San Francisco: Zwischen Shoppingwahn, Käsefondue, Hostelopis und Nebelschwaden

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Mein Budget ist höchst gefährdet! Da denkt man der Backpack limitiert das Shopping, das studentische Budget begrenzt die Luxusausgaben und dann steht man doch vor den Regalen und kann nicht anders. Zumal es Auswege aus diesen Grenzen gibt: Franzi kann theoretisch etwas von mir mitnehmen und mein Konto ist zwar schon leerer als am Anfang, durch die vielen Couchsurfing, Wwoofing und Housesitting Nächte jedoch noch nicht so strapaziert wie erwartet. Das stockt das Budget für das ein oder andere stoffliche Mitbringsel auf. In Amerika nicht dem Kapitalismus zu fröhnen wäre zudem völlig unauthentisch, das geht nicht auf diesem kulturellen Erfahrungstrip. Also rein in die Shoppingcenterhölle! Es stellt sich heraus, dass Franzi meine Glücksfee ist – dabei wollte SIE doch einkaufen und ich nur beratend beistehen. Ich packe am letzten Tag persönlich ihren Rucksack, damit auch ja alles reinpasst.

4 Tage San Francisco. Zwei Nächte dürfen wir nochmal bei Anton und Lena auf der couch pennen, die anderen beiden Nächte haben wir ein Hostel. DAS Hostel, direkt am Fort Mason, das beste Hostel der Welt. Seit ich 2013 das erste Mal hier und danach hin und weg war (https://blogmopped.com/2013/02/23/the-left-coast/), gab es keine andere Möglichkeit als wieder herzukommen. Franzi und ich haben die letzten zwei Betten ergattert, in der Hauptsaison ein relativ stolzer Preis für ein Hostel. Aber das ist es wert. Eine Übernachtung im 22 Bett-Zimmer ist immer eine Erfahrung. Gegen zwei Uhr trampelt jemand in den Schlafsaal, erklimmt unter Stirnlampenlichtgewitter direkt ‚in my face‘ ächzend das Hochbett über mir und ich habe Angst, dass gleich alles zusammenstürzt. Der Opa neben Franzi pupst und röchelt abwechselnd. Vorm zu Bett gehen hat er uns seinen hautfarbenen Schlüpper und nackten Oberkörper präsentiert. Aber irgendwie ist er süß und wir fragen uns was er hier tut. Hat er kein Geld für ein privates Zimmer? Warum ist er alleine in San Franzisco? Anton hat von einem Hostelerlebnis berichtet bei dem ein älterer Mann eine Operation vor sich hatte, deshalb ein günstiges Zimmer nehmen musste, er hatte kaum genug Geld für die Operation. Wir überlegen, ob unserem Opa auch so etwas bevorsteht. AM nächsten Abend aber lernen wir, dass er durchaus genug Kohle hätte für ein eigenes Zimmer  – ihm gefällt die Hostelatmosphäre. Und nicht ein Krankenhausbesuch hat ihn hierher verschlagen, sonder ganz simpel die Stadt selbst, ein jährlicher Besuch in San Francisco, Tradition.

Wir nehmen alles mit, ohne zu sehr den Touri zu mimen, lassen wir uns treiben und kommen doch an alles Ikonen der Stadt vorbei. Chinatown, die bunten Häuser, die Waterfront mit ihren Seehunden und gift-shops, natürlich ein, zwei rides in der cable car. Nach einem langen Shoppingtag im Nordstrom Einkaufszentrum und dem Nordstrom Outlet etwas außerhalb hat selbst Franzi als exzentrische Nordstromanhängerin genug und einfach nur noch Hunger. Ein kleiner Park auf einem der höchsten Hügel der Stadt ist unsere kleines Geheimnis, ein Kleinod, wir entdecken ihn auf dem Weg zur berühmten Lombard Street. Asia take away food muffelnd sitzen wir in der Sonne, freier Blick auf die Golden Gate Bridge, ich ziehe Schuhe und Jacke aus, der Spätsommer bündelt seine letzten kräftigen Strahlen auf unserer Bank. Am Abend treffen wir nochmal Lena und Anton, downtown, in einer kleinen Jazzbar. Wir kaufen ein paar Dosen Bier, sitzen am Fenster und unterhalten uns soweit es die Musik zulässt, zwischendrin wird geklatscht für die Musiker. Nur drei, vier kleine Tische sind besetzt. In der Bar wird Käsefondue angeboten, Neben uns sitzen drei junge Leute, die irgendwann einfach aufstehen, zahlen und gehen. Auf ihrem Tisch bleibt ein unangetastetes Fondue zurück, gefüllter Brotkorb, Weintrauben, eine Schale randvoll mit flüssigem Käse. Anton hat Hunger und handelt: Können wir das vielleicht aufessen?, fragt er die Bedienung. Sie schaut etwas verdutzt, aber nickt dann und sagt sie habe nichts dagegen. Es wäre doch gut, wenn nicht so viel übrig bleibt und weggeschmissen wird. Anton wechselt den Platz, grinst und winkt uns hinüber. Wir zögern kurz, irgendwie komisch, sollen wir wirklich…wir folgen ihm und zwei Minuten später schieben wir uns fettige Brotstücke in die hungrigen Mäuler. Die Leute um uns herum schauen erst komisch, haben aber bald vergessen, dass dieser Tisch nicht von Anfang an der unsere war. Eine Quittung auf dem Tisch zeigt die Summe US$140, so ein Abendessen kann man sich mal gönnen, for free. Schnäppchen. Sehr sehr geil, Anton! Dazu noch der Rest Weißwein unserer unwissenden Gönner und wir fahren selig zurück ins 22-Bett-Zimmer. Luxuriöser Budgettrip!

Dann ist irgendwie auch schon der letzte Tag da und Franzi packt ihren Koffer, also ich packe ihren Rucksack, wie gesagt…für mich ist es erst später Zeit aufzubrechen. Ich winke ihr zum Abschied und bin wieder alleine, jetzt muss ich erstmal wieder umschalten. Der Nachmittag ist regnerisch und windig, eine gute Gelegenheit die alte second hand Buchhandlung im Fort Mason nocheinmal aufzusuchen, auch die kenne ich von vor 2 Jahren. In dem alten Militärgebäude stehen Regal voll gebrauchter Bücher und an den Raum ist ein kleines Cafe angeschlossen – alles was ich brauche. Ich verbringe hier einige Stunden bis es Zeit wird auch meinen Rucksack zu schultern. Ich bin auch wieder im Sparmodus, keine weitere Nacht im Hostel, mein Flieger nach Norfolk, VA geht ohnehin schon mittags am nächsten Tag. Der airport shuttle holt mich um 22 Uhr ab, ich werde mit dem Boden des Flughafens vorlieb nehmen. Der ist umsonst und außerdem lässt es sich auf Flughäfen ganz wunderbar Menschen beobachten. Good night San Francisco, good bye beautiful city am Pazifik. Es war mal wieder ein bisschen wie im Märchen.

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Auf der Suche nach dem Nebel: San Francisco

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Mark Twain soll gesagt haben, dass die kältesten Winter, die er jemals erlebt hat, die Sommer in San Francisco waren. Ich weiß nicht, ob es die Klimaerwärmung ist oder einfach mein Glück: Mir brutzelt auf der Terrasse des Java Surf Cafe am Ocean Beach die Sonne auf den Kopf. In fünf Tagen habe ich die Golden Gate Bridge nicht einmal in ihrem berüchtigten Nebelmantel erlebt. Nur der Pazifik schickt dann und wann am Abend eine kühle Brise durch die steilen Straßen und dann kommt der einzige Pulli in meinem Rucksack mal sinnvoll zum Einsatz. Ich bin mehr als zufrieden mit diesem San Francisco Sommer. Als ich am Dienstag Abend ankommen und mit der Straßenbahn Richtung Ocean Beach fahre, die Straße auf den Schienen hinuntergleite, die direkt in den Pazifik überzugehen scheinen, bin ich genauso fasziniert wie vor zweieinhalb Jahren (https://blogmopped.com/2013/02/23/the-left-coast/). Das Flair hat sich nicht verändert, meine Begeisterung von damals kehrt zurück. Ich bin ein wenig erleichtert, weil meine Erwartungen mir selbst zu hoch schienen. Aber diese Stadt ist eine zweite Perle, sorry Hamburg.

Fünf Nächte mache ich mich auf Lenas und Antons Couch lang, in einem Haus, das wie ein kleines blaues Märchenschloss aussieht, nur neun Straßen vom Wasser entfernt, wieder so ein günstiger Zufall. Mama schüttelt am Telefon verwundert den Kopf (das sehe ich zwar nicht, klingt aber so) „durch das Surfcamp in Frankreich kennst du ja die ganze Welt“. Zumindest Leute, die in der ganzen Welt unterwegs sind. Lena macht Praktikum, Anton hilft hier und da mit seinen Grafikdesignkenntnissen aus und erkundet ansonsten die Stadt. Da reihe ich mich ein, wir legen einige Meilen und Hügel zurück. Abends und am Wochenende ist Lena auch dabei. Entspannte Tage, Kneipenabend, Ausstellungseröffnung im Goetheinstitut, Tacco Kochsession mit leicht esoterischer Mitbewohnerin und ein hardcore Biketrip. Biketrip, mehr dazu:

Eine Radtour über die Golden Gate Bridge ist eine unbestehbare Geduldsprobe! Natürlich, bleib mitten in der Kurve stehen! Oder am besten direkt auf dem Radweg, das Fahrrad quer abgestellen, Super! Klasse! Nein, rechts bleiben, wieso? Und Geradeausfahren, das wäre nun wirklich zu viel verlangt. Auch plötzlich Bremsen ist gar kein Problem, besser noch ist: nach einer Fotoknipspause am Rand der Fahrbahn (ach nein, mitten im Weg) ohne sich umzuschauen wieder wacklig aufs Fahrrad zu krabbeln und die Fahrbahn zu queren. Ich kriege einen Föhn und ringe verzweifelt um meine interkulturelle Kompetenz, versuche mir diverse kulturelle Brillen aufzusetzen (vor allem asiatische!) und mir einzureden, dass nicht jeder mit Radfahren groß wird wie wir. Aber nach drei, vier mal stummem Kopfschütteln und haarscharfer Kollisionsvermeidung durch Vollbremsung platzt mir der Kragen. Ich komme mir vor wie ein überkorrekter deutscher Assi, aber ich habe jetzt einfach Lust Leute anzuschreien und zurechtzuweisen. EY! You cant stop here! What the hell! Fahrtechnisch wähle ich jetzt die aggressive Scherentaktik. Radikales Ein- und Ausscheren. Wann immer der Gegenverkehr kurz abreisst breche ich aus der schleichenden Radkaravane aus, überhole ein paar keuchende Hackenpedaler und reihe mich ein bisschen weiter vorne wieder ungeduldig ein….Die Golden Gate Bride ist ein Touristenmoloch, das war uns natürlich vorher klar. Besonders an einem Samstag. aber wir wollen sie ja nur überqueren, um die Perspektive zu wechseln. Und sobald wir die Marine Headlands am anderen Ufer erreichen stellt sich dieser Gedanke als richtig heraus. Die erste Steigung siebt die radelnde Menge radikal aus, 5% wenn es hochkommt wählen diesen Weg, davon zum Großteil Rennradfahrer, die sportlich unterwegs und von der Massenveranstaltung mindestens so genervt sind wie wir. Unsere Räder sind nicht gerade Renner (aber schön retro, aus einem alternativen Fahrradladen wie man sich den in SF so vorstellt, mit karohemdbärtigen Hipster!), aber unsere gestählten Waden und die Aussicht auf eine schöne Aussicht tragen uns den Berg hinauf. Auch die zweite langgezogene Steigung bewältigen wir, pushen uns mit Tour de France Kommentator-Euphorie und der imaginären Jagd auf das gepunktete Trikot hinauf.  Jede Anhöhe, jede Kurve gibt einen neuen Blick auf die Brücke und die Bay Area frei. Ein paar Fotos, dann stehen wir plötzlich vor einer ganz anderen Herausforderung: 18% Gefälle! Die Hände klammern sich um die ledernen Griffe, gefährlich schwitzig glitschig, fassen krampfhaft um die Bremsen. Scheiße ist das steil! Das Kopfkino geht über die Fahrbahn hinaus, den Hang Falllinie hinunter. Aber sobald das steilste Stück hinter uns liegt führt die Straße uns in einem angenehmen Gefälle hinunter, entlang einer sanft geschwungenen Straße, die mich an ein stimmungsvolles Longborad downhill Videao erinnert, zum Point Bonita Lighthouse. Wind in unseren Haaren, noch viel angenehmer: Wind unter unseren Achseln! Nach Lunch und Schnapschüssen am Leuchtturm müssen wir zum Glück die 18% nicht wieder hoch, sondern fahren in einem Bogen durchs (vertrocknete) Hinterland wieder zurück zur Brücke, die jetzt am Nachmittag deutlich leerer ist. Ein Glück!

Dann packe ich wieder meinen Rucksack, heute Abend holt Natali mich ab. Meine erste Mitfahrgelegenheit in den USA. Bisher nur Bus und Bahn, jetzt mal mit dem Auto. Unser Weg wird uns über Nacht 600 Meilen gen Norden führen, nach Oregon. Nahe der Stadt Bandon werde ich die kommenden zehn Tage wwoofen, soweit ich weiß Bäume ausreissen…ich werde berichten.

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