Strände. Weit draußen vor der Küste brachen die ersten Wellen. Die Sandbänke dort draußen lagen tief, doch die Brecher waren so gewaltig, dass der Meeresboden sie abrupt abbremste und die Wellen zornig ihre schaumigen Lippen auswarfen. Donnernd krachte Wasser auf Wasser und der Küstenstreifen verwandelte sich in eine brodelnde Hölle aus weißem Schaum.

Er drehte den Schlüssel. Erst als der Motor mit einem Blubbern erstarb, vernahm er die Stille. Sein Atem, der Wind und das entfernte Rauschen der Brandung, sonst nichts. Lange saß Justus da, ohne sich zu rühren. Er starrte planlos durch die Frontscheibe auf den Stamm einer knorrigen Kiefer. Was zum Teufel machte er hier? Erst die schmerzenden, weißen Hände erinnerten ihn daran, dass er erbärmlich fror. Sehnlichst phantasierte er für eine Minute von einer Vebasto Standheizung, nur um verächtlich schnaubend, mit den Worten „unnötiger Spießerkram“ auf den Lippen, nach hinten zu klettern und seine Jacke zu suchen. Als er die seitliche Schiebetür mit der kitschigen Hawaiiblume darauf öffnete, klang das Geräusch in der Stille wie eine unerwünschte Ruhestörung. Unsicher wohin er gehen und was er tun sollte, stand er neben dem Bus und trat auf dem federnden Waldboden von einem Bein aufs andere. Eigentlich sah alles so aus, wie er es im Sommer zurückgelassen hatte. Der Campingplatz, rechts der dichte Wald und vor ihm erhob sich die Düne, hinter der endlos und weit das Meer lag. Und doch erkannte Justus diesen Ort kaum wieder. Die Umrisse und Formen waren deutlich erkennbar, aber sie waren so starr und leblos wie Kulisse auf einer Bühne ohne Theaterstück. Ihm war, als stieße er mit seiner Bitte um Zuflucht auf kalten, leblosen Stein. Die Geborgenheit, die dieser Ort ihm im Sommer gegeben hatte, war ebenso erfroren wie seine Hände und Füße. Die salzige Luft  war härter geworden und die Grillen gaben offensichtlich keine Konzerte in der Wintersaison. Verlassen und nackt lagen die leeren Stellplätze zwischen den hoch aufragenden, kahlen Kieferstämmen. Außer Justus befand sich hier keine Menschenseele. Traurig flatterte noch eine vereinzelte Wäscheleine im Wind – ein letztes Überbleibsel des vergangenen Sommers. Er lief ein Stück am Waldrand entlang und kickte einen großen Tannenzapfen vor sich her. Wenigstens die waren noch da. Das Waschhaus lag am Ende des Weges. Er erinnerte sich, wie der allabendliche Abwasch stets in einer Wasserschlacht geendet hatte. Jetzt, mit seinen verschlossenen Türen,  sah das Häuschen so einsam und traurig aus, als nehme es all die Trostlosigkeit der Jahreszeit in sich auf. Deprimiert wandte Justus sich ab und lief, die Hände tief in den Hosentaschen und mit hochgezogenen Schultern, in Richtung Düne. Das alles schien ihm zu sehr Spiegel seiner eigenen Leere zu sein, als das es, wie erhofft, das Gefühl von Freiheit und Zuversicht zu ihm zurückbringen konnte.

Er hörte die Stimmen der Mailbox in seinem Kopf, sah seinen Cousin, wie dieser vor vier Wochen nach der Übergabe von Justus‘ Bachelorzeugnis vor ihm gestanden hatte. Sein Cousin erzählte ihm mit wichtiger Stimme, wie es für ihn bei BMW gerade „steil bergauf“ gehe. Justus hatte gezählt. Neun Mal war in ihrem kurzen Gespräch, das eher einem Monolog Bernds glich, das Wort „Karriere“ gefallen und mindestens genauso oft formte dessen Mund die Worte „Zielstrebigkeit“ und „committment“. Er schien sie zu liebkosen, diese Worte, in seiner schleimigen Businessetikette, die er selbstzufrieden an den Tag legte. Später hatte er Justus eine Broschüre gegeben, die für ein Traineeprogramm bei BMW warb. Das Cover zeigte ein Foto, auf dem ganz offensichtlich ein Klon von Bernd oben auf einer Leiter stand, denn auch er trug Anzug, hatte schleimige Haare und lächelte ebenso selbsteingenommen. In großen Buchstaben baumelte ein Schild mit dem Wort KARRIERELEITER über dem Hänfling. „Jetzt fängt das Leben an, Justus“ hatte Bernd gesagt und ihm auf die Schulter geklopft. Justus hatte gequält genickt und als er sich endlich loseisen konnte, war er ins Bad geflüchtet. Würgereiz. Das war alles, was er nach dieser Ansprache empfand.

Zwei Wochen später jedoch, auf Drängen der ein oder anderen Seite, schickte er eine Bewerbung ab. Empfänger: BMW. Er hatte sich nicht viel dabei gedacht. Es würde schon nichts dabei herauskommen. Vor einer Woche dann die Überraschung: Eine Einladung zum Assessment Centre. Er war verwirrt. Was jetzt? Die Tage verstrichen und Justus dachte, es könne nicht schaden, mal den ein oder anderen Blick auf die Website zu werfen. Vielleicht war die Firma ja doch gar nicht so übel? Er begann, im Internet nach typischen Assessment Centre Fragen zu googeln und die ein oder andere gedanklich zu beantworten. Schließlich bügelte er sogar sein weißes Hemd, obwohl er Bügeln normalerweise als viel zu gesellschaftskonform abtat.

Vorgestern Nacht saß er wieder im Bad.

Beim Umräumen des Kellers, war ihm  sein Surfboard in die Hände gefallen. Ein Schlag in die Magengegend. Mit dem Lippenstift seiner Mitbewohnerin hatte er VERRÄTER an den Spiegel geschmiert und war theatralisch, mit dem Rücken am Rand der Badewanne, auf den Boden gesunken. Da saß er wie ein Häuflein Elend, während die Verachtung ihm ins Ohr flüsterte, was für ein Heuchler er war. Was, wenn er keine weiteren Sommer erleben würde? Wenn das Schwingen der Hängematte sich ein für alle Mal in das Wippen eines Bürostuhls verwandelte? Wenn er zu so einem Karrieretypen wie Bernd wurde, den er doch verachtete? VERRÄTER. Unmöglich, das wusste er, konnte er zu diesem BMW Meeting erscheinen.

Im Sommer war der Strand breit und die Düne kam nur selten mit dem Meer in Berührung. Doch jetzt erhob sich der Sandwall majestätisch wie eine Insel, an dessen Ufer die See brandete. Der Strand war schon lange nicht mehr zu sehen. Am Fuß der Düne klammerten sich ein paar Dünengräser hoffnungslos mit ihren dünnen Halmen an die erodierende Sandschicht. Jede Welle spült ihr Fundament  weiter aus. Immer und immer wieder, bis die Pflänzchen, eines nach dem anderen, den Kampf verloren. Gemeinsam mit Treibholz und anderem Strandgut trieben sie in der Strömung davon. Die Wogen warfen sie hin und her. Wie ein Spielball der Gegebenheiten taumelten sie, drehten sich, tanzten geknickt in den wirbelnden Wassermassen. Von der Lateralströmung hinter der Wellenbrechung  erfasst, trieben sie davon, unbekannten Ufern entgegen.

Justus Herz hämmerte im Rhythmus der Musik des iPods. Sein Puls pochte in den Ohren und seine Füße gruben sich tief in den kühlen Sand während er die Düne hinaufstolperte. Hoch, hoch, immer höher…und als er oben ankam und der böige Wind ihm entgegenschlug und das Meer sich vor ihm auftat, da explodierte ein ganzes Orchester in ihm und er spürte wie sich alles zu einer Synfonie der endlosen Freiheit und unbändigen Traurigkeit verband.  Ein Feuerwerk der Emotionen. Was sollte er tun, wenn er nicht bereit war? Was, wenn das Ende des Studiums der Beginn einer lebenslangen Haftstrafe war? Es schnürte ihm die Kehle zu. Tränen liefen über sein  verschwitzen, salziges Gesicht und sein Schluchzen nahm der Wind in sich auf. Er trug es hinaus aufs Meer, wo die Böen es hin und her warfen wie das entwurzelte Dünengras. Spielerisch und leicht nahm der Sturm seinem Kummer die Luft und er sackte kraftlos in den Sand. Er könnte bleiben und einfach hier draußen sterben, wie der Typ aus „Into the Wild“. Dann wäre er ihn los, den ewigen Zweifel, der ihm wie ein Schatten auf Schritt und Tritt folgte und gleichzeitig könnte er sich auch dem lästigen Gesellen namens Gesellschaft entledigen.

Justus war in diesen Wochen und Monaten ähnlich nah am Wasser gebaut wie die Düne. Die Flut der Entscheidungen und Überlegungen, der Abwägungen und Eventualitäten nagte an seiner Substanz, höhlte ihn aus. Was hätte er ihnen sagen sollen, den Personalchefs bei BMW, wenn sie ihn fragten, wo er sich in 5  Jahren sehe? Hannes hatte gesagt, er solle ehrlich sein: „Sag ‚Ich seh mich mit einem Board auf ner Welle‘. Das ist, als ob du nem Bundeswehroffizier bei der Musterung erklärst, dass du kiffst.“

Da war kein roter Faden. In ihm regte sich weder ein Streben nach Reichtum noch nach Karriere und großer Verantwortung. Alles, was er wollte, war glücklich sein. Zeit haben. Mehr von der Welt sehen. Nur hatte er noch keinen Job gefunden, das ihm eine solche Zukunft versprach.

Arm in Arm mit der Ratlosigkeit wanderte er zurück zum Bus. Unter der Rückbank fand er eine Flasche billigen Rotweins. Sein Vater hatte so einen unedlen Tropfen immer „Pennerglück“ genannt. Auf mich und mein tolles Leben, dachte er und trank. Justus stapfte mit der Flasche zurück auf die Düne. Versehentlich ließ er sich auf einer Diestel nieder, sprang fluchend auf und platzierte sich ein Stück daneben. Er stierte aufs Meer und nippt am Wein. Eine Weile saß er da, den Kopf auf die Knie gelegt, den Blick abgewandt von der Welt. Erst ein wärmendes Gefühl im Nacken ließ ihn überrascht aufblicken und er sah, dass die Sonne sich durch die Wolken kämpfte. Das Meer glitzerte und ganz weit draußen tanzte ein Gegenstand auf den Wogen. Zu weit entfernt jedoch, als dass er hätte sagen können, was es war.

Der Wein wirkte. Er zog einen Zettel aus der Tasche und schrieb energisch, in dramatischen Lettern PLÄDOYER DER FREIHEIT darauf. Dann rollte er das Papier zu einem dünnen Röhrchen auf. Mit einem  triumphalen Blick leerte er den Rest Wein über der verhängnisvollen Diestel aus und buchsierte das Papier durch den Flaschenhals. Er verkorkte die Flaschenpost, sprang auf und rannte hinunter an die Wasserkante. Schwer atmend stand er da und spürte das Leben in seine Lungen zurückströmen. Das Donnern der Brandung. Nebelschleier der aufspritzenden Gischt. Endlose Küste. Weit weg von allem. Justus atmete tief ein und genoß die Wärme der Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Es war das erste Luftholen seit Wochen. Er ging ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf, holte aus und schleuderte die Flasche mit aller Kraft in die Wellen.

Der Gegenstand, den er vorhin weit draußen ausgemacht hatte, war inzwischen mit der Strömung dichter ans Ufer gespült worden. Justus erkannte die dünnen Aluminiumarme eines Regenschirms, dessen Stoffdach nur noch in Fetzen darüber hing. Er beobachtete den Schirm eine Weile, wie er tanzend zwischen den Wellenbergen auf und ab hüpfte. Nach jeder Welle, die ihn überspülte, tauchte er wieder auf. Tapfer, dachte Justus, lässt sich nicht unterkriegen.

Die Nacht brach an. Im Bus lag sein Handy, das ihm eine neue Nachricht und 7 verpasste Anrufe anzeigte. Er ignorierte die Anrufe und hörte die Mailbox erst am nächsten Morgen ab. Es war eine weitere Nachricht von Hannes.

„Ey Just, hast du dich abgesetzt, oder was? War BMW so ätzend? Ich hoffe, du hast denen da ordentlich was vom Surfen erzählt! Bloß kein Depri schieben jetzt. Du findest schon noch was Cooles. Immer dran denken: es regnet nicht, es tropft nur von oben.  Ach und ich hätt gerade übrigens voll Bock einfach mal abzuhauen. Mein Nebenjob nervt so mega. Hey, was sagst du, wenn wir uns in deine alte Klapperkiste von VW Bus setzen und einfach für ein paar Tage Meeresluft schnuppern?!“

Lächelnd erweckte Justus den Motor zum Leben. Er würde Hannes ein pain au chocolat und eine Flasche Rotwein mitbringen und dann würden sie anstoßen, auf ihre Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer.

 ENDE