Franzi ist hier! Ihr Einstand in den zweiwöchigen Amerikaurlaub sind fünf Tage Haus- und Hundesitting in Seattle, WA. Die Erkenntnis: Gemeinsam Gassi gehen macht viel mehr Spaß als alleine Kackhaufen aufsammeln. So können wir wetten wer dieses Mal mehr Plastiktüten verbraucht. Wir rennen die steilen Straßen hinauf bis die Hunde schnaufen und wir japsen, wir müssen uns spät abends nicht gruseln, wenn wir im Dunkeln durch die Straßen laufen oder die Hunde im Haus bei Geräuschen anschlagen. Und es gibt hier ganz friedliche, aber deutliche Präferenzen: Mishka ist Franzis fette kleine Kuschelkugel, Mr. hyperaktiv McDuffy ist in mich verschossen. Somit ist die Leinenverteilung klar. Gemeinsam erkunden wir die Grünstreifen der Columbia City Nachbarschaft, ein südlicher Bezirk von Seattle. Uns geht es gut: Wir haben ein (bunt bemaltes) Haus, zwei herzzerreißend hibbelige Hunde und jede Menge Zeit und Muße nebenbei die Stadt zu erkunden – nur die Hundeblase gibt uns etwas zeitliche Struktur, aber Mishka und Duffy können ein bisschen anhalten. Seattle ist nett, eine sehr europäische Stadt im Vergleich zu anderen amerikanischen Städten. Vielleicht vergleichbar mit dem entspannten Flair San Franciscos, auf jeden Fall ist es kein LA. Mit 600.000 Einwohnern ist Seattle auch erheblich kleiner als gedacht. Nach ausgiebigen Frühstückssessions am Morgen erschlendern wir uns über die Tage die Stadt: Der Pike Place Market, auf dem Fische fliegen und Gerüche und Genüsse den Appetit anregen, die Space Needle, das Wahrzeichen der ehemaligen Weltausstellung, die Gum Wall (https://blogmopped.com/2015/09/03/the-gum-wall/), der Kerry Park, von dem aus wir die Stadt überblicken können, uns leider nur der Blick auf den Mt. Rainier ver’nebelt‘ bleibt (Seattle ist bekannt für Regenwetter, kennen wir als Hamburger ja). Eingekauft wird im PCC, dem Nobelbiosupermarkt in der Columbia City Nachbarschaft. Franzi ist in love, hier gibt es so leckere Dinge. Aber dafür kosten drei kleine Äpfel auch $4,50. Man freue ich mich darauf wieder in Deutschland einkaufen zu gehen! Ein weiterer Luxus sind die ‚Blondies‘ der Bäckerei um die Ecke, eine Art helle Brownies mit fetten Schokostücken und Walnüssen, schön klitschig und absolut heftig. Aber danach ist man auch im kulinarischen Himmel!
Franzi gefällt diese unkonventionelle Art zu reisen auch, es ist deutlich entspannter nach einem langen Sightseeing-Marsch nach Hause‘ zu kommen, als im Hostel oder Hotel abzusteigen. Hier haben wir alles von Waschmaschine bis Kühlschrank. Im Ofen backt ein Birnenkuchen, mit Früchten vom Baum vor der Tür. Wir sitzen am Küchentisch während Mishka und McDuffy ihre rauen Zungen an unseren Beine entlangführen, jedem Zeh wird ausgiebig Aufmerksamkeit entgegengebracht. Eindeutiger Leckfetisch! Oder Mineralienmangel. Nachdem ich am ersten Morgen vom Laufen zurückgekommen bin, schweißüberströmt (heftiges Höhenprofil in dieser Gegend), haben die Hunde Lunte gerochen, vielmehr Salz. Seitdem können wir sie nicht mehr vom Schlabbern abbringen, die Hoffnung auf ein kleines bisschen Schweiß stirbt zuletzt! Jedes Stück nackte Haut wird sofort bespeichelt. Am Mittwoch bringen wir Mishka an den Rand ihres Lungenvolumens. Die Sonne scheint, kurze-Hosen-Wetter, der richtige Tag für einen Ausflug an den nahegelegenen Lake Washington. Eine halbe, dreiviertel Stunde läuft man, und das von hier oben vom Haus quasi nonstop bergab. Ich dachte Hunde können immer laufen. Aber Mishka hat ein bisschen Übergewicht und hechelt ganz schön. Auf der finalen Geraden zum See ist dann zwar nicht Ende Gelände aber finito für den Hund. Sie legt sich einfach hin und will nicht weiter. Franzi spielt Superwoman, schultert Mishka kurzentschlossen und weiter geht der Spaziergang. Zurück ist wieder etwas Puste da, nur die Steigung in der 42. Straße muss nochmal auf dem Arm überbrückt werden. Dort treffen wir dann auch Gary, was Mishka eine dreiviertelstündige Pause einbringt. Gary. Wieder so eine unerwartete Begegnung. Er spricht uns an, während wir den Hügel erklimmen und er Einkaufstüten aus seinem Auto lädt. Ein hagerer, braungebrannter, weißhaariger Mann, um die 65 schätzen wir. Irgendwie entwickelt sich ein Gespräch, obwohl Gary ehrlich gesagt mehr redet als wir, von der Flüchtlingssituation in Europa („I read the Economist!“), von der furchtbaren (Außen)Politik seines Landes („I don’t like my country!“), von der wilden Vergangenheit. Gary ist schwul und er erzählt ganz frei und begeistert von den 70ern in San Francisco, von Parties und Drogen und Aufständen, vom guten Leben, davon, dass er genug Geld hat, gerade in Indien war, wie er dieses Land, Indien, liebt. Und mit leuchtenden Augen erzählt er von seinem Enkelsohn, den Stolz eines liebevollen Großvaters in der Stimme. Mishka hat sich inzwischen auf die Seite gerollt und lässt sich auf dem warmen Asphalt die Sonne auf den Bauch scheinen. Er fragt uns was wir machen, Franzi erzählt von ihrem Studium der Sozialen Arbeit. Als mich die Frage trifft, muss mir wieder anhören „Oh, and what are you going to do with that?“. Ich liebe es. Demnächst erzähle ich ich bin Gärtnerin,.. „Would you like a smoke?“, fragt Gary uns. Wir lehnen dankend ab, auch als er uns dazu noch einen Kaffee anbietet. Vielleicht hätten wir annehmen sollen, denken wir später, das hätte diese Geschichte noch spannender gemacht. Gary lässt uns aber nicht einfach so ziehen, wenigstens Blumen aus seinem Garten will er für uns schneiden. Der Garten ist seine Leidenschaft. Vor dem griechischen Haus, weiß gestrichen mit blauen Tür- und Fensterrahmen (es hat wirklich einem Griechen gehört!), wachsen Blumen aus allen Ländern dieser Welt (Anmerkung: Ich wollte gerade aus aller Herren Länder‘ schreiben, da schaltet sich mein Genderbewusstsein ein…Floskeln!!). Wir bekommen einen Strauß aus Äthiopien, Südafrika und eine gelbe Rose. Damit verabschieden wir uns, gerührt, aber auch ein bisschen froh weiterziehen zu können. So viel casual Smalltalk ist für uns doch immer noch ein bisschen anstrengend, ein kultureller Unterschied, Amis können einfach lange und viel reden.
Mishka hat wieder Puste, sie kann schon wieder andere Hunde angiften. Und McDuffy schnappt nach einem vorbeifahrenden Radfahrer. Wir wechseln die Straßenseite, um Konflikte zu vermeiden. das haben John und Elizabeth uns sowieso geraten. Wir beobachten, dass das hier eigentlich alle Leute tun. Hunde sind in Seattle nicht besonders ’sozialisiert‘, In Deutschland lernt man durch Hunde andere Menschen, Hundebesitzer und deren Vierbeiner kennen. In Seattle treffen wir, so kommt es uns vor, keine Menschen- und Tieresseele. Franzi vermutet, dass hier kaum jemand Hundeschulen besucht. Und dass viele Besitzer ihre Hunde nur kurz ausführen oder in die Hinterhöfe und -gärten lassen, statt ausgiebiger Gassigänge. Die Hunde ziehen an den leinen, kläffen alles an was sich bewegt. Mishka hat Übergewicht, McDuffy einen Kreislauftick – ständig bleibt er stehen, dreht eine Runde um mich und wenn er vorne wieder ankommt muss ich über die Leine springen. Außerdem zerfetzen die beiden liebendgerne Unterhosen, nichts darf einfach liegengelassen werden. Ich habe einen gestreiften Schinkenbeutel zu beklagen, in dem hat Mishka ihre Zähne versenkt. Oh und die Kackbeutel sind hier übrigens nicht zwingend schwarz, wir hatten ein durchsichtiges rosa und grün. Durchsichtig…wer will denn sowas?
Am letzten Abend, bevor John, Elizabeth und Anica wiederkommen – übrigens eine äußerst liebenswerte Familie! – gönnen wir beiden Blondies uns ein fancy Abendessen im ‚Tutta Bella‘, dem lokalen Italiener. Dann ist es Zeit die Rucksäcke zu packen und eine letzte Nacht ausgiebig Schlaf zu sammeln. Die nächsten Tage werden wilder: Ein Roadtrip steht bevor, der Olympic National Park erwartet uns. Good bye doggies, good bye Seattle – wir sehen uns in ein paar Tagen nochmal wieder. WUFF !

























