Tag 3: Kanada in Sicht

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Beim Anblick von Tatoosh Island regen sich in mir wieder die Leuchtturmwärter Fantasien. Ein Writer-in-residence Programm, ein Leuchtturmschreiber, a lighthouse poet. Sowas braucht eine Küstenstadt doch, Kiel zum Beispiel! Es gibt Inselschreiber und Stadtschreiber, aber soweit ich weiß schreibt bisher niemand in einem alten Leuchtturm. Und dieser, dort draußen auf Tatoosh Island, wäre kaum zu überbieten. In Sturmnächten peitscht die Flut gegen die Steilküste, Neblnächte und Sonnentage. Nur die Strömungen machen mir etwas Sorgen, ich frage mich, ob es sich auf einem kleinen Boot einfach so hinausschippern ließe. Die Wasseroberfläche ist unruhig, kleine Strudel zeichnen sich ab, hier fließt es in eine andere Richtung als dort. Bewegtes, wildes Wasser, hier draußen, am letzten nordwestlichen Zipfel der USA, land’s end. Piratig!

Nach einer unruhigen und kalten Nacht liege ich um 6:00 Uhr wach. Seite, Rücken, Bauch – Liegen ist schlicht nicht mehr möglich. Ich bin zwar alles andere als ausgeschlafen, aber das hier ist kein Zustand. Während Franzi und der gesamte Campingplatz noch schlafen krame ich leise meine Laufsachen aus dem Rucksack auf dem Vordersitz. Ein Langarmshirt für den Anfang, es fröstelt mich. Noch hängt Nebel in den Hügeln, aber zwischen den Tannen im Hinterland blitzt ein erstes goldenes Licht hervor. Ich falle in einen lockeren Trab, wecke die Muskeln behutsam auf. Durch den tiefen Sand, dann fester Grund nahe der Wasserlinie. Der Strand ist breit, die Gezeit kann nicht weit vom Tiefstand entfernt sein, doch das Wasser scheint schon wieder aufzulaufen, ab und zu rollte eine kleine Welle durch einen prielartigen Wasserlauf am Strand. Große Fischgräten liegen am Boden verteilt, die Möwen sind schon wach. Am Nordende des Strandes fängt sich das erste Sonnenlicht in den Pinien, die auf einem steilen Felsen über dem Meer wachsen. Nach 15 Minuten versperrt mir ein aus dem Inland kommender, nach Schwefel riechender creek den Weg. Alles ist an diesem Ende des Strandes nun in Sonne getaucht. Ich drehe um und laufe dichter ans Wasser. Vom Campground steigen Rauchschwaden auf, es riecht nach Feuer und ich habe Skiurlaubsassoziationen. Der vordere teil des Strandes ist zu einer kleinen Halbinsel geworden, ich muss Anlauf nehmen und über den Wasserlauf springen, der mich wie ein Burggraben vom Campground abschneidet. Danach habe ich ein bisschen nasse Patschen. Zum Glück gibt es hier eine Dusche mit heißem Wasser, purer Luxus! Franzi ist inzwischen auch so halb wach, gönnt sich für die andere Hälfte ebenfalls eine Dusche, Um 9 Uhr schichten wir die Rucksäcke um, klappen die Sitze in die richtige Position und rollen los. Erster Stop heute Morgen also: der Cape Flattery Trail. Eine halbe Meile folgen wir einem Pfad durch dschungelartige Vegetation, dann lichtet sich das Dickicht und gibt den Blick auf gewaltige ausgewaschene Felsformationen frei, Wellen, die in Höhlen krachen, manchmal kann man die Erschütterung im Untergrund fühlen. Ganz am Ende des Trails kommt Tatoosh Island in Sicht, dahinter liegt nur der Horizont, nach Westen, im Norden zeichnen sich die Schemen von Vancouver Island ab. Kanada, so unglaublich nah, irgendwie ist das verrückt. Gerade ist wieder jemand durch die Strait of San Juan de Fuca geschwommen, das lese ich später in einer Zeitung.

Zeit für Frühstück. In Neah Bay suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen am Wasser. Ruhig ist es hier sowieso überall, als läge hier der Hund begraben. Allerdings darf ich damit jetzt gerade nicht scherzen. Franzi kriegt schon wieder die Krise, weil drei kleine Hunde ohne erkennbaren Besitzer rumlaufen. Über die Straße, dicht an den großen Chevy Trucks vorbei, ein bisschen schmuddelig sehen sie Hunde schon aus, aber nicht so als würden sie Hunger leiden. Ich versuche zu vermitteln, vielleicht hat man hier einfach ein anderes Verständnis von Tierhaltung, die laufen hier eben frei rum. Aber Franzi kann das nicht ab und tigert los die Hunde zu finden und jemanden, der für sie verantwortlich ist. Ohne Erfolg. Wir machen uns auf den Weg, weiter geht es den Highway 101 entlang, heute wollen wir noch etwas Strecke machen, denn morgen nachmittag müssen wir schon wieder in Seattle sein. die Campgroundsuche am Abend braucht drei Anläufe, die ersten zwei Nächte hatten wir definitv die besten locations.  Jetzt steht nur noch Waldcamping zur Auswahl. Das labour day Wochenende ist vorüber und so sind wir in dieser letzten Nacht fast alleine auf dem Platz. Beim bezahlen treffen wir allerdings ein niedliches älteres paar aus Huntington Beach, das mit ihrem riesigen RV unterwegs ist – an dem hängt hinten selbstverständlich noch ein Auto! Zum Abendbrot beobachten wir im Abendrot eine robbe, die im Fluss immer wieder auf und abtauch und-schnauft. Sonst ist es ganz still. zu unserem Entzücken zeigt sich in diesem klaren Abendhimmel auch noch ein lang ersehnter Freund: Mt. Rainier erhebt sich am Horizont, seine weiße Schneekappe ist gut zu sehen. Jetzt sind wir zufrieden, jetzt haben wir wirklich fast alles gesehen. Dann können wir jetzt auch schlafen gehen. Night night.

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Bild: Auf der anderen Seite der Strait of San Juan de Fuca liegt Kanada, Vancouver Island.

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Tag 1: South Beach’s mörderisches Treibholz

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Unsere Housesitter hosts Anica, Elizabeth und John fahren uns um 8:15 gemeinsam zur Light Rail Station in Columbia City. Ein an Herzlichkeit kaum zu übertreffendes Abschiedskommitee, und das so früh am Morgen, dabei steht die neunjährige Anica am liebsten erst um 10 Uhr auf. Wir fühlen uns sehr geehrt. Zum Glück sehen wir uns in 4 Tagen nochmal wieder. Franzi und ich sind auf Mission Mietwagen unterwegs: Ein Roadtrip liegt vor uns. Wir wollen von Seattle südlich fahren, nach Olympia und dann nach Westen auf den Highway 101, der uns an die Küste führt. Den Olympic National Park zu umrunden ist unser Ziel. Über Kalaloch und Forks ganz hoch zum  nordwestlichsten Zipfel der USA, Cape Flattery, und dann entlang der Strait of San Juan de Fuca, Kanada im Blick, östliche Richtung einschlagen, anschließend wieder Kurs auf Olympia im Süden nehmen. Wir haben außer dieses groben Plans keinen festen Zeitplan, wir schauen mal was kommt. Mehr als eine Straße gibt es dort oben ohnehin nicht, dafür soll es aber ausreichend Campingplätze geben. Am Schalter von Alamo in downtown Seattle sind wir ruckzuck temporäre Besitzer eines schicken Mazda 3 – der sieht viel nobler aus als erwartet, ich hatte eigentlich einfach das günstigste Auto gebucht. Wagemutig leihen wir kein Navi, wenn es hart auf hart kommt und die Straßenschilder versagen, dann habe ich zur Not noch mein google maps. Als moderner Abenteurer muss man sich ja technisch absichern! Los geht es, endlich wieder Räder unter den Füßen. Es dauert nicht lange bis wir das Labyrinth der Innenstadtstraßen hinter uns lassen, denn bald taucht ein grünes Schild mit I5 South auf. Jetzt wird der Country Sender im Radio gesucht und dann bin ich wirklich angekommen. Wir gleiten über die vierspurige Autobahn, von rechts und links überholen Autos, hier gibt es kein Rechtsfahrgebot, aber alles scheint mir erstaunlich geregelt, im Fluss. Vielleicht ist es auch unsere Vorfreude auf die kommenden Tage, die uns alles sonnig und easy sehen lässt. Peace, Happiness, Eggcake, wir grinsen wie Honey Cake Horses. Nach eineinhalb Stunden drückt die Blase. Franzi hat im USA Fettnäpfchen Buch gelesen, dass Pinkeln am Straßenrand strafbar ist. Wir riskieren den Knast und halten an einer Waldeinfahrt. Als Franzi wieder einsteigt bläst die Fußlüftung einen unangenehmen Geruch durch den Raum … an den Schuhen klebt, ja was, Elchscheiße? Wir können es nicht genau identifizieren, aber die Schuhe werden sofort in eine Plastiktüte verpackt und ins Kofferraumexil verbannt. Weiter geht es den Highway entlang, die gelbe Linie in der Mitte der Straße schlängelt sich als unser ständiger Begleiter neben uns her. Die Vegetation ist dichter Wald, mal überblicken wir große Ebenen und Hügel in der Ferne, mal fahren wir in einer Schneise, am Straßenrand gigantische Bäume, die den Blick nicht frei geben, es gibt nur den Fluchtpunkt, den Horizont, nur das Geradeaus.

Kurz vor Kalaloch passieren wir ein Schild mit SOUTH BEACH CAMPGROUND, darunter zeigt ein umdrehbares Holzschild vier Lettern. FULL. Wir fahren weiter, ein wenig nervös, immerhin ist labour day Wochenende, alle Amis haben den Montag frei, hoffentlich bekommen wir überhaupt irgendwo einen Platz…nach zwei Minuten kehre ich um: Wir sollten wenigstens mal gucken! Ein Traum von Campingplatz. Direkt an der wilden Küste, oberhalb des Strandes, in zwei Reihen parken RVs („Recreational Vehicles“, also Wohnmobile) und stehen Zelte. Der Platz ist nicht groß, aber eines ist sicher: Hier ist noch Platz! Keine Ahnung wer das Schild umgedreht hat. Hier müssen wir bleiben, das ist sofort beschlossene Sache. Ein niedliches älteres Ehepaar lässt uns neben sich parken. Ich bin hundemüde, wir klappen die Sitze hinten um, lassen unsere Matratzen frei und sobald diese aufgeblasen sind bauen wir die Betten im hinteren teil des Autos. Sehr gemütlich sieht das aus. Provisorisch steht jetzt auch mein Einfrau Zelt, aber eigentlich nur weil Franzi es mal sehen wollte. Wir planen definitiv im Auto zu schlafen. Später zeigt sich auch warum das eine gute Entscheidung war. Nach einem ersten kleinen Strandspaziergang sacke ich in einen kurzen, aber tiefen Schlaf. Franzi schreibt währenddessen Tagebuch. Als sie wiederkommt lese ich etwas Panik in ihren Augen. Sie hat ein Schild gelesen, am Strand, ‚beach logs can kill‘, und da waren diese ganzen Fliegen. Sind das vielleicht ‚beach logs‘? Ich muss ein bisschen Lachen, ‚beach logs‘ sind Baumstämme, Treibholz, Franzi. Du sollst beim Baden aufpassen, dass die dich nicht in der Brandung erwischen. Hier liegen wirklich riesige Baumstämme am Strand. Franzi muss auch lachen und ist sichtlich erleichtert, keine todbringenden Fliegen also, ein Glück! Dann ist auch schon Zeit fürs Abendessen, das allerdings etwas kark ausfällt. Ungetostetes Brot, künstlicher Cheddar Cheese und ungeschälte Karotten. Danach eine Banane. Wir haben kein Kocher oder so, unsere Campingausrüstung ist nach Matte, Zelt und Schlafsack zuende. Trotzdem sind wir mehr als zufrieden, wer braucht schon den ganzen Schnickschnack, für ein paar tage halten wir das auch so aus. Ein Stück Papiertüte dient als Teller, Messer und Löffel haben wir bei Starbucks mitgenommen, die eine Rolle Klopapier wischt alles weg. Immerhin haben wir genug Wasser, soweit haben wir gedacht. Nur die Chinesen, die neben uns ausgiebig kochen, machen uns etwas neidisch. Der alte Mann, unser Nachbar, bietet uns einen Platz an seinem Feuer, er und seine Frau gingen schon ins Bett. Leider habe er nur 2 Stühle, sonst könnten wir das junge Pärchen einen Platz weiter noch dazu bitten, das seien auch Europäer, aber er wisse nicht genau woher. Wir sind gerührt und bedanken uns. Leider fängt es fünf Minuten später an wie blöd zu regnen. Wir fliehen mit unser kleinen Essenstüte  ins Auto, jetzt sind wir froh keine Tafel aufgebaut zu haben wie die Chinesen. Ganz schön kalt ist es auch geworden. Wir sind so froh über das Auto, keine zehn bigfoots würden uns jetzt in das kleine Zelt kriegen. Wir machen uns bettfertig, müssen uns dazu etwas verbiegen und ein bisschen zeug umschichten. Aber schließlich sitzen die dicken backpacks auf den Vordersitzen und unsere Beine stecken, quasi, im Kofferraum. Könnte hart werden, aber noch ist alles gut. draußen tobt der Sturm, wir sind trocken. Gute Nacht.Foto 05.09.15 08 37 47

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