Donnerstag, 7. Mai 2015. Kurz nach neun und der Medientreff bei Gruner&Jahr platzt aus allen Wänden. An das Kaffee und Franzbrötchen Buffet kommen nur noch die, die direkt davor stehen. Ich bin ein bisschen neidisch, ich sitze auf der anderen Seite. Immerhin mit Kaffee. Angeregtes Gebrabbel durchzieht den Raum, eine positive Spannung liegt in der kaum noch vorhandenen Luft. Um 9:15 Uhr pocht jemand zum Test ans Mikrofon, ein Räuspern und die Menge wird ruhiger. Jetzt ist es an der Zeit WALDEN kennenzulernen.
Bei Gruner und Jahr ist das Magazin der erste große Launch dieses Jahres, WALDEN ist ein „Herzensprojekt aller Beteiligten“ sagt der Redner, dessen dunkler Bart sehr männlich und nach Wald aussieht. Der Anzug ist allerdings ein Stilbruch. Aber die „wilde Idee“ hatte ohnehin nicht er, sondern die stammt von Herrn Willenbrock und Herrn Wolff, die daneben stehen und gleich anfangen werden, ihr Baby zu erklären. Sie waren naiv genug auf ein romantisches Paradigma zu vertrauen: wenn etwas gut ist, dann wird es auch erfolgreich. Sie probieren es zumindest aus. Und „zurück zur Natur“ wollen heutzutage eh alle, zumindest ein bisschen. WALDEN. Womit haben wir es also zu tun?
WALDEN, das ist kaum überlesbar (s. Bilder), ist für Männer. Für Männer um die 30. Für Männer um die 30, die nach der Arbeit oder am Wochenende gerne mal wieder raus möchten. Die in die Natur gehen, Feuer machen und Tiere beobachten – vielleicht sogar erlegen – wollen. Obwohl das vielleicht schon zu viel wäre. WALDEN ist nicht für die härtesten der harten Kerle. Das sagen auch die Macher. Eher für den „modernen, unaufgeregten Abenteurer“. WALDEN sollen die lesen wollen, die ein bisschen härter werden möchten. Vielleicht weil die Stadt und Medienjobs und die saubere Wäsche mit Weichspüler gewaschen sie weichgespült haben. WALDEN ist für die, deren Bürostuhl wippt aber nicht schwingt wie die Hängematte im Kiefernwald. Für die, die es sich auf Federkernmatratzen in IKEAbetten gemütlich gemacht haben, die aber manchmal doch die Isomatte im Zelt vermissen. Für Stadtkinder, die den Alltag geduscht mit Schal und Latte bestreiten und alleine kein Kanu bauen oder eine Axt schwingen können, sich aber in ihrem tiefsten Inneren danach sehnen ab und zu ein bisschen wilder, ein bisschen mehr outdoor, ein bisschen handwerklich geschickter zu sein. Man kennt das ja. Man hat irgendwie Gefallen gefunden am gemütlichen Dasein, ist irgendwie auch ein bisschen älter geworden und hat sich nach mehr oder weniger Rebellion dem Zwang der Gesellschaft ergeben und sich eingeordnet ins urbane Alltagsleben. Und doch: da ist diese Unruhe. Man muss raus, weg, into the wild, oder zumindest in den Stadtwald. Im Gelände die Lunge im Grünen atmen lassen und die Augen auf den nächsten Baum fixieren, statt auf den Bildschirm. Für diese Bedürfnisse hat man jetzt WALDEN an seiner Seite. WALDEN ist übrigens auch „ein Freund von GEO“, dessen Chefredakteur Christoph Kucklick bei der Präsentation sagt, dass WALDEN und GEO ihre Liebe zur Natur ja teilen würden. Wenn sie eh beide gerne rausgehen, dann können sie das auch gemeinsam machen. Und so greift der große GEO dem kleinen WALDEN beim Waldspaziergang unter die Arme.
Die erste Ausgabe erzählt warum WALDENs Heimat bei uns vor der Tür liegt. Man muss nicht in die Ferne schweifen, um schöne Natur zu finden, ist eine Grundüberzeugung des Heftes. Auch nicht um Abenteuer zu erleben. Die Rubrik Mikroabenteuer – wie NEONs „Feierabenteuer“ von neulich – soll ein Standard werden. Mit dem Neoprenanzug lässt es sich auch mal vor der Tür in den Teich hüpfen. Apropos Hüpfen, eine Doppelseite erklärt Alternativen zur Arschbombe und eine Anleitung zum Flitschen gibts auch, angeblich kann der Stein mit der richtigen Technik bis zu 88 Mal über die Wasseroberfläche springen. Die letzten einsamen Zeltplätze Deutschlands werden vorgestellt, man lernt wie die ‚BIG 5‘ der BRD heißen, inklusive Feldhase, und natürlich wo man das beste Taschenmesser kauft und wie man in 6 (naja fast) Stunden ein Kanu baut.
Man stößt, ICH stoße, natürlich ein bisschen am gender-Problem an. Ein Magazin für Männer. Und dann Äxte, Taschenmesser und Wildnis. Schmeckt ein bisschen zu streng nach traditionellem Testosteron. Durch so ein Magazin sind die ganzen Bemühungen die eingefleischten Geschlechterstereotypen aufzulösen wieder dahin. Es wird schön wie immer weiterkonstruiert und festgelegt was typisch männlich und somit nicht typisch weiblich ist.
Wie auch immer, ich könnte mir vorstellen, dass das Magazin einen Nerv trifft. Ich kenne ein paar Jungs, die in letzter Zeit davon träumen eine Axt zu kaufen und einen Baum zu fällen. Vielleicht ist das Erscheinen des Magazins auch irgendwie eine Reaktion auf den häufig beklagten Wandel der männlichen Rolle im 21. Jahrhundert. Sind Männer ZU weich geworden? Müssen sie wieder ETWAS härter werden? Männer sind zwar die primäre Zielgruppe, es steht ja fett vorne drauf, aber Frauen würden wohl eher etwas kaufen auf dem „für Männer“ steht, als Männer etwas kaufen wo „für Frauen“ drauf steht. Ganz sicher. Und da auf WALDEN keine Trekker und Maschinen abgebildet sind – um selbst bei den Stereotypen zu bleiben – sondern ein stolzer Hirsch und das Heft ganz nebenbei auch noch einfach schön layoutet und auf schmeichelhaftem Papier gedruckt ist, wird sicher auch die ein oder andere Frauenhand danach greifen. Vielleicht sogar nicht nur, um es dem Kerl mit nach Hause zu nehmen, sondern um sich selbst auf den Balkon, in den Park oder auf die nächste Hütte abzusetzen und in wilde Gedanken abzuschweifen.
Ob das 140 Seiten starke Magazin wirklich gut ankommt wird sich zeigen. 100.000 Exemplare wurden gedruckt, 7,50 Euro muss man für seine Freiheit investieren. Erst mal wird vorsichtig begonnen, mit zwei Ausgaben im Jahr. Titus von der Süddeutschen Zeitung war skeptisch. „Männer um die 30 und dann noch intellektuell, wie viele sollen das denn kaufen?“ Aber nachdem man Thoreau nicht mal kennen muss, um WALDENs Botschaft zu verstehen und sogar der Name deutsch wie der Wald ausgesprochen werden darf, steht dem Abenteuer ja nichts mehr im Weg.
Eine zweite Ausgabe, die im September 2015 erscheint, ist bereits geplant. Es wird um Hüttenbau und Holz gehen. Um Äxte, Fällen und Hacken, um die wichtigen Dinge eben!








































































































































































































































































































































































































