#13 anchors of Kiel (1): Bülker Leuchtturm und die Steilküste

image4Ich parke das Auto auf dem Schotterparkplatz am Leuchtturm. Für gewöhnlich ist der Platz dicht mit VW Bussen und Wohnmobilen, denn im Sommer sucht man als KielerIn hier Auszeit vom Alltag. So nah und doch so fern sein, für einen Grillend, eine Campingnacht, einen ’skinny dip‘ in der Ostsee am nächsten Morgen – den Kopf freimachen, abkühlen bevor es wieder an die Uni oder in den Job geht. ‚Strandistan‘ statt Balkonien. In zwei, drei Monaten wird es wieder soweit sein. Aber heute stehe ich fast alleine hier, der Kies knirscht unter den Rädern und als der Motor verstummt dringen nur Möwengeschrei und Windesrauschen durch die Scheiben. Die Parkuhr verlangt noch kein Geld: März bis Oktober. Nebensaison. Es ist erst 9:30 Uhr, an einem Dienstag. Eines der Privilegien im Studium ist die flexible Zeiteinteilung, eine Kondition die, ganz nebenbei, Alltag sein muss für Poeten und Naturliebhaber. Ich konnte heute morgen keinen Fuß unter dem Schreibtisch still halten, der erste Sonnenstrahl, der auf meine Hausarbeitsunterlagen fiel ließ mich diese wieder zuklappen.

Nach Wochen des Regens beginnt ein Tag wieder ohne Wolken. Es hat gefroren in der Nacht und die Landschaft liegt noch in Winterstarre. Meine Laufschuhe klingen auf dem harten Boden tap tap im Rhythmus. Pferdehufe haben sich im Waldboden abgedrückt. Eine leichte Dünung schlägt an der Strand, mein tap tap und das Rauschen von Wind und Welle begleiten meinen wolkigen gleichmäßigen Atem. Obwohl noch kein Baum ein Blatt trägt unterhalten sich die Vögel schon lautstark über den Frühling. Der Protagonist in einem meiner Uniromane kletterte gestern Abend in das Gemälde eines englischen Landschaftsmalers, heute bin ich bei C.D. Friedrich eingestiegen. Ein Gemälde betreten, so fühlt sich dieser Morgen an. Der Weg verläuft parallel zum Strand, etwas erhoben, dann führt sandiger Boden auf die Höhe des Strandes, rechts sanfte Dünen, links tut sich ein weites Feld auf. In der Ferne liegt eine kleine Siedlung von drei Gebäuden, Scheunen und ein Landhaus. Das Feld grenzt an die Steilküste und ich erklimme den Feldweg, der am Rand der Küste entlangführt. Hier hat die Sonne den Boden schon aufgeweicht. Ich glitsche auf dem Matsch hin und her, verfalle schließlich in ein Spaziertempo. Ganz entfernt ein Reiter am Strand, mit Hund. Ich war lange nicht hier draußen, zu lange dafür, dass ich merke wie sehr dieser Ort Kiel für mich lebenswert macht. Hier ist das Wasser, an dem ich immer leben wollte.

Auf dem Rückweg begegne ich ein paar mehr Menschen, ältere Paare die wie ich an einem Dienstag vormittag an keine Pflicht gebunden sind. Wir begrüßen uns mit einem Zunicken, einem leisen ‚moin‘ und ziehen weiter unseres Weges. Wir sind verbündet in der Schönheit dieses Morgens, Februarspazierende im Sonnenschein. Ein Fischer steht in langen Hosen an der Ecke des Leuchtturmes im Wasser und kurbelt an seiner Angel, zwei Männer tragen vom Parkplatz ein kleines Boot ins Wasser. Die Sonne wärmt inzwischen durch meine schwarze Laufhose. Ich freue mich auf den Sommer. aber eigentlich komme ich am liebsten hierher, wenn der Strand noch still ist. Wenn der Parkautomat noch keine Münzen schluckt. Winterherrliche Nebensaison.

Nächste Kieler Flucht: Das Sportzentrum der CAU (2)