DAY I: Just follow the goats

Es scheint die Ziege in ihrer grasenden Routine nicht zu stören, dass wir im Auto dicht an ihr vorbeischneiden. Touristen gehen hier ein und aus wie die Ziegen. Sie sind Teil der Landschaft geworden, am Cap de Formentor. Eine lange Asphaltstraße schraubt sich Kurve für Kurve die felsigen Hügel hinauf, windet sich um schroffe Abhänge und endet schließlich ganz oben am Leuchtturm auf der erodierten Felsspitze des Kaps. Dank der späten Stunde sind die Massen bereits abgezogen. Nur eine Gruppe junger Spanier tummelt sich noch hier, schießt Selfies vom Sonnenuntergang in allen erdenklich Posen. Wir haben eine Mitfahrgelegenheit gefunden, unten am Kreisel in Port de Pollença. Es dauerte nicht lange, bevor ein Mietwagen am Straßenrand hielt und zwei Engländer uns in ihrem Auto willkommen hießen. Nennen wir sie William und Marc, ich habe die Namen vergessen. Backpackerschande über mein Haupt!

Mitte Mai 2017. Dieser Trip ist eine Auszeit von Zuhause, von dem Frühlingsregen und den Jackentemperaturen des deutschen Nordens. Wir fliegen aber nicht nach Malle wegen Sangria aus Eimern, auch wenn der Ryanair Partyflieger, den wir auf dem Hinweg erwischt haben, dies vermuten lässt (‚Allee, Allee – Allee, Allee, Allee – Eine Straße, viele Bäume, ja das ist eine…‘). Wir wollen fernab der Junggesellenabschiede und des Patytaumels in die Tramuntana abtauchen. Viel mehr: hinaufsteigen. Wildcampen. Wandern. NATUR NATUR – denn weder die knorrigen Olivenbäume, die märchenhaften Haine von Zitrusfrüchten noch die duftenden Aleppo-Kiefern interessiert die Schwimmprüfung, die Turnstunden und all das, was wir eigentlich gerade zu tun hätten in Kiel. Und so beschließen wir abzuschalten, auszuwandern, für fünf Tage mal ganz weg zu sein. Wie schon Gertrude Stein zu sagen pflegte: Wenn du das Paradies ertragen kannst, dann komm nach Mallorca. Wir sind in diesem Sinne mehr als leidensfähig!

Vom Flughafen bie Palma geht es mit dem Bus nach Alcudia – eine spontane Entscheidung, nachdem wir im Flieger nochmal die Karte studiert hatten. Wir hatten nicht wirklich einen Plan, wussten nur, dass es der westliche Teil des Eilands werden sollte. Das Cap de Formentor am nördlichen Ende der Insel versprach schon auf dem Papier Caspar David Friedrich-Steilküstenromantik mit Weitblick. Wie passend, dass das Land mal einem Dichter gehörte. Die Halbinsel wird hier auch Treffpunkt der Winde genannt, dieser Ort geformt von den Naturgewalten. Der Weg von Alcudia nach Port d’Alcudia und weiter Richtung Port de Pollença gestaltet sich nicht halb so romantisch. Zehn quälende Kilometer erst durchs Inland und schließlich entlang der Bucht  von Pollença, eine Passage bei der es nur zwei Optionen gibt: die asphaltierte Straße oder ein algiger Strand. An uns vorbei rumpeln Laster und flitzen Rennradler, laufen tut hier eigentlich niemand. Ein hölzerner Campingtisch in einem kleinen Wäldchen am Wasser kurz vor Port de Pollença läd uns endlich zur ersten Mallorca-Backpacker-Jause ein. Abendsonne, sanfter Meereswind – hier sind wir Reisende, hier können wir sein. Als wir Port de Pollença hinter uns lassen halten wir am Kreisel zum Cap de Formentor den Daumen raus. William und Marc quetschen also wenig später unsere Rucksäcke in den kleinen Kofferraum des Mietwagens. Auf dem Rückweg vom Leuchtturm erspähen wir eine Wiese. Wir sind ganz sicher: für heute Nacht UNSERE Wiese. Wir steigen aus, mitten in den Serpentinen (Terpentinen, Ronja?), es ist schon ein bisschen schummrig geworden. Wir bedanken uns bei den Jungs, die uns etwas ungläubig anschauen (‚Do you really want to sleep out here?) und klettern weg von der Straße, durchs hohe Gras und über große felsige Brocken hinab. Die Wiese liegt in einer Senke und einem daran angrenzenden Plateau. Von Weitem sah das Gras kuschelig und weich und niedrig aus. Als wir davor stehen sind es, wie oben, Büschel aus hartem, langhalmigem Grün. Glücklichweise finden wir eine sandige Fläche dazwischen und sputen uns mit dem ersten Aufschlagen des Zeltes. This is real fucking adventure, hätte Kyle Dempster zugestimmt. Not polished, richtig im Gelände, wirklich keine Sau weit und breit und eigentlich dürften wir hier wohl auch nicht campen. Aber wir nutzen den off-season Vorteil. Und ich nutze Ronjas Furchtlosigkeit. Wie selbstverständlich beginnt sie die Sachen auszupacken, hat sich mit dem Schlafplatz schon arrangiert, während ich noch etwas skeptisch umherlinse. Horche. Gibt es hier Schlangen? Wildschweine? Böswillige Ziegen? Oder Monsterspinnen? Was könnte uns in der Dunkelheit auf diesem ausgesetzten Plateau ereilen? Ich muss an plötzliche flash floods denken, so eine wie die in der das Auto von Alexander Supertramp in Into The Wild geriet. Wir liegen in dieser Senke, was wenn es regnet und der trockene Boden das Wasser….Ronja putzt schon Zähne. Ich atme tief durch und versuche die freiheit die uns hier umgibt nicht weiter als bedrohlich zu empfinden, sondern als das Beste und Coolste was mir gerade passieren kann. Weit weg von Hotels, mobile reception und Verpflichtungen am Treffpunkt der Winde eine kostenlose Nacht verbringen zu dürfen – that is fucking real adventure and the greatest fortune imaginable. Buenas noches!


 

Beuteltier im Mittelmeer

 

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„Einmal den Boden verlieren! Schweben! Irren! Toll sein! – Das gehörte zum Paradies und zur Schwelgerei früherer Zeiten: während unsere Glückseligkeit der des Schiffbrüchigen gleicht, der ans Land gestiegen ist und mit beiden Füßen sich auf die alte feste Erde stellt – staunend, dass sie nicht schwankt. (…) Es gibt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine!

Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“ (Nietzsche)

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Beuteltier im Mittelmeer

„Was die Plastikflasche kann, das kannst du auch“

Herausforderung angenommen – ich werde Kurs halten!

Sonst Bordpoet sein,

Reiseleitung und Küchenhilfe.

Volle Kraft voraus !

Dachte ich mir so…

Seekrankheit reduziert mich auf ein Häuflein Elend,

Holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück – den hätte ich mir gewünscht.

Mit Atemnot durch die erste Nacht,

Seitenwelle wackelt wankelmütig,

Ich wanke walk the plank like nach oben,

Schicksal nimmt seinen Lauf, Nudeln gehen schwimmen.

Den Samstag Vormittag an Deck vegetiert,

Wollte sterben.

Erst Cola von „Gott“ haucht mir wieder Leben ein,

Wie neu geboren.

Zuvor:

Im Labyrinth seglerischer Fachtermini,

‚Segeler speak‘ ist mein Mast und Schotbruch.

Raus aus den Gewässern der Komfortzone!

Das Schiff eine Heterotopie,

Ein „Ort, der nach eigenen Regeln funktioniert“, eine „realisierte Utopie“.

 „Neuland“ betreten trifft es nur im übertragenen Sinn,

Ins warme Wasser geschmissen schon eher wörtlich.

Stehe etwas auf dem Schlauch,

Kann aber mit dem wenigstens das Boot mit Süßwasser abspritzen.

Geduld Matrose, Geduld.

Abgelegt in den Sonnenuntergang,

Südlich sanfter spanischer Sommerwind schmeichelt seicht

Der Haut und den Gedanken,

Die hinaussegeln, obwohl wir motoren.

Die Hafenmauer hinter uns gelassen,

Backbords fällt die Steilküste glühend ins Meer,

Ein Leuchtturm leuchtet Sonnenuntergangsgolden am Kliff.

Mein Gott, diese Fahrt ist Poesie!

Adiós Espana, bientot Bonjour la France.

Nachts verwehrt der Mond uns Dunkelheit,

Feuchtigkeit kriecht über das Deck,

bis die Morgensonne es Stück für Stück trocken tupft.

Tagsüber brennt die Hitze unsere Füße ins Teakholz,

Zu Fluch der Karibik auf Kurs, Helene ist Tabu.

Schweigen und Reden, Stille und Musik, Steuern und Sonnen und Schlafen.

Mediterrane Küche an Bord,

Kleine grüne pimientos de padrón schmoren salzig in der Pfanne,

In den beweglichen Scharnieren schwingt der Herd im Auf und Ab des Bootes,

Entfacht eine Unterdecksauna, die der Sonne an Deck Konkurrenz macht.

Mondfische winken

Den Schulen von Delphinen, die mit unserem Bug um die Wette

durch Wellenberge und Täler gleiten,

Wild life.

Die Stimme des Kängurus hüpft über die spiegelglatte Oberfläche des Mittelmeeres,

Oder doch Bodensee?

Mir soll es recht sein, tatsächlich mal ohne Welle glücklich.

Der silberne Teppich in gleißendem Sonnenlicht,

Wir pflügen durch eine Armee portugiesischer Galeeren,

Die keine Meuterei planen unser Schiff zu entern,

Sondern botellas azules sind, Blue Bottle Quallen,

Ihre bläulich schimmernde Gasblase als Segel der Sonne und dem Wind entgegengebläht.

Unangenehme Gefährten im Wasser,

Von oben betrachtet fast schön.

Tierisch bewegt spinnt sich Geschichte um Geschichte,

Christobal, die Dieselameise

Jorge, der Benzinkäfer

Tequila, die tote Kraftstoffkakerlake

Und Jesús, die Ölschabe –

Die kleine Absurdität in den Dingen,

Suchen und finden.

Appropos Absurdität: St Tropez.

Es gibt zu viele Leute mit zu viel Geld.

Was das Känguru wohl dazu sagen würde.

Meine Augen verblitzen sich an den Superyachten der Schönen und Reichen,

Meine Lunge erstickt am Smok der Motorboote,

Meine Ohren taub von prätentiöser Jetskiprahlerei, Prollgehabe!

Nur halb so schlimm, eher kurios, wenn man Beobachter spielt.

„Vielleicht sehen wir ja die Geissens“.

Der Golf von St Tropez bietet uns eine Boje an,

Die  über Nacht unser Hafen wird.

Kein Pool an Bord, aber dafür ringsherum.

Sonne geht

Unter Deck backt Pizza, das Känguru rezitiert sein Manifest.

An Deck Bier und Rosé aus St Tropez –

Sind auch ein Abendessen.

Dritte Nacht auf flüssigem Boden,

Aber unbestreitbar in Ufernähe:

Ohropax lässt Moskitosummen verstummen. 47 Stiche.

Es ist Zeit das Element zu wechseln,

Wasser zu Erde zu Luft,

Vom Boot ins Taxi in den Flieger.

Nicht ohne sich zuvor

Den französischen Pflichten ‚Café au lait‘ und ‚Pain au chocolat‘ unterzogen zu haben.

Wer will schon gehen, Uni ist gerade so angenehm weit weg.

Wir sind Meister der Verdrängung.

Und trotzdem:

Au revoir, merci – c’était un temps magnifique!


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