„Das nächste Mal trainiere ich im Norden“, sagt Karo und grummelt noch hinterher „so ne Scheißstrecke!“. Im Süden läuft man über Berge, im Norden gegen den Wind. Nicht, dass ich nicht mit Gegenwind gerechnet hätte. Die steife Brise hat uns einiges abverlangt. 21km Halbmarathon, 10km gegen den Wind. Hin Förde rechts, zurück Förde links. Vom Ostseekai vorbei am Seehundbecken, dem KYC, der Seebar und hoch zur Marinebasis, Wende, und alles wieder zurück, noch ein Stückchen weiter, volle Winddröhnung von vorne am Wendepunkt, und wieder zurück, Marinebasis, Wende, und nochmal den Rückweg antreten.
KM10. Ich verfluche die Welt. Jetzt schon. Die verdammte Sonne ist zu warm, meine Beine sind zu schwer, die anderen Läufer zu schnell und zu weit vor mir – ich kann zu wenig Windschatten laufen, und überhaupt habe ich zu wenig trainiert. In meinem Kopf tobt ein erbitterter Kampf, positive und negative Gedanken ringen um die Oberhand des Bewusstseins. „It is a curious thing: Consciousness trying to deny consciousness“ sagt Murakami über den Versuch in großer Erschöpfung sich selbst und den Schmerz, sein eigenes Bewusstsein mit Hilfe des Bewusstsein zu leugnen. Einfach laufen.
KM 13. Nostalgischer Schmerz. Das Bewusstsein der Vergänglichkeit. Alles furchtbar. Früher bin ich bei dieser Distanz noch wie ein junges Reh herumgesprungen. Ich warte vergeblich auf das Runner’s High nach 1:15, das mir früher so zuverlässig hier die Hand schüttelte. Es versetzt mich. Mit jedem Schritt sinke ich tiefer in den Asphalt. Meine Oberschenkel sind harte, knorrige, alte Holzstücke.
KM 16. Ich bin eine Maschine. Schritt für Schritt. Ich bin eine Maschine. Schalte den Kopf aus! Du bist eine Maschine!
KM 19. Wie schön wäre es zu gehen. Jetzt den Schritt zu verlangsamen und stehenzubleiben. Eine unglaubliche Vorstellung, paradiesisch. Einfach stehenbleiben. Aber es geht nicht. Ich bin gekommen um zu laufen. Nur einmal noch durchhalten, den Schmerz 10 finale Minuten ertragen. Ich halluziniere von einem Bett auf dem Asphalt.
Erst 300m vorm Ziel packt mich die Erleichterung und ich bin mir zum ersten Mal sicher, dass ich es schaffen werde. Ich trinke 6 Becher Energy Drink. Salzkruste verziert mein Gesicht, Karo hat auch einen wunderbar weißen Schnurrbart. Es ist geschafft, tatsächlich vorbei.
Später fahre ich mit dem Rad durch Kiel. Es ist kurz nach fünf und die Sonne steht tief, vorbei am Schrevenpark über das Kopfsteinpflaster, vorbei an den schönen Altbauten, es sind kaum Menschen unterwegs. Ein Hauch Frühling liegt in der Luft. Mein Körper ist erschöpft, aber es ist eine angenehme Müdigkeit, die mich umgibt. Eine wohlige Schwere wie nach einem tiefen Mittagsschlaf. Ich treibe dahin, ohne Hast. Der Lauf, so qualvoll im Moment des Rennens, hat mich befreit. Mir Ruhe geschenkt. Mich mir wieder näher und Karo nach Kiel gebracht.
Karo hat Recht, kein Rundkurs ist kein Spaß und Wind beim Laufen ist ätzend. Kiel Halbmarathon einmal gemacht, ausprobiert, abgehakt – nicht unbedingt nochmal. Und trotzdem, kein Zweifel daran: Es war großartig.








