The Left Coast

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Zugegeben, das Blogmopped hat in der letzten Zeit ein bisschen gestottert. Es ist nicht so, dass es zu wenig Sprit hatte. Eher ein mittlere bis große Überdosis an Zündstoff, die verdaut werden musste. Kleine Explosion im emotionalen Tank. Während der letzten Woche schien sich die Welt doppelt so schnell zu drehen und gleichzeitig im absoluten Stillstand zu verharren. Ideen blitzen im Geist, aber Eindrücke erdrücken wenn sie in Scharen kommen. Ich konnte noch nicht schreiben, ich musste erstmal nur staunen und erleben und vielleicht auch ein bisschen Abstand gewinnen. Langsam bekomme ich aber Schiss vor meinem persönlichen Himalaya an konfusen Notizen, die sich auf den Seiten meines Tagebuches stapeln. Keine Angst, spurlos geht hier gar nichts vorbei. Ich brauchte nur etwas, um alles Erlebte in lesbarer Form auf das Mopped zu schnallen. Aber jetzt ist es höchste Zeit Ordnung ins Chaos der vergangenen Tage zu bringen.

Wie beschreibt man Perfektion ohne dass man in Kitsch und Floskeln abdriftet? Mit welchen Worten füllt man Zeilen, damit ein Text so lebendig wird wie das Erlebte? Ich zermatere mir den Kopf, wie ich von den fünf Tagen San Francisco authentisch berichten kann. Akzeptiert den Kitsch, wenn er euch über den Weg läuft. Es geht nicht anders. Voilà:

Es gibt Orte, die erinnern einen daran wer und wie man ist, vielleicht daran wer man mal war und vor allem wer man sein will. Eine unserer Autorinnen des Literaturfestivals hat hinten auf ihrem Buch dieses Zitat stehen. „Wir vergessen unsere Träume. Aber unsere Träume vergessen uns nicht.“ San Francisco hat sich von hinten angeschlichen und mir ohne Vorwarnung einen Lebensentwurf vor die Füße geknallt, der immer da war. Der mir lediglich in diesen letzten Wintermonaten gedanklich irgendwie abhanden gekommen ist. Mit Pauken und Trompeten, Sonnenschein und Meer ist die Stadt in die alltäglich gewordene Seele einmarschiert und flutet seitdem durch alle Gedanken und Gefühle.

SAN FRANCISCO. Eine Stadt, die bis vor einer Woche auf meiner persönlichen Weltkarte noch einen ziemlich weißen Fleck darstellte. Keine Bilder, keine Gerüche und Erlebnisse, keine Sehnsüchte, die ich mit diesem Ort verband. San Francisco war nicht mehr als ein Name für mich, blass, bis auf ein paar Schwärmereien von Freunden und die persönlich belanglose Assoziation der weltbekannten Brücke. Ich glaubte insgeheim nicht mal daran, dass mich eine Stadt in Amerika wirklich begeistern könnte. Da haben wir es wieder: keine Erwartungen. Beste Voraussetzung für eine RIESENüberraschung.

JetBlue Airways ist nicht Ryanair. Ich habe im Flieger sogar mehr Beinfreiheit als in der Holzklasse bei Lufthansa oder einem anderen Nicht-billig-Flieger. Daumen hoch für supersize seats der Amis. Sieben Uhr dreißig am Morgen und ich, überhaupt gänzlich ohne Schlaf diese Nacht, will gerade meinen iPod einstöpseln und noch vor dem Start eindämmern, da flötet eine helle Stimme in den Lautsprecher der Kabine „Happy Valentine’s Day guys „. Die Stewardess hat sich in den Kopf gesetzt, Liebe zu versprühen. „Do you feel the love? If not yet, we will make you feel it!“ Der Steward grinst sich einen und legt ein kleines Tänzchen hin. Kurz nach der Landung begrüßt man uns mit einem „Welcome to LOVELY San Francisco“. Ha, indeed: San Francisco. Ich trete aus dem Terminal und kann jetzt schon nicht mehr aufhören zu grinsen. People wear short sleeves, ahhh, how awesome is that! I get the feeling that I am much more the California-type-of-person than a New Yorker. Wie gut, dass ich den Backpack genommen habe, back to travelling. Ich spüre das Reisefieber aufwallen und halte meine blasse Winternase in die kalifornische Februarsonne. Hier ist Zeit, hier ist Wärme und ganz in der Nähe auch irgendwo das Meer.

San Francisco erinnert mich an eine Reihe von Orten, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe. Es scheint mir wie eine gelungene Mischung aus Sydney, Wellington, Nelson, Raglan und den Kanaren. Die Stadt schmiegt sich in die Natur, so ganz anders als das verglaste und betonierte New York. Mit seinen Hügeln und schroffen Klippen, Stränden und Coastal Trails, Palmen und südlichen Bäumen und Blumen. Und natürlich dem Pazifik. Das Geschrei von Möwen, gehisste Segel der Schiffe in der Bucht. Hier ist alles sandfarben. Der sunrise und sunset verwandelt die Szenerie täglich zweimal in ein Märchen. Da ist wieder der Kitsch. Aber ganz ehrlich, wenn ihr die Golden Gate Bridge, die Bay und den Coastal Trail in einem solchen Licht sehen würdet, dann kann man gar nicht genug Schmalz auflegen, um den Anblick zu beschreiben. Die ganze Zeit kommt es mir vor, als bekäme ich nonstop eine aufputschenden Droge eingeflöst. Ich kann einfach nicht aufhören in mich rein und aus mir raus zu grinsen.

Nach einem Strandlauf ziehe ich die Schuhe aus und dippe mit meinen weißen Füßen vorsichtig in die kleine beruhigend schwappende Uferwelle. Huh. Ich tänzel einige Male vor und zurück bis ich länger in dem kühlen Wasser stehen bleiben kann. Weiter draußen in der Bucht ziehen hartgesottene Triathleten ihre Bahnen im Morgenlicht. Das Wasser ist so seicht und alles um mich herum noch so still. Nur die Vögel sind da. Man hört sie hier und auch das macht einen Unterschied. Es flattert Freiheit, zwitschert Exotik. Westcoast – „left coast“ – du bist so schön. Barfuß wandere ich langsam zurück zum Hostel. Über den Strand, dann auf dem Asphalt. Und spüre wie das raue Pflaster meinen Füßen den Sommer einhaucht. Ich komme mir vor wie ein buddhistischer Mönch in seiner Achtsamkeitsmeditation – ich bin so unglaublich entspannt und hier und hier und einfach nur hier. So viel Glück hat sich seit langer Zeit nicht aufgehäuft. Und dabei ist es erst 8 Uhr morgens.  Ein Waschbaer kreuzt meinen Weg. Er dreht kurz den Kopf, huscht den Hügel hinauf und dreht sich oben nochmal mit einem leicht vorwurfsvollen Blick zu mir um: Ich störe die Ruhe vor dem (Touristenan)Sturm. Ich wandere den Municipal Pier hinunter und lehne mich am Ende gegen die Mauer. Die Bay in Licht und Schatten, der Sommermorgen mit leichter Brise streicht über meine Arme. Unter mir im Wasser krault ein Schwimmer. Als er beim Richtungswechsel aufschaut grinst er mir zu, hebt den Daumen und ruft schnaufend und etwas zu laut (weil er Ohrstöpsel trägt) „Hey, good morning. It’s quite chilly in here“.  Ich grinse, natürlich. „Good job“ , aber ich bin mir nicht sicher, ob er das hört. Schon nimmt er den Rythmus wieder auf und entfernt sich Richtung Strand. Ich halte meine nicht mehr ganz so winterweiße Nase in die Sonnenstrahlen. Tatsächlich habe ich im Spiegel schon ein bisschen Farbe auf den Wangenknochen entdeckt. Sweet! Gedanken kreisen, ob man hier nicht tatsächlich leben könnte. Wie viel Lebensentwurf zeichnet man selbst? Wie viel Freiraum braucht das Leben, um die besten Geschichten zu schreiben und wann greift man ein, um selbst zu schreiben?

Donnerstag, Freitag, Samstag, Sonntag – Sonne. Und Unterwegssein. Ein unendlicher stream of conciousness. Wir frühstücken in einem Straßencafé, sitzen draußen und können die Wärme auf dem Gesicht kaum aushalten. Luxusprobleme. Sehen Chinatown, Fisherman’s Wharf, schlendern die World’s Crookedest Street an einem lauen Sommerabend hinunter. Auf den Cable Car Schienen balanciert man über das ratternde Seil, Straßengebirge erklimmen, um vom baumbewachsenen Hügel bei Nacht die Lichter der Stadt zu erblicken. Wir werden zum geheimen Pizzagourmet in einer Seitenstraße des Ocean Beach, entdecken Surfshops und sprechen mit Locals, die einem davon abraten in der Schweinegrütze von Brandung surfen zu gehen. Aber man solle doch nach Santa Cruz weiterfahren, da gebe es definierte Wellen und Perioden von bis zu 30 Sekunden. Ein antiker Käfer am Straßenrand, Preis $2000, lässt mich kurz tagträumen, dann aber doch lieber Rückzug in die windgewogenen Dünen. Als die Sonne tiefer sinkt und der Wind kühler wird verlassen wir den Strand. Ein Bier in der Surferbar an der Ecke, die vom Abendlicht durchflutet wird. Viel eher eine Szene aus einem kalifornischen Surffilm als die Wirklichkeit. Vielleicht wahr, vielleicht Traum. Und vielleicht auch mal wirklich beides vereint. Selbst der graue Himmel am Montag kann das Licht nicht wirklich trüben. Abreisetage müssen grau sein. Die Book Bay, eine kleine second-hand-Buchhandlung auf dem alten Militärgelände Fort Mason bietet Wolkenschutz. Und schwerwiegendes Handgepäck. Man kann ja nicht ohne Buch gehen.

Wie bunt San Francisco in meiner mind map geworden ist kann ich immer noch nicht glauben. Jemand hat den ganzen verdammten Malkasten, inklusive Buntstifte, Filzstifte, Wachsmalstifte und sämtlicher Glitzerstiftvariationen über mir ausgekippt. Man lebt Jahre vor sich hin und dieser Platz existiert die ganze Zeit. Ein bisschen unheimlich, wie viele solcher Plätze man nie kennenlernen wird. Ich beschließe es andersherum zu sehen: wie viele solcher Orte einen noch von hinten, vorne oder von der Seite anspringen werden. Wann wir uns wo und wie wiederfinden und für welchen Lebenslauf, -weg und -entwurf wir uns entscheiden, wenn so etwas wie diese Stadt einfach plötzlich unerwartet um die Ecke schaut und freundlich einladend winkt. Da soll noch mal einer sagen, das Leben wäre auch nur ansatzweise berechenbar. Kaum planbar. Eher sonderbar, ganz sicher aber wunderbar.

Ich warte am Flughafen. Mein Hoch flacht etwas ab. Sadness kicks in. Ich will nicht zurück. Habe ich erwähnt, dass ich amerikanische Flughafentoiletten hasse? Nicht nur, dass die Kabinen eher aus Schlitzen statt Wänden bestehen. Vor allem verstehe ich die Leute nicht, die sich bei zwanzig verfügbaren Kabinen genau in meine Nachbarkabine drängen. Und dann noch nicht mal vorauspreschen, sondern in peinlicher Stille abwarten. Es ist ein stiller Kampf, ein Lauschwettbewerb.  Bis einer den Anfang macht oder das Papier zu knittern und knistern und reißen beginnt oder eventuell sogar kapituliert und gleich die Klospülung rauschen lässt. Das ist mir zu viel fremde Intimität. Das Örtchen der Stille ist passé, hmpf…ich geh im Flugzeug. Das hat dann über eine Stunde Verspätung. Aber eigentlich ist mir das egal. Ich bin froh, wenn ich noch länger westcoast Boden unter den Füßen habe. Und morgen früh muss ich eh direkt mit dem Backpack ins Büro marschieren. Bei dem Gedanken grinse ich dann doch wieder. Was für ein Trip.

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SHIT happens…

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Fisherman’s Wharf Hostel – perfekte Lage, direkt am Wasser
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Gemeinsamer Sonntagsausflug: Hunde an Bord
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Pupsi, was machst du in einer Galerie in San Francisco??

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3 Kommentare zu „The Left Coast“

  1. The MUNI bus with a bike on the front and GO GIANTS on the marquee really jabs me right in the heart.

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