Tag 4: Heading Home To Seattle

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Wir sind froh diesen Morgen zu erleben. Fast ist der festen Überzeugung, dass wir in der Nacht im Auto fast erstickt wären. Wirklich viel Sauerstoff konnten wir aus der Luft nicht mehr herausfiltern, so erklärt sich auch das allgemeine Röcheln. Dementsprechend unentspannt war die Nacht, keine von uns fühlt sich am Morgen sonderlich ausgeruht. Da kann nur ein gutes Frühstück helfen! Wir packen zusammen, heute geht es zurück nach Seattle und so rollen wir an alle Matten und Schlafsäcke zusammen, packen die Rucksäcke und klappen alle Sitze wieder hoch – der Autoverleih wird keine Spur davon finden, dass wir dieses Auto kurzerhand in einen Campervan umgewandelt haben. Der Vormieter unseres Platzes hat mit Krebspanzern den Namen seiner oder seiner Geliebten gelegt, ALEX steht in großen Lettern auf dem Waldboden, daher rührt also der penetrante Fischgeruch. Weg hier! Wir fahren ein paar Meilen den Highway 101 entlang und finden bald ein richtig amerikanisches roadside Restaurant, ‚family diner‘ steht in Leuchtschrift im Fenster. Rein da, wir brauchen Pancakes, Hashbrowns, Bacon und French Toast! Mama macht sich Sorgen um unsere Linie als wir ihr Bilder unseres ausgiebigen Frühstücks schicken, aber auch hier gilt wieder die kulturelle Erfahrung. Immerhin ist es schon 11 Uhr, das gehaltvolle Frühstück ist so auch gleich Mittagessen. Mit uns sitzen ‚typische Amerikaner‘ im Raum, wenn ich mich hier mal wieder in der Vorurteil- und Stereotypenkiste bedienen darf. In Jogger und Latschen, mit krampfadrigen weißen Käulenwaden und Burgern oder Sandwiches auf dem Teller. Statt Salat häuft sich ein Berg Salt and Vinegar Chips als Beilage auf dem Teller. Herrlich. Mein Kaffee geht nie zur Neige, refill bis ich hyperventiliere.  Wir kugeln ins Auto.  Eineinhalb Stunden brauchen wir danach bis Olympia, einmal schnell in den Trader Joe’s Supermarkt, ein Nobel-Aldi, den ich Franzi zeigen will. Die ist Abgelenkt, weil es freies Wifi gibt, immer diese Internetoasen! Kurz zum Superoutdoorstore REI rein, dann weiter eineinhalb Stunden bis Seattle. Die Sonne begleitet uns auf dem ganzen Weg zurück. Wir laden das Gepäck bei unseren Housesitter Eltern ab, die Mishka und McDuffy bellen und schlecken uns ein großartiges Willkommen. Das ist wie nach Hause kommen. Downtown geben wir das Auto zurück, so schnell wie wir es bekommen haben sind wir es auch schon wieder los, kopfschüttelnd schauen wir uns an: Wir sind doch gerade erst losgefahren. John, Anica und Elizabeth laden uns zum Essen ein, John bestellt wird drauf los und bald biegt sich der Tisch unter italienischen Köstlichkeiten. Wir teilen alles, probieren uns durch diverse Gerichte – Focaccia Brot, meatballs, Salamipizza, zum Abschluss ein krönendes dunkelschokoladiges Eis und cremiges Tiramisu. Wir sind so dankbar, auch dafür, dass die drei uns noch eine weitere Nacht bei ihnen schlafen lassen. Eine entspanntere Zeit hätten wir in Seattle kaum haben können. Alle sind glücklich, alles wunderbar. Franzi und ich führen Mishka und Duffy auf einen letzten nächtlichen Spaziergang aus. Morgen geht es weiter, um 9:30 Uhr werden wir in den Coast starlight Zug nach San Francisco steigen. Dann heißt es Good-bye Seattle und ‚Keep in touch!‘ mit unser Seattle-Family. Thank you, Anica, Elizabeth, John, Mishka and McDuffy.Foto 08.09.15 11 10 54 DSC02339 DSC02343 Foto 08.09.15 22 02 37 (2) DSC02348 DSC02350

Tag 3: Kanada in Sicht

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Beim Anblick von Tatoosh Island regen sich in mir wieder die Leuchtturmwärter Fantasien. Ein Writer-in-residence Programm, ein Leuchtturmschreiber, a lighthouse poet. Sowas braucht eine Küstenstadt doch, Kiel zum Beispiel! Es gibt Inselschreiber und Stadtschreiber, aber soweit ich weiß schreibt bisher niemand in einem alten Leuchtturm. Und dieser, dort draußen auf Tatoosh Island, wäre kaum zu überbieten. In Sturmnächten peitscht die Flut gegen die Steilküste, Neblnächte und Sonnentage. Nur die Strömungen machen mir etwas Sorgen, ich frage mich, ob es sich auf einem kleinen Boot einfach so hinausschippern ließe. Die Wasseroberfläche ist unruhig, kleine Strudel zeichnen sich ab, hier fließt es in eine andere Richtung als dort. Bewegtes, wildes Wasser, hier draußen, am letzten nordwestlichen Zipfel der USA, land’s end. Piratig!

Nach einer unruhigen und kalten Nacht liege ich um 6:00 Uhr wach. Seite, Rücken, Bauch – Liegen ist schlicht nicht mehr möglich. Ich bin zwar alles andere als ausgeschlafen, aber das hier ist kein Zustand. Während Franzi und der gesamte Campingplatz noch schlafen krame ich leise meine Laufsachen aus dem Rucksack auf dem Vordersitz. Ein Langarmshirt für den Anfang, es fröstelt mich. Noch hängt Nebel in den Hügeln, aber zwischen den Tannen im Hinterland blitzt ein erstes goldenes Licht hervor. Ich falle in einen lockeren Trab, wecke die Muskeln behutsam auf. Durch den tiefen Sand, dann fester Grund nahe der Wasserlinie. Der Strand ist breit, die Gezeit kann nicht weit vom Tiefstand entfernt sein, doch das Wasser scheint schon wieder aufzulaufen, ab und zu rollte eine kleine Welle durch einen prielartigen Wasserlauf am Strand. Große Fischgräten liegen am Boden verteilt, die Möwen sind schon wach. Am Nordende des Strandes fängt sich das erste Sonnenlicht in den Pinien, die auf einem steilen Felsen über dem Meer wachsen. Nach 15 Minuten versperrt mir ein aus dem Inland kommender, nach Schwefel riechender creek den Weg. Alles ist an diesem Ende des Strandes nun in Sonne getaucht. Ich drehe um und laufe dichter ans Wasser. Vom Campground steigen Rauchschwaden auf, es riecht nach Feuer und ich habe Skiurlaubsassoziationen. Der vordere teil des Strandes ist zu einer kleinen Halbinsel geworden, ich muss Anlauf nehmen und über den Wasserlauf springen, der mich wie ein Burggraben vom Campground abschneidet. Danach habe ich ein bisschen nasse Patschen. Zum Glück gibt es hier eine Dusche mit heißem Wasser, purer Luxus! Franzi ist inzwischen auch so halb wach, gönnt sich für die andere Hälfte ebenfalls eine Dusche, Um 9 Uhr schichten wir die Rucksäcke um, klappen die Sitze in die richtige Position und rollen los. Erster Stop heute Morgen also: der Cape Flattery Trail. Eine halbe Meile folgen wir einem Pfad durch dschungelartige Vegetation, dann lichtet sich das Dickicht und gibt den Blick auf gewaltige ausgewaschene Felsformationen frei, Wellen, die in Höhlen krachen, manchmal kann man die Erschütterung im Untergrund fühlen. Ganz am Ende des Trails kommt Tatoosh Island in Sicht, dahinter liegt nur der Horizont, nach Westen, im Norden zeichnen sich die Schemen von Vancouver Island ab. Kanada, so unglaublich nah, irgendwie ist das verrückt. Gerade ist wieder jemand durch die Strait of San Juan de Fuca geschwommen, das lese ich später in einer Zeitung.

Zeit für Frühstück. In Neah Bay suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen am Wasser. Ruhig ist es hier sowieso überall, als läge hier der Hund begraben. Allerdings darf ich damit jetzt gerade nicht scherzen. Franzi kriegt schon wieder die Krise, weil drei kleine Hunde ohne erkennbaren Besitzer rumlaufen. Über die Straße, dicht an den großen Chevy Trucks vorbei, ein bisschen schmuddelig sehen sie Hunde schon aus, aber nicht so als würden sie Hunger leiden. Ich versuche zu vermitteln, vielleicht hat man hier einfach ein anderes Verständnis von Tierhaltung, die laufen hier eben frei rum. Aber Franzi kann das nicht ab und tigert los die Hunde zu finden und jemanden, der für sie verantwortlich ist. Ohne Erfolg. Wir machen uns auf den Weg, weiter geht es den Highway 101 entlang, heute wollen wir noch etwas Strecke machen, denn morgen nachmittag müssen wir schon wieder in Seattle sein. die Campgroundsuche am Abend braucht drei Anläufe, die ersten zwei Nächte hatten wir definitv die besten locations.  Jetzt steht nur noch Waldcamping zur Auswahl. Das labour day Wochenende ist vorüber und so sind wir in dieser letzten Nacht fast alleine auf dem Platz. Beim bezahlen treffen wir allerdings ein niedliches älteres paar aus Huntington Beach, das mit ihrem riesigen RV unterwegs ist – an dem hängt hinten selbstverständlich noch ein Auto! Zum Abendbrot beobachten wir im Abendrot eine robbe, die im Fluss immer wieder auf und abtauch und-schnauft. Sonst ist es ganz still. zu unserem Entzücken zeigt sich in diesem klaren Abendhimmel auch noch ein lang ersehnter Freund: Mt. Rainier erhebt sich am Horizont, seine weiße Schneekappe ist gut zu sehen. Jetzt sind wir zufrieden, jetzt haben wir wirklich fast alles gesehen. Dann können wir jetzt auch schlafen gehen. Night night.

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Bild: Auf der anderen Seite der Strait of San Juan de Fuca liegt Kanada, Vancouver Island.

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Tag 2: Vampire und Werwölfe

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Stephenie Meyer wird in Forks verehrt wie eine Heilige. Mit den Twilight Büchern machte sie den regnerischsten Ort der USA, ein trostloses düsteres Städtchen namens Forks, weltweit bekannt. Weil sich hier selten die Sonne zeigt fühlen sich Vampire hier besonders wohl, in ihrer Geschichte zumindest. Als wir die Ortsgrenze überqueren ist jedoch kein Wölkchen in Sicht. Ich hatte keine Ahnung was es mit Forks auf sich hat, aber Franzi wird ganz hibbelig je näher wir der Stadtgrenze kommen. Ich lasse mir im Auto kurz nochmal die Geschichte von Twilight zusammenfassen. Edward, Bella, Jacob. Vampire gegen Werwölfe, dazwischen die Menschen. Ein bisschen Romeo und Julia Liebesgeschichte: sie wollen sich, sie dürfen nicht. Alles klar, auf gehts. Wir sind vom South Beach Campground aufgebrochen, haben an der nächsten Tankstelle Kaffee getankt und auf der Heckklappe des Autos bagels mit Cream Cheese gefrühstückt. Es hat die ganze Nacht heftig geregnet. Wir sind mehr als froh das Auto zu haben. Die erste Nacht in unserem improvisierten Campervan haben wir erfolgreich überstanden, leichte Rückenschmerzen singen wir zum Aufwachen mit „atemlos durch die Nacht, weil die uftmatratze flacht“ weg…Nach dem Frühstück geht es also nach Forks. Hier bombardiert uns das Visitor Center mit der ersten Ladung Twilight: Der alte Truck von Bella steht vor dem Gebäude, Pappfiguren von Robert „Er ist soooo hot“ Pattinson alias Edward „Er ist soooo kalt (und blass, aber hot)“ Cullen und all den anderen. Es werden Vampirtouren für $60 aufwärts angeboten, Tshirts mit Biss und Bildbände mit Fotos der Drehorte. Mitte September feiert Folks „one decade of twilight“, wie blöd, dass wir da schon in San Francisco sind. NOT. Kurzes shopping im Supermarkt, ein bisschen Knoblauch kaufen (…), dann schwingen wir uns wieder in die Karre und auf geht es zum Twilight Hotspot Nummer 2: La Push. Klingt unglaublich dumm, heißt aber so. Ein Strand an der Küste, etwa 12 Meilen von Forks nach Westen. Bei der Anfahrt die Küstenstraße hinunter spotte ich Surfer! Viel cooler als Vampire, ihre Körpertemperatur kühlt der Pazifik aber mindestens so stark runter wie bei den Blutsaugern. Nur die Neos, Kappen und Booties verhindern die Blässe. Wir wandern ein bisschen am Strand herum, Franzi findet die Bucht, eingerahmt von steilen, pinienbewachsenen Felsen sehr akkurat beschrieben. Sie kann sich Bella und Edward hier vorstellen. Die Sonne scheint, aber warm ist es nicht gerade. Lange Hose und Windjacke sind Programm.

Es ist 15 Uhr und unsere Mägen knurren wie wütende Werwölfe. Ein kurzer Klobesuch in La Push bringt uns einen Restauranttipp ein. Weil mein Schloss klemmt und ich nicht mehr aus der Toilette rauskomme rettet mich der Hausmeister der Ferienanlage. Während Franzi die restrooms benutzt komme ich mit, nennen wir ihn James, also mit James, ins Gespräch. Er fragt, ob wir aus Deutschland kommen, er hat uns reden gehört. Er fragt in einem fast perfekten Deutsch! Ich bin kurz sprachlos, warum, wieso? Er ist beim Militär, war drei Jahre in Bamberg stationiert, hat einen siebenmonatigen Deutschkurs belegt. Wir quatschen ein Viertelstündchen, er erzählt uns noch einen Witz über Katholiken („Im Dorfteich planschen nackt ein katholischer Junge und ein protestantisches Mädchen. Beim Abtrocknen sagt der Junge: „Da sieht man mal, was euch Protestanten so alles fehlt…“) und empfiehlt und dann das „Three Rivers“ Restaurant an einer Weggabelung in Richtung Forks. Bingo, da gibt es gleich mal den Werwolf-Burger. Und Onion Rings! Und Oreo Michshake! „Jetzt bin ich in Amerika angekommen“, strahlt Franzi, „kannst du das Fett brutzeln hören?“. Wir sitzen hier eine Weile, Telefonempfang gibt es hier nicht, aber Wifi. Und das Twilight Hörbuch muss eh noch laden. Selbstlos helfe ich Franzi den Oreo Shake zu bewältigen. Dann brechen wir auf, ein bisschen müssen wir noch fahren. Vorbei an Neah Bay an der Nordküste, dann schwenkt der Highway wieder nach Westen, zurück an die Westküste! Franzi hat auf dem Weg einen streunenden Hund auf der Straße gesehen und ist ein bisschen durcheinander, sowas kann sie nicht ab, sie möchte gerne alle Hunde retten. Schließlich finden wir den Hobuck Campground, wie South Beach wunderschön gelegen, direkt am Strand. Auch hier beobachten wir Surfer bis das letzte Licht des Tages hinter den Pinien verschwindet. Und ein Hundi läuft am Strand herum, kommt zu uns und Franzi ist glücklich, dass sie ein bisschen Fell streicheln kann. 9 pm, höchste Zeit, wieder in unsere Autohöhle zu kriechen. Autocamper sind früh im Bett und früh wach, gute Nacht!

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Tag 1: South Beach’s mörderisches Treibholz

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Unsere Housesitter hosts Anica, Elizabeth und John fahren uns um 8:15 gemeinsam zur Light Rail Station in Columbia City. Ein an Herzlichkeit kaum zu übertreffendes Abschiedskommitee, und das so früh am Morgen, dabei steht die neunjährige Anica am liebsten erst um 10 Uhr auf. Wir fühlen uns sehr geehrt. Zum Glück sehen wir uns in 4 Tagen nochmal wieder. Franzi und ich sind auf Mission Mietwagen unterwegs: Ein Roadtrip liegt vor uns. Wir wollen von Seattle südlich fahren, nach Olympia und dann nach Westen auf den Highway 101, der uns an die Küste führt. Den Olympic National Park zu umrunden ist unser Ziel. Über Kalaloch und Forks ganz hoch zum  nordwestlichsten Zipfel der USA, Cape Flattery, und dann entlang der Strait of San Juan de Fuca, Kanada im Blick, östliche Richtung einschlagen, anschließend wieder Kurs auf Olympia im Süden nehmen. Wir haben außer dieses groben Plans keinen festen Zeitplan, wir schauen mal was kommt. Mehr als eine Straße gibt es dort oben ohnehin nicht, dafür soll es aber ausreichend Campingplätze geben. Am Schalter von Alamo in downtown Seattle sind wir ruckzuck temporäre Besitzer eines schicken Mazda 3 – der sieht viel nobler aus als erwartet, ich hatte eigentlich einfach das günstigste Auto gebucht. Wagemutig leihen wir kein Navi, wenn es hart auf hart kommt und die Straßenschilder versagen, dann habe ich zur Not noch mein google maps. Als moderner Abenteurer muss man sich ja technisch absichern! Los geht es, endlich wieder Räder unter den Füßen. Es dauert nicht lange bis wir das Labyrinth der Innenstadtstraßen hinter uns lassen, denn bald taucht ein grünes Schild mit I5 South auf. Jetzt wird der Country Sender im Radio gesucht und dann bin ich wirklich angekommen. Wir gleiten über die vierspurige Autobahn, von rechts und links überholen Autos, hier gibt es kein Rechtsfahrgebot, aber alles scheint mir erstaunlich geregelt, im Fluss. Vielleicht ist es auch unsere Vorfreude auf die kommenden Tage, die uns alles sonnig und easy sehen lässt. Peace, Happiness, Eggcake, wir grinsen wie Honey Cake Horses. Nach eineinhalb Stunden drückt die Blase. Franzi hat im USA Fettnäpfchen Buch gelesen, dass Pinkeln am Straßenrand strafbar ist. Wir riskieren den Knast und halten an einer Waldeinfahrt. Als Franzi wieder einsteigt bläst die Fußlüftung einen unangenehmen Geruch durch den Raum … an den Schuhen klebt, ja was, Elchscheiße? Wir können es nicht genau identifizieren, aber die Schuhe werden sofort in eine Plastiktüte verpackt und ins Kofferraumexil verbannt. Weiter geht es den Highway entlang, die gelbe Linie in der Mitte der Straße schlängelt sich als unser ständiger Begleiter neben uns her. Die Vegetation ist dichter Wald, mal überblicken wir große Ebenen und Hügel in der Ferne, mal fahren wir in einer Schneise, am Straßenrand gigantische Bäume, die den Blick nicht frei geben, es gibt nur den Fluchtpunkt, den Horizont, nur das Geradeaus.

Kurz vor Kalaloch passieren wir ein Schild mit SOUTH BEACH CAMPGROUND, darunter zeigt ein umdrehbares Holzschild vier Lettern. FULL. Wir fahren weiter, ein wenig nervös, immerhin ist labour day Wochenende, alle Amis haben den Montag frei, hoffentlich bekommen wir überhaupt irgendwo einen Platz…nach zwei Minuten kehre ich um: Wir sollten wenigstens mal gucken! Ein Traum von Campingplatz. Direkt an der wilden Küste, oberhalb des Strandes, in zwei Reihen parken RVs („Recreational Vehicles“, also Wohnmobile) und stehen Zelte. Der Platz ist nicht groß, aber eines ist sicher: Hier ist noch Platz! Keine Ahnung wer das Schild umgedreht hat. Hier müssen wir bleiben, das ist sofort beschlossene Sache. Ein niedliches älteres Ehepaar lässt uns neben sich parken. Ich bin hundemüde, wir klappen die Sitze hinten um, lassen unsere Matratzen frei und sobald diese aufgeblasen sind bauen wir die Betten im hinteren teil des Autos. Sehr gemütlich sieht das aus. Provisorisch steht jetzt auch mein Einfrau Zelt, aber eigentlich nur weil Franzi es mal sehen wollte. Wir planen definitiv im Auto zu schlafen. Später zeigt sich auch warum das eine gute Entscheidung war. Nach einem ersten kleinen Strandspaziergang sacke ich in einen kurzen, aber tiefen Schlaf. Franzi schreibt währenddessen Tagebuch. Als sie wiederkommt lese ich etwas Panik in ihren Augen. Sie hat ein Schild gelesen, am Strand, ‚beach logs can kill‘, und da waren diese ganzen Fliegen. Sind das vielleicht ‚beach logs‘? Ich muss ein bisschen Lachen, ‚beach logs‘ sind Baumstämme, Treibholz, Franzi. Du sollst beim Baden aufpassen, dass die dich nicht in der Brandung erwischen. Hier liegen wirklich riesige Baumstämme am Strand. Franzi muss auch lachen und ist sichtlich erleichtert, keine todbringenden Fliegen also, ein Glück! Dann ist auch schon Zeit fürs Abendessen, das allerdings etwas kark ausfällt. Ungetostetes Brot, künstlicher Cheddar Cheese und ungeschälte Karotten. Danach eine Banane. Wir haben kein Kocher oder so, unsere Campingausrüstung ist nach Matte, Zelt und Schlafsack zuende. Trotzdem sind wir mehr als zufrieden, wer braucht schon den ganzen Schnickschnack, für ein paar tage halten wir das auch so aus. Ein Stück Papiertüte dient als Teller, Messer und Löffel haben wir bei Starbucks mitgenommen, die eine Rolle Klopapier wischt alles weg. Immerhin haben wir genug Wasser, soweit haben wir gedacht. Nur die Chinesen, die neben uns ausgiebig kochen, machen uns etwas neidisch. Der alte Mann, unser Nachbar, bietet uns einen Platz an seinem Feuer, er und seine Frau gingen schon ins Bett. Leider habe er nur 2 Stühle, sonst könnten wir das junge Pärchen einen Platz weiter noch dazu bitten, das seien auch Europäer, aber er wisse nicht genau woher. Wir sind gerührt und bedanken uns. Leider fängt es fünf Minuten später an wie blöd zu regnen. Wir fliehen mit unser kleinen Essenstüte  ins Auto, jetzt sind wir froh keine Tafel aufgebaut zu haben wie die Chinesen. Ganz schön kalt ist es auch geworden. Wir sind so froh über das Auto, keine zehn bigfoots würden uns jetzt in das kleine Zelt kriegen. Wir machen uns bettfertig, müssen uns dazu etwas verbiegen und ein bisschen zeug umschichten. Aber schließlich sitzen die dicken backpacks auf den Vordersitzen und unsere Beine stecken, quasi, im Kofferraum. Könnte hart werden, aber noch ist alles gut. draußen tobt der Sturm, wir sind trocken. Gute Nacht.Foto 05.09.15 08 37 47

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The Gorse Busters

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Berries that are blue: Good for you./ Berries that are red: Use your head./ Berries that are white: you die tonight. Eine alte Indianerweisheit, die Ann uns mit auf den Weg gegeben hat. Ich traue mich trotzdem nicht alle blauen Beeren bedenkenlos vom Busch zu rupfen und in den Mund zu stecken. Ein Glück sind wie nicht auf diese Futtersuche – foraging – angewiesen. Im Haus erwartet uns ein selbstgekochtes Clam Chowder…

Neben Couchsurfing und Housesitting stand Wwoofing (www.wwoofusa.org)  auf meiner Liste für diese Reise, eine weitere Möglichkeit Geld zu sparen, Einheimische kennenzulernen und neue Erfahrungen zu machen, vielleicht sogar neue Fähigkeiten zu erlernen. WWOOF steht für „Worldwide Opportunities on Organic Farms“, wwoofing beschreibt demnach das Arbeiten auf einer Farm o.ä. im Gegenzug für Unterkunft und Verpflegung. Das ist der Deal. Meinen Deal habe ich mit Ann und Robin geschlossen, die in der Nähe des Städtchens Bandon an der Küste von Oregon ein 22 Hektar großes Stück Land, eher Wald, verwalden…äh verwalten. Aber in gewisser Art auch ‚verwalden‘. Long story short: Über viele Jahre und Besitzer haben sich unzählige Pflanzen dort angesiedelt, die invasiv, also nicht heimisch sind. Neben der (natürlichen!) Bekämpfung dieser Arten wollen Robin und Ann eine Art Waldgarten fördern, das bedeutet vor allem essbare lokale Pflanzen wieder ansiedeln. Damit auch, neben dem eigenen Gebrauch, wilde Tiere im Winter hier Nahrung finden können. Ein super Projekt. Nebenbei haben sie einen eigenen Gemüsegarten, um die 12 Hühner, ein altes Springpferd namens Tobi und einen scheuen, nachtaktiven Stier namens Eric. Nicht zu vergessen die zahlreichen Katzen und der alte Haushund Jessi.

Ich muss zugeben: Ich war nicht von Anfang an begeistert. Um ehrlich zu sein wollte ich schon am ersten Tag sofort wieder abfahren. Warum? Das Wasser, das aus dem Hahn kommt, ist rostbraun und riecht nach Blut. Eisen! Der Brunnen auf dem Grundstück ist nicht sauber, kein Trinkwasser hier in unser Wwooferküche in der Scheune, Wand an Wand mit dem Pferdestall. Aus verstaubten Kanistern sollen wir Trinkwasser kriegen, obendrauf liegen Mäusekötel, ich will nicht wissen wie es IN diesen Behältern aussieht. Es gibt keinen Kühlschrank, nur eine Truhe in der Butter und Käse im Fleischsaft schwimmen. Hundehaare wirbeln durch die Luft, Spinnen spinnen Weben in jeder Ecke über Teller und Tassen, die Regale liegen staubverkrustet und eine Kruste hat sich auch am Boden des Mülleimers gebildet, darin tun weiße Maden sich gütlich, winden und kriechen und bohren. Diese Entdeckung ist der Zeitpunkt, an dem ich sofort wieder gehen will. Ich bin empört, erzürnt. Unglaublich, wie kann man uns so etwas zumuten? Ich beginne in meinem Ekel zu schrubben bis die letzte Made verschwunden ist, die Hundehaare und Spinnenweben werde ich niemals besiegen. Trotzdem sieht es nach 4 Stunden schon sehr viel besser aus. auch wenn das Wasser immer noch unerträglich riecht… Ich weiß nicht, ob ich hier drinnen etwas kochen kann, überhaupt etwas essen will. Mir ist leicht schlecht, von dem Geruch, der Empörung und vor allem vond er Müdigkeit, die mich jetzt überfällt. Seit über 30 stunden bin ich wach, mit einer Mitfahrgelegenheit die ganze Nacht gefahren, 9 stunden von San Francisco bis hier hoch. Aber schlafen? Dazu muss ich zunächst mein Zelt entkernen…eine weitere stunde fege ich Dreck, besiege Spinnen und verjage Ohrenkneifer, wasche die Klamottenkiste und präpariere mein Bett. Duschen? Niemals, die Dusche ist in der Scheune und wird ebenfalls mit blutigem Brunnenwasser gespeist, nicht auf meiner Haut! Da stinke ich lieber zum Himmel! Als ich endlich  erschöpft ins Bett falle rasen meine Gedanken weiter, drehen sich um Alternativen. Nur ein scheinbar sicherer Gedanke: Ich muss hier weg! Wie soll ich es 11 Tage hier aushalten? Morgen kommen noch drei andere wwoofer, übermorgen beginnen wir mit der Arbeit, noch sehe ich das nicht…Ich jammere und bemitleide mich um diese erste grauenvolle Erfahrung, da mischt sich plötzlich eine andere stimme in das Chaos….Ich liege auf der gemütlichen Matratze und höre den Wind in den Pinien rauschen, nicht weit entfernt die Brandung des Pazifiks donnern. Die Nachmittagssonne scheint warm, es riecht nach Frankreich, Piniennadeln im Sonnenlicht. Ist es so schlimm hier? Ich bin frei in meiner Entscheidung, ich kann gehen, ja, ich kann mich aber auch entscheiden es durchzuhalten, mich dieser Erfahrung bewusst auszusetzen. Es ist nicht der Rest meines Lebens, es sind 11 Tage, Herrgott! Stell dich nicht so an! Und über das Wasser kann man ja reden, Wasserhähne und eine Dusche gibt es schließlich auch im (sehr viel zivilisierteren) Haus von Robin und Ann…

Es war die beste Entscheidung zu bleiben! Diese 11 Tage waren eine einmalige Erfahrung, eine interkulturelle Bereicherung, eine Oase der Ruhe für meine unruhige Seele und eine Quelle von Kreativität. Robin und Ann haben für uns, mich und Mervé, Sammy und Mekela – die anderen drei wwoofer Mädels – ein Programm zusammengestellt, das neben der Arbeit auf dem Grundstück noch genug Zeit lies fürs Beerensammeln und Marmeladekochen, Peace-Rocks-bemalen, Krabbenfischen (http://www.blogmopped.com/2015/08/26/the-art-of-crabbing), Treibholzsammeln,  für Strandspaziergänge und Stadtausflüge. Bei regelmäßigen `family dinners‘ wurden wir bekocht oder durften die beiden Gastgeber bekochen, von meiner Seite gab es Spätzle und Tiramisu. Als finalen Nachtisch manchmal Gras, Weed, in Oregon mittlerweile legales Gemütsgemüse. Robin und Ann haben uns viel erzählt, uns über amerikanische Politik aufgeklärt – als lesbisches Paar absolut anti-Republican, kein Wunder. Sie haben von ihrer radikalen Einstellung (we believe the system is wrong! we need to change it!) und rebellischen Vergangenheit, von harten Zeiten der Diskriminierung und dem Beginn der Pride Bewegung erzählt, von überzeugtem Feminismus und anhaltender Diskriminierung gesprochen. Wir haben über Linguistik und Kochrezepte geredet, über native american history und lokale Pflanzenspezies, aber auch über Deutschland , Europa, Amerika – die kulturellen Unterschiede. Die beiden haben uns mit ihrem Wissen beeindruckt, Ann als ehemalige Professorin und Indianerin, Robin als Biologin und Botanikerin. Beide sind um die 60, die Erfahrungen sind ihnen ins müde Gesicht und in die kaputten Körper geschrieben, aber ihre Stimmen sind stark. Mein innerer Stereotypenmanager hat mal wieder ordentlich eins auf den Deckel bekommen, der erste Eindruck, vor allem der äußere Eindruck: bullshit! Wie oft hängt man später mit seinen Vorurteilen in der Luft und merkt, dass der Weg hier nicht weitergeht, sondern in eine ganz andere Richtung führt. Mal wieder was gelernt…

Unser Erzfeind dieser 11 Tage ist GORSE. „Gorse“ ist das Englische Wort für Ginster. Ein Ire, George Bennett, hatte Ende des 19. Jahrhunderts einige Ginsterpflanzen aus England importiert, er soll Heimweh gehabt haben. Seitdem hat der Ginster die Herrschaft übernommen, als invasive Spezies überwuchert er die einheimischen Pflanzen. Heimtückische pieksige Biester, die ihre Zweige an jeder lichten Stelle ins Sonnenlicht recken, um zu gedeihen. Von kleinen Büschen mit dünnen Stängeln bis hin zu kräftigen Bäumen mit dicken Stämmen. Ganz Bandon ist wegen des öligen Ginsters schon abgebrannt. Doch wir haben die ‚Stiehl‘, unsere allmächtige mörderische Säge. Die großen Scheren, die Mistgabeln und vor allem haben wir unseren Willen. So rücken wir aus, jeden Morgen, nach einer kurzen Meditation mit Ann im Wald, um dden ginster zu schneiden. Wir raspeln und sägen und knipsen und fegen und häufen und schwitzen, höher und höher wachsen die Ginsterberge auf dem Gelände, freier und freier wird der Wald. Wir befreien bedrängte Rhododendren, beengte Pinien und die seltenen Port Orford Zedern, legen dann und wann versteckte zäune frei in die sich der Ginster gefressen hat und schlagen uns den Weg durchs Dickicht, um Trails freizuschneiden von dem Biest von Gorse. Burn Baby, burn! Zu gerne würden wir sie anzünden, die Stapel brennen sehen, aber noch sind Feuer verboten. Waldbrände wüten im hinterland, erst im Winter werden sie brennen. Immerhin werden sie bis dahin nicht mehr wachsen.
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Tobi, der alte Springzosse. 36 Jahre auf dem Buckel.

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Ann zeigt uns wie wir unsere „Gorse Waffe“ schärfen. Während sie die Werkzeuge erklärt legt sie viel feministisches Gedankengut an den Tag und ermutigt uns, alles auszuprobieren. Die Essenz: Alle Werkzeuge, die Männer benutzen können, könnt ihr auch bedienen!

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GORSE…Ginstergebirge türmen sich überall!

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