„Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein“ (Peter Fox)
…und so früh auf den Beinen. Eher aufstehen statt später schlafen, green smoothie und Kaffee statt Alkohol und Drogen, Tanzen statt Schlafwandeln – und trotzdem träumen. In der Neuen Heimat besteht das Frühstück aus Tanz und Tollerei. In Traumwelten wirbelnd erhebt sich aus dem Glitzernebel die Morning Gloryville mit ihrer tanzenden Bevölkerung. Jesus ist auch da, ganz in weiß mit langem Rüschenrock und Bluse. So nimmt er das Podest am Ende der Tanzfläche ein. Der Olymp der tanzenden Träumer. Und schwingt und groovt und segnet und weiht und es zuckt durch die Körper, die Masse pulsiert zum Beat und wir sind alle Sünder und Erlöste zugleich in diesem Raum der möglichen Unmöglichkeiten. Wir gehen tanzen, wir gehen feiern, wir haben Glitzer im Gesicht: An einem Mittwoch Morgen um 6:30 Uhr. Und niemand hinterfragt was wir hier tun. Diese Stadt erlaubt uns unser Dasein. Wir sind in Berlin und deshalb tanzen wir!
Diejenigen, die ihre Körper nicht auf der Tanzfläche biegen, tun dies beim Yoga. Oder lassen biegen – im Massagebereich, wo alternativ gekleidete junge Männer in Stoffhosen und Filzpullovern meditative Streicheleinheiten anbieten. Ein edler Jüngling mit Federhut streift durch das Gewoge, der fein herausgeputzte Opa in Weste und Stiefeln, Mädchen mit hüpfenden Pferdeschwänzen in engen glänzenden Leggings wirbeln Hulahoop Reifen, Männer in engen Leggings präsentieren stolz Maurerdekoltees und definierten Yogaoberkörper. Sie aalen sich in der Menge und werden getragen von Musik und tanzenden Händen. Schillernde Farben machen Menschen fröhlich und fröhliche Menschen schillern farbenfroh. Es ist ein Geben und Nehmen. Eine harmonische Unbesorgtheit, eine wunderbare Ganzheit. Und über all dem liegt eine Aura der träumerischen Abwesenheit und präsenter Achtsamkeit. Abdriften und Bewusstsein. Dort und Hier sein. Der Traum ist der Moment. Eineinhalb Stunden dieses neuen Morgenrituals, dann tanzen wir kurzärmelig in den sonnigen Berliner Morgen hinein und kehren langsam zurück in die Welt, in den Strom der alltäglich Geschäftigen. Mit einem tanzenden und einem lachenden Auge.
Die Frau hinterm Crobag Tresen am Hauptbahnhof starrt mich an. Ich muss den Cappuccino zweimal bestellen bis sie mich hört. „Schuldige, das glitzert so“ murmelt sie verwirrt und fragt dann etwas vorwurfsvoll verwundert „Wo warst du denn?“ Sie fragt noch zweimal ob ich den Cafe mitnehmen möchte und ob ich Kakaopulver obendrauf haben will. Und dann vergisst sie den Kakao doch. Ich dachte ein bisschen Glitzer im Gesicht sei in Berlin kein Grund zur Aufregung.
Im ICE nach Hamburg ist nicht viel los. Alle Pendler sind schon in ihren Büros, Touristen mitte der Woche eine Rarität. Es rieselt Glitzer auf mein T-Shirt als ich mir gedankenverloren durch die Augenbraue streife. Feenstaub aus der Morning Gloryville. Und während die Landschaft draußen vorbeizieht schweifen die Gedanken noch durch eine entgrenzte Welt aus Farben und Beats.






