Time for Trails

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Trainingstagebuch

Sonntag, der 20. Januar 2019

Der Hasselbrack, 116m ü.N.N. Was für ein Gipfel. Diese Höhenlage nennt sich höchste Erhebung Hamburgs. Wie soll ich hier trainieren? Für einen Lauf, der einem 1400 Höhenmeter abverlangt. Meine Füße ertasten in rhythmischer Fortbewegung den Waldboden, jede Wurzel, jeder Stein wird registriert. Ich laufe mit meinen Füßen, sie sind in dieser Umgebung mein Zentrum der Wahrnehmung. Das Ligamentum fibulotalare anterius ist zum Zerreißen gespannt, schon dieser norddeutsche Pseudotrail fordert höchste Konzentration. Um mich herum ist der Wald sich selbst genug. Vögel flattern nur vereinzelt, Raureif liegt noch auf den Tannen. In der Nacht hat es gefroren. Meine Oberschenkel sind so hart wie der Boden, jede Sandanhäufung am Boden ist erstarrt wie eine Welle im Eismeer, die Rillen des Waldarbeiterfahrzeugs steinhart gefroren, in den Löchern glitzern kleine Schlittschuhseen. Ich bin tief im Wald, meine komoot App lotst ich den Trail entlang, ich biege ab und bin plötzlich 90m neben der geplanten Route, dann 120m und dann sagt die Stimme gar nichts mehr. Ein Blick auf die virtuelle Karte, der Weg durchs Unterholz und ich erreiche den richtigen Pfad wieder. Besorgt registriere ich den niedrigen Akkustand des Telefons. Aus diesem Labyrinth finde ich nicht so ohne Weiteres wieder heraus. Die Kälte macht ein Stehenbleiben indiskutabel. Dieser Sonntagmorgenlauf wird allmählich zu einem Mikroabenteuer. Nach 10km schließt sich mein Kreis schließlich doch, ich gelange zur Wiese an der Waldkehre, wo nun erste Mountainbiker und Rentnerwandergruppen auftauchen. Dem Wald entronnen, das Außenband noch heil, der Trail im Chiemgau kann kommen. In vier Monaten werden hier keine Berge wachsen, aber die Füße sich auf unwegsamen Pfaden an die Unebene vielleicht herantasten.

Freitag, den 26. Januar 2019

Skifahren ist auch Höhentraining. Ein kurzer Ausflug in die Kitzbüheler Alpen. Ich hatte die Trailschuhe dabei, zu häufig aber die Skistiefel an.

Sonntag, den 17. Februar 2019

Kiel hat Brücken, die als Berge dienen. Zurücklaufen bedeutet durchhalten müssen. Auch, wenn der Untergrund nur wenig trail feeling bietet. Urbaner Trail bedeutet Asphalt zu laufen, dafür arbeite ich an der Grundlagenausdauer. Seit langer Zeit mal wieder 16, fast 17 Kilometer. Von Gettorf über die alte Levensauer Hochbrücke läuft es sich zumindest zeitweilig bergauf und bergab. Ich bezweifle dennoch, dass ich diese Einheit als Höhentraining verbuchen kann.

Mittwoch, den 20. und Dienstag, den 26. Januar 2019

Besser als kein Höhentraining ist zumindest über Bergsport zu sprechen. Eine Woche Banff Mountain Film Festival Tour erhöht sicher auch die Anzahl der roten Blutkörperchen. Es euphorisiert in jedem Fall den SportlerInnen auf der Leinwand zuzuschauen. Und dann bleibt doch noch Zeit einen Abstecher ins lang ersehnte Elbsandsteingebirge zu machen. Die sächsische Schweiz ruft mich aus Dresden zu sich. Früh am Morgen fahre ich die Elbe entlang, ein schmales Tal, rechts und links erheben sich steil die Ufer. Wer lebt hier? Alles wirkt ein bisschen tot, besonders die Farbe der wenigen Häuser. Das Navi führt mich bis Schmilka, von dort geht der Trail hinein in den Wald. Direkt führt er, noch im Ort, steil hinauf und ich denke mir, na bravo, meine Kondition kann sich so niemals bei einem Rennen sehen lassen. Aber ich beiße und quäle mich im Laufschritt den Berg hoch, Gehen nicht akzeptabel. Die aus dem Dorf hinausführende Asphaltstraße wird bald zu einem breiteren sandigen Fostweg und dann zu dem Trail, den ich mir erhofft hatte. 15km mit 500hm, das erste Mal ernstzunehmende Höhenmeter. Durch die Bäume fällt Sonnenlicht, ich frohlocke, genau die richtige Entscheidung. Ein paar Mal biege ich falsch ab, finde aber den Weg immer wieder. Meine Beine sind semi locker, aber die Atmosphäre ist der Knaller. Die Sandsteinformationen türmen sich wulstig abseits des Weges, manchmal führt mich die Route dicht an sie ran. und schlißlich stehe ich vor der ersten Leiter. Es geht hinauf, die platten Gipfel bieten eine fantastische Aussicht. Nicht ganz die Alpen, aber mehr Berg als die Hochbrücke in Kiel oder der Hasselbrack in Harburg. Am Ende des Weges, zurück im Dorf, entdecke ich meine Belohnung: Eine Biobäckerei, die angemessen große Kuchenstücke für 2,5 Stunden Trailrun anbietet. Zweites Frühstück. Bester Start in den noch jungen Tag.

Samstag, den 02. März 2019

Alternativtraining. Rennradtour von Hamburg nach Kiel, 90km Strampeln statt Laufen. Ich bin mir unsicher, ob meine Prioritäten nicht bei langen Läufen liegen sollten. Es sind nur noch … Wochen bis zum Chiemgau Trail Run und ich komme nicht recht in einen läuferischen Trainingsrhythmus. Aber wenn sich die Gelegenheit mal ergibt, dann muss man mit der crew aufs Rennrad steigen.

Freitag, den 08. und Samstag, den 09. März 2019

Andauernd ausdauerndes Alternativtraining. Ich komme weiterhin nicht ins Laufen. In Hirschegg bleiben die Trailschuhe auch in der Tasche stecken. Langlauf bringt mich aus der Puste und anschlißend auch noch die Skitour ins Hinterland. Dieses Alternativprogramm ist nicht gerade unattraktiv und von Faulheit kann auch keine Rede sein, aber ich mache mir allmählich doch sorgen um meine Lauffitness. Dann streckt mich eine Erkältung inklusive brennender Lunge noch die nächsten Tage nieder und an Laufen ist nicht zu denken. Nun gut, ab Ende März dann nochmal eneinhalb Monate so richtig strukturiert trainieren, denke ich mir, und schreibe wieder einen imaginären Trainingsplan für die Zukunft.

Freitag, den 22. März 2019

Sich den Freitag freizunehmen und trotzdem früh aufzustehen, ich dachte das machen alle Münchner fast jeden Freitag. Aber als wir gegen 8:30 Uhr ans Ende des Eng-Tals rollen stehen erst einige wenige Autos schief am Straßenrand halb in den Schneegraben geparkt. Glitzernd bricht sich die Sonne auf dem nicht mehr ganz so frischem Schnee – aber genug ist noch da. Wir entrollen die Felle, schlüpfen in die Skistiefel und testen den Lawinen Pieps. Dann führt uns die Spur der wenigen frühen Vögel auch schon hinein, in den Wald und schließlich in steileres, offenenes Terrain gen Gipfel. Die Beine arbeiten gut, ich bin mir sicher, dass ich diese Tour als lange Wochenendeinheit im Lauftagebuch verbuchen kann. Unterwegs lassen wir eine Hülle nach der anderen fallen bis wir auf dem Gipfel schlussendlich, sonnenhungrig wie in einem Skimovie aus den 80ern, nur noch in SportBH zum Bräunen im Schnee liegen. Rasant geht es dreifach so schnell bergab wie bergauf. Der angetaute Schnee ist so schwer, dass ich mich ab und zu zur Seit plumpsen lassen muss, weil meine Oberschenkel zu bersten drohen. Unten am Auto sind wir seelig. Kurz nach Freitag Mittag und schon glücklich, als ob man eine Woche im Urlaub gewesen wäre.

…noch 51 Tage bis zum Chiemgau Trail Run. Fokus. Auf das Laufen. Jetzt. Los. Auf gehts.

°Passivschwimmen°

‚Passiv Schwimmen‘ nennt Herr von Düffel es, das ‚Sich-treiben-lassen‘. Im Rhein bei Basel, mit der Strömung flussabwärts treiben. Nicht mal dazu bringe ich es an diesem Sonntag. Dabei ist es unter der Markise auf der Terrasse kaum auszuhalten, die Kniekehlen schon feucht, ideales Freibadwetter wäre das. Im Kopf ziehe ich bereits meine Bahnen, stoße mich ab, lasse die Beine überklappen, Rollwende, und wieder gleitend auf neuer Bahn im kühlenden Chlorwasser. Schwimmprüfung in acht Tagen. Doch ich hänge hier fest und schaffe es nicht mal die paar Meter in den kühlenden Garten zu flüchten. Lethargie hat von mir Besitz ergriffen. Statt zu schwimmen schwimme ich passiv. Lasse mich treiben, nicht den Rhein hinab, auch nicht durch die nahe Alster, nur durch die Worte. Atme dabei das Chlor des Badeanzugs. Es scheint fast, als hätte ich es ins Schwimmbad geschafft.

WALDEN, das Magazin

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Donnerstag, 7. Mai 2015. Kurz nach neun und der Medientreff bei Gruner&Jahr platzt aus allen Wänden. An das Kaffee und Franzbrötchen Buffet kommen nur noch die, die direkt davor stehen. Ich bin ein bisschen neidisch, ich sitze auf der anderen Seite. Immerhin mit Kaffee. Angeregtes Gebrabbel durchzieht den Raum, eine positive Spannung liegt in der kaum noch vorhandenen Luft. Um 9:15 Uhr pocht jemand zum Test ans Mikrofon, ein Räuspern und die Menge wird ruhiger. Jetzt ist es an der Zeit WALDEN kennenzulernen.

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Bei Gruner und Jahr ist das Magazin der erste große Launch dieses Jahres, WALDEN ist ein „Herzensprojekt aller Beteiligten“ sagt der Redner, dessen dunkler Bart sehr männlich und nach Wald aussieht. Der Anzug ist allerdings ein Stilbruch. Aber die „wilde Idee“ hatte ohnehin nicht er, sondern die stammt von Herrn Willenbrock und Herrn Wolff, die daneben stehen und gleich anfangen werden, ihr Baby zu erklären. Sie waren naiv genug auf ein romantisches Paradigma zu vertrauen: wenn etwas gut ist, dann wird es auch erfolgreich. Sie probieren es zumindest aus. Und „zurück zur Natur“ wollen heutzutage eh alle, zumindest ein bisschen. WALDEN. Womit haben wir es also zu tun?

WALDEN, das ist kaum überlesbar (s. Bilder), ist für Männer. Für Männer um die 30. Für Männer um die 30, die nach der Arbeit oder am Wochenende gerne mal wieder raus möchten. Die in die Natur gehen, Feuer machen und Tiere beobachten – vielleicht sogar erlegen – wollen. Obwohl das vielleicht schon zu viel wäre. WALDEN ist nicht für die härtesten der harten Kerle. Das sagen auch die Macher. Eher für den „modernen, unaufgeregten Abenteurer“. WALDEN sollen die lesen wollen, die ein bisschen härter werden möchten. Vielleicht weil die Stadt und Medienjobs und die saubere Wäsche mit Weichspüler gewaschen sie weichgespült haben. WALDEN ist für die, deren Bürostuhl wippt aber nicht schwingt wie die Hängematte im Kiefernwald. Für die, die es sich auf Federkernmatratzen in IKEAbetten gemütlich gemacht haben, die aber manchmal doch die Isomatte im Zelt vermissen. Für Stadtkinder, die den Alltag geduscht mit Schal und Latte bestreiten und alleine kein Kanu bauen oder eine Axt schwingen können, sich aber in ihrem tiefsten Inneren danach sehnen ab und zu ein bisschen wilder, ein bisschen mehr outdoor, ein bisschen handwerklich geschickter zu sein. Man kennt das ja. Man hat irgendwie Gefallen gefunden am gemütlichen Dasein, ist irgendwie auch ein bisschen älter geworden und hat sich nach mehr oder weniger Rebellion dem Zwang der Gesellschaft ergeben und sich eingeordnet ins urbane Alltagsleben. Und doch: da ist diese Unruhe. Man muss raus, weg, into the wild, oder zumindest in den Stadtwald. Im Gelände die Lunge im Grünen atmen lassen und die Augen auf den nächsten Baum fixieren, statt auf den Bildschirm. Für diese Bedürfnisse hat man jetzt WALDEN an seiner Seite. WALDEN ist übrigens auch „ein Freund von GEO“, dessen Chefredakteur Christoph Kucklick bei der Präsentation sagt, dass WALDEN und GEO ihre Liebe zur Natur ja teilen würden. Wenn sie eh beide gerne rausgehen, dann können sie das auch gemeinsam machen. Und so greift der große GEO dem kleinen WALDEN beim Waldspaziergang unter die Arme.

Die erste Ausgabe erzählt warum WALDENs Heimat bei uns vor der Tür liegt. Man muss nicht in die Ferne schweifen, um schöne Natur zu finden, ist eine Grundüberzeugung des Heftes. Auch nicht um Abenteuer zu erleben. Die Rubrik Mikroabenteuer – wie NEONs „Feierabenteuer“ von neulich – soll ein Standard werden. Mit dem Neoprenanzug lässt es sich auch mal vor der Tür in den Teich hüpfen. Apropos Hüpfen, eine Doppelseite erklärt Alternativen zur Arschbombe und eine Anleitung zum Flitschen gibts auch, angeblich kann der Stein mit der richtigen Technik bis zu 88 Mal über die Wasseroberfläche springen. Die letzten einsamen Zeltplätze Deutschlands werden vorgestellt, man lernt wie die ‚BIG 5‘ der BRD heißen, inklusive Feldhase, und natürlich wo man das beste Taschenmesser kauft und wie man in 6 (naja fast) Stunden ein Kanu baut.

Man stößt, ICH stoße,  natürlich ein bisschen am gender-Problem an. Ein Magazin für Männer. Und dann Äxte, Taschenmesser und Wildnis. Schmeckt ein bisschen zu streng nach traditionellem Testosteron. Durch so ein Magazin sind die ganzen Bemühungen die eingefleischten Geschlechterstereotypen aufzulösen wieder dahin. Es wird schön wie immer weiterkonstruiert und festgelegt was typisch männlich und somit  nicht typisch weiblich ist.

 Wie auch immer, ich könnte mir vorstellen, dass das Magazin einen Nerv trifft. Ich kenne ein paar Jungs, die in letzter Zeit davon träumen eine Axt zu kaufen und einen Baum zu fällen. Vielleicht ist das Erscheinen des Magazins auch irgendwie eine Reaktion auf den häufig beklagten Wandel der männlichen Rolle im 21. Jahrhundert. Sind Männer ZU weich geworden? Müssen sie wieder ETWAS härter werden? Männer sind zwar die primäre Zielgruppe, es steht ja fett vorne drauf, aber Frauen würden wohl eher etwas kaufen auf dem „für Männer“ steht, als Männer etwas kaufen wo „für Frauen“ drauf steht. Ganz sicher. Und da auf WALDEN keine Trekker und Maschinen abgebildet sind – um selbst bei den Stereotypen zu bleiben – sondern ein stolzer Hirsch und das Heft ganz nebenbei auch noch einfach schön layoutet und auf schmeichelhaftem Papier gedruckt ist, wird sicher auch die ein oder andere Frauenhand danach greifen. Vielleicht sogar nicht nur, um es dem Kerl mit nach Hause zu nehmen, sondern um sich selbst auf den Balkon, in den Park oder auf die nächste Hütte abzusetzen und in wilde Gedanken abzuschweifen.

Ob das 140 Seiten starke Magazin wirklich gut ankommt wird sich zeigen. 100.000 Exemplare wurden gedruckt, 7,50 Euro muss man für seine Freiheit investieren. Erst mal wird vorsichtig begonnen, mit zwei Ausgaben im Jahr. Titus von der Süddeutschen Zeitung war skeptisch. „Männer um die 30 und dann noch intellektuell, wie viele sollen das denn kaufen?“ Aber nachdem man Thoreau nicht mal kennen muss, um WALDENs Botschaft zu verstehen und sogar der Name deutsch wie der Wald ausgesprochen werden darf, steht dem Abenteuer ja nichts mehr im Weg.

Eine zweite Ausgabe, die im September 2015 erscheint, ist bereits geplant. Es wird um Hüttenbau und Holz gehen. Um Äxte, Fällen und Hacken, um die wichtigen Dinge eben!

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International Ocean Film Tour Volume 2

Am 21. März 2015 fand in Hamburg die Premiere der zweiten International Ocean Film Tour statt.

 

Keine Gnade für die Wade

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…Und auch für sonst kein Körperteil. Dieser Marathon war brutal. Schmerzhaft. Haruki Murakamis Mantra stand wieder auf meiner Startnummer, ein Ritual seit 2011. „Pain is inevitable. Suffering is optional.“ Wenn das so ist, dann habe ich in diesem Jahr das Leiden gewählt. Es zumindest nicht, meditativ oder sonst wie, ausblenden können. Bis zur Halbmarathondistanz lief es sich dabei noch ganz gut, fast unerwartet locker. Aber dann.

Enthusiasmus am Start, die Sonne strahlt an diesem Morgen vom Hamburger Himmel und lässt die bunten Scharen an Läufern in ihren neonfarbenen Funktionsklamotten noch mehr leuchten. Wir tauchten ein, in den Pulk des Startblocks. Saugen Vorfreude und ein bisschen Angstschweiß auf, freudig-nervöses Kribbeln in der dynamischen Menge. Ernste und lachende Gesichter, Konversation und Konzentration. Hier und da Clowns und Könige, Hamburger Wasserträger und andere Kostümläufer, wie jedes Jahr. Und auch die ein oder andere laufende Colgate Zahnpasta oder ein Sebamed Duschgel – Werbung läuft immer und überall. Neun Uhr, Startschuss. Wir brauchen 13 Minuten, um die Startlinie zu passieren. Alles läuft, alles ist im Fluss. Bald am Fluss. Ich sehe seit fast vier Monaten endlich die Kräne und die Elbe wieder. Auf der Elbchaussee läuft vor mir einer mit roten Kompressionssocken, die bis zur Kniekehle hinaufreichen. Auf beiden Waden prankt ein schwarzer Anker, darüber HH für Hamburg und darunter steht „No regrets!“. Die will ich auch!

Nach 25km geht dann nur noch wenig. Die Kilometerschilder scheinen unendlich weit auseinander zu stehen, vielleicht haben die sich vertan und Meilen statt km gemessen. Ich lutsche an einem Stück Banane, Beschäftigungstherapie. Schwere Beine und inneres Aufbegehren – absolut keine Lust mehr. Ich führe Diskussionen, leiste Überzeugungsarbeit, schenke jedem aufschreienden Körperteil meine Aufmerksamkeit – und versucht es dann wieder zu ignorieren. 15km vor dem Ziel stirbt mein iPod. Ich denke kurz darüber nach, ob das jetzt ein Zeichen ist und ich auch, vielleicht nicht gleich sterben, aber aufgeben soll. Jenseits der 30km sind meine Muskeln so verhärtet, dass mir mein Laufen ohnehin wie Schritttempo vorkommt. Ich nehme jede Getränkestation mit. Die Sonne brennt, weiße Salzkruste im Gesicht. Wasser! Am Ende auch Cola. Das Zeug schmeckt in diesen Sekunden wie…Cola eben, aber ganz besonders gut und unglaublich intensiv. Geschmacksnerven sind so viel sensibler bei extremer Anstrengung. Da kann auch ich mal langsam essen und trinken.

Die letzten 8km sind reine Tortur. Ich habe ja nie erwartet, dass der Lauf entspannt wird. Aber in der Vorstellung können Dinge immer nur begrenzt schlimm werden. Und in diesem Moment pisst es mich an, von mir selbst dieses buddhistisch gelassene Gequatsche zu hören, dass es doch nur noch 8 km sind und dass das doch klar war und dass ich es einfach so sehen soll, dass ich jetzt eh keine andere Möglichkeit habe als es durchzuziehen und dass ich doch einfach laufen soll, ohne so viel nachzudenken. Ah!

Ich denke weiter nach, aber über etwas anderes. Lenke mich ab. Was macht die Atmosphäre des Marathons so einmalig? Das Besondere ist, glaube ich, der kollektive Frohmut der Masse, welcher Fremde zu – wenn nicht unbedingt gleich Freunden, wenigstens zu – Gleichgesinnten werden lässt. Keine Aggression (außer gelegentlich bei den Läufern…), keine Konkurrenz. Und wenn die Deutschen die Distanz verlieren, wenn Fremde einem zujubeln, die Hand schütteln, auf den Rücken klopfen oder einfach nur Augenkontakt aufnehmen, halten und dabei ganz ehrlich lächeln. Nicht, dass die (Nord)Deutschen sonst arm an Emotionen wären, aber Gefühle zu haben und sie auszudrücken sind zwei sehr unterschiedliche Geschichten. Beim Marathon jedenfalls lässt man auch bei den Fischköppen endlich mal Luft ab und der Freude und Begeisterung, dem Mitgefühl und der Ehrfurcht freien Lauf. Hier und da entstehen Konversationen zwischen Unbekannten, die sich heute ganz aufgeschlossen gegenüberstehen.

Soviel zum positiven Kontrastprogramm zu meiner läuferischen Verfassung: Denn ich bin aggressiv. Geladen. 3km vor dem Ziel, am Ufer der Außenalster. Eigentlich eine wunderschöne neue Streckenführung, wir umgehen den fiesen Anstieg der Rothenbaumchaussee. Aber ich habe endgültig genug und Krämpfe in den Beinen. Ich werde jetzt gehen und fauche mein Gewissen an um Himmels Willen die Klappe zu halten. Die Zeit ist mir auch absolut schnuppe, dann eben über 4 Stunden. Ich bleibe stehen und beginne vorsichtig meine Wade zu dehnen. Da tippt mir einer von hinten auf die Schulter. „Nee, also du kannst jetzt echt nicht stehen bleiben. Du warst jetzt 15km immer vor mir und hast mich gezogen. Jetzt bring ich dich wenn es sein muss ins Ziel.“ Ich bin ein bisschen überrumpelt, ein bisschen gerührt und eigentlich will ich nicht, aber ich fange wieder an zu laufen. Keiner von uns beiden hat die Lust und Kraft zu reden, aber wir laufen stumm verbunden nebeneinander her. Vereint im Schmerz und dem Unwillen der letzten Kilometer und doch im Wissen, dass wir uns gerade deshalb gegenseitig retten: Hier bleibt keiner stehen, wenn der andere weiterläuft. Und irgendwie erreiche ich dann schließlich die Zielgerade auf der Karolinenstraße, mit dem roten Teppich und dem großen weißen aufgeblasenen Siegertor. Ich spüre nur ein einziges Gefühl: Erleichterung! Dass es vorbei ist und ich nicht aussteigen musste. Der Blick auf meine Uhr verrät, dass ich doch noch knapp unter vier Stunden geblieben bin. Ich grinse und gestehe mir ein, dass ich bei 4 schon ein bisschen enttäuscht gewesen wäre. Umso besser. Karo treffe ich später an der Startbeutelausgabe. Wir haben es beide geschafft. Sind beide unglaublich fertig, aber unglaublich glücklich. Und nach einem Bier und einer Dusche treffen wir draußen unsere Eltern, die treuesten Fans vom Straßenrand. Hamburg Marathon 2013, check!

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Blaue Linien

 

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Die Reeperbahn ist Teil der Strecke, wie immer. Durchs Rotlichtviertel bei Tageslicht. Aber wir gehen nicht auf den Strich, wir laufen. Entlang der blauen Streifen, die sich seit Dienstag wieder durch Hamburg ziehen wie Indizien einer Schnitzeljagt wirken. 15.000 Schatzsucher werden Sonntag beim Hamburg Marathon ihre Beine strapazieren, Knie und Rücken und Bänder aller Art riskieren. Um das Adrenalin, den Kick zu spüren. Mit Glückshormonen um sich zu schmeißen – in Erwartung des runner’s high. Möglichst lange locker dahin traben, die Gedanken beschäftigen und die Aussicht an der Elbchaussee und der Außenalster genießen, bis spätestens in Ohlsdorf der Mann mit dem Hammer sich zu Wort meldet und irgendwo hinter dem nächsten Getränkestand auftaucht. Wir werden sehen. Bis dahin gilt es dem Körper Ruhe zu geben (zum Beispiel Erkältungen loswerden, so unnütz aber auch!), mit Dehnung Wunder bewirken und Kohlehydrate futtern. Damit am Ende niemand zu einem sagt (wortwörtliches Zitat – vorhin bei der Startnummernausgabe in der Karolinenstraße, Zieleinlauf, aufgeschnappt –  eines kleinen Jungens auf dem Rad, hinter seinem Vater fahrend): „Ah, ich weiß was die hier machen. Die bauen das Ende auf. Das kenn ich hier. Das ist doch da wo es dir letztes Mal so schlecht ging, wo du so ganz weiß um den Mund warst.“ Also dann, lasst uns laufen!

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Moin moin Hamburg

Man identifiziert sich mit Heimat ja vor allem auch kulinarisch. Mit Papa gleich nach der Ankunft in Hamburg ein Franzbrötchen bei Luise gegessen. Hallo Fuhlsbüttel, wieder hast du dich so gar nicht verändert. Alle grünt und blüht und ist endlich warm. Gut, dass ich nicht eher gekommen bin. Dann gibts auch gleich noch eine nachträgliche Geburtstagstorte auf der Terrasse. Erste Euphorie, erste Bilder zeigen, erste Freunde wiedersehen. Jetzt sitze ich allerdings hier im Wohnzimmer und versuche mit dem Krabbensalatbrötchen auch meine Verwirrung hinunterzuschlucken. Ich bin irgendwie wieder hier. Oder auch noch nicht ganz. So gar nicht eigentlich. Trotz des Boston Dramas ist die Reise problemlos verlaufen. Langwierige Sicherheitskontrollen am Airport, aber die sind ja auch sonst nichts Neues. In Hamburg rollt kein einziges Gepäckband, Stille in den Flughafengebäuden. Was für ein Provinzflughafen. Mein Rucksack hat den Umstieg London-Hamburg nicht geschafft. Hat sich noch bis zum Mittag in England rumgetrieben, wurde dann aber persönlich von BA zu uns nach Hause eskortiert. Ansonsten ist hier schon wieder viel zu viel los und ich bin noch etwas zu müde und etwas zu erkältet. Die to do liste wächst, über den Kopf, und der muss daneben vor allem erstmal mit sich klarkommen. Gedanken drehen hier östlich des Atlantiks wieder schneller und Fragen bitten um Antworten.

Gebloggt wird weiter, stay tuned. Ist ja nicht so, dass das Leben vorbei wäre. Meine Tastatur ist gerade erst warmgetippt. Sonntag steht der Hamburg Marathon an, bald geht es nach Frankreich ins Camp, vielleicht gibt es im Juni amerikanischen Besuch und Berlinabenteuer und im Juli steht Hüttenarbeit in Österreich auf dem Programm. Riecht nach einem reichhaltigen Blogsommer. Ich spiele dann auch mal ab jetzt ein bisschen mit meinem iphone (yey!) herum. Endlich kann ich auch „coole“ Instagram Bilder posten.

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