California Fall

Ich surfe mich durch Kalifornien. Bisher eher auf Sofas als auf Brettern. In Shell Beach, einem kleinen Küstenort auf halber Strecke zwischen Los Angeles und San Francisco, stoppe ich zwei Nächte bei Jamie und Mitus (wuff!). Jamie überlässt mir sein kleines Studioappartment, einfach so, und zieht zwei Tage zu seiner Freundin. Im Zimmer steht einer dieser alten bunten Applecomputer, am Boden ein Plattenspieler, daneben stapeln sich die vinyl records, ich stöbere durch das Bücherregal: Murakami Romane,  ein fetter Schinken mit dem Titel „the history of surfing“, Kochbücher über vegetarische und vegane Küche, ein paar Grafic Design Bücher und mehrere California National Parks und hiking guides. Ich beginne Murakamis ‚South of the Border, West of the Sun“ zu lesen und bin gefangen. Dies ist meine zweite Murakami Begegnung während der Reise, Ricky’s Sohn Josh war wie Jamie bekennender Murakami Addict und hatte die volle Kollektion der Werke im Regal. Cut! Am Tag gehen wir mit Mitus spazieren, Jamie zeigt mir die kleinen Parks an der schroffen Steilküste, seine Werkstatt in der er Möbel baut und führt mich durch die Studentenstadt San Luis Obispo. Er ist selbst viel auf Couches unterwegs gewesen, einige Monate hat er in Neuseeland in einem Campervan gewohnt. Ich entdecke sofort den Raglan Sticker auf seinem selbstgeshapten Longboard und bekomme Fernweh in der Ferne. Jamie sagt er freue sich auf den Herbst, „autumn“. „Autumn?“, frage ich. „Right, Americans say fall, i got autumn from New Zealand“. Herbst. Poetisch. Kalifornien bekommt im Sommer nicht viel Welle ab, aber gegen Ende September erreicht der Winterswell die Küste. Hier färben sich keine Blätter bunt, aber an den Wellen merkt man, dass der Herbst einzieht. Dann arbeitet er auch manchmal nachts, „we have a short surfing season, you know. Surf’s the priority during winter“. Er hat eine App auf seinem Telefon, webcams zeigen die Spots und Bojen lösen Alarm aus, wenn sie eine bestimmte Richtung und Höhe der Wellen registrieren. Hier schwingt der endless summer in jedem Schritt des Lebens mit. Unabhängig von der Jahreszeit. Man wartet auf das Ende des Sommers, wartet auf die Wellen. Ein Elfchen, in Erwartung des kalifornischen Herbstes:

california fall

california

in fall

no colored leaves

but swell will bring

waves.

Foto 08.08.15 13 06 14Jamie and Mitus – thank you guys.

Virginia Beach

Foto 15.07.15 11 19 09Im Java Surf Cafe schüttelt mir Dwayne die Hand, fragt ob ich hier zu Besuch bin und nachdem ich nicke sagt er „this is gonna be your favorite Spot in Virginia Beach“. Damit könnte er recht haben. Hier hängen Bilder von Hawaiiblumen und Kolibis an den Wänden, Acryl auf Leinwand in tropischen Farben, Quallen und Seepferdchen und Landschaftsmalerien langer Küstenstreifen. Ich bin in Virginia Beach. Ich dachte nicht, dass nach New Jersey noch mehr beach life möglich ist. Hier aber mag ich das Flair noch viel lieber, das Wasser ist sauberer und es fliesst deutlich weniger Alkohol.  Ausserdem kommen Delfine hinzu, mehr Wellen, freundliche Hunde und ganz viel Gastfreundschaft. Am Boardwalk zeugen Beach Cruiser Bikes mit den hohen Lenkern von einem wirklichen Strandleben, Pinien riechen und Grillenzirpen – fast Frankreich Flair, irgendwie mediterran. Weiterhin gibt es nur das barfuessige Dasein. Ricky traegt ihnehin nie Schuhe. Ich kenne Ricky und ihren Sohn Billy von Fuerteventura, den Februar ueber haben wir 2014 dort zusammen gewohnt und gesurft. Hier lerne ich ihr amerikanisches Leben und den Rest der McGarry Familie kennen. Wieder unter locals! Gleich am ersten Tag werde ich zum Segelbootreparaturgehilfen von Billy’s Vater Jim. Danach hole ich gleich sein Auto von der Werkstatt ab, cruise anschliessend mit Ricky’s Chevy Truck die Atlantic Avenue entlang, auf dem Weg halten wir an zwei surfshops und besuchen dann Billy bei seinem summer job in einem Fast food Restaurant. Der steht in Uniform am Grill und hackt bacon in Stücke. Nach ein paar stunden in Virginia Beach bin ich schon so angekommen und integriert, dass ich mich wie zu Hause fühle.

Jemand hat idealer Weise die Wellenmaschine angeworfen, in ein paar Stunden geht es gegen low tide, dann ist es Zeit für eine surf session. Vom Haus sind es zwei Minuten runter zum Strand, Boards stehen genug im Garten. Besser geht es fast nicht. Am Abend bin ich platt von 4 Stunden water work-out, ein bisschen brauner und sehr sehr hungrig. Meine Haare filzen sich zu Dreadlocks, ein gutes Zeichen! Am folgenden Morgen stürmt Ricky um 6 Uhr in mein Zimmer und knipst recht brutal das grelle Deckenlicht an: Aufstehen! Surfen! Keinem Befehl folge ich lieber, wenn auch noch etwas verpennt. Wir fahren in die 1st street, Greg und ich surfen dort eine Stunde. Dann werden die Wellen zu lasch und wir fahren zu einem Spot weiter südlich, weitere drei stunden paddeln, surfen, warten, paddeln, surfen. Ich bin froh um den Kaffee und Donut, den wir vor der ersten Session hatten. Frühstück ist spaeter ein mehr als verdienter Pancake mit Bacon und Ahornsirup, im Belvedere, einem amerikanischen Diner im Stil der 60er jahre. Später im Surfshop kann ich kaum meine Arme heben, um durch die Tshirts zu schauen. Die Tage hier beginnen idealer Weise um halb sechs. Ricky ist so frueh schon mit den Hunden draussen, sie verpasst selten einen Sonnenaufgang. Der Morgen ist so friedlich hier, die Luft noch kuehl. Ich paddle um halb sieben mit dem Longboardhinaus, der Atlantik liegt still da, nicht mehr als eine Uferwelle rollt an den Strand. Nicht weit von mir gleiten Delfine durch einen Fischschwarm, Pelikane fischen aus der Luft, segeln dicht ueber der Oberflaeche – sie sind fuer den Sommer aus Florida hier hinaufgekommen. Ich weiss nicht, ob ich jemals zuvor so elegante Voegel gesehen habe.  Zwischendurch fällt kurz warmer Sommerregen, der die 35 Grad nicht herunterkühlt, sondern die Luft noch schwüler macht. Das leben ist langsam, aber gut. Man braucht kaum zu essen bei dieser hitze.

Ein Ausflug nach Monticello ist kein Kurztrip nach Italien, viel mehr ein Ausflug in die Amerikanische geschichte.  Gen Westen fahre ich mit Jim und Rickys Nichten zu Thomas Jeffersons Plantage Monticello. Jefferson, 3. Präsident der USA, hat sich dort ein hübsches Anwesen auf einem kleinen Hügel – „monti cello“, altitalienisch für „kleiner Berg“ – aufgebaut. Oder eher seine 600 Sklaven, die er während seiner Lebenszeit besaß. Eigentlich war er ja gegen Sklaverei. Naja, ist halt nicht so ganz logisch…Die Präsidenten kann ich immer noch nicht alle aufzählen, aber Jefferson werde ich wohl jetzt nicht mehr vergessen.

DSC00808 DSC00805 DSC00818 DSC00814 DSC00820 DSC00823 DSC00825 DSC00828 DSC00833 DSC00845 DSC00857 DSC00868 DSC00874 DSC00876 DSC00800Weiter geht es in Virginia Beach hier, mit hoch mehr Strand und Meer und Delfinen: https://blogmopped.com/2015/07/19/virginia-beach-the-beach-life-continues/