-M-O-N-T-A-U-K
Der Name dieses Ortes hat mir seit einer kleinen Ewigkeit im Kopf herumgespukt. Irgendwann habe ich ganz willkürlich den Roman aus dem Bücherregal zu Hause gezogen. Absolute Begeisterung vorzugeben wäre Heuchelei. Ich mochte ihn nicht besonders. Nur ein paar wenige Stellen habe ich angestrichen, ein paar gute Gedanken finden sich meistens irgendwo zwischen den Zeilen. Jedenfalls habe ich Montauk sofort googlemapsen (Anneke, das ist für dich) müssen und weiß seitdem, dass es der so ziemlich letzte Ort auf Long Island ist. Circa 3 Stunden Autofahrt von NY entfernt – bei amerikanischer Geschwindigkeitsbegrenzung zumindest. Dann kam dazu, dass dieser Film – „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ – teilweise dort spielt. „Meet me in Montauk“, ein hängengebliebenes Zitat. Dieses Bett mitten am Strand, mit Jim Carey und daneben Kate Winslet mit blau-pink-orangefarbenen Haaren. Abgedreht. Und natürlich die Suche nach den Surfspots nicht zu vergessen. „Ditch Plaines“ bei Montauk ist dabei nicht wegzudenken. Zahlreiche Point Breaks reihen sich am Ende der Insel aneinander.
Wie es der Zufall so will habe ich also mit meinen Mitbewohnern Ron und Anna vor eineinhalb Wochen gemütlich auf der Couch gesessen. Wir sind aufs Surfen gekommen und Ron erzählt von seinem Freund John, der verrückt nach Wellen und Boards ist. Und hey, eigenlich könnten wir den mal besuchen, der wohnt in MONTAUK. Ihr könnt euch mein Gesicht vorstellen….
– Ja, wie, seriously or what?
– Sure!
Was wir von einem Wochenendausflug halten würden…
– To Montauk? I’ve always wanted to go!
– So, let’s do it!
– Let’s do it!
Und so sitzen wir Sonntag früh im Auto Richtung Montauk: Ron, George (ein weiterer Freund von Ron), Anna und ich. Ein Roadtrip der Sonne entgegen, mit HERRlichem Jazz Musik Talk vorne und glücklichen StrickFRÄULEINS hinten auf der Rückbank.
Montauk. Es riecht nach Kaminfeuer. Geräuchert, nach Holz und Meer. Das Donnern der Brandung dringt bis ins Haus. Ich muss an Jackett’s Island, Neuseeland denken. Wieder bin ich in einem Haus am Strand gelandet. Bei Unterkünften scheint mir das Glück wirklich hold zu sein. Ich schicke zum Dank eine Opfergabe aus mentalen Heringen und Muscheln an Neptun. Und an John, der uns dieses mehr als nette Häuschen zur Verfügung stellt. Überall liegt hier Surfzeug herum – Boards, mindestens 10 Stück, Wetsuits in allen erdenklichen Millimeterstärken. Einen Busch vor der Tür schmücken Neoprenschuhe, die wie Weihnachtsbaumkugeln auf die Zweige gesteckt sind. Surfbücher und -guides bevölkern ein Regal im Erdgeschoss, ein Indoboard auf der Terrasse wartet darauf, dass ich ihm meine Balance schenke. Wir erkunden das Haus, ich schwappe über vor Begeisterung. Da ist noch ein Schuppen im Garten, noch mehr Boards. John und Liz machen währenddessen Salmonburger, aber Anna und ich schnappen uns nur einen Café. Wie kommt man hier zum Strand? Mit unseren Tassen machen wir uns auf den Weg, es sei nur ein kurzer Weg sagt John. Drei Minuten. Keine Zeit zu verlieren, wir müssen Meer sehen.
Die Grundstücke hier draußen werden von einem hohen Baumgestrüpp eingerahmt, das alle Geräusche zu dämpfen scheint. Absolutes Kontrastprogramm zu dem konstanten Geplärre der Stadt. Nur die Wellen machen Lärm, aber das zählt nicht, die gehören zur (Geräusch)Kulisse. Die Szenerie wirkt, als hätte sie schon jemand mit Fotoshop bearbeitet. Schon einen Filter darübergelegt sagt Anna, im fachmännischen Fotojargon. Ich habe mir auch einen Filter übergelegt. Der filtert nur noch frische Luft und Algenduft und all das was uns umgibt. Alles andere wird ausgesiebt. Ein langer Strandspaziergang. Das Kliff – „Bluff“ wie sie es hier nennen – die Wellen, viel Weißwasser. Treibholz, Strandgut, diese Farben! Sandfarbene Strandfarben. Mit Dünengras und Muscheln und dem endlosen Himmel ohne Wolken mit viel Sonne. Wir filmen und fotografieren und rollen im Sand. Ich bin froh, dass Wintersaison ist. Außer ein paar Hundebesitzern und einer Reiterin begegnet uns niemand. Dabei soll hier im Sommer die Hölle los sein.
Als wir zurückkommen ist das Buffet schon aufgebaut. Taccos, Guacamole, Salsa. Football is on. Vor uns, eher vor George, John und Ron, liegen 6 Stunden Sport (…). Zwei Halbfinals zum Superbowl sind zu bestreiten. Da braucht man Sitzfleisch!! We watch the games, Anna and I knit our scarfs. The fire is burning and the sun disappears behind the dunes, behind the trees…..Manchmal macht das Glück wirklich Haufen. Uns geht es einfach nur gut. Und so kürt Anna das Motto dieses Trips mit einem entspannt seufzenden: Could be worse!, als wir bräsig auf dem Sofa liegen.
Nach zwei Stunden Kaminräucherei, Essen und der Ladung Frischluft von vorhin wanke ich in mein Zimmer. Die Schläfrigkeit im Arm. Bei offenem Fenster liege ich im Bett, die Decke bis unter die Nase gezogen. Meeresluft weht herein, kühl und frisch. Es ist schon dunkel geworden, ganz dunkel hier draußen. Die Sterne und der Wind. Und ich liege einfach nur da, atme und dämmere davon, in einen unglaublich erholsamen Schlaf.
– Sorry guys, guess I fell asleep…
– Heyyy, roommate*, there you are…get something to eat!
(* „roommate“ ist mein neuer Spitzname. So hat Ron mich getauft, weil er laut Anna am Anfang nie meinen Namen aussprechen konnte. Als ich noch ein Skypekontakt aus Deutschland war. jetzt macht er das aber schon ganz gut. Aber „Hey roommate, what’s up?“ beim Nachhausekommen zu hören gefällt mir eigentlich auch ganz gut. Vielleicht sollte ich das bei Starbucks versuchen…)
Das zweite Spiel beginnt in ein paar Minuten. Die Herren der Schöpfung sind noch immer Feuer und Flamme. Annas Wolle ist inzwischen aufgebraucht, Ron trägt schon seinen neuen Schal. Ich stricke weiter. Zwischendurch immer wieder auf den Balkon, frischlüften. Wir beobachten die Sterne beim Wandern gen Westen. Der große Wagen hängt hier merkwürdig auf der Seite, Orion steht am Anfang genau über uns. Ein letztes Glas Wein. Der Superbowl hat seine Teams und wir verkriechen uns in unsere Betten.
Auch als ich aufwache ist es still. Bis auf ein gelegentliches Schnarchen aus dem oberen Stockwerk. (George und John, die beide aus dem Musikbusiness kommen, schmieden später beim Frühstück Pläne wie sie Rons nächtliches Sägen für einen Remix verwerten könnten. Anna bezweifelt, dass man den Ton und dessen Lautstärke bei einer Aufnahme überhaupt originalgetreu wiedergeben könnte.) Brrr, schnell raus aus dem Bett und wieder rein in warme Klamotten. Laufschuhe an, GoPro auf den Kopf und los. Ich trabe los in Richtung Strand, biege rechts ab und nehme den Trampelpfad, der sich oben auf dem Kliff die Küste entlangwindet. Das Meer hat heute seinen gutmütigen Charakter aufgelegt. Bei der morgendlichen Windstille brechen nur ein paar kleine Wellen dicht am Ufer. Glasklar und definiert im glänzenden Licht der Morgensonne. Heidewitzka, was für ein Kitsch. Und wieder ist niemand unterwegs. Nur die üblichen Verdächtigen: Hunde und ihre Anhängsel. Wie immer. Ich laufe jetzt am Strand, drehe irgendwann um und falle rechtzeitig an den Frühstückstisch, wo John mir kaum das ich sitze schon eine Waffel mit Sirup auf den Teller gleiten lässt.
Heute ist übrigens Feiertag, deswegen können wir getrost auch noch den Montag in Montauk verbringen. Und so fliegen wir aus einen Ausflug zum berühmten Leuchtturm an der Spitze der Insel zu machen. Eine seltsame Truppe, finden Anna und ich, auch als wir uns später zu Hause die Fotos anschauen. Aber sehr gelungen, gut gewürfelt. Ein echter Kniffel.
Gegen drei müssen wir uns loseisen vom Paradies. Wortwörtlich. Es ist ziemlich kalt geworden. Und grau. Es fängt leicht an zu schneien. Als wir eine gute halbe Stunde auf dem Highway unterwegs sind wird der leichte Schnee zu dichtem Gestöber. Verrückter Szenenwechsel von gestern auf heute. In der Stadt ist dann wieder gar nix mehr weiß. Nur laut und hoch und geschäftig und irgendwie so gar nicht wie in Montauk.
Montauk ist also nicht mehr nur ein Buchtitel, ein Ort im Film oder ein Surfspot. Montauk hat in diesen Tagen ein Gesicht bekommen und mein Kopf oder Herz oder beides einen Sehnsuchtsfleck mehr.
…das Video folgt noch. WIr müssen noch schneiden!!


























