Chiemsee Triathlon 2017

Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, die Banane und ich. Sie fürchtet erdrückt oder gegessen zu werden, dabei will ich mich nur an ihr festhalten. Sie ins Ziel tragen. Mein Magen würde sie ohnehin nach diesem 1,5km Chiemseehochseeabenteuer und den feuchtwarmen 40 hügeligen Radkilometern nicht vertragen. Die Banane, meine Begleiterin auf den letzten neun Kilometern. Sie wurde mir von einem freiwilligen Helfer am Verpflegungsstand gereicht. Nach dem ersten verflucht geraden Kilometer stand er da und hielt sie mir vor die Nase. Was konnte ich anderes tun als sie zu greifen? Sie war perfekt, eine wahre Paradiesfeige, dabei keine ganze. Man schnibbelt Bananen bei Wettkämpfen in 3-4 Stücke, Häppchen, mundgerecht für die Sportler. Ich hatte ein Endstück erwischt. Noch geschlossen auf der einen Seite, mit dem Staudenpinöpel dran. So wie Affen sie schälen, mit dem Pinöpel nach unten. Auf der anderen Seite offen, glatt abgeschnitten, mit Blick auf das gelbliche Fruchtfleisch. Bananen gehören, wer hätte das gedacht, als Früchte zu den Beeren und werden im botanischen Fachjargon Finger genannt. Ich hatte einen abgeschnittenen Finger, aber einen der sich ganz ausgezeichnet anfassen lies. Ich knetete und drückte, während die Kilometer stetig weniger wurden. Am Ende war sie schleimig geworden, nass. Und ein bisschen zu fest gedrückt hatte ich wohl auch. Sie fand ihr Ende in der schwarzen Mülltonne am Zieleinlauf. Hinter der Ziellinie wohlgemerkt. Das Rennen hatten wir zusammen gemeistert. Schicksalsgemeinschaft. Die Banane und ich. Beim Chiemsee Triathlon 2017.

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#13 anchors of Kiel (1): Bülker Leuchtturm und die Steilküste

image4Ich parke das Auto auf dem Schotterparkplatz am Leuchtturm. Für gewöhnlich ist der Platz dicht mit VW Bussen und Wohnmobilen, denn im Sommer sucht man als KielerIn hier Auszeit vom Alltag. So nah und doch so fern sein, für einen Grillend, eine Campingnacht, einen ’skinny dip‘ in der Ostsee am nächsten Morgen – den Kopf freimachen, abkühlen bevor es wieder an die Uni oder in den Job geht. ‚Strandistan‘ statt Balkonien. In zwei, drei Monaten wird es wieder soweit sein. Aber heute stehe ich fast alleine hier, der Kies knirscht unter den Rädern und als der Motor verstummt dringen nur Möwengeschrei und Windesrauschen durch die Scheiben. Die Parkuhr verlangt noch kein Geld: März bis Oktober. Nebensaison. Es ist erst 9:30 Uhr, an einem Dienstag. Eines der Privilegien im Studium ist die flexible Zeiteinteilung, eine Kondition die, ganz nebenbei, Alltag sein muss für Poeten und Naturliebhaber. Ich konnte heute morgen keinen Fuß unter dem Schreibtisch still halten, der erste Sonnenstrahl, der auf meine Hausarbeitsunterlagen fiel ließ mich diese wieder zuklappen.

Nach Wochen des Regens beginnt ein Tag wieder ohne Wolken. Es hat gefroren in der Nacht und die Landschaft liegt noch in Winterstarre. Meine Laufschuhe klingen auf dem harten Boden tap tap im Rhythmus. Pferdehufe haben sich im Waldboden abgedrückt. Eine leichte Dünung schlägt an der Strand, mein tap tap und das Rauschen von Wind und Welle begleiten meinen wolkigen gleichmäßigen Atem. Obwohl noch kein Baum ein Blatt trägt unterhalten sich die Vögel schon lautstark über den Frühling. Der Protagonist in einem meiner Uniromane kletterte gestern Abend in das Gemälde eines englischen Landschaftsmalers, heute bin ich bei C.D. Friedrich eingestiegen. Ein Gemälde betreten, so fühlt sich dieser Morgen an. Der Weg verläuft parallel zum Strand, etwas erhoben, dann führt sandiger Boden auf die Höhe des Strandes, rechts sanfte Dünen, links tut sich ein weites Feld auf. In der Ferne liegt eine kleine Siedlung von drei Gebäuden, Scheunen und ein Landhaus. Das Feld grenzt an die Steilküste und ich erklimme den Feldweg, der am Rand der Küste entlangführt. Hier hat die Sonne den Boden schon aufgeweicht. Ich glitsche auf dem Matsch hin und her, verfalle schließlich in ein Spaziertempo. Ganz entfernt ein Reiter am Strand, mit Hund. Ich war lange nicht hier draußen, zu lange dafür, dass ich merke wie sehr dieser Ort Kiel für mich lebenswert macht. Hier ist das Wasser, an dem ich immer leben wollte.

Auf dem Rückweg begegne ich ein paar mehr Menschen, ältere Paare die wie ich an einem Dienstag vormittag an keine Pflicht gebunden sind. Wir begrüßen uns mit einem Zunicken, einem leisen ‚moin‘ und ziehen weiter unseres Weges. Wir sind verbündet in der Schönheit dieses Morgens, Februarspazierende im Sonnenschein. Ein Fischer steht in langen Hosen an der Ecke des Leuchtturmes im Wasser und kurbelt an seiner Angel, zwei Männer tragen vom Parkplatz ein kleines Boot ins Wasser. Die Sonne wärmt inzwischen durch meine schwarze Laufhose. Ich freue mich auf den Sommer. aber eigentlich komme ich am liebsten hierher, wenn der Strand noch still ist. Wenn der Parkautomat noch keine Münzen schluckt. Winterherrliche Nebensaison.

Nächste Kieler Flucht: Das Sportzentrum der CAU (2)

Fördeläufer

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„Das nächste Mal trainiere ich im Norden“, sagt Karo und grummelt noch hinterher „so ne Scheißstrecke!“. Im Süden läuft man über Berge, im Norden gegen den Wind. Nicht, dass ich nicht mit Gegenwind gerechnet hätte. Die steife Brise hat uns einiges abverlangt. 21km Halbmarathon, 10km gegen den Wind. Hin Förde rechts, zurück Förde links. Vom Ostseekai vorbei am Seehundbecken, dem KYC, der Seebar und hoch zur Marinebasis, Wende, und alles wieder zurück, noch ein Stückchen weiter, volle Winddröhnung von vorne am Wendepunkt, und wieder zurück, Marinebasis, Wende, und nochmal den Rückweg antreten.

KM10. Ich verfluche die Welt. Jetzt schon. Die verdammte Sonne ist zu warm, meine Beine sind zu schwer, die anderen Läufer zu schnell und zu weit vor mir – ich kann zu wenig Windschatten laufen, und überhaupt habe ich zu wenig trainiert. In meinem Kopf tobt ein erbitterter Kampf, positive und negative Gedanken ringen um die Oberhand des Bewusstseins. „It is a curious thing: Consciousness trying to deny consciousness“ sagt Murakami über den Versuch in großer Erschöpfung sich selbst und den Schmerz, sein eigenes Bewusstsein mit Hilfe des Bewusstsein zu leugnen. Einfach laufen.

KM 13. Nostalgischer Schmerz. Das Bewusstsein der Vergänglichkeit. Alles furchtbar. Früher bin ich bei dieser Distanz noch wie ein junges Reh herumgesprungen. Ich warte vergeblich auf das Runner’s High nach 1:15, das mir früher so zuverlässig hier die Hand schüttelte. Es versetzt mich. Mit jedem Schritt sinke ich tiefer in den Asphalt. Meine Oberschenkel sind harte, knorrige, alte Holzstücke.

KM 16. Ich bin eine Maschine. Schritt für Schritt. Ich bin eine Maschine. Schalte den Kopf aus! Du bist eine Maschine!

KM 19. Wie schön wäre es zu gehen. Jetzt den Schritt zu verlangsamen und stehenzubleiben. Eine unglaubliche Vorstellung, paradiesisch. Einfach stehenbleiben. Aber es geht nicht. Ich bin gekommen um zu laufen. Nur einmal noch durchhalten, den Schmerz 10 finale Minuten ertragen. Ich halluziniere von einem Bett auf dem Asphalt.

Erst 300m vorm Ziel packt mich die Erleichterung und ich bin mir zum ersten Mal sicher, dass ich es schaffen werde. Ich trinke 6 Becher Energy Drink. Salzkruste verziert mein Gesicht, Karo hat auch einen wunderbar weißen Schnurrbart. Es ist geschafft, tatsächlich vorbei.

Später fahre ich mit dem Rad durch Kiel. Es ist kurz nach fünf und die Sonne steht tief, vorbei am Schrevenpark über das Kopfsteinpflaster, vorbei an den schönen Altbauten, es sind kaum Menschen unterwegs. Ein Hauch Frühling liegt in der Luft. Mein Körper ist erschöpft, aber es ist eine angenehme Müdigkeit, die mich umgibt. Eine wohlige Schwere wie nach einem tiefen Mittagsschlaf. Ich treibe dahin, ohne Hast. Der Lauf, so qualvoll im Moment des Rennens, hat mich befreit. Mir Ruhe geschenkt. Mich mir wieder näher und Karo nach Kiel gebracht.

Karo hat Recht, kein Rundkurs ist kein Spaß und Wind beim Laufen ist ätzend. Kiel Halbmarathon einmal gemacht, ausprobiert, abgehakt – nicht unbedingt nochmal. Und trotzdem, kein Zweifel daran: Es war großartig.

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T-R-I-gonometrie

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Man muss auch mal Dinge auf sich zukommen lassen. Komfortzone und sicheren Hafen verlassen und so. Fakt: Man kann ohne (viel und strukturiertes) Training einen Triathlon überleben. Wenn man in Kauf nimmt, dass die Zeit nicht rekordverdächtig und die Beine auf dem Weg wackelig werden – waren gerade beschrittene Wege denn je interessant? Weil sich das vermutlich viele Amateure denken, kommt Schwimmen am Anfang – damit nicht so viele Möchtegernathleten vom Seegrund geborgen werden müssen. Im Rahmen des Radfahrens über dem Rahmen zusammenbrechen oder beim Laufen der Erschöpfung freien Lauf geben ist aus Rettersicht halb so schlimm, weil der Mensch doch allgemein eher Land- als Wasserratte ist.

Die Ruhe nach und vor dem Sturm. Der Chiemsee hat sich beruhigt, hat seine Wellen gezügelt und das Gewitter ist an andere Front abgezogen. Grau, aber ruhig, so steht das Gewässer vor dem Bergpanorama als stehendes Gewässer und wartet. Auf uns. Neun Uhr fünfundzwanzig. Ich sehe 400 Pinguine ins Wasser staksen, ich einer davon, und überlege mir im Delirium des Vorstartszustandes (Warum warum warum tun wir uns das an?), wie irrsinnig seltsam der Mensch doch ist. Versucht, sich mit imitierter Fettschicht elegant im Wasser fortzubewegen. Hüfthoch watend warten wir, hektisches Brillengeputze. Der Mensch muss sehen, aber auch ohne Beschlag sieht man wie durch Milchglas in diesem Naturschwimmbad. Manch einer wünscht sich wohl den hellblauen Chlorbadgrund zurück. PENG. Eine Artillerie von bayerischen Wettkampfrichtern schießt uns aus dem Gedankenstrom ins wahre Wasser. Plötzlich schwarzes Neoprengewusel und weißer Wasserschaum. Alle Pinguine bäuchlings abgelegt. Da platschen Arme übereinander, schnaufen seitlich Münder und Nasen nach Luft, trainierte Schwimmbadlinien weichen zickzackkursiger Desorientierung, Boje Boje Boje? Ui, toter Fisch mit Bauch nach oben – hoffentlich schwimmt hier kein homo triathlonus gleich so – und einen großen Schluck Chiemsee genommen, jawoll! Was für ein Start. Atmen, atmen. Endlich, nach zwei Bojen schlägt kein anderer Arm mich mehr, sondern nur mein Rhythmus Wellen. Das Feld hat sich zerschwommen. Ich pflüge meine eigene Trasse durchs Nass und komme mir gar nicht nass vor, sondern so, als wäre schon alles in trockenen Tüchern. Läuft doch, denke ich – und denke zur Ablenkung darüber nach, ob ich etwas über die Uni nachdenken soll. Cogito ergo sum. Quasi beim Schwimmen die Zeit nutzen und gedanklich Foucaults Diskurstheorie durchexerzieren. Dann schlucke ich nochmal Wasser und muss mich wieder aufs Geradeschwimmen konzentrieren. War einen Versuch wert.

Nun werde ich das Rad nicht neu erfinden. Zugegeben. Muss es aber auch nicht groß suchen, 412 ist meine Hausnummer. Vom Pinguin zum Hamster. Ausziehen, ausziehen, ausziehen! Neopren hängt an Ferse, verdammt. Alles nass. Jetzt auch von oben. Drunter sowieso. Aber egal. Kurz blank ziehen. Polsterpavianarsch: sitzt. Kompressionsstrümpfe: hochgerollt. Helm: verschlossen. Stöckelschuhe mit Absatz vorne klackern über Asphalt und rasten in Klickpedale ein. Der erste Tritt, es rollt und der Stress der Wechselzone verflüchtigt sich auf die Straße, in die Landschaft. Dahin rollen wir, mein rotes Ross mit neongrünem Reiter. 40 km. Nasse Kurven, Anstieg und Gefälle, Tacho und Trinkflasche, Wind und Regen. So grob zusammengefasst.

Oha, Bentje an Beine! Bentje an Beine! Tschuldigen Sie, haben Sie meine Oberschenkel gesehen? Ich muss die in der Wechselzone verloren haben. Hallo! Hallo! Hat jemand Lust auf Wadentausch? Erbarmungslos strecken sich die zehn Kilometer lang dahin, schlängeln sich durch die hügelige Landschaft. Jede Steigung fährt durch die Muskeln wie ein Stromstoß, sensibel und schmerzhaft. Aber wo Schmerz ist, ist auch Leben! Flüstert der kleine Masochist in der Sportlerseele und treibt an, unter keinen Bedingungen wird angehalten. Niemals. Der Weg ist doch nicht das Ziel, sondern das Ziel sich selbst genug. Irgendwie haben wir den Weg dahin bestritten. Schon wieder Vergangenheit. Jetzt gibt es Lacher und Umarmungen. Dazu Banane und Radler. Und euphoriegeschwängert den festen Vorsatz: Das machen wir wieder!

Zum Abschluss ein paar Triathlonanekdoten von „Ironjürgen“ – denn das wollen wir ja werden, kleine Ironmänner und -frauen, oder nicht?  http://www.ironjuergen.de/sprueche.htm


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