Eastbound200: ‚Raps’odysSee

Drei schwarz-weiße Kühe drängen sich in eine blätterüberdachte Ecke ihrer Weide, ich denke nicht, dass sie falsch liegen in ihrer Einschätzung des Wetters. Da braut sich etwas zusammen. Sich türmende Wolke, dunkelgrau erbost und ein Wind, der den Ärmel meiner ultradünnen shakedry Jacke von mir wegpustet als ich versuche galant hineinzuschlüpfen. Da plattert es auch schon vom Himmel, aber ich bin gut eingepackt und fühle mich frei und wild und wunderbar im Rausch durch den Regen.

200km auf dem Rad, von Kiel in ein kleines Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Eine Gelegenheit. Wind von hinten, ein Ziel vor Augen – ein vielversprechendens Mikroabenteuer in dieser faden Coronarealität. Ein Egoboost, vielleicht auch das. Und sicher ein Gegenstatement – gegen das innerliche Gehetze. Stunde um Stunde kurbeln, aushalten, durchhalten, laufen lassen. Bikepacking. Ankommen, wo man nicht losgefahren ist. Es ist mir schmackhafter als Kreise zu ziehen oder die Analogie von Hin- und Rückweg – auch wenn die Welt auf den selben Wegen, aber rückwärts, im Allgemeinen ein wenig anders aussieht. Herausforderung angenommen, ‚gut Tritt‘ also, so sprechen die Experten im Jargon der rennradfahrenden Gemeinschaft. Female fearless cyclist.

Von West nach Ost. Ich rolle durch den Kreis Plön, durch das malerische Eutin, an die Lübecker Bucht. Die Coronastille in diesen touristischen Gemeinden verblüfft mich. Keine Menschen, kein Wind – der Ostsee macht seinem Namen wieder alle Ehre. Dann Travemünde und eine Fährfahrt über den Fluss. Jetzt weiß ich auch was der Priwall ist. Dann Wechsel. Transition. Mecklenburg-Vorpommern. Ein kurzes Versorgungstreffen mit meinem Begleitfahrzeug nach 100km. Pipi und Pausenbrot und ein kleines Pläuschchen. Ich komme langsamer voran als gedacht, obwohl mein Schnitt bei, für diese Tour akzeptablen, 26,1km/h hält. Städte, Navigation, you name it.

150km und ich sage mir: Komm, läppische 50km, eine kurze Sonntagsausfahrt. Aber so viel Lust habe ich nicht mehr. Ich verspreche mir den letzten schokoladenummantelten Mandelriegel für die letzten 30km. Die Landschaft zieht vorbei, unbekannte Ortsnamen. Nochmal ein Schauer. Und zwei Mini-Shetlandponies in einem Mini-Vorgarten. Bei Kilometer 170 habe ich die Strecke von Paris- Roubaix erreicht. Vor mir erstreckt sich eine Pflasterlandschaft grober Unebenheiten. Heiliger Bimbam. Kack Navi. Grober Unfug, wer braucht sowas? Erschütterungen bis ins Mark, mein armes Fahrrad. Und den Platten sehe ich bereits vor mir. Nach einem knappen Kilometer ist der Spaß vorbei. Nie habe ich eine glatt asphaltierte Straße mehr zu schätzen gewusst. Den Riegel habe ich verdient. Kurze Pause.

Es sind gar nicht die Oberschenkel, die haben noch Kraft. Es ist eine Allianz aus Po, Rücken und Schultern, die gemeinsam protestiert. Auf den letzten 30 strecke ich mich alle zwei Minuten aus dem Sattel, ungemütliches finish. Erst bei 10 beginnt die Euphorie. Und dann der Dämpfer: 5km vor dem Ziel checke ich nochmal die Karte. Ja, ich weiß, dass es meinen Zielort zweimal gibt – in Schleswig-Holstein und in Meck-Pomm. Aber, dass es ihn noch ein drittes Mal gibt, nochmal in MeckPomm, um die 20 km entfernt von seinem bundeslandselben Namensvetter – wow! Da stehe ich nun, 202km auf der Uhr, und noch 20km weg vom Ziel, das mir so nah schien. Einrollen wollte ich, mit Fahnen und Trompeten. Unter die Dusche und an den Esstisch plumpsen. Pustekuchen! Aber ich habe das beste Begleitfahrzeug der Welt und werde abgeholt, die 20 extra bleiben mir erspart. Es dämmert auch schon. Wenig später plumpse ich erstmal dankbar in den Sitz des VW Busses und mit ein bisschen Verspätung folgt auch die Dusche und der Grillabend. Eastbound200 (202 !), die ersten 200 am Stück, geschafft!

adidas Terrex Mountain Project 2017

Finisher_Wörthsee Tri 2016

Ahoi und Servus liebe Jury,

wir sind Bentje aus Kiel und Karo aus München. Über den Weg gelaufen sind wir uns vor sieben Jahren während des Studiums im beschaulichen Passau. Bentje wollte Marathon laufen und Karo war dabei, eine Sportfreundschaft war geboren. Sieben Jahre später, nach gemeinsamen sportlichen Herausforderungen wie dem Hamburg Marathon, einigen Chiemsee und Wörthsee Triathlons, mehreren Ski- und Hüttentouren am Berg und einem sportlichen Roadtrip von New York nach Florida und zurück, machen wir nun Butter bei die Fische: Wir sind ready für das adidas Terrex Mountain Project!

Bentje ist seit Jahren vom Surffieber gepackt, ob auf dem Wellenreitbrett in Neuseeland, in Frankreich als Surflehrerin oder nach Feierabend kurz mal in Damp an der Ostsee unterwegs. Weil Kiel mit wenig Welle dienen kann, nimmt sie hier das Stand-Up Paddle Board und zum nächsten Fischbrötchen an der Förde wird seither noch geSUPt. Trotz norddeutscher Wurzeln kennt Bentje die Berge von Kindesbeinen an und möchte als erfahrene Läuferin endlich mal einen Fuß ins Trailrunning setzen. Karo sagt, das hätte sie schon längst mal tun sollen. Karo ist nicht zu halten, wenn es um und in die Berge geht. Ihre Leidenschaft für anstrengende Touren führt sie zu allen Jahreszeiten auf die Gipfel dieser Welt – in Trailrunningschuhen, auf Skiern oder in Wanderstiefeln.  Als Spinning Trainerin bringt sie zudem das nötige Sitzfleisch für Radetappen mit. Bentje sagt, Karo muss aber unbedingt ‚meer’ aufs Wasser.

Wir sehen uns durch unsere 1000km Nord-Südgefälle viel zu selten, aber wenn, dann geht es sportlich her. Bentje, die Wasserratte und Karo, die Bergziege – wir bleiben unseren geographischen Heimatgefilden weitergehend sportlich treu, aber sind trotzdem unglaublich neugierig auf die Leidenschaften der Anderen. Das Adidas Terrex Mountain Project soll unsere Sportarten verbinden, daher wollen wir die Strecke vom Starnberger See aus zur Gartlhütte mit einem Mix aus ‚unseren’ Sportarten bewältigen. Das ist der Plan:

Tag 1: Durchquerung des Starnberger Sees (20 km) von Nord nach Süd mit SUPs, danach weiter mit dem Rennradl nach Garmisch.

Tag 2 & 3: Ab aufs Rennrad und Fahrt bis Welschnofen (204 km, 3300 hm)

Tag 4: Trailrun zur Kölner Hütte und über den Santnerpass Klettersteig zur Gartlhütte.

Berichten über die Höhen und – hoffentlich wenige – Tiefen des Projekts werden wir über Facebook und Bentjes Reiseblog ‚the Blogmopped’. Wir freuen uns, wenn ihr Nord und Süd, Fisch und Ziege wieder vereint und wir gemeinsam mit euer Unterstützung im Juli gen Gartlhütte paddeln, radeln, laufen und klettern können.

Und nun: Immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel! Berg Heil!

Wir freuen uns von euch zu hören.

Karo & Bentje

Chiemsee Tri 2015

Karo_ MTB Skitour 2017

Bentje_ FördeSUP 2015 | picture copyright: wolf-hansen-photography@web.de

Halbmarathon Kiel 2015

Hamburg Marathon 2013

Chiemsee Tri 2015

Running Trails_ USA Ostküste 2013

Beach Run_USA Ostküste 2013

 

Fahrradfeminismus: Weibliche Reflektion einer Rennraddemontage

Vorwort

Manchmal denke ich ich könnte gut Kolumnen schreiben. Es passieren jede Woche wundersame Dinge über die es sich lohnt nachzudenken und zu berichten. Fast jeden Tag beobachte ich Menschen, werde Zeuge von Verwunderlichkeiten und Sonderbarem – hier direkt vor unseren Nasen im sogenannten schnöden Alltag. Direct snapshots of life is what makes a writer, hat einer aufgeschrieben, ich habe kein Talent dafür mir Autoren zu merken. Triviales erhebt sich aus der alltäglichen Beschränktheit, für kurze philosophische Momente mal anders sehen, das Kleine mit dem Großen verbinden, nachdenken, hinterfragen – und dann wieder zurück in den Status Quo gekuschelt, mit all seiner Trivialität d’accord, weil man weiß, dass es so ist, aber nicht sein müsste. Schlicht: sich kurz mal Gedanken machen tut gut, dann ist alles schon gar nicht mehr so staubig im Geschmack. Und sowieso weniger dramatisch. Philosophiert im Alltag! Raus aus Hamsterrädern! Ahoy ahoy!

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Ich musste gestern mein Rennrad in seine Einzelteile zerlegen, um es in einem Transportkoffer unterbringen. Ich schlich seit Tagen um die monströse Box herum und drückte mich erfolgreich davor mein Fahrrad auseinanderzunehmen – aus Angst, es nicht wieder zusammenbauen zu können oder bei 30km/h auf dem Asphalt zu zerschelle, weil das Laufrad aus der Verankerung gleitet. Die Absurdität dieser Prokrastination ist mir nun, da das Fahrrad im Koffer längst auf Reisen gegangen ist und heute Nacht wohl friedlich in einem Paketzentrum schlummert, völlig bewusst. Die Furcht vor dem Zusammenschrauben und möglichen Sturz wird wohl bleiben bis ich, hoffentlich, eines Besseren belehrt werde.

Die Entstehung des Dilemmas? Unser jährlicher Triathlon steht an. Dieses Jahr sind Karo und ich am Wörthsee in Bayern im Einsatz. Ich muss also durch die gesamte bundesrepublik reisen, um 1500m zu schwimmen, 40km Rad zu fahren und 10km zu laufen. Vor zwei Monaten habe ich ein sensationell günstiges Bahnticket geschossen, 14 Euro, allerdings nicht bedacht, dass man im ICE  keine Räder mitnehmen kann, nicht mal ein schlankes Rennrad. Überhaupt kein überdimensioniertes Gepäck wie Fahrradboxen. Also blieb mir nichts anderes übrig als das Rad zu schicken. Mit der DB, eigentlich albern, aber gut. Mein Rad reist mir nun also drei Tage voraus. Der Service ist komfortabel, von Haustür zu Haustür, geholt und gebracht. Trotzdem mehr als doppelt so teuer wie ich, 35 Euro, und dafür musste ich auch noch den nervenaufreibenden Preis des Auseinandernehmens zahlen…

…ich höre dabei alte Harry Potter Kassetten, die helfen mir daran zu glauben, dass alles gut wird. Die Stimme Rufus Becks ist beruhigend, sie verlangsamt mein panisches Gedankenchaos. Lord Voldemort wird besiegt und ich kriege alles abgeschraubt, ja ja. Die Kassetten, ihr surren und klicken im Rekorder, das braun flirrende Band, das sich manchmal aufrippelt und das man dann mit dem Finger wieder auffwickeln muss, selbst das Umdrehen der Kassette – sorglose Kindheit. Eine Kindheit, in der alle Bedürfnisse rund ums Fahrrad nur bei Papa anzumelden waren und schwups war alles gerichtet.

Ich würge mit dem Inbusschlüssel (wohlgemerkt: es heißt iNbus, nicht iMbus Schlüssel, das habe ich bis gestern nicht gewusst. Ist nämlich ein Akronym, INnensechskantschraube Bauer Und Schaurte → INBUS. Ich möchte an dieser Stelle zur Erweiterung des technischen Fachwissens aller ‚Unwissenden‘ beitragen.) an den Pedalen herum, eine bekomme ich abgeschraubt, die andere rührt sich nicht. Drei youtube Videos später gehe ich mit roher Gewalt ans Werk, ein youtube Reparateur sagt die fressen sich gerne fest. Achtung mit der Kette, da gibt es schnell fiese Schürfwunden wenn man abrutscht. Ich stelle mir vor wie ich mit dem Unterarm im Kettenblatt hänge und Blut sich mit Kettenöl vermischt. Ich laufe ein bisschen hilflos durch die Wohnung, räume hier und da etwas weg, habe eigentlich keine Lust mehr. Aber ich muss die Pedale abkriegen, verdammt. Ein kurzes angestrengtes Ächzen das klingt wie das Stöhnen der Tennisspieler beim Schlag, ein kräftiger Ruck am Inbusschlüssel und ein Gegentritt in die Pedale, und auch die zweite Pedale lockert sich. Endlich. Tzz, war ja leicht.

Man kann kein Rad auseinanderschrauben ohne dass einem gender Gedanken durch den Kopf sausen. Warum habe ich nie gelernt an Rädern rumzuschrauben? Warum habe ich Angst mir wehzutun? Warum steht mir diese eigentlich einfache Aufgabe so sehr bevor? Wäre Basti hier oder Papa, dann könnten die das ganz leicht machen. Überhaupt fallen mir eine Hand voll Männer ein, die sich damit sicher schon beschäftigt haben und die Benutzung des richtigen Werkzeuges aus dem Ärmel schütteln und nebenbei mit den Fachbegriffen der Fahrradteile joglieren. Wen dagegen könnte ich von meinen Mädels fragen? Da wird das Eis dünn, Leerlauf. Wir haben immer Männer gefragt. Wenn ich ehrlich bin hätte ich die Chance oft genug gehabt, Papa wollte mir im Fahrradkeller zu Hause in HH häufig zeigen wie man Räder repariert. Ich hatte ehrlich gesagt einfach keinen Bock. Ich wusste ja, dass er es doch macht. Dass er mir das durchgehen ließ erklärt auch einiges. Was, wenn ich ein Junge gewesen wäre? Mädchen werden nicht ‚gezwungen‘ zu lernen wie man Dinge repariert. Ihnen wird nicht vermittelt, dass man reparieren, auseinanderschrauben und ‚basteln‘ selber können ‚muss‘. Diese Dinge sind klar als männliche aufgabe definiert. Jungs wird vermittelt, dass sie diese Dinge lernen müssen. Irgendein männlicher Weggefährte nimmt sie zur Seite und sagt ‚ich zeig‘ dir jetzt mal was‘. Mädchen wird vermittelt: Wenn etwas kaputt ist was zur Reparatur handwerkliches geschick benötigt, etwas was gröbere Arbeit ist oder potentiell gefährlich sein kann – frag da lieber einen Mann. Der Großvater oder Vater, der Freund, ein Freund. Klare gender divide hier, die keinen umbringt, aber die Frau wieder in eine passive Rolle verweist. Das alte Spiel, in eine Position der Abhängigkeit verschiebt.

Das Rad ist verstaut, das Werkzeug zur Re-Montage ebenfalls. Räder, Pedalen, Sattel, Lenker – alles abmontiert. Ich bin ein bisschen sehr stolz als ich vor dem großen Hartschalenkoffer stehe, der nun meinen Renner in  Einzelteilen enthält. Dabei will ich gar nicht stolz sein. Das soll gefälligst normal sein, gar kein großer Akt, mal eben schnell verpackt. Mich ärgert es, dass diese Radtransportgeschichte mich tagelang  gedanklich beschäftigt hat. Im Endeffekt muss man nur machen, drangehen und ausprobieren. Geduld haben, Videos schauen und nachmachen. Trotzdem bin ich stolz. Und froh, dass es youtube gibt. Natürlich nur männliche Anleitung – beim Zusammenbauen werde ich ein Amateurvideo drehen und hochladen. Und dann ganz viel Ruhm und Geld mit einem Female Bike Repair Channel machen tataaa…bang, und dann waren alle gender Überlegungen wieder für die Katz, weil das ‚wir machen das jetzt für Frauen‘-Gehabe die Unterschiede doch nur wieder verstärkt. Warum muss es alles ‚für Frauen‘ und ‚von Frauen‘ geben was sonst in die männliche Domäne geschoben wird, ITkurse, Sportkurse, Technik- und Reparaturanleitungen  – das bestärkt Schubladendenken. Das was Männerdomäne ist wird so nie weniger männlich werden. Es muss Fahrradreparaturvideos geben in denen Frauen und Männer agieren, ohne dass es extra betont wird. Erklärt ein Mann wie man ein Fahrrad verpackt wird sein Geschlecht ja auch nicht erwähnt. Genau die gleiche Geschichte wie mit den FußballkommentatorInnen. Selbst mir kommt es komisch vor wenn eine Frau ein Spiel kommentiert. Aber diese Irritation sollte uns aufschrecken lassen. Wie festgelegt wir sind! Wie unsere kulturelle Erziehung uns im Griff hat und unser Empfinden von Wahrheit und Richtigkeit dirigiert. Die erschaffene Natürlichkeit des Männlichen in unserer Gesellschaft ist das wirkungsvollste Instrument der Hegemonie –  Dinge als ’normal‘ auszugeben und zu behandeln bedeutet (a) nicht zu hinterfragen und (b) alles Abweichende als unnormal, nicht standardmäßig, und so meistens als weniger wertvoll darzustellen.

Karo und ich wir werden uns am Sonntag bemühen aller Passivität eine gehörige Aktivität im Namen des Schwimmens, Radelns und Laufens entgegenzusetzen. Am Wörthsee. Startbeutelausgabe ist ab 6:30 Uhr. Na hoffentlich kriegen wir das mit dem Müsli und der Verdauung hin (waaas, Frauen haben Stuhlgang?). Es ist spät geworden. Die Harry Potter Kassetten beseitigen psychisches Chaos, ordnen aber nicht das physische Durcheinander in dieser Wohnung. Es klackt. Ich drehe die Kassette um. Weiter geht es. Harry geht wahrsagen, ich staubsaugen.

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