Eastbound200: ‚Raps’odysSee

Drei schwarz-weiße Kühe drängen sich in eine blätterüberdachte Ecke ihrer Weide, ich denke nicht, dass sie falsch liegen in ihrer Einschätzung des Wetters. Da braut sich etwas zusammen. Sich türmende Wolke, dunkelgrau erbost und ein Wind, der den Ärmel meiner ultradünnen shakedry Jacke von mir wegpustet als ich versuche galant hineinzuschlüpfen. Da plattert es auch schon vom Himmel, aber ich bin gut eingepackt und fühle mich frei und wild und wunderbar im Rausch durch den Regen.

200km auf dem Rad, von Kiel in ein kleines Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Eine Gelegenheit. Wind von hinten, ein Ziel vor Augen – ein vielversprechendens Mikroabenteuer in dieser faden Coronarealität. Ein Egoboost, vielleicht auch das. Und sicher ein Gegenstatement – gegen das innerliche Gehetze. Stunde um Stunde kurbeln, aushalten, durchhalten, laufen lassen. Bikepacking. Ankommen, wo man nicht losgefahren ist. Es ist mir schmackhafter als Kreise zu ziehen oder die Analogie von Hin- und Rückweg – auch wenn die Welt auf den selben Wegen, aber rückwärts, im Allgemeinen ein wenig anders aussieht. Herausforderung angenommen, ‚gut Tritt‘ also, so sprechen die Experten im Jargon der rennradfahrenden Gemeinschaft. Female fearless cyclist.

Von West nach Ost. Ich rolle durch den Kreis Plön, durch das malerische Eutin, an die Lübecker Bucht. Die Coronastille in diesen touristischen Gemeinden verblüfft mich. Keine Menschen, kein Wind – der Ostsee macht seinem Namen wieder alle Ehre. Dann Travemünde und eine Fährfahrt über den Fluss. Jetzt weiß ich auch was der Priwall ist. Dann Wechsel. Transition. Mecklenburg-Vorpommern. Ein kurzes Versorgungstreffen mit meinem Begleitfahrzeug nach 100km. Pipi und Pausenbrot und ein kleines Pläuschchen. Ich komme langsamer voran als gedacht, obwohl mein Schnitt bei, für diese Tour akzeptablen, 26,1km/h hält. Städte, Navigation, you name it.

150km und ich sage mir: Komm, läppische 50km, eine kurze Sonntagsausfahrt. Aber so viel Lust habe ich nicht mehr. Ich verspreche mir den letzten schokoladenummantelten Mandelriegel für die letzten 30km. Die Landschaft zieht vorbei, unbekannte Ortsnamen. Nochmal ein Schauer. Und zwei Mini-Shetlandponies in einem Mini-Vorgarten. Bei Kilometer 170 habe ich die Strecke von Paris- Roubaix erreicht. Vor mir erstreckt sich eine Pflasterlandschaft grober Unebenheiten. Heiliger Bimbam. Kack Navi. Grober Unfug, wer braucht sowas? Erschütterungen bis ins Mark, mein armes Fahrrad. Und den Platten sehe ich bereits vor mir. Nach einem knappen Kilometer ist der Spaß vorbei. Nie habe ich eine glatt asphaltierte Straße mehr zu schätzen gewusst. Den Riegel habe ich verdient. Kurze Pause.

Es sind gar nicht die Oberschenkel, die haben noch Kraft. Es ist eine Allianz aus Po, Rücken und Schultern, die gemeinsam protestiert. Auf den letzten 30 strecke ich mich alle zwei Minuten aus dem Sattel, ungemütliches finish. Erst bei 10 beginnt die Euphorie. Und dann der Dämpfer: 5km vor dem Ziel checke ich nochmal die Karte. Ja, ich weiß, dass es meinen Zielort zweimal gibt – in Schleswig-Holstein und in Meck-Pomm. Aber, dass es ihn noch ein drittes Mal gibt, nochmal in MeckPomm, um die 20 km entfernt von seinem bundeslandselben Namensvetter – wow! Da stehe ich nun, 202km auf der Uhr, und noch 20km weg vom Ziel, das mir so nah schien. Einrollen wollte ich, mit Fahnen und Trompeten. Unter die Dusche und an den Esstisch plumpsen. Pustekuchen! Aber ich habe das beste Begleitfahrzeug der Welt und werde abgeholt, die 20 extra bleiben mir erspart. Es dämmert auch schon. Wenig später plumpse ich erstmal dankbar in den Sitz des VW Busses und mit ein bisschen Verspätung folgt auch die Dusche und der Grillabend. Eastbound200 (202 !), die ersten 200 am Stück, geschafft!

Chiemsee Triathlon 2017

Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft, die Banane und ich. Sie fürchtet erdrückt oder gegessen zu werden, dabei will ich mich nur an ihr festhalten. Sie ins Ziel tragen. Mein Magen würde sie ohnehin nach diesem 1,5km Chiemseehochseeabenteuer und den feuchtwarmen 40 hügeligen Radkilometern nicht vertragen. Die Banane, meine Begleiterin auf den letzten neun Kilometern. Sie wurde mir von einem freiwilligen Helfer am Verpflegungsstand gereicht. Nach dem ersten verflucht geraden Kilometer stand er da und hielt sie mir vor die Nase. Was konnte ich anderes tun als sie zu greifen? Sie war perfekt, eine wahre Paradiesfeige, dabei keine ganze. Man schnibbelt Bananen bei Wettkämpfen in 3-4 Stücke, Häppchen, mundgerecht für die Sportler. Ich hatte ein Endstück erwischt. Noch geschlossen auf der einen Seite, mit dem Staudenpinöpel dran. So wie Affen sie schälen, mit dem Pinöpel nach unten. Auf der anderen Seite offen, glatt abgeschnitten, mit Blick auf das gelbliche Fruchtfleisch. Bananen gehören, wer hätte das gedacht, als Früchte zu den Beeren und werden im botanischen Fachjargon Finger genannt. Ich hatte einen abgeschnittenen Finger, aber einen der sich ganz ausgezeichnet anfassen lies. Ich knetete und drückte, während die Kilometer stetig weniger wurden. Am Ende war sie schleimig geworden, nass. Und ein bisschen zu fest gedrückt hatte ich wohl auch. Sie fand ihr Ende in der schwarzen Mülltonne am Zieleinlauf. Hinter der Ziellinie wohlgemerkt. Das Rennen hatten wir zusammen gemeistert. Schicksalsgemeinschaft. Die Banane und ich. Beim Chiemsee Triathlon 2017.

http://www.wechselszene.com/wettkampfe/chiemsee-triathlon-3

Morning Gloryville

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„Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein“ (Peter Fox)

…und so früh auf den Beinen. Eher aufstehen statt später schlafen, green smoothie und Kaffee statt Alkohol und Drogen, Tanzen statt Schlafwandeln – und trotzdem träumen. In der Neuen Heimat besteht das Frühstück aus Tanz und Tollerei. In Traumwelten wirbelnd erhebt sich aus dem Glitzernebel die Morning Gloryville mit ihrer tanzenden Bevölkerung. Jesus ist auch da, ganz in weiß mit langem Rüschenrock und Bluse. So nimmt er das Podest am Ende der Tanzfläche ein. Der Olymp der tanzenden Träumer. Und schwingt und groovt und segnet und weiht und es zuckt durch die Körper, die Masse pulsiert zum Beat und wir sind alle Sünder und Erlöste zugleich in diesem Raum der möglichen Unmöglichkeiten. Wir gehen tanzen, wir gehen feiern, wir haben Glitzer im Gesicht: An einem Mittwoch Morgen um 6:30 Uhr. Und niemand hinterfragt was wir hier tun. Diese Stadt erlaubt uns unser Dasein. Wir sind in Berlin und deshalb tanzen wir!

Diejenigen, die ihre Körper nicht auf der Tanzfläche biegen, tun dies beim Yoga. Oder lassen biegen  – im Massagebereich, wo alternativ gekleidete junge Männer in Stoffhosen und Filzpullovern meditative Streicheleinheiten anbieten. Ein edler Jüngling mit Federhut streift durch das Gewoge, der fein herausgeputzte Opa in Weste und Stiefeln, Mädchen mit hüpfenden Pferdeschwänzen in engen glänzenden Leggings wirbeln Hulahoop Reifen, Männer in engen Leggings präsentieren stolz Maurerdekoltees und definierten Yogaoberkörper. Sie aalen sich in der Menge und werden getragen von Musik und tanzenden Händen. Schillernde Farben machen Menschen fröhlich und fröhliche Menschen schillern farbenfroh. Es ist ein Geben und Nehmen. Eine harmonische Unbesorgtheit, eine wunderbare Ganzheit. Und über all dem liegt eine Aura der träumerischen Abwesenheit und präsenter Achtsamkeit. Abdriften und Bewusstsein. Dort und Hier sein. Der Traum ist der Moment. Eineinhalb Stunden dieses neuen Morgenrituals, dann tanzen wir kurzärmelig in den sonnigen Berliner Morgen hinein und kehren langsam zurück in die Welt, in den Strom der alltäglich Geschäftigen. Mit einem tanzenden und einem lachenden Auge.

Die Frau hinterm Crobag Tresen am Hauptbahnhof starrt mich an. Ich muss den Cappuccino zweimal bestellen bis sie mich hört. „Schuldige, das glitzert so“ murmelt sie verwirrt und fragt dann etwas vorwurfsvoll verwundert „Wo warst du denn?“ Sie fragt noch zweimal ob ich den Cafe mitnehmen möchte und ob ich Kakaopulver obendrauf haben will. Und dann vergisst sie den Kakao doch. Ich dachte ein bisschen Glitzer im Gesicht sei in Berlin kein Grund zur Aufregung.

Im ICE nach Hamburg ist nicht viel los. Alle Pendler sind schon in ihren Büros, Touristen mitte der Woche eine Rarität. Es rieselt Glitzer auf mein T-Shirt als ich mir gedankenverloren durch die Augenbraue streife.  Feenstaub aus der Morning Gloryville. Und während die Landschaft draußen vorbeizieht schweifen die Gedanken noch durch eine entgrenzte Welt aus Farben und Beats.

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Freedom from Distraction

Thomas Swick on the merits of traveling alone

“Of course, writers of any kind are never the norm; those of us who write about travel are different from the start, since we usually head out alone. The reason cited most often is freedom from distraction; when you’re by yourself, you’re more attuned to your surroundings. Less discussed, but just as important, is the fact that, alone, you’re also more sensitive. You not only notice your surroundings more clearly, you respond to them more deeply. Smiles and small kindnesses mean more to the unattached traveler than they do to a happy couple. A merchant in Fethiye adds a few extra sweets to my purchase and I’m extremely touched, in part because no one has paid any attention to me in days. If I’d been there chatting with my wife, I wouldn’t have been so moved; I may not have even been aware. And the merchant quite possibly would not have been inspired like he was by my lonely presence.”

                                                     Thomas Swick, A Moving ExperienceThe Morning News, 12/03/2013

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Source: http://www.vagablogging.net/rp/vagabonding-life/travel-quote-of-the-day#sthash.a94NdRAO.dpuf

Sommerliche Schneeverwehungen

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In den Bergen ist man als halbwegs erfahrener Wanderer eigentlich ständig auf Schnee eingestellt, egal wo die Jahresuhr gerade steht. Trotzdem ist es immer wieder faszinierend, wenn einem dann wirklich die Flocken ins Gesicht wehen. Im August, verrückt. Wir kletterten in zackigen Serpentinen den Hang hoch, die Temperatur sackt in den Keller. Von Regen zu Sonne zu Regen zu Graupel und Nebel. So sah unser Aufstieg in den ersten 2,5 Stunden aus. Und jetzt Schnee für die finale Stunde in der uns u.a. noch ein Grat bis zur Hütte erwartet. Holla, der Bergtroll. Und ich habe auch noch meine wasserfeste Jacke auf der letzten Hütte liegengelassen. Aber wir arbeiten klamottentechnisch nach dem Schichtprinzip, das hält eine Weile trocken. Nur nicht anhalten, nicht auskühlen. Auf dem Grat zur Kaunergrathütte schaltet das Wetter noch das Gebläse ein – jetzt sind es Schneeverwehungen und auch die Funktionsjacken der Mädels halten nicht mehr so richtig warm. Wir schlottern und rutschen der Hütte entgegen, die in der Ferne erscheint. Der Wirt begrüßt uns schneefegend auf der Terasse, „Mei, die Madeln, kommts h’nein!!“. Urig, absolut gemütlich hier. Ein Abend mit Akkordeon und Volksliedern, Schnaps und Tee und Fritattensuppe wärmt uns auf. Und schickt uns im gemütlichen Lager in tiefe Träume auf 2800m. Während draußen weiter der Schnee fällt.

Am nächsten Tag latschen wir uns die Füße ganz schön platt, 8 Stunden über Stock und Stein. Es hat aufgehört zu schneien, ist aber ziemlich matschig. Es ist unmöglich zwischen Kuhkacke und richtigem Dreck zu unterscheiden, elegant zerfließen die Fladen und schleusen sich ins Netzwerk der Rinnsale auf den Trampelpfaden ein. Gut, dass unsere Schuhe so hoch sind. Wir latschen einfach durch und machen uns schmutzig, herrlich. Nebel ziehen, Sonne scheint, Regen tropft, Schnee grieselt. Sowas nennt man wohl wechselhaftes Wetter. Brotzeit mir selbstgemachten Müsliriegeln von Karo, Kaspressknödel und Käse. Dann gehts weiter. Die zweite Hütte ist zu groß, zu voll, zu kommerziell. Wir spielen den frust mit Monopoly Deal weg und probieren mitgebrachten Kaffee aus der Papptüte mit Filter (growerscup.com) – großartig!

Morgens wecken uns die Sonnenstrahlen erst so richtig auf als wir schon unterwegs sind. Dringen hinter den Gipfeln hervor, fluten langsam die Täler mit Licht, erinnern uns an die Erhabenheit der Berge, ein unglaubliches Panorama. Meine Füße sind allerdings platt. Nach Monaten der Flipflops machen mir die Wanderstiefel zu schaffen. Ich mache mich an den vierstündigen Abstieg, die Mädels machen noch einen Gipfel. Auf meinem Weg ins Tal begegnet mir ein Russisches-Zupfkuchen-Schaf und ich werde für eine Weile von einer blökenden Herde verfolgt. Komme aber schließlich heil unten an und kaufe erstmal 2kg Käse aus der Sennerei vor Ort. Später kommen auch die Mädels ins Tal gesprungen. Es ist mittlerweile wirklich wieder August – kaum auszuhalten in der Sonne. Gegen fünf steigen wir in den VW Bus und düsen wieder gen Deutschland. Immer schön so ein Kurztrip in höhere Gefilde.

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Wandererblitzer?

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 Das Pitztalsche‘ Zupfkuchenschaf

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T-R-I-gonometrie

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Man muss auch mal Dinge auf sich zukommen lassen. Komfortzone und sicheren Hafen verlassen und so. Fakt: Man kann ohne (viel und strukturiertes) Training einen Triathlon überleben. Wenn man in Kauf nimmt, dass die Zeit nicht rekordverdächtig und die Beine auf dem Weg wackelig werden – waren gerade beschrittene Wege denn je interessant? Weil sich das vermutlich viele Amateure denken, kommt Schwimmen am Anfang – damit nicht so viele Möchtegernathleten vom Seegrund geborgen werden müssen. Im Rahmen des Radfahrens über dem Rahmen zusammenbrechen oder beim Laufen der Erschöpfung freien Lauf geben ist aus Rettersicht halb so schlimm, weil der Mensch doch allgemein eher Land- als Wasserratte ist.

Die Ruhe nach und vor dem Sturm. Der Chiemsee hat sich beruhigt, hat seine Wellen gezügelt und das Gewitter ist an andere Front abgezogen. Grau, aber ruhig, so steht das Gewässer vor dem Bergpanorama als stehendes Gewässer und wartet. Auf uns. Neun Uhr fünfundzwanzig. Ich sehe 400 Pinguine ins Wasser staksen, ich einer davon, und überlege mir im Delirium des Vorstartszustandes (Warum warum warum tun wir uns das an?), wie irrsinnig seltsam der Mensch doch ist. Versucht, sich mit imitierter Fettschicht elegant im Wasser fortzubewegen. Hüfthoch watend warten wir, hektisches Brillengeputze. Der Mensch muss sehen, aber auch ohne Beschlag sieht man wie durch Milchglas in diesem Naturschwimmbad. Manch einer wünscht sich wohl den hellblauen Chlorbadgrund zurück. PENG. Eine Artillerie von bayerischen Wettkampfrichtern schießt uns aus dem Gedankenstrom ins wahre Wasser. Plötzlich schwarzes Neoprengewusel und weißer Wasserschaum. Alle Pinguine bäuchlings abgelegt. Da platschen Arme übereinander, schnaufen seitlich Münder und Nasen nach Luft, trainierte Schwimmbadlinien weichen zickzackkursiger Desorientierung, Boje Boje Boje? Ui, toter Fisch mit Bauch nach oben – hoffentlich schwimmt hier kein homo triathlonus gleich so – und einen großen Schluck Chiemsee genommen, jawoll! Was für ein Start. Atmen, atmen. Endlich, nach zwei Bojen schlägt kein anderer Arm mich mehr, sondern nur mein Rhythmus Wellen. Das Feld hat sich zerschwommen. Ich pflüge meine eigene Trasse durchs Nass und komme mir gar nicht nass vor, sondern so, als wäre schon alles in trockenen Tüchern. Läuft doch, denke ich – und denke zur Ablenkung darüber nach, ob ich etwas über die Uni nachdenken soll. Cogito ergo sum. Quasi beim Schwimmen die Zeit nutzen und gedanklich Foucaults Diskurstheorie durchexerzieren. Dann schlucke ich nochmal Wasser und muss mich wieder aufs Geradeschwimmen konzentrieren. War einen Versuch wert.

Nun werde ich das Rad nicht neu erfinden. Zugegeben. Muss es aber auch nicht groß suchen, 412 ist meine Hausnummer. Vom Pinguin zum Hamster. Ausziehen, ausziehen, ausziehen! Neopren hängt an Ferse, verdammt. Alles nass. Jetzt auch von oben. Drunter sowieso. Aber egal. Kurz blank ziehen. Polsterpavianarsch: sitzt. Kompressionsstrümpfe: hochgerollt. Helm: verschlossen. Stöckelschuhe mit Absatz vorne klackern über Asphalt und rasten in Klickpedale ein. Der erste Tritt, es rollt und der Stress der Wechselzone verflüchtigt sich auf die Straße, in die Landschaft. Dahin rollen wir, mein rotes Ross mit neongrünem Reiter. 40 km. Nasse Kurven, Anstieg und Gefälle, Tacho und Trinkflasche, Wind und Regen. So grob zusammengefasst.

Oha, Bentje an Beine! Bentje an Beine! Tschuldigen Sie, haben Sie meine Oberschenkel gesehen? Ich muss die in der Wechselzone verloren haben. Hallo! Hallo! Hat jemand Lust auf Wadentausch? Erbarmungslos strecken sich die zehn Kilometer lang dahin, schlängeln sich durch die hügelige Landschaft. Jede Steigung fährt durch die Muskeln wie ein Stromstoß, sensibel und schmerzhaft. Aber wo Schmerz ist, ist auch Leben! Flüstert der kleine Masochist in der Sportlerseele und treibt an, unter keinen Bedingungen wird angehalten. Niemals. Der Weg ist doch nicht das Ziel, sondern das Ziel sich selbst genug. Irgendwie haben wir den Weg dahin bestritten. Schon wieder Vergangenheit. Jetzt gibt es Lacher und Umarmungen. Dazu Banane und Radler. Und euphoriegeschwängert den festen Vorsatz: Das machen wir wieder!

Zum Abschluss ein paar Triathlonanekdoten von „Ironjürgen“ – denn das wollen wir ja werden, kleine Ironmänner und -frauen, oder nicht?  http://www.ironjuergen.de/sprueche.htm


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Beuteltier im Mittelmeer

 

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„Einmal den Boden verlieren! Schweben! Irren! Toll sein! – Das gehörte zum Paradies und zur Schwelgerei früherer Zeiten: während unsere Glückseligkeit der des Schiffbrüchigen gleicht, der ans Land gestiegen ist und mit beiden Füßen sich auf die alte feste Erde stellt – staunend, dass sie nicht schwankt. (…) Es gibt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine!

Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“ (Nietzsche)

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Beuteltier im Mittelmeer

„Was die Plastikflasche kann, das kannst du auch“

Herausforderung angenommen – ich werde Kurs halten!

Sonst Bordpoet sein,

Reiseleitung und Küchenhilfe.

Volle Kraft voraus !

Dachte ich mir so…

Seekrankheit reduziert mich auf ein Häuflein Elend,

Holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück – den hätte ich mir gewünscht.

Mit Atemnot durch die erste Nacht,

Seitenwelle wackelt wankelmütig,

Ich wanke walk the plank like nach oben,

Schicksal nimmt seinen Lauf, Nudeln gehen schwimmen.

Den Samstag Vormittag an Deck vegetiert,

Wollte sterben.

Erst Cola von „Gott“ haucht mir wieder Leben ein,

Wie neu geboren.

Zuvor:

Im Labyrinth seglerischer Fachtermini,

‚Segeler speak‘ ist mein Mast und Schotbruch.

Raus aus den Gewässern der Komfortzone!

Das Schiff eine Heterotopie,

Ein „Ort, der nach eigenen Regeln funktioniert“, eine „realisierte Utopie“.

 „Neuland“ betreten trifft es nur im übertragenen Sinn,

Ins warme Wasser geschmissen schon eher wörtlich.

Stehe etwas auf dem Schlauch,

Kann aber mit dem wenigstens das Boot mit Süßwasser abspritzen.

Geduld Matrose, Geduld.

Abgelegt in den Sonnenuntergang,

Südlich sanfter spanischer Sommerwind schmeichelt seicht

Der Haut und den Gedanken,

Die hinaussegeln, obwohl wir motoren.

Die Hafenmauer hinter uns gelassen,

Backbords fällt die Steilküste glühend ins Meer,

Ein Leuchtturm leuchtet Sonnenuntergangsgolden am Kliff.

Mein Gott, diese Fahrt ist Poesie!

Adiós Espana, bientot Bonjour la France.

Nachts verwehrt der Mond uns Dunkelheit,

Feuchtigkeit kriecht über das Deck,

bis die Morgensonne es Stück für Stück trocken tupft.

Tagsüber brennt die Hitze unsere Füße ins Teakholz,

Zu Fluch der Karibik auf Kurs, Helene ist Tabu.

Schweigen und Reden, Stille und Musik, Steuern und Sonnen und Schlafen.

Mediterrane Küche an Bord,

Kleine grüne pimientos de padrón schmoren salzig in der Pfanne,

In den beweglichen Scharnieren schwingt der Herd im Auf und Ab des Bootes,

Entfacht eine Unterdecksauna, die der Sonne an Deck Konkurrenz macht.

Mondfische winken

Den Schulen von Delphinen, die mit unserem Bug um die Wette

durch Wellenberge und Täler gleiten,

Wild life.

Die Stimme des Kängurus hüpft über die spiegelglatte Oberfläche des Mittelmeeres,

Oder doch Bodensee?

Mir soll es recht sein, tatsächlich mal ohne Welle glücklich.

Der silberne Teppich in gleißendem Sonnenlicht,

Wir pflügen durch eine Armee portugiesischer Galeeren,

Die keine Meuterei planen unser Schiff zu entern,

Sondern botellas azules sind, Blue Bottle Quallen,

Ihre bläulich schimmernde Gasblase als Segel der Sonne und dem Wind entgegengebläht.

Unangenehme Gefährten im Wasser,

Von oben betrachtet fast schön.

Tierisch bewegt spinnt sich Geschichte um Geschichte,

Christobal, die Dieselameise

Jorge, der Benzinkäfer

Tequila, die tote Kraftstoffkakerlake

Und Jesús, die Ölschabe –

Die kleine Absurdität in den Dingen,

Suchen und finden.

Appropos Absurdität: St Tropez.

Es gibt zu viele Leute mit zu viel Geld.

Was das Känguru wohl dazu sagen würde.

Meine Augen verblitzen sich an den Superyachten der Schönen und Reichen,

Meine Lunge erstickt am Smok der Motorboote,

Meine Ohren taub von prätentiöser Jetskiprahlerei, Prollgehabe!

Nur halb so schlimm, eher kurios, wenn man Beobachter spielt.

„Vielleicht sehen wir ja die Geissens“.

Der Golf von St Tropez bietet uns eine Boje an,

Die  über Nacht unser Hafen wird.

Kein Pool an Bord, aber dafür ringsherum.

Sonne geht

Unter Deck backt Pizza, das Känguru rezitiert sein Manifest.

An Deck Bier und Rosé aus St Tropez –

Sind auch ein Abendessen.

Dritte Nacht auf flüssigem Boden,

Aber unbestreitbar in Ufernähe:

Ohropax lässt Moskitosummen verstummen. 47 Stiche.

Es ist Zeit das Element zu wechseln,

Wasser zu Erde zu Luft,

Vom Boot ins Taxi in den Flieger.

Nicht ohne sich zuvor

Den französischen Pflichten ‚Café au lait‘ und ‚Pain au chocolat‘ unterzogen zu haben.

Wer will schon gehen, Uni ist gerade so angenehm weit weg.

Wir sind Meister der Verdrängung.

Und trotzdem:

Au revoir, merci – c’était un temps magnifique!


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Sturmtage

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Auf dem Asphalt von Lajares,

Ausgestreckt auf Bauch und Rücken

Die Wärme aufnehmen,

Im Boden versinken ohne Scham.

Die Perspektive ändern und in den Himmel schauen,

Die Dinge mal von unten betrachten.

Cappuccino von der Französischen Bäckerei,

Törtchenpause in Lajares,

Aufgereiht glücklich auf dem Bürgersteig

Sitzend in Sonnenfarben,

Wie in einem instagram Moment,

Das sommerblonde Haar salzgeblichen im Wind verweht.

Glück in Treibholzfarben,

Blättert weiße Farbe vom alten Holztisch.

Die Echse zwischen Lavageröll,

Springt und rennt federleicht,

Wo ich mir die Füße aufschneide,

Sonnt sich in der Hitze,

Wir halten die Nase in den Wind,

Am North Shore,

an der 27.

Die Schlechtwetterfront aussitzen.

Am Meer im Sturm liegen,

Gehalten von den Böen,

Peitschen Regen und Sand um die Wette.

In die Palmenwedel,

deren Wipfel im Wind wackeln wie wuschelige Surfermatten.

Weißwasser schäumt,

Gischt zerstreut sich an Vulkangestein.

Wir zerstreuen uns in Gedanken.

Und Mittagsschlafträumen.

Vor einem Jahr auch dem Winter entflohen,

New York – San Francisco

statt

Hamburg – Fuerte

Nur kurz abgewandert, kurz zurückgedacht

und dann wieder hier,

Ohne Zeitgefühl,

Nur Ebbe und Flut,

Tag und Nacht.

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Palmenrauschen

„Es bedeutet zwar eine Erleichterung, das Leben zu entdecken, das man am liebsten leben will, aber man bekommt auch Angst, wenn man die Bedürfnisse der Seele erkennt – wie soll man sie dann noch verleugnen können?“

(D. Duane, SURF)

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Cluesokonzert und Barfußbeat

Geben den Takt an,

In einem Orchester aus Sonnenstrahlen und Palmwedeln,

Steinwüste und Küstenlinie.

Erste warme Brise,

Die der winterbleichen Blässe schmeichelt

Und sie erröten lässt,

Bis ein dunkler Teint sich

Wie Sommersprossen auf die Nase legt.

Der Duft von Neopren und Sonnencreme

Vermischt sich zu einer Symphonie,

Einer Ahnung von Sommer,

Vom guten Leben.

Und Surfwachs zieht bald tropfend

Eine Spur der Sehnsucht durch den Sand,

Wieder Wellen rauschen sehen,

Dünen wandern hören.

Rocky Point und Janis,

El Burro oder Glassbeach,

Flagbeach, eher selten.

North Shore sowieso,

Über die Dirt Road rattern, klappern, scheppern

Nach Majanicho, Maryland, zur 27.

Hierro, La Derecha, Bubbles –

lieber nur gucken.

Und dann das Kliff von Cotillo,

An der Steilküste kracht die Brandung,

Gegen den ausgespülten Fels.

Die Szenerie menschenleer,

Wie Cornwall und Bretagne,

Dunst über der Weite,

Tiefblaues Meer.

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Pass Thurn 01/2014

Die Harmonie von Bergdörfern. Auch wenn der Massentourismus lange Einzug gehalten hat. Sie kriegt mich jedes Mal. Wenn 40000 Besucher den Zielraum der Streif – des weltberühmten Hahnenkammrennens – bevölkern, die Straßen verstopfen und den Verkehr der Kitzregion lahmlegen, dann ist Ausnahmezustand. Auch wenn das Urteil oft schnippisch ausfällt, „alles nur high society und überteuert“ – in Kitzbühel vielleicht. Am Pass Thurn um die Ecke, um den Berg, ist alles noch etwas ruhiger. Die alte Frau Egger, die ihre Knödel in der Küche formt und das Muhen aus dem Kuhstall nebenan, eins mit dem Bauernhofgeruch der Kindheit. Das Zimmer älplerisch hell-holzvertäfelt, rot-weiß gemusterte Gardinen, die weiße Bettwäsche bis unter die Nase hochgezogen, eingekuschelt. Die klare Nachtluft, die durchs gekippte Fenster zieht, riecht nach Schnee. Mal wieder 10 Stunden schlafen und trotzdem die erste Gondel um 8.30 Uhr nehmen. Von der Streif kriegen wir kaum etwas mit, nur die mittägliche ORF Übertragung zum Kaiserschmarrn. Und die Pisten sind vielleicht sogar leerer als gewöhnlich am Wochenende. Wir fahren lieber selbst. Rückblick.

Mittwoch: 4:53 Uhr Hamburg Hbf in den Zug, aus dem Zug in Kitzbühel, Mitfahrgelegenheit im nächsten BMW xdrive Model mit Bert aus Köln, am Resterhöhesessel sofort aufs Board. Zwei Stunden Resttag mitnehmen. Sonnenuntergang und Nebelmeer über dem Tal. Gleich ins Märchen versunken.

Donnerstag: Nur Sonne und Blick und traumhaftes Panorama. Ausflippen nach jeder Piste vor Glück, betrunken an frischer Luft und tanzender Lebensgeist. Von früh bis spät Oberschenkel zum Brennen bringen und immer noch nicht genug haben. Vor dem Abendessen kurzer Berglauf mit Stirnlampe, Dunkelheit macht Steigung weniger schlimm. Danach tut alles doppelt so weh, aber das Leben wirkt dreimal so intensiv, viermal so schön und unendlich lebenswert. Right here, right place, right now.

Freitag: Schnee Schnee Schnee, endlich mehr Schnee. Frischer Puder über Nacht. Kaum Sicht, dafür eine wattewolkensiebterhimmel Neuschneeauflage auf präparierter Piste. Mindestens 20 cm, wenn nicht 30. Wir fliegen über die unberührte Piste, wie Abseitsfahren und manchmal auch das, gleiten butterweich, ziehen lautlose Lines und juchzen lauthals begeistert. Kein Schliddern, kein Rutschen heute. Nur sanfte rythmische Schwünge. Ab und zu mal den Schneemann miemen, aber wir fallen weich wie Schneeengel.

Samstag: Das Winterwunderland hält an. Die Sicht ist besser geworden, die Temperaturen sind gefallen. Heute mal wieder zwei Bretter statt einem. Da muss man den Rythmus erstmal wieder suchen.  Sieben Jahre Skiabstinenz ist nicht mal eben so wegzustecken. Alles flattert unkontrolliert, ein paar mal öfter Schneemann spielen. Aber nach ein, zwei Stunden findet sich das Gefühl, werden die Schwünge geschmeidiger. Hat auch was, meine Neugier für vier Kanten ist zurück. Aber das Board werden die Ski erstmal nicht mehr ersetzen können.

Es gibt sie noch, die Einheimischen. Die Bodenständigen. Der alte Mann aus Mittersill mit seinen Langlaufskien, der unprätentiösen markenlose Kleidung, in einer Skifabrik hat er gearbeitet. Obwohl er nie Ski gefahren ist, außer Langlauf eben. Wir warten und frieren gemeinsam, weil der Skibus nicht kommt. „Deppertes Skirennen“ murmelt er immer wieder. Nie wieder wird er am Hahnenkammwochenende Langlaufen gehen. Als ich erzähle, dass ich abends noch nach München muss, grummelt er zunehmens lauter. „Geht sich Ihnen das noch aus?“ fragt er besorgt, als der gelbe Postbus mit 40 min Verspätung vor uns schneeschlammspritzend zum Stehen kommt. Inzwischen schneit es nicht mehr ganz so heftig, die Sonne blitzt vor ihrem Untergang nochmal durch die dicken grauen Winterwolken. Ich bin die Ruhe selbst, weil ich doch alles andere als hier weg will.

Dann doch Abfahrt. Der Abstieg beginnt im Skibus gen Kitzbühel Bahnhof. Alle besoffen wegen des Rennens. Am Bahnhof noch schlimmer. Späte Ankunft in München. Sofort erschöpfter Schlaf. Früh weiter, ICE nach Bonn. Krasser Bruch – gefühlt eben noch durch hügelige Schneelandschaft, gestern Abend mit dem Zug durch die Nacht, goldenes Licht vereinzelt aus Hütten und Häusern an den Hängen. Heute nichts als Industrie, wie in einen bösen Traum erwacht, mich zwischen den Frankfurter Glastürmen und Raffinerie Fabrikgebäuden wiedergefunden. Ein einziger Gedanke: Ich will zurück.

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Scottish Poetry

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It is easy to be a poet in Scotland,

for there is poetry in everything here.

In the evening light that shines on colored leaves,

In the small chimneys, huddling up to each other on the roofs,

In the old cemeteries, so ancient and steeped in history,

In the tussock grass, gilded by the autumn sun,

In the misty shoreline, where sea gulls mew in a salty breeze.

(Bentschie)

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Die Raben von Edinburgh

Der Nebel lügt nicht, wenn er mir wabernd zuflüstert, ich sei an diesem Nachmittag der einzige Mensch am Arthur’s Seat. Es ist ein Glück, dass die meisten Menschen sich bei schlechtem Wetter in ihren Wohnungen verkriechen. Touristen ins Museum gehen oder Cafés abklappern. Das Weiß hängt dicht und schwer, alles verstummt. Numbs the city. Im Holyrood Park leuchten nur ab und zu matte Autoscheinwerfer durch die Nebelwand, ansonsten ist es, als sei die Stadt gar nicht mehr da. Der Nebel legt das Hier und Jetzt frei. Alles andere eine Illusion, ausgeweisst. Mein eigener Radius. Das Nichts aus der Unendlichen Geschichte. Aber dieser Nebel ist still und friedlich. Ich steige hinauf, zwischen den Felsen. Und bin alleine, mit den Raben von Edinburgh.

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Der Abend vergeht mit Pfannkuchen und ergeht sich in philosophisch-politischen Diskussionen, über Werte und Nachhaltigkeit, die EINE Wahrheit und den grenzenlosen Wandel, die Bundestagswahl und griechische Theoretiker, den EQ und IQ und überhaupt. Man hört von großen Namen, Hannah Arendt ist zu Gast, Habermas und Aristoteles und einige andere große Denker geben sich die Ehre in unserem redseligen, sicher amateurhaftem aber angeregtem und sicher zu Weilen auch etwas gereiztem Quartett. Man endet standesgemäß bei schottischen und britischen Ales in der CLOISTERS BAR gegenüber, wo intellektuelle Aufregungung alkoholisch entspanntem Sozialgeplänkel weicht. Den herrlichen Banalitäten des Lebens eben.

Schottische Erwartungen

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Steinhäuser. Romantische Türmchen ragen in den Himmel und kleine Schornsteine, die wie eine Orgel aufgereiht die Dachfirste schmücken, stoßen wohlig weiße Wolken aus, die von Kaminidylle und Heimatharmonie erzählen. Davor sorgsam gepflegte Gärten, in denen rosarote Rosen stolz empor ragen und dunkelgrünes Efeu sich edel über Jahrhunderte alte Steinmauern rangt. Dahinter ist grüne Weite. Die Highlands schon aus der Stadt sehen zu können überrascht mich. Die sanft geschwungenen Hügel betten die Stadt in ihr Tal, eingeschlossen und befreit zugleich: von und durch Natur. Das gefällt mir. Vor allem, weil gen Norden am Horizont bald auch das Meer erscheint. Das stereotypisch graue Wetter entzaubert die Szenerie nicht, im Gegenteil. Dichte Wolken rollen wie träge Wattebäusche über die Bergkämme. Das verdächtige Grau war ja quasi zu erwarten. Herbst liegt in der Luft, aber noch ist es erstaunlich mild, den Wintermantel mitzunehmen war vielleicht doch noch zu früh. Ich verstehe kein Wort von dem, was die Herren mir gegenüber sagen. Der eine sieht aus wie diese Fußballer Rooney, kaum Haare und ein eingedrücktes Gesicht. Sein Kumpel hingegen kann sich sehen lassen und sein schottischer Akzent klingt igendwie niedlich, was auch immer er erzählt. Aber es fühlt sich gut an, wieder (zumindest eine Art von) Englisch zu hören. Je näher wir der Stadt kommen, desto öfter weichen die Steinmauern verschnörkelten schwarzen Geländern. Vornehme Treppen führen zu dunklen Türen mir goldenem Briefschlitz und Namensschildern wie MacDonald oder Shandwick. Die Straßen sind steil, Edinburgh ist hügelig. Vorbei an alten Kirchen – ‚kirks‘, nicht ‚churches‘, wie ich gelesen haben. Pubs, Whighams WIne Cellar, Honeydukes reihen sich bunt im Erdgeschoss der vorbeiziehenden Häuser aneinander, der erste umzäunte Park mitten in der Stadt, mit stolzen Laubbäumen darin und einer Statue, die über dem Ganzen steht und gedankenvoll in die Ferne schweift. Und da thront es, in den Fels gewachsen, das Edinburgh Castle. Dann wieder Meer an der nächsten Ecke, wo die Straße abfällt und den Blick freigibt.

Den ersten Kaffee im BREW LAB. Stylische Gemütlichkeit, ranzig lässiger Chic neben einem alten Universitätsgebäude in der Altstadt. Kunstvoll abbröckelnde Backsteinwände mischen sich mit hochmoderner Barausstattung. Espresso ist hier nur eine Option, Filterkaffee im Siphon zubereitet der neue alte Trend. Eine Aufwertung oder gar Renaissance des Filterkaffees, V60 genannt. Dauert 5 Minuten, kostet 4 Euro und: schmeckt tatsächlich anders. Ein fantastischer Ort: http://www.brewlabcoffee.co.uk/about-us/

Den ersten Lauf in den Wiesen der MEADOWS gleich um die Ecke. Grün und weit. Aber dann, hinaus aus dem Park und hinein in richtige Natur, zum Arthur’s Seat, einem hügeligen Gelände vulkanischen Ursprungs mitten in der Stadt. Und doch plötzlich ganz weit weg von der urbanen Betriebsamkeit, plötzlich schwebt man selbst über allem. Abendsonne hat sich bequemt und ist aus Edinburghs grauer Ummantelung hervorgekrochen. Das kniehohe braune Steppengras leuchtet, das Meer glänzt und Wind weht über die gewaltige Kante des Kliffs, das steil zur Stadt abfällt.

Edinburgh, ach Edinburgh. Du bist schön.

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Kurse zum Wind

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Montag, den 25.08.2013

Es gibt keine andere Möglichkeit als die eine, am Meer zu leben. Hier ist ein anderes Aufwachen. Die Gewissheit, dass dort draußen die Wellen in ihrem sandigen Bett rollen, lässt mich wiederum mühelos aus meinem Bett rollen. Weil die Weite den Blick ruft und der Sand meine Zehen spüren will. Ich ziehe meinen Kuschelpulli über, stecke einen Schein in die Tasche und einen Einkaufsbeutel für Brötchen. Dann trete ich hinaus in den herbstlich goldene Morgen und atme die kühle Seeluft. Der Tag ist noch rein, keine Touristenscharen bevölkern die Standmeile. Beinahe könnt man glauben, dass das Dünengras hier natürlich wächst und die Möwen sich tagein tagaus als einzige Lebewesen am Ufer tummeln. Doch die Armee der Strandkörbe verrät, dass es sich um eine vorläufige Stille handelt, die nur den frühen Stunden und den senil oder sehnsuchtsvoll Bettflüchtigen vorbehalten ist. Gegen halb neun zieht Seenebel auf, milchige Schwaden ziehen über die Promenade. Das Meer ist schon nicht mehr auszumachen. Ich warte, dass die Black Pearl sich majestätisch aus dem Nebelmeer erhebt und eine piratige Orchestermusik erklingt. So beginnt der erste traumverlorene Morgen an der Ostsee. Gefolgt von ereignisreichen sechs Tagen. Denn heute beginnt er: der Ernst des Segelns.

„Fertig machen zum KENTERN…äh, ENTERN, nein scheiße, zum WENDEN meine ich!“ und dann machen wir doch eine Halse und werden fast vom ruckartig herüberschwingenden Baum erschlagen. So könnte man vielleicht gleich noch ein „MENSCH über Board“ (dank der feministischen Bemühungen legt man inzwischen Wert darauf diesen allbekannten Ausruf geschlechtlich neutral zu halten…) Manöver dranhängen wenn es einen von Bord schmeißt. Tut es aber nicht, deshalb wird doch mit Boje geübt. Dann legen wir mal ans Schlauchboot an, und wieder ab, schmeißen bei mäßig starkem Wind Gummibärchen von Sonnendeck zu Sonnendeck und schippern gelassen in die Bucht hinaus, wo wir dachten, es wehe ein anderer Wind, aber er haucht auch hier draußen ziemlich müde in die Segel. Nur gelegentlich fangen wir eine Böe ein, nehmen Fahrt auf und schieben ein bisschen spaßige Schräglage. Dieser Müßiggang tut allerdings ganz gut. Der erste Tag war so wellig und windig, und wir so ahnungslos und überfordert mit der Koordination von Pinne und Großschot, dass wir uns in all der Verkrampfung den Oberschenkelmuskelkater unseres Lebens eingefangen haben. In die Knie gehen ist dieser Tage eine Utopie. Schmerzen wie nach keinem Marathon.

Oh Gott, ich liege im Bett und es schwankt! Die blau-violett geblühmte Bettdecke bis zur Nasenspitze hochgezogen starre ich an das Lattenrost des Hochbettes über mir und versuche einen Punkt zu fixieren. Dann schließe ich die Augen und das macht alles nur schlimmer, gefühlt kippe ich geradewegs kopfüber nach hinten. Die kleinen Mitbringsel des Segelkurses. Also knote ich noch ne Runde im Bett Palstek und co. zur Ablenkung.

Wir waren eine gute Truppe, die Woche hat sich mehr als gelohnt. Am Montag noch keine Ahnung von nix und Freitags segeln wir schon ganz selbstbewusst auf unseren Jollen hinaus, wenden, halsen, kreuzen, retten Bojen und klauen in rasantem Halbwindkurs die der Anderen. Und vor allem bestehen alle 10 von uns die „Prüfung“, Segelgrundschein ahoi! Statt „Ameisenscheiße“ gibts dann noch ein Gruppenfoto mit gegrinstem „Pinnenausleger“ und dann gehen wir wieder unserer Wege. Franzi und ich für unseren Teil nach Timmendorf, wo wir noch zwei Tage bei der Beachvolleyball DM mitfiebern. Sweet as, beste Woche!

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Wir sind zurück nach Westerland

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Westerland/ Sylt, 17.8.2013

Die vergangene Woche kann sich sehen lassen. Samstag Scharbeutz, Sonntag Sylt, Mittwoch Heiligenhafen, Samstag Sylt. Zweimal Ostsee, zweimal Nordsee. Wie ein Rausch erfasst mich der Norden und lässt die Sehnsucht nach Meer nicht abklingen. Wie gut, dass ich momentan Zeit habe dem nachzugeben und mich von Strand zu Segelboot zu Surfbrett zu hangeln. Und wie gut, dass Linschi gerade in Hamburg und ebenfalls Feuer und Flamme für einen Trip nordwärts ist. Schnupperpuppen-Reunion mit Inselgedanken. So sitzen wir gestern bei strahlendem Sonnenschein im Line-up vor Westerland und fragen uns, warum seit unseres ersten Frankreich Surfs  sieben Jahre vergehen mussten, bis wir das erste Mal gemeinsam durch die Sylter Brandung paddeln. Und doch keine Spur der Reue darüber, dass wir für diese Erkenntnis so viel Zeit gebraucht haben. Es gibt ja noch die  Zukunft und die soll nasser und sandiger aussehen, high five von Board zu Board. Wir brauchen neue Zeiten wie die alten. Und dann spaddeln wir weiter durch die Wellen und stimmen altbekannte Lieder an. Neben uns zwei 12 jährige Jungs, die abgehen wie Schmitts Katze, der eine auf seinem Norden Fish, der andere schon erkennbar Longboarder, wenn er die Hände hinter dem Rücken faltet während er elegant die Welle entlang gleitet. Schmitts Katze befindet sich am Nachmittag auch unter den Teilnehmern der Sylter Sailing Week, denn der Wind frischt auf und die wir sehen die Boote draußen zwischen weißen Schaumkronen mit einiger Geschwindigkeit um die Bojen jagen. „Schmitts Katze “ gefällt uns als Bootsname. Und außerdem basteln wir weiter an der Hängemattencafé-Idee und überlegen Möglichkeiten, an ein Haus am Meer zu kommen. Windwellen hin oder her, wir kommen jetzt jedenfalls öfter nach Westerland! Nach dem Surf gibt es Kaffee von der Creperie am Meer und Fischbrötchen von Gosch. Mit sonnengebräuntem Gesicht und salziger Haut fallen wir am frühen Abend müde und zufrieden in die NOB, die uns wieder Richtung Hamburg bringt. Für solche Tage lohnt sich auch die lange Fahrt.

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Fusion von Heavy Metal und Kelly Family: Unsere Strandkorbnachbarn….

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Abstieg zu neuen Ufern

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Samstag, den 03.08.2013

Ich sitze schweißnass in einem asiatischen Imbiss am Münchener Hauptbahnhof und will zurück auf meinen Berg. Kühlen Gebirgswind um die Nase streifen fühlen ist besser, als jede vor Frittierfett triefende Imbissabluft in den Nacken geblasen zu bekommen. Es ist so unglaublich schwül überall. Aber eigentlich bin ich ganz froh mal wieder unten zu sein. Seit knapp drei Tage bin ich wieder in der Zivilisaion. Am Donnerstag Morgen vom Berg abgestiegen, mit Bus und Bus und Bahn durchs Ötztal geschlängelt, um dann in München Linschi erschöpft in die Arme zu sinken – Hitzeschlag! Wir überleben nur, weil der Eisbach uns die Füße kühlt und ein Frozen Joghurt unseren Kopf. Und dann sitzen wir da, schauen den Surfern am Eisbach zu und wissen, dass wir neue Zeiten wie die alten brauchen. Oder so ähnlich zumindest. Das besiegelt ein zünftiger karamellisierter Kaiserschmarrn in unserem Lieblingsbrauhaus, Schnupperpuppenehrenwort.

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Jetzt löffle ich meine malaysische Reisnudelsuppe, neben mir blüht eine künstliche Orchidee, an der Decke dreht der Ventilator nutzlose Kreise. Es kommt mir vor, als könne das Gewimmel in der Bahnhofshalle ebenso das geschäftige Treiben in den Straßen einer indonesischen Großstadt sein. Die Reisnudeln schmecken nach Fernweh, mit jedem gekauten Korianderblatt steigt die Reiselust und das Kopfkarussell gerät wieder in Fahrt, meine Gedanken gleiten hinüber zu Tempelanlagen und Palmenhainen. Vielleicht doch kurzfristig STAtravel zu Rate ziehen. Last Minute hatte ich auch noch nie. Dann schreckt mich eine schroffe bayerische Durchsage aus dem Tagtraum. Mein Zug geht um 12.39 Uhr. In ein paar Stunden bin ich also zurück, in Hamburg. Dann ist das Bergabenteuer tatsächlich vorbei. Die Perle ruft und ich empfinde Vorfreude, keine Frage. Aber den Wasserfall und die Berggipfel nun wieder gegen gelbes Klinkersteinpanorama tauschen zu müssen ist schon schade – da werde ich direkt wieder ein wenig rück-sehnüchtig und frage mich, ob es wohl gerade stressig ist auf 2400m und wen der nächste tötliche Warum-musst-du-jetzt-gerade-Kaiserschmarrn-bestellen-Blick von Nina trifft. Viel Arbeit auf dem Berg, aber schön wars – gute sechs Wochen! Und ein bisschen Ötztaler Dialekt habe ich auch gelernt, öha!

Oh Gott (Öha!), jetzt hat der Asiate hinter dem Tresen ordentlich Knoblauch in die Pfanne gehauen. Wir schmoren gemeinsam. Die Luft flimmert, ich kann hier wirklich nicht mehr atmen. Raus! Ich lasse den letzten matschigen Haufen Reisnudeln in ihrer Suppe schwimmen und schnalle mir das Monster von Rucksack auf den feuchten Rücken. Vor der Abfahrt muss ich mich noch mit diversen kühlen Getränken eindecken. Wer weiß, was die DB wieder für klimatische Überraschungen bereit hält. Also dann, wir sehen uns in Hamburg, ihr Fischköppe!

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Gipfeltagebuch Woche 5: Interkulturelle Kompetenzen

Noch seltener als WLAN Verbindung, habe ich hier oben Zeit zu schreiben. Die Hauptsaison ist am Berg angekommen, sie ist mit einer ganzen Armee von Tages- und Übernachtungsgästen hinaufmarschiert. Das bedeutet die Arbeitstage werden länger und die einzigen ruhigen Stunden sind die späten, wenn die Nachtruhe einkehrt und nur noch das Rascheln von Hermelinen und Mäusen in den Wänden zu hören ist. Und vielleicht der ein oder andere sägende Ton aus den Zimmern und Lagern über mir. Oft bin ich zu müde, um mir abends noch Gedanken zu machen. Zu reflektieren, was ich hier Tag für Tag erlebe. Und doch hat sich in den letzten Wochen einiges angesammelt, was nicht untergehen soll. Ein paar weitere Anekdoten aus dem Almalltag:

Interkulturell kann man sich hier oben ganz gut weiterbilden. Internationalität unter den Hüttengästen ist keine Besonderheit: Holländer, Engländer, Belgier, Franzosen, Amerikaner, Polen, Tschechen, sogar Australier. Und Deutsche natürlich, wir sind ja hier auch Ausländer! Ich muss unbedingt schauen, ob in der Jobausschreibung „interkulturelle Kompetenzen“ und „Fremdsprachenfertigkeit“ verlangt waren – dann fordere ich mehr Gehalt. Englisch, Französisch, auch ein bisschen Spanisch, alles gut zu gebrauchen auf 2400m. Ein gewisses Maß an Fremdenverständnis ist damit unbedingt notwendig für friedliche Hüttenkommunikation und das hat hier bei Weitem nicht jeder. Nicht selten habe ich so das Gefühl, ich müsste mich mit einer extragroßen Portion Toleranz und Gelassenheit zwischen die Fronten schieben, weil der Eine die Handlung des Anderen missversteht und grantig in seinen Bart Stereotypen und Pauschalurteile hineinmurmelt und stur und ignorant die eigene kulturelle Brille nicht im Ansatz auf der Nase zu spüren scheint. Kann mal jemand dem Prof. Barmeyer vom Lehrstuhl für interkulturelle Kommunikation in Passau die österreichischen Alpen und ihre Alpenvereinshütten als Forschungsgebiet vorschlagen? Sprechen wir also in nationalen Stereotypen, die oft zu pauschal und an denen doch manchmal etwas Wahres dran ist:

Ganz Holland muss leer sein. Nein, Entschuldigung, die Niederlande heißt es selbstverständlich. Das hat man uns beigebracht, Holland ist nur ein Teil der Niederlande, wie Bayern von Deutschland (….). Also, Niederländer sind neben den Deutschen sicherlich die größte nationale Besuchergruppe hier oben. Meistens wird in Gruppen gereist und geräuschvoll gespeist, laute Tischgespräche sind in großer Zahl eben kaum zu vermeiden. Und gesprächig sind sie allgemein. Besonders niederländische Gefängniswärter und Polizisten. Pauschal kann man außerdem einige Liter Kaffee kochen, wenn jemand aus den Niederlanden die Hütte betritt. Kaffee kann man nämlich zu allem trinken, auch zur Leberknödelsuppe. Butter dagegen ist auf niederländischen Frühstückstellern reine Verschwendung. Und abschließend, so gut man sich mit den Antjes auch unterhalten hat: Trinkgeld gibts einfach nicht. Und wenn mit einem grünen Schein bezahlt wird, das Münzgeld zählt man auf die kleinsten Centbeträge ab. Da ist dann von Nöten, die erwähnte Toleranz hervorzukramen und über den Rand der eigenen Brille hervorzuschauen. Scheint in den Niederlanden einfach anders zu sein, lassen wir es dabei.

Den ein oder anderen Stereotyp haben sich auch Polen und Tschechen eingefangen. Sie geben im Gegensatz zu den Dutchies meist gutes Trinkgeld, lassen Salat und das meiste Essen aber links liegen. Da freut sich dann die Küche, wenn alles zurückkommt. Und doch jeden Tag die gleiche Menge wieder bestellt wird. Getrunken wird allerdings. Vor allem Bier (gut, das ist nicht exklusiv polnisch oder tschechisch!) und Cola-Rum.

Österreicher lassen übrigens auch kein gutes Haar an den Deutschen. Kleinkariert und beharrend seien die Deutschen, auf ihre gebuchten Leistungen bestehend, unflexibel und pingelig in allen Angelegenheiten. Unrecht haben sie nicht, den ein oder anderen älteren deutschen Wanderer habe auch ich nur mit mühsam freundlicher Stimme bedienen können.

Deutsche mögen rechthaberisch sein, aber sie erreichen selten die Arroganz mancher Österreicher. Besonders die Wiener (der Dialekt, da muss ich immer an Falko denken, der auf meiner ersten Bravo Hits „Rock me Amadeus“ nasal dahingeschleimt hat) und diejenigen aus dem Innsbrucker Raum, das sagen meine österreichischen Hüttenkollegen übrigens selbst. Überheblicher und lokalpatriotischer geht es kaum. Ich werde dann nicht selten gefragt, wie ich als Hamburgerin denn hier überhaupt den Berg hinaufgekommen bin, „mit der Materialseilbahn?“. Das könnte allerdings auch ein Bayer bringen. Tzz…

Und wenn die allgemeine Toleranz im Stress an ihre Grenzen gerät, dann ist Kopfschütteln und sich wundern immer noch gesünder als sich wirklich zu ärgern. Mit „Magst a Schnapserl“ ist dann eh meistens alles wieder im Lot und selbst Unsympathen werden am Abend mit hochprozentiger Zirbe oder Marille besänftigt. Und dann geht man ohnehin schlafen, am nächsten Morgen gibt es noch Frühstück und dann sind die meisten nach einer Nacht eh wieder über alle Berge.

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Gipfeltagebuch Woche 4: Von Almromantik und komischen Vögeln

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Wir haben noch keine schriftliche Statistik aufgesetzt, um unsere Beobachtungen zu überprüfen. Aber Statistiken braucht eigentlich kein Mensch, unsere Erfahrung zeigt zuverlässig: Taucht die Herde Ziegen von Michels Bruder, die hier oben seit einigen Wochen herumspringt, vor der Hütte auf, dann steigt schlagartig der Umsatz von Milch und Buttermilch. Das ist äußerst faszinierend. Mich persönlich würden keine zehn Kühe dazu bringen, ein 0,5 l Glas kalte (Butter)Milch zu bestellen. Aber Milch scheint sich in das bergromantische Bild vieler Wanderer eingefügt zu haben wie das Fischbrötchen, das sich im „wahren“ Hamburgerlebnis aalt. Nur mit Milch ist die Alm wirklich authentisch. Und nur hier oben schmeckt sie frisch und rein, der Geschmack heiler Welt liegt ihnen auf der Zunge. Da interessiert es keinen, dass auch unsere Milch aus Tetrapaks gegossen und aus irgendeiner Molkerei aus dem Tal geliefert wird. Das erste Mal, als einer doch fragte, ob es sich denn um frische Milch handle und ich ehrlich verneinte und daraufhin seine Enttäuschung und alpenromantische Desillusion zu spüren bekam („Nee, dann trink‘ ich ne Cola.“), beschloss ich in Zukunft die armen Touristen zu verschonen. Und wenn doch mal wieder einer fragt, dann nicke ich heidihaft harmonisch und bekräftige, dass es sich um lokale Erzeugnisse handle. Das hat des Hüttenwirts Vater auch immer schon getan, den Leuten was vom Melken erzählt. Stimmt ja irgendwie auch, nur hängen wir selbst halt nicht morgens um vier am Euter. Jedenfalls trinken die Idyllsuchenden dann seelig ihr weißes Naturgold und spüren den Berg von außen und von innen. Alle glücklich, was will man mehr. Und was alpine österreichische Klischees angeht darf ich schon gar nicht spotten: Was wären zahlreiche Winter- und Wanderurlaube ohne Almdudler und Kaiserschmarrn gewesen? Auch meine Bergidee war von Heidi und Geißenpeter geprägt, von einer unberührten Ursprünglichkeit reißender Gebirgsflüsse und grüner Almhöhen. Durch die Arbeit hier schaue ich natürlich jetzt hinter die Kulissen und sehe, dass nicht durchgehend Pauschalidylle herrscht. Warum aber Kurzurlauber desillusionieren? Ab und zu braucht doch jeder ein bisschen Romantik. So gilt also weiterhin die Faustregel:

Grast das Vieh dicht bei dem Haus, ist (Butter)Milch schon beinah aus.

Des Öfteren ist die Hütte aber auch Auffanglager für weitaus merkwürdigere als nur milchtrinkende Gestalten. Das bedeutet bevorzugt alleinstehende, etwas kauzige Herren zwischen 40 und 70. (Und meistens sind sie, leider, tatsächlich wirklich Deutsche…) Nina seufzte neulich in der Küche als wieder so ein „Bernd“ durch die Tür marschierte. „Warum müssen die eigentlich immer alle zu uns kommen?“ Inzwischen heißen sie bei uns alle nur noch „Bernd“. Das kommt daher, dass alles mit Bernd angefangen hat. Vier Beispiele:

Der ursprüngliche Namensgeber Bernd heißt also wirklich Bernd und kommt aus Siegen, NRW. Leicht gekrümmter Oberkörper und o-beinig staksend, so erkennt man Bernd auch ohne Fernglas von Weitem. Auf dem Rücken wippt sein alter grüner Trekkingrucksack, zwischen dessen Gummizügen er einen Stoff-Ernie – ja, der aus der Sesamstraße – festgezurrt hat. Dieser blickt verträumt nach hinten in die vorbeiziehende Landschaft, während Bernd flotten entschiedenen Schrittes seinem nächsten Ziel zueilt. Bernd war seines Zeichens Inselpostbote auf Föhr, was mich tatsächlich dazu gebracht hat mit ihm eine längere Konversation zu wagen, denn diese Tatsache fand ich doch ziemlich interessant. Alles andere an Bernd ist, sagen wir mal, anstrengend. Man wird ihn schwer wieder los, Signale des Gegenübers für das Ende einer Konversation scheint er schlicht nicht zu empfangen. Und wenn er mit seinem Teller geradewegs in die Küche marschiert und verkündet „Ich helf‘ euch doch geeernee. Ihr seid alle so lieb zu mir, wie eine Familie“, dann weiß keiner mehr so richtig wo er hinschauen und was er sagen soll. Ach Bernd !

Dann ist da Horst. Horst ist waschechter Berliner und hat die 70 schon lange überschritten. Er kommt zweimal im Jahr, im Winter und im Sommer je einmal. Dann bleibt er 7 Tage. Aber wann er kommt, das weiß keiner so genau. Auf jeden Fall muss für ihn aber ein Zimmer frei sein, das erwartet sich Horst als jahrelanger Stammgast schon. Jeden Tag trinkt er dann zwei Radler, macht bei sieben Tagen exakt 14 Radler. Jedes Jahr wieder. Zu Hause bastelt er übrigens leidenschaftlich an irgendwelchen Funkgeräten und Radios. Und natürlich trägt Horst noch die alten Knickerbocker mit Wollkniestrümpfen. Ein Original!

Henk ist Niederländer, eigentlich Peter. Aber alle nennen ihn Henk. Auch er ist ein jährlich wiederkehrender Stammgast. Man weiß zu Anfang nicht recht, ob er Mann oder Frau ist. Definitiv Mann mit sehr weiblichen Zügen. Schweigsam schaut er oft Stunden aus dem Fenster, sitzt einfach nur da. Ab und zu zieht er mit der Kamera los, um Gamsen zu fotografieren. Henk braucht eine Weile bis er auftaut gegenüber Fremden, wirkt sogar leicht depressiv. Aber im Grunde ist er eine gute Seele, die vielleicht einfach nur etwas Ruhe sucht. Und Schnaps aus den Niederlanden hat er auch immer dabei.

Und dann noch Udo, der siebzigjährige Bayer aus Bad Tölz. Udo ist nun wirklich eigentlich sehr sympathisch und gar nicht so komisch. Ein Eigenbrödler, Chemiker mit einer Liebe zu den Bergen, zum Meer und zur Musik. Der Sohn hat Schlagzeug studiert, die Tochter Harfe. Seit er pensioniert ist geht er ständig auf Wandertour. Davor hat er als alles mögliche gearbeitet, an der Uni, für BASF und so weiter. Davor auch mal für ein Plattenlabel und als Student ist er Lastwagen gefahren. Ich weiß alles, wir sind an meinem freien Tag eine Stunde zusammen abgestiegen…Udo mag ich wirklich recht gerne, außer dass er manchmal zu viel redet. Und wenn er von den friesischen Halligen erzählt, und von Sandkuhlen Picknicks mit Krabben und Weißwein auf Sylt, dann bin ich mit meiner Sehnsucht plötzlich wieder am Meer. Dann klingt das Quietschen der Schaukel nach Möwengeschrei, dann rauscht draußen die See und nicht der Wasserfall.

Welche Geschichten würden wir bloß ohne sie erzählen? Danke Bernd, Horst, Henk und Udo. Ohne euch hätten wir nur halb so viel Spaß.

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Für kleine Heidis

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Wenn die Klospülung mit dem Bach im Gleichklang rauscht, dann sitzt Frau auf der Damentoilette der Winnebachseehütte. Nie hat man auf dem „throne of soliloquy“, wie ein britischer Dichter das WC nannte, so fürstlich gesessen. Nur einige open-air Toiletten in tropischen Gefilden mit Blick auf den Ozean können es wohl mit dieser Aussicht aufnehmen. Denn hier thront man in der Tat und schaut hinauf zu majestätischen Gipfeln. Zum Lorehügel mit grasender Schafsherde, der Ernst-Riml Spitz mit in der Sonne glänzendem Gipfelkreuz, rechts daneben der hoheitliche Wasserfall und zur Linken erblickt man gerade noch das nackte Felsmassiv des Seeblaskogels mit der Putzenkarschneide. Vielleicht wird das nächste Blogprojekt ja eine Fotostrecke. Eine Reise zu den „Klos der Welt mit schönstem Ausblick“…

Gipfeltagebuch Woche 1: Sommerschnee und nepalesische Gebetsfahnen

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Samstag, den 22-06-2013

Bunte Blumen auf den Bergwiesen, der tosende Gebirgsbach stürzt das steinige Flussbett hinab, befördert den schmelzenden Schnee vom Berg. Kuhglocken läuten von den Berghängen, und das mähhhh der Geißen hallt durch das kleine Örtchen Gries. Es ist zwanzig vor sieben als ich meine Wanderstiefel schnüre und in die frische Morgenluft hinaustrete. Die ersten Höhenmeter bis nach Winnebach sind beschwerlich, die Beine noch müde und keine Berge mehr gewöhnt. Höchstens Sanddünen. Nach ein paar Metern führt der Weg in den Wald, über Stock und Stein. Überall rinnt Wasser aus den Felsen und Wiesen. Langsam verliere ich die morgendliche Schwere, springe von Fels zu Baumwurzel. Wandereuphorie kommt auf. Und das Bewusstsein wirklich hier zu sein setzt sich durch, mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht dem Berge zu. Bei 2000m erreiche ich mit der Baum- auch die Sonnengrenze. Ich steige gen Osten und die ersten Sonnenstrahlen, die es über das Gebirgsmassiv des  Bachfallnferner schaffen, wärmen mir das Gesicht. Auch die Hänge hier oben liegen jetzt im Licht, alles strahlt und rundherum ist nur Natur zu hören. Das Geröll unter meinen Füßen knirscht, der Bach rauscht, irgendeines Vogels Geschrei hallt von den Felswänden. Immer höher geht es bis  nach knapp eineinhalb Stunden die Bachfalle vor mir auftaucht: Der Wasserfall stürzt donnernd in die Tiefe und ich bleibe einen Moment stehen um den Ausblick zu genießen. Im Winter 2010 war hier alles eingefroren. Hinter dem Wasserfall kann ich das Gipfelkreuz der Ernst Riml Spitz erkennen. Ich bin meinem Ziel schon nah. Dreißig Minuten führt der Weg durch felsiges Gelände, hier oben ist mehr Stein als Alm zu sehen. Schroffe Bergmassive. Ich spüre meinen inneren Gollum in mir auf und abhüpfen…“mein Schaaaaatz“…oder vielleicht sind es doch die Orkgene, weil mich bis auf die Sonne all das hier an Mordor erinnert. Und so irgendwie auch an Neuseeland. Und dann sehe ich sie endlich: Die Winnebachseehütte. Dahinter der glasklare Winnebachsee mit Spiegelbildbergen. Das Häuschen der Materialseilbahn daneben. Alles noch da. Ich bin angekommen. Hüttenwirt Michel und Koch Ngyma warten schon. Kann losgehen.

Donnerstag, den 27-06-2013

Seit ein paar Tagen schneit es ab 2000m aufwärts. Die Gipfel sind selten zu sehen, überall hängt Nebel. Wir haben auch tagsüber nur 5°C. Eigentlich wollte ich ja Sommeralmen. Zum Glück habe ich noch ein paar Wochen. Und dann kann man sich wenigstens ohne schlechtes Gewissen in der Hütte aufhalten. Viel ist allerdings noch nicht los, die Hauptsaison beginnt erst im Juli und das wechselhafte Wetter ist auch keine große Wandermotivation für die meisten Leute. Ansonsten spielt sich hier alles langsam ein. Ich gewöhne mich wieder an den lokalen ötztaler Dialekt und verstehe von Tag zu Tag mehr.  Unser nepalesischer Koch Ngyma versteht kaum etwas, weder Deutsch noch Englisch, nickt aber immer und schüttelt dabei den Kopf. Und macht vor allem nie Pause. Aber nett ist er und gestern haben wir die ersten Küchenvokabeln zusammen gelernt. Nur Geduld. Seine buddhistische Gebetsfahne jedenfalls schmückt schonmal die Außenfassade der Hütte und macht den Anblick um einiges exotischer. Reisegedanken. Nepal wär ja schonmal was….Ab und zu schnüre ich mal für 2 Stunden meine Wanderstiefel und erklimme die umliegenden Gipfel. Das ist irgendwie ziemlich unwirklich und ziemlich genial und ganz generell ein absoluter Traum, so ein Panorama als Vorgarten!

Nachdem uns das Mittagsgeschäft heute ganz schön ins Schwitzen gebracht hat,  wir von 12 bis 14 Uhr einen Kaiserschmarrn nach dem anderen gerührt, Eier gebraten und Weißbiere ausgeschenkt haben, ist am Nachmittag wieder  Ruhe eingekehrt. Nebel zieht auf, das Wetter soll wieder schlechter werden. Die Tagesbesucher sind abgestiegen, nur zwei Übernachtungsgäste. Und so konnte ich mich für ein paar Stunden vom Acker machen. Mit dem Laptop ins Tal, um nach unglaublichen 6 Tagens Abstinenz wieder mal dem Internet Gesellschaft zu leisten. WLAN auf der Hütte funktioniert nämlich noch nicht, noch nicht! Natürlich gibt es wichtige Dinge zu erledigen, oh ja. Aber drei Stunden Kontakt zur Außenwelt müssen genügen, dann muss ich wieder hinaufsteigen in den Heidiroman. Um noch vor der Dunkelheit wieder Schutz in der Hütte zu finden. Wem nach Berg ist, der möge mich doch im Juli heimsuchen! Also dann, wir sehen uns auf 2400m.

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