DAY 5: Palma City Blues

Palma stinkt! Mir nur ein bisschen, Ronja dafür sehr. Aber insgesamt erleiden wir schon einen ziemlichen Schock. Nach vier Tagen Naturerlebnis pur, Nächten im Wald und Duschen am Strand, erscheint uns die Hauptstadt Mallorcas wie der reinste Moloch. Der Stadtstrand, den wir hoffnungsvoll aufsuchen, ist grausam. Dahinter die vierspurige Straße, ist das Seenebel oder Smog, wir sind uns unsicher. Da hilft nur eine Bar. Wir pilgern weiter und finden in einem Estrella Damm. Der Nachmittag geht über in den frühen Abend. Wir müssen heute noch etwas durchhalten. Der Plan ist auf dem Flughafen zu nächtigen, da der Flieger schon morgen früh um sieben geht. Am besten hält man durch mit Essen. Wir suchen uns im Viertel Santa Catalina eine nette Tapasbar und schmausen bis es dunkel ist. Dann fährt der Bus und bringt uns an den Aeropuerto. Und zu unser wohl ungemütlichsten Nacht auf der Bank eines geschlossenen Foodcourts. Jeder Wald mit Getier wäre mir lieber gewesen als die brummenden Geräte, der piepsende Putzwagen und die schlurfenden Koffer. Trotzdem bleibt ein philosophischer Rest. Wir sind in transit. Kurz vor der Rückkehr in den Alltag nocheinmal zwischen den Welten, der Flughafen als Nichtort nährt in uns das Gefühl von Unkonventionalität. Die Idee von Abenteuer und Alternativen. Der nächste Mai wird kommen. Adios Mallorca, du Schöne!


DAY 4: Lay Day

LAY DAY. Heute machen wir nichts. Am Wasser liegen. Lesen. Essen. Bräunen. Nur eine kleine Wanderung am Morgen, hinauf zum Leuchtturm des Stadtteils Muleta. Wir entdecken, dass es dort oben eine niedliche kleine Bleibe für Wanderer gibt, das Refugi de Muleta. Unser Wilcampingplatz auf den Klippen ist allerdeings eigentlich nicht zu schlagen. Sowas von illegal und richtig gemütlich war es auch nicht, aber die Aussicht ist der Wahnsinn! Wir bummeln nachmittags durch das Hafenstädtchen und beschließen, dass wir für die Nacht noch weiterfahren wollen. Ein Bus bringt uns via Soller nach Valdemossa, ein romantisches Bergdorf mit Künstlerqualitäten. Schon Chopin hat sich hier zeitweilig niedergelassen und komponiert. George Sand hat geschrieben. Das fällt mir ein, dass ‚Ein Winter auf Mallorca‘ schon lange in meinem Regal steht und wartet gelesen zu werden.

Ronja übersteht die Busfahrt so mäßig. Irgendwann kommt sie matt wieder hinter einem Gebüsch hervor und möchte in diesem Moment wirklich nie wieder in so ein Gefährt einsteigen. Die Serpentinen waren tatsächlich brutal, der Busfahrer im Bremsen und Anfahren selten unsensibel. Ich kaufe Salzstangen und Cola, Erstversorgung für gebeutelte Bustouristinnen. Es wird langsam dunkler und wir müssen uns überlegen, wo wir schlafen wollen. Auf der Karte führt hinter der Bushaltestelle ein Weg ins Grüne. Wir laufen los, erst asphaltierte gassen mit Steinmauern, dann Gestrüpp, drehen wieder um, nehmen eine andere abzweigung, der Weg wird zu einem Trail, steigt an und führt uns in bewaldete Gefilde. Links Bäume, rechts trockene Weide hinter einer Steinmauer. Irgendwoher nimmt mein Körper an diesem Abend einen ganzen Batzen Energie und ich sprinte vor, um uns ein Plätzchen zu suchen. Wieder finde ich, wie schon bei Lluc, eine Moosplattform. Wir errichten unser Zelt. Als wir gerade fertig sind stehen zwei junge Leute vor uns, ein Pärchen aus Skandinavien. Sie schauen uns ein bisschen verwirrt an – das war doch ihr Platz. Ihre Rucksäcke liegen versteckt hinter Steinen, sie waren nur kurz in die Stadt hinabgestiegen. Wir verrücken also unser Zelt und teilen uns die Plattform. Mittlerweile ist es stockdunkel. Ronja kocht noch ein bisschen Brühe im Licht der Stirnlampe. Um uns herum nur Schwärze und Waldgeräusche. Wieder mal ein ganz anderer Schlafplatz. Wieder mal ganz nahm am Busen der Natur. unvorstellbar, dass morgen schon der letzte Tag anbricht.


DAY 2: Hiking on the GR 221

Dass wir den Morgen überlebt haben ist ein Wunder! Gegen die Zivilisation ist die Natur absolut friedvoll. Die Nacht im Gestrüpp, umgeben von Moskitos, Ziegen und möglicherweise Schlangen war harmlos im Gegensatz zur Rückfahrt hinunter nach Port de Pollença. Nachdem wir unsere Zeltwiese verlassen hatten wieder zur Straße aufgestiegen waren, wurde uns rasch klar, dass wir hier weit und breit die einzigen Seelen waren. Kaum ein Tourist würde sich um 7 Uhr früh aus seinem Hotelbett quälen, um statt der weichen Federn die harten Steine der Halbinsel zu betrachten. Wir liefen los, vor uns lagen gut 13km Asphalt, ein schmales Band Straße neben dem es für keinen Fußweg mehr gereicht hatte. Wir lauschten vor jeder Kurve, hoffnungsvoll, auf das Rauschen eines Motors, hörten lange nur den Wind. Dann kam die Psychotante… Eine Deutsche Mitvierzigerin, die mit diesem morgendlichen Trip ihrer penetranten Mutter zu entfliehen versuchte. Wir stiegen mit Englisch ein, aber nach dem ersten ‚th‘ war klar, auf welcher Sprache wir fortfahren konnten. Immerhin, sie hatte angehalten. Wir waren nicht wählerisch in Anbetracht der Alternative des Laufens. Als sie äußerte, dass sie lange nicht Auto gefahren war, bot ich ihr höflich, aber mit Nachdruck, mehrmals, an, das Steuer zu übernehmen. Sie schlug zu unserem Bedauern das Angebot aus und nahm die nächste Haarnadelkurve, schlingernd, auf der Gegenspur. Hoch konzentriert, sie verkrampft hinter dem Lenkrad, wir verkrampft in unseren Sitzen. Sie hätte Kreislauf, heute früh noch nichts gegessen, auch kein Kaffee, ob wir etwas zu essen hätten? Ronja und ich blicken uns an, ‚Hallo? Wir sind Backpacker…siehst du unsere Rucksäcke, wir haben kaum was dabei‘, Ronja bot dennoch aus reiner Menschlichkeit ihre Banane an, schließlich saßen wir in einem Boot. Auto. Sie würde nur ein Stück nehmen, sagte sie. Ronja, jetzt empört über so viel Dreistigkeit, todesmutig kühn, ‚also für ein Stück mach‘ ich jetzt nicht die ganze Banane auf‘. Ich hatte noch einen Müsliriegel, kramte diesen aus meinem Essenssack und trauere im Stillen um den unnötigen Verlust der Nahrung.  Der Höllenritt nahm sein Ende in einer Seitenstraße Port de Pollenças, nachdem wir noch Zeuge ihrer Einparkkünste werden durften. Schnell weg hier! Als wir sie später im Supermarkt wiedersahen lief sie mit irrem Blick an uns vorbei. Echt, die Frau war nicht ganz dicht.

Es konnte nur besser werden. Frühstück am Strand, das war der Plan. Port de Pollença erwachte gerade erst, auf der Promenade rückten Restaurantbesitzer die Stühle zurecht, ein paar sommerlich bekleidete Touristen spazierten mit zeitungen und Brötchentüten am Wasser entlang. Eine Bank am Strand war wie für uns gemacht. Nachdem wir im seichten Wasser der Bucht abgetaucht waren und damit unser Waschdefizit beglichen hatten, standen alle Zeichen auf Kaffee. Nach der Entbehrung der Nacht und keinem wirklichen Abendessen musste nun ein Schokocroissant und ein Espresso her!

Wandern steht auf dem Programm. Wir wollten den Bus bis zum Enstieg des GR 221 nehmen, ein Weitwanderweg, der in Pollença etwas weiter im Inland liegen sollte. Wir warten 20min an einer lauten staubigen Hauptstraße, der Bus kommt, der Bus voll. Hat uns einfach stehengelassen. Was soll man machen: Daumen raus! Und prompt hält ein netter Mallorquiner vor unserer Nase und lässt uns einsteigen. Ein junger Mathelehrer, der selbst viel wandert und deshalb tatsächlich den Einstieg des GR221 kennt. Er fährt uns genau dorthin. Wir können unser Glück kaum fassen! Es geht los, Schilder weisen uns den Weg. Um die vier Stunden wanderten wir über waldige Wege zum Kloster Lluc in den Bergen.

Lluc hat ein Belohnungseis und -abendbrot für uns parat. Ein bisschen wundervoll ist Zivilisation eben doch. Da reichen schon drei, vier Stunden Abstinenz und man ist wieder froh mit Geld etwas kaufen zu können. Dann ist da nur doch die Frage nach einem Schlafplatz. Aber Ronja kennt die Gegend und weiß von geeigneten Plätzen im Wald, ein Stück weiter noch den Weg hinauf. Nachdem wir uns mit Cola, erfrischendem Salat und in Öl getränkten Scampis gestärkt haben, sind wir bereit noch ein knappes Stündchen zu laufen. Wir finden eine wunderbar weiche Moosplattform. Ich habe zwar Bedenken wegen Krabbelviechern, aber die habe ich ja immer. Und weil hier weit und breit kein antiseptischer Platz ohne Spinnen und Mücken aufzufinden ist, lassen wir uns nieder und ich plädiere für ein schnelles Auf- und Zumachen der Reißverschlüsse. Am Ende liegen wir sicher in unseren Schlafsäcken und lauschen den Ziegenherden, die raschelnd durch die Bäume klettern und über irgendeine Sache meckern.

DAY I: Just follow the goats

Es scheint die Ziege in ihrer grasenden Routine nicht zu stören, dass wir im Auto dicht an ihr vorbeischneiden. Touristen gehen hier ein und aus wie die Ziegen. Sie sind Teil der Landschaft geworden, am Cap de Formentor. Eine lange Asphaltstraße schraubt sich Kurve für Kurve die felsigen Hügel hinauf, windet sich um schroffe Abhänge und endet schließlich ganz oben am Leuchtturm auf der erodierten Felsspitze des Kaps. Dank der späten Stunde sind die Massen bereits abgezogen. Nur eine Gruppe junger Spanier tummelt sich noch hier, schießt Selfies vom Sonnenuntergang in allen erdenklich Posen. Wir haben eine Mitfahrgelegenheit gefunden, unten am Kreisel in Port de Pollença. Es dauerte nicht lange, bevor ein Mietwagen am Straßenrand hielt und zwei Engländer uns in ihrem Auto willkommen hießen. Nennen wir sie William und Marc, ich habe die Namen vergessen. Backpackerschande über mein Haupt!

Mitte Mai 2017. Dieser Trip ist eine Auszeit von Zuhause, von dem Frühlingsregen und den Jackentemperaturen des deutschen Nordens. Wir fliegen aber nicht nach Malle wegen Sangria aus Eimern, auch wenn der Ryanair Partyflieger, den wir auf dem Hinweg erwischt haben, dies vermuten lässt (‚Allee, Allee – Allee, Allee, Allee – Eine Straße, viele Bäume, ja das ist eine…‘). Wir wollen fernab der Junggesellenabschiede und des Patytaumels in die Tramuntana abtauchen. Viel mehr: hinaufsteigen. Wildcampen. Wandern. NATUR NATUR – denn weder die knorrigen Olivenbäume, die märchenhaften Haine von Zitrusfrüchten noch die duftenden Aleppo-Kiefern interessiert die Schwimmprüfung, die Turnstunden und all das, was wir eigentlich gerade zu tun hätten in Kiel. Und so beschließen wir abzuschalten, auszuwandern, für fünf Tage mal ganz weg zu sein. Wie schon Gertrude Stein zu sagen pflegte: Wenn du das Paradies ertragen kannst, dann komm nach Mallorca. Wir sind in diesem Sinne mehr als leidensfähig!

Vom Flughafen bie Palma geht es mit dem Bus nach Alcudia – eine spontane Entscheidung, nachdem wir im Flieger nochmal die Karte studiert hatten. Wir hatten nicht wirklich einen Plan, wussten nur, dass es der westliche Teil des Eilands werden sollte. Das Cap de Formentor am nördlichen Ende der Insel versprach schon auf dem Papier Caspar David Friedrich-Steilküstenromantik mit Weitblick. Wie passend, dass das Land mal einem Dichter gehörte. Die Halbinsel wird hier auch Treffpunkt der Winde genannt, dieser Ort geformt von den Naturgewalten. Der Weg von Alcudia nach Port d’Alcudia und weiter Richtung Port de Pollença gestaltet sich nicht halb so romantisch. Zehn quälende Kilometer erst durchs Inland und schließlich entlang der Bucht  von Pollença, eine Passage bei der es nur zwei Optionen gibt: die asphaltierte Straße oder ein algiger Strand. An uns vorbei rumpeln Laster und flitzen Rennradler, laufen tut hier eigentlich niemand. Ein hölzerner Campingtisch in einem kleinen Wäldchen am Wasser kurz vor Port de Pollença läd uns endlich zur ersten Mallorca-Backpacker-Jause ein. Abendsonne, sanfter Meereswind – hier sind wir Reisende, hier können wir sein. Als wir Port de Pollença hinter uns lassen halten wir am Kreisel zum Cap de Formentor den Daumen raus. William und Marc quetschen also wenig später unsere Rucksäcke in den kleinen Kofferraum des Mietwagens. Auf dem Rückweg vom Leuchtturm erspähen wir eine Wiese. Wir sind ganz sicher: für heute Nacht UNSERE Wiese. Wir steigen aus, mitten in den Serpentinen (Terpentinen, Ronja?), es ist schon ein bisschen schummrig geworden. Wir bedanken uns bei den Jungs, die uns etwas ungläubig anschauen (‚Do you really want to sleep out here?) und klettern weg von der Straße, durchs hohe Gras und über große felsige Brocken hinab. Die Wiese liegt in einer Senke und einem daran angrenzenden Plateau. Von Weitem sah das Gras kuschelig und weich und niedrig aus. Als wir davor stehen sind es, wie oben, Büschel aus hartem, langhalmigem Grün. Glücklichweise finden wir eine sandige Fläche dazwischen und sputen uns mit dem ersten Aufschlagen des Zeltes. This is real fucking adventure, hätte Kyle Dempster zugestimmt. Not polished, richtig im Gelände, wirklich keine Sau weit und breit und eigentlich dürften wir hier wohl auch nicht campen. Aber wir nutzen den off-season Vorteil. Und ich nutze Ronjas Furchtlosigkeit. Wie selbstverständlich beginnt sie die Sachen auszupacken, hat sich mit dem Schlafplatz schon arrangiert, während ich noch etwas skeptisch umherlinse. Horche. Gibt es hier Schlangen? Wildschweine? Böswillige Ziegen? Oder Monsterspinnen? Was könnte uns in der Dunkelheit auf diesem ausgesetzten Plateau ereilen? Ich muss an plötzliche flash floods denken, so eine wie die in der das Auto von Alexander Supertramp in Into The Wild geriet. Wir liegen in dieser Senke, was wenn es regnet und der trockene Boden das Wasser….Ronja putzt schon Zähne. Ich atme tief durch und versuche die freiheit die uns hier umgibt nicht weiter als bedrohlich zu empfinden, sondern als das Beste und Coolste was mir gerade passieren kann. Weit weg von Hotels, mobile reception und Verpflichtungen am Treffpunkt der Winde eine kostenlose Nacht verbringen zu dürfen – that is fucking real adventure and the greatest fortune imaginable. Buenas noches!