Samstag, den 22-06-2013
Bunte Blumen auf den Bergwiesen, der tosende Gebirgsbach stürzt das steinige Flussbett hinab, befördert den schmelzenden Schnee vom Berg. Kuhglocken läuten von den Berghängen, und das mähhhh der Geißen hallt durch das kleine Örtchen Gries. Es ist zwanzig vor sieben als ich meine Wanderstiefel schnüre und in die frische Morgenluft hinaustrete. Die ersten Höhenmeter bis nach Winnebach sind beschwerlich, die Beine noch müde und keine Berge mehr gewöhnt. Höchstens Sanddünen. Nach ein paar Metern führt der Weg in den Wald, über Stock und Stein. Überall rinnt Wasser aus den Felsen und Wiesen. Langsam verliere ich die morgendliche Schwere, springe von Fels zu Baumwurzel. Wandereuphorie kommt auf. Und das Bewusstsein wirklich hier zu sein setzt sich durch, mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht dem Berge zu. Bei 2000m erreiche ich mit der Baum- auch die Sonnengrenze. Ich steige gen Osten und die ersten Sonnenstrahlen, die es über das Gebirgsmassiv des Bachfallnferner schaffen, wärmen mir das Gesicht. Auch die Hänge hier oben liegen jetzt im Licht, alles strahlt und rundherum ist nur Natur zu hören. Das Geröll unter meinen Füßen knirscht, der Bach rauscht, irgendeines Vogels Geschrei hallt von den Felswänden. Immer höher geht es bis nach knapp eineinhalb Stunden die Bachfalle vor mir auftaucht: Der Wasserfall stürzt donnernd in die Tiefe und ich bleibe einen Moment stehen um den Ausblick zu genießen. Im Winter 2010 war hier alles eingefroren. Hinter dem Wasserfall kann ich das Gipfelkreuz der Ernst Riml Spitz erkennen. Ich bin meinem Ziel schon nah. Dreißig Minuten führt der Weg durch felsiges Gelände, hier oben ist mehr Stein als Alm zu sehen. Schroffe Bergmassive. Ich spüre meinen inneren Gollum in mir auf und abhüpfen…“mein Schaaaaatz“…oder vielleicht sind es doch die Orkgene, weil mich bis auf die Sonne all das hier an Mordor erinnert. Und so irgendwie auch an Neuseeland. Und dann sehe ich sie endlich: Die Winnebachseehütte. Dahinter der glasklare Winnebachsee mit Spiegelbildbergen. Das Häuschen der Materialseilbahn daneben. Alles noch da. Ich bin angekommen. Hüttenwirt Michel und Koch Ngyma warten schon. Kann losgehen.
Donnerstag, den 27-06-2013
Seit ein paar Tagen schneit es ab 2000m aufwärts. Die Gipfel sind selten zu sehen, überall hängt Nebel. Wir haben auch tagsüber nur 5°C. Eigentlich wollte ich ja Sommeralmen. Zum Glück habe ich noch ein paar Wochen. Und dann kann man sich wenigstens ohne schlechtes Gewissen in der Hütte aufhalten. Viel ist allerdings noch nicht los, die Hauptsaison beginnt erst im Juli und das wechselhafte Wetter ist auch keine große Wandermotivation für die meisten Leute. Ansonsten spielt sich hier alles langsam ein. Ich gewöhne mich wieder an den lokalen ötztaler Dialekt und verstehe von Tag zu Tag mehr. Unser nepalesischer Koch Ngyma versteht kaum etwas, weder Deutsch noch Englisch, nickt aber immer und schüttelt dabei den Kopf. Und macht vor allem nie Pause. Aber nett ist er und gestern haben wir die ersten Küchenvokabeln zusammen gelernt. Nur Geduld. Seine buddhistische Gebetsfahne jedenfalls schmückt schonmal die Außenfassade der Hütte und macht den Anblick um einiges exotischer. Reisegedanken. Nepal wär ja schonmal was….Ab und zu schnüre ich mal für 2 Stunden meine Wanderstiefel und erklimme die umliegenden Gipfel. Das ist irgendwie ziemlich unwirklich und ziemlich genial und ganz generell ein absoluter Traum, so ein Panorama als Vorgarten!
Nachdem uns das Mittagsgeschäft heute ganz schön ins Schwitzen gebracht hat, wir von 12 bis 14 Uhr einen Kaiserschmarrn nach dem anderen gerührt, Eier gebraten und Weißbiere ausgeschenkt haben, ist am Nachmittag wieder Ruhe eingekehrt. Nebel zieht auf, das Wetter soll wieder schlechter werden. Die Tagesbesucher sind abgestiegen, nur zwei Übernachtungsgäste. Und so konnte ich mich für ein paar Stunden vom Acker machen. Mit dem Laptop ins Tal, um nach unglaublichen 6 Tagens Abstinenz wieder mal dem Internet Gesellschaft zu leisten. WLAN auf der Hütte funktioniert nämlich noch nicht, noch nicht! Natürlich gibt es wichtige Dinge zu erledigen, oh ja. Aber drei Stunden Kontakt zur Außenwelt müssen genügen, dann muss ich wieder hinaufsteigen in den Heidiroman. Um noch vor der Dunkelheit wieder Schutz in der Hütte zu finden. Wem nach Berg ist, der möge mich doch im Juli heimsuchen! Also dann, wir sehen uns auf 2400m.
















































