Fahrradfeminismus: Weibliche Reflektion einer Rennraddemontage

Vorwort

Manchmal denke ich ich könnte gut Kolumnen schreiben. Es passieren jede Woche wundersame Dinge über die es sich lohnt nachzudenken und zu berichten. Fast jeden Tag beobachte ich Menschen, werde Zeuge von Verwunderlichkeiten und Sonderbarem – hier direkt vor unseren Nasen im sogenannten schnöden Alltag. Direct snapshots of life is what makes a writer, hat einer aufgeschrieben, ich habe kein Talent dafür mir Autoren zu merken. Triviales erhebt sich aus der alltäglichen Beschränktheit, für kurze philosophische Momente mal anders sehen, das Kleine mit dem Großen verbinden, nachdenken, hinterfragen – und dann wieder zurück in den Status Quo gekuschelt, mit all seiner Trivialität d’accord, weil man weiß, dass es so ist, aber nicht sein müsste. Schlicht: sich kurz mal Gedanken machen tut gut, dann ist alles schon gar nicht mehr so staubig im Geschmack. Und sowieso weniger dramatisch. Philosophiert im Alltag! Raus aus Hamsterrädern! Ahoy ahoy!

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Ich musste gestern mein Rennrad in seine Einzelteile zerlegen, um es in einem Transportkoffer unterbringen. Ich schlich seit Tagen um die monströse Box herum und drückte mich erfolgreich davor mein Fahrrad auseinanderzunehmen – aus Angst, es nicht wieder zusammenbauen zu können oder bei 30km/h auf dem Asphalt zu zerschelle, weil das Laufrad aus der Verankerung gleitet. Die Absurdität dieser Prokrastination ist mir nun, da das Fahrrad im Koffer längst auf Reisen gegangen ist und heute Nacht wohl friedlich in einem Paketzentrum schlummert, völlig bewusst. Die Furcht vor dem Zusammenschrauben und möglichen Sturz wird wohl bleiben bis ich, hoffentlich, eines Besseren belehrt werde.

Die Entstehung des Dilemmas? Unser jährlicher Triathlon steht an. Dieses Jahr sind Karo und ich am Wörthsee in Bayern im Einsatz. Ich muss also durch die gesamte bundesrepublik reisen, um 1500m zu schwimmen, 40km Rad zu fahren und 10km zu laufen. Vor zwei Monaten habe ich ein sensationell günstiges Bahnticket geschossen, 14 Euro, allerdings nicht bedacht, dass man im ICE  keine Räder mitnehmen kann, nicht mal ein schlankes Rennrad. Überhaupt kein überdimensioniertes Gepäck wie Fahrradboxen. Also blieb mir nichts anderes übrig als das Rad zu schicken. Mit der DB, eigentlich albern, aber gut. Mein Rad reist mir nun also drei Tage voraus. Der Service ist komfortabel, von Haustür zu Haustür, geholt und gebracht. Trotzdem mehr als doppelt so teuer wie ich, 35 Euro, und dafür musste ich auch noch den nervenaufreibenden Preis des Auseinandernehmens zahlen…

…ich höre dabei alte Harry Potter Kassetten, die helfen mir daran zu glauben, dass alles gut wird. Die Stimme Rufus Becks ist beruhigend, sie verlangsamt mein panisches Gedankenchaos. Lord Voldemort wird besiegt und ich kriege alles abgeschraubt, ja ja. Die Kassetten, ihr surren und klicken im Rekorder, das braun flirrende Band, das sich manchmal aufrippelt und das man dann mit dem Finger wieder auffwickeln muss, selbst das Umdrehen der Kassette – sorglose Kindheit. Eine Kindheit, in der alle Bedürfnisse rund ums Fahrrad nur bei Papa anzumelden waren und schwups war alles gerichtet.

Ich würge mit dem Inbusschlüssel (wohlgemerkt: es heißt iNbus, nicht iMbus Schlüssel, das habe ich bis gestern nicht gewusst. Ist nämlich ein Akronym, INnensechskantschraube Bauer Und Schaurte → INBUS. Ich möchte an dieser Stelle zur Erweiterung des technischen Fachwissens aller ‚Unwissenden‘ beitragen.) an den Pedalen herum, eine bekomme ich abgeschraubt, die andere rührt sich nicht. Drei youtube Videos später gehe ich mit roher Gewalt ans Werk, ein youtube Reparateur sagt die fressen sich gerne fest. Achtung mit der Kette, da gibt es schnell fiese Schürfwunden wenn man abrutscht. Ich stelle mir vor wie ich mit dem Unterarm im Kettenblatt hänge und Blut sich mit Kettenöl vermischt. Ich laufe ein bisschen hilflos durch die Wohnung, räume hier und da etwas weg, habe eigentlich keine Lust mehr. Aber ich muss die Pedale abkriegen, verdammt. Ein kurzes angestrengtes Ächzen das klingt wie das Stöhnen der Tennisspieler beim Schlag, ein kräftiger Ruck am Inbusschlüssel und ein Gegentritt in die Pedale, und auch die zweite Pedale lockert sich. Endlich. Tzz, war ja leicht.

Man kann kein Rad auseinanderschrauben ohne dass einem gender Gedanken durch den Kopf sausen. Warum habe ich nie gelernt an Rädern rumzuschrauben? Warum habe ich Angst mir wehzutun? Warum steht mir diese eigentlich einfache Aufgabe so sehr bevor? Wäre Basti hier oder Papa, dann könnten die das ganz leicht machen. Überhaupt fallen mir eine Hand voll Männer ein, die sich damit sicher schon beschäftigt haben und die Benutzung des richtigen Werkzeuges aus dem Ärmel schütteln und nebenbei mit den Fachbegriffen der Fahrradteile joglieren. Wen dagegen könnte ich von meinen Mädels fragen? Da wird das Eis dünn, Leerlauf. Wir haben immer Männer gefragt. Wenn ich ehrlich bin hätte ich die Chance oft genug gehabt, Papa wollte mir im Fahrradkeller zu Hause in HH häufig zeigen wie man Räder repariert. Ich hatte ehrlich gesagt einfach keinen Bock. Ich wusste ja, dass er es doch macht. Dass er mir das durchgehen ließ erklärt auch einiges. Was, wenn ich ein Junge gewesen wäre? Mädchen werden nicht ‚gezwungen‘ zu lernen wie man Dinge repariert. Ihnen wird nicht vermittelt, dass man reparieren, auseinanderschrauben und ‚basteln‘ selber können ‚muss‘. Diese Dinge sind klar als männliche aufgabe definiert. Jungs wird vermittelt, dass sie diese Dinge lernen müssen. Irgendein männlicher Weggefährte nimmt sie zur Seite und sagt ‚ich zeig‘ dir jetzt mal was‘. Mädchen wird vermittelt: Wenn etwas kaputt ist was zur Reparatur handwerkliches geschick benötigt, etwas was gröbere Arbeit ist oder potentiell gefährlich sein kann – frag da lieber einen Mann. Der Großvater oder Vater, der Freund, ein Freund. Klare gender divide hier, die keinen umbringt, aber die Frau wieder in eine passive Rolle verweist. Das alte Spiel, in eine Position der Abhängigkeit verschiebt.

Das Rad ist verstaut, das Werkzeug zur Re-Montage ebenfalls. Räder, Pedalen, Sattel, Lenker – alles abmontiert. Ich bin ein bisschen sehr stolz als ich vor dem großen Hartschalenkoffer stehe, der nun meinen Renner in  Einzelteilen enthält. Dabei will ich gar nicht stolz sein. Das soll gefälligst normal sein, gar kein großer Akt, mal eben schnell verpackt. Mich ärgert es, dass diese Radtransportgeschichte mich tagelang  gedanklich beschäftigt hat. Im Endeffekt muss man nur machen, drangehen und ausprobieren. Geduld haben, Videos schauen und nachmachen. Trotzdem bin ich stolz. Und froh, dass es youtube gibt. Natürlich nur männliche Anleitung – beim Zusammenbauen werde ich ein Amateurvideo drehen und hochladen. Und dann ganz viel Ruhm und Geld mit einem Female Bike Repair Channel machen tataaa…bang, und dann waren alle gender Überlegungen wieder für die Katz, weil das ‚wir machen das jetzt für Frauen‘-Gehabe die Unterschiede doch nur wieder verstärkt. Warum muss es alles ‚für Frauen‘ und ‚von Frauen‘ geben was sonst in die männliche Domäne geschoben wird, ITkurse, Sportkurse, Technik- und Reparaturanleitungen  – das bestärkt Schubladendenken. Das was Männerdomäne ist wird so nie weniger männlich werden. Es muss Fahrradreparaturvideos geben in denen Frauen und Männer agieren, ohne dass es extra betont wird. Erklärt ein Mann wie man ein Fahrrad verpackt wird sein Geschlecht ja auch nicht erwähnt. Genau die gleiche Geschichte wie mit den FußballkommentatorInnen. Selbst mir kommt es komisch vor wenn eine Frau ein Spiel kommentiert. Aber diese Irritation sollte uns aufschrecken lassen. Wie festgelegt wir sind! Wie unsere kulturelle Erziehung uns im Griff hat und unser Empfinden von Wahrheit und Richtigkeit dirigiert. Die erschaffene Natürlichkeit des Männlichen in unserer Gesellschaft ist das wirkungsvollste Instrument der Hegemonie –  Dinge als ’normal‘ auszugeben und zu behandeln bedeutet (a) nicht zu hinterfragen und (b) alles Abweichende als unnormal, nicht standardmäßig, und so meistens als weniger wertvoll darzustellen.

Karo und ich wir werden uns am Sonntag bemühen aller Passivität eine gehörige Aktivität im Namen des Schwimmens, Radelns und Laufens entgegenzusetzen. Am Wörthsee. Startbeutelausgabe ist ab 6:30 Uhr. Na hoffentlich kriegen wir das mit dem Müsli und der Verdauung hin (waaas, Frauen haben Stuhlgang?). Es ist spät geworden. Die Harry Potter Kassetten beseitigen psychisches Chaos, ordnen aber nicht das physische Durcheinander in dieser Wohnung. Es klackt. Ich drehe die Kassette um. Weiter geht es. Harry geht wahrsagen, ich staubsaugen.

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WALDEN, das Magazin

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Donnerstag, 7. Mai 2015. Kurz nach neun und der Medientreff bei Gruner&Jahr platzt aus allen Wänden. An das Kaffee und Franzbrötchen Buffet kommen nur noch die, die direkt davor stehen. Ich bin ein bisschen neidisch, ich sitze auf der anderen Seite. Immerhin mit Kaffee. Angeregtes Gebrabbel durchzieht den Raum, eine positive Spannung liegt in der kaum noch vorhandenen Luft. Um 9:15 Uhr pocht jemand zum Test ans Mikrofon, ein Räuspern und die Menge wird ruhiger. Jetzt ist es an der Zeit WALDEN kennenzulernen.

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Bei Gruner und Jahr ist das Magazin der erste große Launch dieses Jahres, WALDEN ist ein „Herzensprojekt aller Beteiligten“ sagt der Redner, dessen dunkler Bart sehr männlich und nach Wald aussieht. Der Anzug ist allerdings ein Stilbruch. Aber die „wilde Idee“ hatte ohnehin nicht er, sondern die stammt von Herrn Willenbrock und Herrn Wolff, die daneben stehen und gleich anfangen werden, ihr Baby zu erklären. Sie waren naiv genug auf ein romantisches Paradigma zu vertrauen: wenn etwas gut ist, dann wird es auch erfolgreich. Sie probieren es zumindest aus. Und „zurück zur Natur“ wollen heutzutage eh alle, zumindest ein bisschen. WALDEN. Womit haben wir es also zu tun?

WALDEN, das ist kaum überlesbar (s. Bilder), ist für Männer. Für Männer um die 30. Für Männer um die 30, die nach der Arbeit oder am Wochenende gerne mal wieder raus möchten. Die in die Natur gehen, Feuer machen und Tiere beobachten – vielleicht sogar erlegen – wollen. Obwohl das vielleicht schon zu viel wäre. WALDEN ist nicht für die härtesten der harten Kerle. Das sagen auch die Macher. Eher für den „modernen, unaufgeregten Abenteurer“. WALDEN sollen die lesen wollen, die ein bisschen härter werden möchten. Vielleicht weil die Stadt und Medienjobs und die saubere Wäsche mit Weichspüler gewaschen sie weichgespült haben. WALDEN ist für die, deren Bürostuhl wippt aber nicht schwingt wie die Hängematte im Kiefernwald. Für die, die es sich auf Federkernmatratzen in IKEAbetten gemütlich gemacht haben, die aber manchmal doch die Isomatte im Zelt vermissen. Für Stadtkinder, die den Alltag geduscht mit Schal und Latte bestreiten und alleine kein Kanu bauen oder eine Axt schwingen können, sich aber in ihrem tiefsten Inneren danach sehnen ab und zu ein bisschen wilder, ein bisschen mehr outdoor, ein bisschen handwerklich geschickter zu sein. Man kennt das ja. Man hat irgendwie Gefallen gefunden am gemütlichen Dasein, ist irgendwie auch ein bisschen älter geworden und hat sich nach mehr oder weniger Rebellion dem Zwang der Gesellschaft ergeben und sich eingeordnet ins urbane Alltagsleben. Und doch: da ist diese Unruhe. Man muss raus, weg, into the wild, oder zumindest in den Stadtwald. Im Gelände die Lunge im Grünen atmen lassen und die Augen auf den nächsten Baum fixieren, statt auf den Bildschirm. Für diese Bedürfnisse hat man jetzt WALDEN an seiner Seite. WALDEN ist übrigens auch „ein Freund von GEO“, dessen Chefredakteur Christoph Kucklick bei der Präsentation sagt, dass WALDEN und GEO ihre Liebe zur Natur ja teilen würden. Wenn sie eh beide gerne rausgehen, dann können sie das auch gemeinsam machen. Und so greift der große GEO dem kleinen WALDEN beim Waldspaziergang unter die Arme.

Die erste Ausgabe erzählt warum WALDENs Heimat bei uns vor der Tür liegt. Man muss nicht in die Ferne schweifen, um schöne Natur zu finden, ist eine Grundüberzeugung des Heftes. Auch nicht um Abenteuer zu erleben. Die Rubrik Mikroabenteuer – wie NEONs „Feierabenteuer“ von neulich – soll ein Standard werden. Mit dem Neoprenanzug lässt es sich auch mal vor der Tür in den Teich hüpfen. Apropos Hüpfen, eine Doppelseite erklärt Alternativen zur Arschbombe und eine Anleitung zum Flitschen gibts auch, angeblich kann der Stein mit der richtigen Technik bis zu 88 Mal über die Wasseroberfläche springen. Die letzten einsamen Zeltplätze Deutschlands werden vorgestellt, man lernt wie die ‚BIG 5‘ der BRD heißen, inklusive Feldhase, und natürlich wo man das beste Taschenmesser kauft und wie man in 6 (naja fast) Stunden ein Kanu baut.

Man stößt, ICH stoße,  natürlich ein bisschen am gender-Problem an. Ein Magazin für Männer. Und dann Äxte, Taschenmesser und Wildnis. Schmeckt ein bisschen zu streng nach traditionellem Testosteron. Durch so ein Magazin sind die ganzen Bemühungen die eingefleischten Geschlechterstereotypen aufzulösen wieder dahin. Es wird schön wie immer weiterkonstruiert und festgelegt was typisch männlich und somit  nicht typisch weiblich ist.

 Wie auch immer, ich könnte mir vorstellen, dass das Magazin einen Nerv trifft. Ich kenne ein paar Jungs, die in letzter Zeit davon träumen eine Axt zu kaufen und einen Baum zu fällen. Vielleicht ist das Erscheinen des Magazins auch irgendwie eine Reaktion auf den häufig beklagten Wandel der männlichen Rolle im 21. Jahrhundert. Sind Männer ZU weich geworden? Müssen sie wieder ETWAS härter werden? Männer sind zwar die primäre Zielgruppe, es steht ja fett vorne drauf, aber Frauen würden wohl eher etwas kaufen auf dem „für Männer“ steht, als Männer etwas kaufen wo „für Frauen“ drauf steht. Ganz sicher. Und da auf WALDEN keine Trekker und Maschinen abgebildet sind – um selbst bei den Stereotypen zu bleiben – sondern ein stolzer Hirsch und das Heft ganz nebenbei auch noch einfach schön layoutet und auf schmeichelhaftem Papier gedruckt ist, wird sicher auch die ein oder andere Frauenhand danach greifen. Vielleicht sogar nicht nur, um es dem Kerl mit nach Hause zu nehmen, sondern um sich selbst auf den Balkon, in den Park oder auf die nächste Hütte abzusetzen und in wilde Gedanken abzuschweifen.

Ob das 140 Seiten starke Magazin wirklich gut ankommt wird sich zeigen. 100.000 Exemplare wurden gedruckt, 7,50 Euro muss man für seine Freiheit investieren. Erst mal wird vorsichtig begonnen, mit zwei Ausgaben im Jahr. Titus von der Süddeutschen Zeitung war skeptisch. „Männer um die 30 und dann noch intellektuell, wie viele sollen das denn kaufen?“ Aber nachdem man Thoreau nicht mal kennen muss, um WALDENs Botschaft zu verstehen und sogar der Name deutsch wie der Wald ausgesprochen werden darf, steht dem Abenteuer ja nichts mehr im Weg.

Eine zweite Ausgabe, die im September 2015 erscheint, ist bereits geplant. Es wird um Hüttenbau und Holz gehen. Um Äxte, Fällen und Hacken, um die wichtigen Dinge eben!

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