Trostloses Coney Island

Nachtrag zum 01-01-2013:

Ich wollte Meer sehen. Und weil ich den Times Square Wahnsinn am Silvesterabend gemieden hatte, verspürte ich am Neujahrsmorgen weder einen Kater noch allzu große Müdigkeit. Die blaue C Linie  nach Midtown, Manhattan war an diesem Morgen wie leergefegt und auch der orange F train beförderte kaum mehr als eine handvoll Leute.  Nachtschwärmer, mit ihren goldenen Zylindern und grün glitzernden 2013-Brillen. Das Morgengrauen zeigte sich eher grau als schillernd. Happy New Year, anyway. Ich weiß nicht wie viele meiner stummen, sanft schlummernden Mitreisenden im Endeffekt freiwillig nach Coney Island hinausfuhren – für eine Mütze voll Schlaf reichte die fast einstündige Fahrt durch Manhattan und Brooklyn aber allemal.

Auf Coney Island, einer Halbinsel an der Atlantikküste, war Totentanz angesagt. Ich hoffe nicht wortwörtlich, denn nachdem ich aus dem Bahnhof hinaustrat, waren rot-blau-weiße Lichter diverser Polizeiautos quasi mein Sonnenaufgang über dem Pier. Keine Ahnung, ob da jemand böse statt gute Vorsätze hatte. Diese amerikanischen Sirenen und Blinklichter erinnern mich ständig an irgendwelche Schießereien und Krimiserien. Prägendes Fernsehen, großes Kino. Etwas nervös schlich ich an der Hauptstraße entlang, auf der Suche nach dem nächsten Aufgang zur Strandmeile. Außer der Polizeiautos war keine Menschenseele unterwegs und unter dem grauen Januarhimmel lag der berühmte Vergnügungspark des Strandbades zwischen mir und dem Meer trostlos und verlassen da. Der helle Tag und der Winter entblößten ihn. Sinnlose, hässliche Saisonlosigkeit drang aus den Bahnen und Buden. Verschlossene Metallgitter, die im Wind quietschten und die abblätternde Farbe der Attraktionen. Ein blauer Delphin wippte mit einem erstarrten „life-is-beautiful“-Lächeln im Wind vor und zurück. Ich ging schneller, bloß ans Wasser. Algengeruch stieg mir in die Nase als ich die Promenade betrat und der Wind wurde immer schneidender. Hier waren mehr Menschen unterwegs, am Meer. Vor allem Jogger und Hundebesitzer. Und Hunde. Ich trat auf den breiten Strand, Sand nicht zwischen den Zehen, aber immerhin unter den Winterstiefeln. Eine Ahnung von Sommer. Mit ganz viel Nordsee-Sylt-Flair gewürzt. Bis ich mich umdrehte und hinter mir die Hochhäuser erblickte, die weder appetitlich noch ansehnlich waren. Sehr geschmackvoll… Für eine Weile stand ich mit ein paar Möwen dumm am Ufer rum, stierte in die grau-braunen Wellen und kämpfte mich ein Stück gegen den Wind. Nicht mal ein schönes melancholisch-winterliches Gefühl wollte sich auftun. Also ließ mich bald zurück in die Bahn wehen. Eine Stunde Rückfahrt, „ohne Frühstück , nicht mal Café“ grummelte mein Magen. Und so gab ich nach 40 Minuten auf, unterbrach die Fahrt und ließ mich ins nächste, in der Tat sehr einladende Café fallen. Der Geschmacklosigkeit des Morgens war so ein Ende gesetzt. Und wenigstens hatte ich Meer gesehen und die Seele und Haare ein bisschen im Wind windzerzaust – aber Coney Island brauche ich nicht nochmal.

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