DAY 2: Hiking on the GR 221

Dass wir den Morgen überlebt haben ist ein Wunder! Gegen die Zivilisation ist die Natur absolut friedvoll. Die Nacht im Gestrüpp, umgeben von Moskitos, Ziegen und möglicherweise Schlangen war harmlos im Gegensatz zur Rückfahrt hinunter nach Port de Pollença. Nachdem wir unsere Zeltwiese verlassen hatten wieder zur Straße aufgestiegen waren, wurde uns rasch klar, dass wir hier weit und breit die einzigen Seelen waren. Kaum ein Tourist würde sich um 7 Uhr früh aus seinem Hotelbett quälen, um statt der weichen Federn die harten Steine der Halbinsel zu betrachten. Wir liefen los, vor uns lagen gut 13km Asphalt, ein schmales Band Straße neben dem es für keinen Fußweg mehr gereicht hatte. Wir lauschten vor jeder Kurve, hoffnungsvoll, auf das Rauschen eines Motors, hörten lange nur den Wind. Dann kam die Psychotante… Eine Deutsche Mitvierzigerin, die mit diesem morgendlichen Trip ihrer penetranten Mutter zu entfliehen versuchte. Wir stiegen mit Englisch ein, aber nach dem ersten ‚th‘ war klar, auf welcher Sprache wir fortfahren konnten. Immerhin, sie hatte angehalten. Wir waren nicht wählerisch in Anbetracht der Alternative des Laufens. Als sie äußerte, dass sie lange nicht Auto gefahren war, bot ich ihr höflich, aber mit Nachdruck, mehrmals, an, das Steuer zu übernehmen. Sie schlug zu unserem Bedauern das Angebot aus und nahm die nächste Haarnadelkurve, schlingernd, auf der Gegenspur. Hoch konzentriert, sie verkrampft hinter dem Lenkrad, wir verkrampft in unseren Sitzen. Sie hätte Kreislauf, heute früh noch nichts gegessen, auch kein Kaffee, ob wir etwas zu essen hätten? Ronja und ich blicken uns an, ‚Hallo? Wir sind Backpacker…siehst du unsere Rucksäcke, wir haben kaum was dabei‘, Ronja bot dennoch aus reiner Menschlichkeit ihre Banane an, schließlich saßen wir in einem Boot. Auto. Sie würde nur ein Stück nehmen, sagte sie. Ronja, jetzt empört über so viel Dreistigkeit, todesmutig kühn, ‚also für ein Stück mach‘ ich jetzt nicht die ganze Banane auf‘. Ich hatte noch einen Müsliriegel, kramte diesen aus meinem Essenssack und trauere im Stillen um den unnötigen Verlust der Nahrung.  Der Höllenritt nahm sein Ende in einer Seitenstraße Port de Pollenças, nachdem wir noch Zeuge ihrer Einparkkünste werden durften. Schnell weg hier! Als wir sie später im Supermarkt wiedersahen lief sie mit irrem Blick an uns vorbei. Echt, die Frau war nicht ganz dicht.

Es konnte nur besser werden. Frühstück am Strand, das war der Plan. Port de Pollença erwachte gerade erst, auf der Promenade rückten Restaurantbesitzer die Stühle zurecht, ein paar sommerlich bekleidete Touristen spazierten mit zeitungen und Brötchentüten am Wasser entlang. Eine Bank am Strand war wie für uns gemacht. Nachdem wir im seichten Wasser der Bucht abgetaucht waren und damit unser Waschdefizit beglichen hatten, standen alle Zeichen auf Kaffee. Nach der Entbehrung der Nacht und keinem wirklichen Abendessen musste nun ein Schokocroissant und ein Espresso her!

Wandern steht auf dem Programm. Wir wollten den Bus bis zum Enstieg des GR 221 nehmen, ein Weitwanderweg, der in Pollença etwas weiter im Inland liegen sollte. Wir warten 20min an einer lauten staubigen Hauptstraße, der Bus kommt, der Bus voll. Hat uns einfach stehengelassen. Was soll man machen: Daumen raus! Und prompt hält ein netter Mallorquiner vor unserer Nase und lässt uns einsteigen. Ein junger Mathelehrer, der selbst viel wandert und deshalb tatsächlich den Einstieg des GR221 kennt. Er fährt uns genau dorthin. Wir können unser Glück kaum fassen! Es geht los, Schilder weisen uns den Weg. Um die vier Stunden wanderten wir über waldige Wege zum Kloster Lluc in den Bergen.

Lluc hat ein Belohnungseis und -abendbrot für uns parat. Ein bisschen wundervoll ist Zivilisation eben doch. Da reichen schon drei, vier Stunden Abstinenz und man ist wieder froh mit Geld etwas kaufen zu können. Dann ist da nur doch die Frage nach einem Schlafplatz. Aber Ronja kennt die Gegend und weiß von geeigneten Plätzen im Wald, ein Stück weiter noch den Weg hinauf. Nachdem wir uns mit Cola, erfrischendem Salat und in Öl getränkten Scampis gestärkt haben, sind wir bereit noch ein knappes Stündchen zu laufen. Wir finden eine wunderbar weiche Moosplattform. Ich habe zwar Bedenken wegen Krabbelviechern, aber die habe ich ja immer. Und weil hier weit und breit kein antiseptischer Platz ohne Spinnen und Mücken aufzufinden ist, lassen wir uns nieder und ich plädiere für ein schnelles Auf- und Zumachen der Reißverschlüsse. Am Ende liegen wir sicher in unseren Schlafsäcken und lauschen den Ziegenherden, die raschelnd durch die Bäume klettern und über irgendeine Sache meckern.

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