Tag 4: Heading Home To Seattle

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Wir sind froh diesen Morgen zu erleben. Fast ist der festen Überzeugung, dass wir in der Nacht im Auto fast erstickt wären. Wirklich viel Sauerstoff konnten wir aus der Luft nicht mehr herausfiltern, so erklärt sich auch das allgemeine Röcheln. Dementsprechend unentspannt war die Nacht, keine von uns fühlt sich am Morgen sonderlich ausgeruht. Da kann nur ein gutes Frühstück helfen! Wir packen zusammen, heute geht es zurück nach Seattle und so rollen wir an alle Matten und Schlafsäcke zusammen, packen die Rucksäcke und klappen alle Sitze wieder hoch – der Autoverleih wird keine Spur davon finden, dass wir dieses Auto kurzerhand in einen Campervan umgewandelt haben. Der Vormieter unseres Platzes hat mit Krebspanzern den Namen seiner oder seiner Geliebten gelegt, ALEX steht in großen Lettern auf dem Waldboden, daher rührt also der penetrante Fischgeruch. Weg hier! Wir fahren ein paar Meilen den Highway 101 entlang und finden bald ein richtig amerikanisches roadside Restaurant, ‚family diner‘ steht in Leuchtschrift im Fenster. Rein da, wir brauchen Pancakes, Hashbrowns, Bacon und French Toast! Mama macht sich Sorgen um unsere Linie als wir ihr Bilder unseres ausgiebigen Frühstücks schicken, aber auch hier gilt wieder die kulturelle Erfahrung. Immerhin ist es schon 11 Uhr, das gehaltvolle Frühstück ist so auch gleich Mittagessen. Mit uns sitzen ‚typische Amerikaner‘ im Raum, wenn ich mich hier mal wieder in der Vorurteil- und Stereotypenkiste bedienen darf. In Jogger und Latschen, mit krampfadrigen weißen Käulenwaden und Burgern oder Sandwiches auf dem Teller. Statt Salat häuft sich ein Berg Salt and Vinegar Chips als Beilage auf dem Teller. Herrlich. Mein Kaffee geht nie zur Neige, refill bis ich hyperventiliere.  Wir kugeln ins Auto.  Eineinhalb Stunden brauchen wir danach bis Olympia, einmal schnell in den Trader Joe’s Supermarkt, ein Nobel-Aldi, den ich Franzi zeigen will. Die ist Abgelenkt, weil es freies Wifi gibt, immer diese Internetoasen! Kurz zum Superoutdoorstore REI rein, dann weiter eineinhalb Stunden bis Seattle. Die Sonne begleitet uns auf dem ganzen Weg zurück. Wir laden das Gepäck bei unseren Housesitter Eltern ab, die Mishka und McDuffy bellen und schlecken uns ein großartiges Willkommen. Das ist wie nach Hause kommen. Downtown geben wir das Auto zurück, so schnell wie wir es bekommen haben sind wir es auch schon wieder los, kopfschüttelnd schauen wir uns an: Wir sind doch gerade erst losgefahren. John, Anica und Elizabeth laden uns zum Essen ein, John bestellt wird drauf los und bald biegt sich der Tisch unter italienischen Köstlichkeiten. Wir teilen alles, probieren uns durch diverse Gerichte – Focaccia Brot, meatballs, Salamipizza, zum Abschluss ein krönendes dunkelschokoladiges Eis und cremiges Tiramisu. Wir sind so dankbar, auch dafür, dass die drei uns noch eine weitere Nacht bei ihnen schlafen lassen. Eine entspanntere Zeit hätten wir in Seattle kaum haben können. Alle sind glücklich, alles wunderbar. Franzi und ich führen Mishka und Duffy auf einen letzten nächtlichen Spaziergang aus. Morgen geht es weiter, um 9:30 Uhr werden wir in den Coast starlight Zug nach San Francisco steigen. Dann heißt es Good-bye Seattle und ‚Keep in touch!‘ mit unser Seattle-Family. Thank you, Anica, Elizabeth, John, Mishka and McDuffy.Foto 08.09.15 11 10 54 DSC02339 DSC02343 Foto 08.09.15 22 02 37 (2) DSC02348 DSC02350

Tag 3: Kanada in Sicht

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Beim Anblick von Tatoosh Island regen sich in mir wieder die Leuchtturmwärter Fantasien. Ein Writer-in-residence Programm, ein Leuchtturmschreiber, a lighthouse poet. Sowas braucht eine Küstenstadt doch, Kiel zum Beispiel! Es gibt Inselschreiber und Stadtschreiber, aber soweit ich weiß schreibt bisher niemand in einem alten Leuchtturm. Und dieser, dort draußen auf Tatoosh Island, wäre kaum zu überbieten. In Sturmnächten peitscht die Flut gegen die Steilküste, Neblnächte und Sonnentage. Nur die Strömungen machen mir etwas Sorgen, ich frage mich, ob es sich auf einem kleinen Boot einfach so hinausschippern ließe. Die Wasseroberfläche ist unruhig, kleine Strudel zeichnen sich ab, hier fließt es in eine andere Richtung als dort. Bewegtes, wildes Wasser, hier draußen, am letzten nordwestlichen Zipfel der USA, land’s end. Piratig!

Nach einer unruhigen und kalten Nacht liege ich um 6:00 Uhr wach. Seite, Rücken, Bauch – Liegen ist schlicht nicht mehr möglich. Ich bin zwar alles andere als ausgeschlafen, aber das hier ist kein Zustand. Während Franzi und der gesamte Campingplatz noch schlafen krame ich leise meine Laufsachen aus dem Rucksack auf dem Vordersitz. Ein Langarmshirt für den Anfang, es fröstelt mich. Noch hängt Nebel in den Hügeln, aber zwischen den Tannen im Hinterland blitzt ein erstes goldenes Licht hervor. Ich falle in einen lockeren Trab, wecke die Muskeln behutsam auf. Durch den tiefen Sand, dann fester Grund nahe der Wasserlinie. Der Strand ist breit, die Gezeit kann nicht weit vom Tiefstand entfernt sein, doch das Wasser scheint schon wieder aufzulaufen, ab und zu rollte eine kleine Welle durch einen prielartigen Wasserlauf am Strand. Große Fischgräten liegen am Boden verteilt, die Möwen sind schon wach. Am Nordende des Strandes fängt sich das erste Sonnenlicht in den Pinien, die auf einem steilen Felsen über dem Meer wachsen. Nach 15 Minuten versperrt mir ein aus dem Inland kommender, nach Schwefel riechender creek den Weg. Alles ist an diesem Ende des Strandes nun in Sonne getaucht. Ich drehe um und laufe dichter ans Wasser. Vom Campground steigen Rauchschwaden auf, es riecht nach Feuer und ich habe Skiurlaubsassoziationen. Der vordere teil des Strandes ist zu einer kleinen Halbinsel geworden, ich muss Anlauf nehmen und über den Wasserlauf springen, der mich wie ein Burggraben vom Campground abschneidet. Danach habe ich ein bisschen nasse Patschen. Zum Glück gibt es hier eine Dusche mit heißem Wasser, purer Luxus! Franzi ist inzwischen auch so halb wach, gönnt sich für die andere Hälfte ebenfalls eine Dusche, Um 9 Uhr schichten wir die Rucksäcke um, klappen die Sitze in die richtige Position und rollen los. Erster Stop heute Morgen also: der Cape Flattery Trail. Eine halbe Meile folgen wir einem Pfad durch dschungelartige Vegetation, dann lichtet sich das Dickicht und gibt den Blick auf gewaltige ausgewaschene Felsformationen frei, Wellen, die in Höhlen krachen, manchmal kann man die Erschütterung im Untergrund fühlen. Ganz am Ende des Trails kommt Tatoosh Island in Sicht, dahinter liegt nur der Horizont, nach Westen, im Norden zeichnen sich die Schemen von Vancouver Island ab. Kanada, so unglaublich nah, irgendwie ist das verrückt. Gerade ist wieder jemand durch die Strait of San Juan de Fuca geschwommen, das lese ich später in einer Zeitung.

Zeit für Frühstück. In Neah Bay suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen am Wasser. Ruhig ist es hier sowieso überall, als läge hier der Hund begraben. Allerdings darf ich damit jetzt gerade nicht scherzen. Franzi kriegt schon wieder die Krise, weil drei kleine Hunde ohne erkennbaren Besitzer rumlaufen. Über die Straße, dicht an den großen Chevy Trucks vorbei, ein bisschen schmuddelig sehen sie Hunde schon aus, aber nicht so als würden sie Hunger leiden. Ich versuche zu vermitteln, vielleicht hat man hier einfach ein anderes Verständnis von Tierhaltung, die laufen hier eben frei rum. Aber Franzi kann das nicht ab und tigert los die Hunde zu finden und jemanden, der für sie verantwortlich ist. Ohne Erfolg. Wir machen uns auf den Weg, weiter geht es den Highway 101 entlang, heute wollen wir noch etwas Strecke machen, denn morgen nachmittag müssen wir schon wieder in Seattle sein. die Campgroundsuche am Abend braucht drei Anläufe, die ersten zwei Nächte hatten wir definitv die besten locations.  Jetzt steht nur noch Waldcamping zur Auswahl. Das labour day Wochenende ist vorüber und so sind wir in dieser letzten Nacht fast alleine auf dem Platz. Beim bezahlen treffen wir allerdings ein niedliches älteres paar aus Huntington Beach, das mit ihrem riesigen RV unterwegs ist – an dem hängt hinten selbstverständlich noch ein Auto! Zum Abendbrot beobachten wir im Abendrot eine robbe, die im Fluss immer wieder auf und abtauch und-schnauft. Sonst ist es ganz still. zu unserem Entzücken zeigt sich in diesem klaren Abendhimmel auch noch ein lang ersehnter Freund: Mt. Rainier erhebt sich am Horizont, seine weiße Schneekappe ist gut zu sehen. Jetzt sind wir zufrieden, jetzt haben wir wirklich fast alles gesehen. Dann können wir jetzt auch schlafen gehen. Night night.

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Bild: Auf der anderen Seite der Strait of San Juan de Fuca liegt Kanada, Vancouver Island.

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Tag 2: Vampire und Werwölfe

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Stephenie Meyer wird in Forks verehrt wie eine Heilige. Mit den Twilight Büchern machte sie den regnerischsten Ort der USA, ein trostloses düsteres Städtchen namens Forks, weltweit bekannt. Weil sich hier selten die Sonne zeigt fühlen sich Vampire hier besonders wohl, in ihrer Geschichte zumindest. Als wir die Ortsgrenze überqueren ist jedoch kein Wölkchen in Sicht. Ich hatte keine Ahnung was es mit Forks auf sich hat, aber Franzi wird ganz hibbelig je näher wir der Stadtgrenze kommen. Ich lasse mir im Auto kurz nochmal die Geschichte von Twilight zusammenfassen. Edward, Bella, Jacob. Vampire gegen Werwölfe, dazwischen die Menschen. Ein bisschen Romeo und Julia Liebesgeschichte: sie wollen sich, sie dürfen nicht. Alles klar, auf gehts. Wir sind vom South Beach Campground aufgebrochen, haben an der nächsten Tankstelle Kaffee getankt und auf der Heckklappe des Autos bagels mit Cream Cheese gefrühstückt. Es hat die ganze Nacht heftig geregnet. Wir sind mehr als froh das Auto zu haben. Die erste Nacht in unserem improvisierten Campervan haben wir erfolgreich überstanden, leichte Rückenschmerzen singen wir zum Aufwachen mit „atemlos durch die Nacht, weil die uftmatratze flacht“ weg…Nach dem Frühstück geht es also nach Forks. Hier bombardiert uns das Visitor Center mit der ersten Ladung Twilight: Der alte Truck von Bella steht vor dem Gebäude, Pappfiguren von Robert „Er ist soooo hot“ Pattinson alias Edward „Er ist soooo kalt (und blass, aber hot)“ Cullen und all den anderen. Es werden Vampirtouren für $60 aufwärts angeboten, Tshirts mit Biss und Bildbände mit Fotos der Drehorte. Mitte September feiert Folks „one decade of twilight“, wie blöd, dass wir da schon in San Francisco sind. NOT. Kurzes shopping im Supermarkt, ein bisschen Knoblauch kaufen (…), dann schwingen wir uns wieder in die Karre und auf geht es zum Twilight Hotspot Nummer 2: La Push. Klingt unglaublich dumm, heißt aber so. Ein Strand an der Küste, etwa 12 Meilen von Forks nach Westen. Bei der Anfahrt die Küstenstraße hinunter spotte ich Surfer! Viel cooler als Vampire, ihre Körpertemperatur kühlt der Pazifik aber mindestens so stark runter wie bei den Blutsaugern. Nur die Neos, Kappen und Booties verhindern die Blässe. Wir wandern ein bisschen am Strand herum, Franzi findet die Bucht, eingerahmt von steilen, pinienbewachsenen Felsen sehr akkurat beschrieben. Sie kann sich Bella und Edward hier vorstellen. Die Sonne scheint, aber warm ist es nicht gerade. Lange Hose und Windjacke sind Programm.

Es ist 15 Uhr und unsere Mägen knurren wie wütende Werwölfe. Ein kurzer Klobesuch in La Push bringt uns einen Restauranttipp ein. Weil mein Schloss klemmt und ich nicht mehr aus der Toilette rauskomme rettet mich der Hausmeister der Ferienanlage. Während Franzi die restrooms benutzt komme ich mit, nennen wir ihn James, also mit James, ins Gespräch. Er fragt, ob wir aus Deutschland kommen, er hat uns reden gehört. Er fragt in einem fast perfekten Deutsch! Ich bin kurz sprachlos, warum, wieso? Er ist beim Militär, war drei Jahre in Bamberg stationiert, hat einen siebenmonatigen Deutschkurs belegt. Wir quatschen ein Viertelstündchen, er erzählt uns noch einen Witz über Katholiken („Im Dorfteich planschen nackt ein katholischer Junge und ein protestantisches Mädchen. Beim Abtrocknen sagt der Junge: „Da sieht man mal, was euch Protestanten so alles fehlt…“) und empfiehlt und dann das „Three Rivers“ Restaurant an einer Weggabelung in Richtung Forks. Bingo, da gibt es gleich mal den Werwolf-Burger. Und Onion Rings! Und Oreo Michshake! „Jetzt bin ich in Amerika angekommen“, strahlt Franzi, „kannst du das Fett brutzeln hören?“. Wir sitzen hier eine Weile, Telefonempfang gibt es hier nicht, aber Wifi. Und das Twilight Hörbuch muss eh noch laden. Selbstlos helfe ich Franzi den Oreo Shake zu bewältigen. Dann brechen wir auf, ein bisschen müssen wir noch fahren. Vorbei an Neah Bay an der Nordküste, dann schwenkt der Highway wieder nach Westen, zurück an die Westküste! Franzi hat auf dem Weg einen streunenden Hund auf der Straße gesehen und ist ein bisschen durcheinander, sowas kann sie nicht ab, sie möchte gerne alle Hunde retten. Schließlich finden wir den Hobuck Campground, wie South Beach wunderschön gelegen, direkt am Strand. Auch hier beobachten wir Surfer bis das letzte Licht des Tages hinter den Pinien verschwindet. Und ein Hundi läuft am Strand herum, kommt zu uns und Franzi ist glücklich, dass sie ein bisschen Fell streicheln kann. 9 pm, höchste Zeit, wieder in unsere Autohöhle zu kriechen. Autocamper sind früh im Bett und früh wach, gute Nacht!

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Tag 1: South Beach’s mörderisches Treibholz

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Unsere Housesitter hosts Anica, Elizabeth und John fahren uns um 8:15 gemeinsam zur Light Rail Station in Columbia City. Ein an Herzlichkeit kaum zu übertreffendes Abschiedskommitee, und das so früh am Morgen, dabei steht die neunjährige Anica am liebsten erst um 10 Uhr auf. Wir fühlen uns sehr geehrt. Zum Glück sehen wir uns in 4 Tagen nochmal wieder. Franzi und ich sind auf Mission Mietwagen unterwegs: Ein Roadtrip liegt vor uns. Wir wollen von Seattle südlich fahren, nach Olympia und dann nach Westen auf den Highway 101, der uns an die Küste führt. Den Olympic National Park zu umrunden ist unser Ziel. Über Kalaloch und Forks ganz hoch zum  nordwestlichsten Zipfel der USA, Cape Flattery, und dann entlang der Strait of San Juan de Fuca, Kanada im Blick, östliche Richtung einschlagen, anschließend wieder Kurs auf Olympia im Süden nehmen. Wir haben außer dieses groben Plans keinen festen Zeitplan, wir schauen mal was kommt. Mehr als eine Straße gibt es dort oben ohnehin nicht, dafür soll es aber ausreichend Campingplätze geben. Am Schalter von Alamo in downtown Seattle sind wir ruckzuck temporäre Besitzer eines schicken Mazda 3 – der sieht viel nobler aus als erwartet, ich hatte eigentlich einfach das günstigste Auto gebucht. Wagemutig leihen wir kein Navi, wenn es hart auf hart kommt und die Straßenschilder versagen, dann habe ich zur Not noch mein google maps. Als moderner Abenteurer muss man sich ja technisch absichern! Los geht es, endlich wieder Räder unter den Füßen. Es dauert nicht lange bis wir das Labyrinth der Innenstadtstraßen hinter uns lassen, denn bald taucht ein grünes Schild mit I5 South auf. Jetzt wird der Country Sender im Radio gesucht und dann bin ich wirklich angekommen. Wir gleiten über die vierspurige Autobahn, von rechts und links überholen Autos, hier gibt es kein Rechtsfahrgebot, aber alles scheint mir erstaunlich geregelt, im Fluss. Vielleicht ist es auch unsere Vorfreude auf die kommenden Tage, die uns alles sonnig und easy sehen lässt. Peace, Happiness, Eggcake, wir grinsen wie Honey Cake Horses. Nach eineinhalb Stunden drückt die Blase. Franzi hat im USA Fettnäpfchen Buch gelesen, dass Pinkeln am Straßenrand strafbar ist. Wir riskieren den Knast und halten an einer Waldeinfahrt. Als Franzi wieder einsteigt bläst die Fußlüftung einen unangenehmen Geruch durch den Raum … an den Schuhen klebt, ja was, Elchscheiße? Wir können es nicht genau identifizieren, aber die Schuhe werden sofort in eine Plastiktüte verpackt und ins Kofferraumexil verbannt. Weiter geht es den Highway entlang, die gelbe Linie in der Mitte der Straße schlängelt sich als unser ständiger Begleiter neben uns her. Die Vegetation ist dichter Wald, mal überblicken wir große Ebenen und Hügel in der Ferne, mal fahren wir in einer Schneise, am Straßenrand gigantische Bäume, die den Blick nicht frei geben, es gibt nur den Fluchtpunkt, den Horizont, nur das Geradeaus.

Kurz vor Kalaloch passieren wir ein Schild mit SOUTH BEACH CAMPGROUND, darunter zeigt ein umdrehbares Holzschild vier Lettern. FULL. Wir fahren weiter, ein wenig nervös, immerhin ist labour day Wochenende, alle Amis haben den Montag frei, hoffentlich bekommen wir überhaupt irgendwo einen Platz…nach zwei Minuten kehre ich um: Wir sollten wenigstens mal gucken! Ein Traum von Campingplatz. Direkt an der wilden Küste, oberhalb des Strandes, in zwei Reihen parken RVs („Recreational Vehicles“, also Wohnmobile) und stehen Zelte. Der Platz ist nicht groß, aber eines ist sicher: Hier ist noch Platz! Keine Ahnung wer das Schild umgedreht hat. Hier müssen wir bleiben, das ist sofort beschlossene Sache. Ein niedliches älteres Ehepaar lässt uns neben sich parken. Ich bin hundemüde, wir klappen die Sitze hinten um, lassen unsere Matratzen frei und sobald diese aufgeblasen sind bauen wir die Betten im hinteren teil des Autos. Sehr gemütlich sieht das aus. Provisorisch steht jetzt auch mein Einfrau Zelt, aber eigentlich nur weil Franzi es mal sehen wollte. Wir planen definitiv im Auto zu schlafen. Später zeigt sich auch warum das eine gute Entscheidung war. Nach einem ersten kleinen Strandspaziergang sacke ich in einen kurzen, aber tiefen Schlaf. Franzi schreibt währenddessen Tagebuch. Als sie wiederkommt lese ich etwas Panik in ihren Augen. Sie hat ein Schild gelesen, am Strand, ‚beach logs can kill‘, und da waren diese ganzen Fliegen. Sind das vielleicht ‚beach logs‘? Ich muss ein bisschen Lachen, ‚beach logs‘ sind Baumstämme, Treibholz, Franzi. Du sollst beim Baden aufpassen, dass die dich nicht in der Brandung erwischen. Hier liegen wirklich riesige Baumstämme am Strand. Franzi muss auch lachen und ist sichtlich erleichtert, keine todbringenden Fliegen also, ein Glück! Dann ist auch schon Zeit fürs Abendessen, das allerdings etwas kark ausfällt. Ungetostetes Brot, künstlicher Cheddar Cheese und ungeschälte Karotten. Danach eine Banane. Wir haben kein Kocher oder so, unsere Campingausrüstung ist nach Matte, Zelt und Schlafsack zuende. Trotzdem sind wir mehr als zufrieden, wer braucht schon den ganzen Schnickschnack, für ein paar tage halten wir das auch so aus. Ein Stück Papiertüte dient als Teller, Messer und Löffel haben wir bei Starbucks mitgenommen, die eine Rolle Klopapier wischt alles weg. Immerhin haben wir genug Wasser, soweit haben wir gedacht. Nur die Chinesen, die neben uns ausgiebig kochen, machen uns etwas neidisch. Der alte Mann, unser Nachbar, bietet uns einen Platz an seinem Feuer, er und seine Frau gingen schon ins Bett. Leider habe er nur 2 Stühle, sonst könnten wir das junge Pärchen einen Platz weiter noch dazu bitten, das seien auch Europäer, aber er wisse nicht genau woher. Wir sind gerührt und bedanken uns. Leider fängt es fünf Minuten später an wie blöd zu regnen. Wir fliehen mit unser kleinen Essenstüte  ins Auto, jetzt sind wir froh keine Tafel aufgebaut zu haben wie die Chinesen. Ganz schön kalt ist es auch geworden. Wir sind so froh über das Auto, keine zehn bigfoots würden uns jetzt in das kleine Zelt kriegen. Wir machen uns bettfertig, müssen uns dazu etwas verbiegen und ein bisschen zeug umschichten. Aber schließlich sitzen die dicken backpacks auf den Vordersitzen und unsere Beine stecken, quasi, im Kofferraum. Könnte hart werden, aber noch ist alles gut. draußen tobt der Sturm, wir sind trocken. Gute Nacht.Foto 05.09.15 08 37 47

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Seattle Dog Stories

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Franzi ist hier! Ihr Einstand in den zweiwöchigen Amerikaurlaub sind fünf Tage Haus- und Hundesitting in Seattle, WA. Die Erkenntnis: Gemeinsam Gassi gehen macht viel mehr Spaß als alleine Kackhaufen aufsammeln. So können wir wetten wer dieses Mal mehr Plastiktüten verbraucht. Wir rennen die steilen Straßen hinauf bis die Hunde schnaufen und wir japsen, wir müssen uns spät abends nicht gruseln, wenn wir im Dunkeln durch die Straßen laufen oder die Hunde im Haus bei Geräuschen anschlagen. Und es gibt hier ganz friedliche, aber deutliche Präferenzen: Mishka ist Franzis fette kleine Kuschelkugel, Mr. hyperaktiv McDuffy ist in mich verschossen. Somit ist die Leinenverteilung klar. Gemeinsam erkunden wir die Grünstreifen der Columbia City Nachbarschaft, ein südlicher Bezirk von Seattle. Uns geht es gut: Wir haben ein (bunt bemaltes) Haus, zwei herzzerreißend hibbelige Hunde und jede Menge Zeit und Muße nebenbei die Stadt zu erkunden – nur die Hundeblase  gibt uns etwas zeitliche Struktur, aber Mishka und Duffy können ein bisschen anhalten. Seattle ist nett, eine sehr europäische Stadt im Vergleich zu anderen amerikanischen Städten. Vielleicht vergleichbar mit dem entspannten Flair San Franciscos, auf jeden Fall ist es kein LA. Mit 600.000 Einwohnern ist Seattle auch erheblich kleiner als gedacht. Nach ausgiebigen Frühstückssessions am Morgen erschlendern wir uns über die Tage die Stadt: Der Pike Place Market, auf dem Fische fliegen und Gerüche und Genüsse den Appetit anregen, die Space Needle, das Wahrzeichen der ehemaligen Weltausstellung, die Gum Wall (https://blogmopped.com/2015/09/03/the-gum-wall/), der Kerry Park, von dem aus wir die Stadt überblicken können, uns leider nur der Blick auf den Mt. Rainier ver’nebelt‘ bleibt (Seattle ist bekannt für Regenwetter, kennen wir als Hamburger ja). Eingekauft wird im PCC, dem Nobelbiosupermarkt in der Columbia City Nachbarschaft. Franzi ist in love, hier gibt es so leckere Dinge. Aber dafür kosten drei kleine Äpfel auch $4,50. Man freue ich mich darauf wieder in Deutschland einkaufen zu gehen! Ein weiterer Luxus sind die ‚Blondies‘ der Bäckerei um die Ecke, eine Art helle Brownies mit fetten Schokostücken und Walnüssen, schön klitschig und absolut heftig. Aber danach ist man auch im kulinarischen Himmel!

Franzi gefällt diese unkonventionelle Art zu reisen auch, es ist deutlich entspannter nach einem langen Sightseeing-Marsch nach Hause‘ zu kommen, als im Hostel oder Hotel abzusteigen. Hier haben wir alles von Waschmaschine bis Kühlschrank. Im Ofen backt ein Birnenkuchen, mit Früchten vom Baum vor der Tür. Wir sitzen am Küchentisch während Mishka und McDuffy ihre rauen Zungen an unseren Beine entlangführen, jedem Zeh wird ausgiebig Aufmerksamkeit entgegengebracht. Eindeutiger Leckfetisch! Oder Mineralienmangel. Nachdem ich am ersten  Morgen vom Laufen zurückgekommen bin, schweißüberströmt (heftiges Höhenprofil in dieser Gegend), haben die Hunde Lunte gerochen, vielmehr Salz. Seitdem können wir sie nicht mehr vom Schlabbern abbringen, die Hoffnung auf ein kleines bisschen Schweiß stirbt zuletzt!  Jedes Stück nackte Haut wird sofort bespeichelt. Am Mittwoch bringen wir Mishka an den Rand ihres Lungenvolumens. Die Sonne scheint, kurze-Hosen-Wetter, der richtige Tag für einen Ausflug an den nahegelegenen Lake Washington. Eine halbe, dreiviertel Stunde läuft man, und das von hier oben vom Haus quasi nonstop bergab. Ich dachte Hunde können immer laufen. Aber Mishka hat ein bisschen Übergewicht und hechelt ganz schön. Auf der finalen Geraden zum See ist dann zwar nicht Ende Gelände aber finito für den Hund. Sie legt sich einfach hin und will nicht weiter. Franzi spielt Superwoman, schultert Mishka kurzentschlossen und weiter geht der Spaziergang. Zurück ist wieder etwas Puste da, nur die Steigung in der 42. Straße muss nochmal auf dem Arm überbrückt werden. Dort treffen wir dann auch Gary, was Mishka eine dreiviertelstündige Pause einbringt. Gary. Wieder so eine unerwartete Begegnung. Er spricht uns an, während wir den Hügel erklimmen und er Einkaufstüten aus seinem Auto lädt. Ein hagerer, braungebrannter, weißhaariger Mann, um die 65 schätzen wir. Irgendwie entwickelt sich ein Gespräch, obwohl Gary ehrlich gesagt mehr redet als wir, von der Flüchtlingssituation in Europa („I read the Economist!“), von der furchtbaren (Außen)Politik seines Landes („I don’t like my country!“), von der wilden Vergangenheit. Gary ist schwul und er erzählt ganz frei und begeistert von den 70ern in San Francisco, von Parties und Drogen und Aufständen, vom guten Leben, davon, dass er genug Geld hat, gerade in Indien war, wie er dieses Land, Indien, liebt. Und mit leuchtenden Augen erzählt er von seinem Enkelsohn, den Stolz eines liebevollen Großvaters in der Stimme. Mishka hat sich inzwischen auf die Seite gerollt und lässt sich auf dem warmen Asphalt die Sonne auf den Bauch scheinen. Er fragt uns was wir machen, Franzi erzählt von ihrem Studium der Sozialen Arbeit. Als mich die Frage trifft, muss mir wieder anhören „Oh, and what are you going to do with that?“. Ich liebe es. Demnächst erzähle ich ich bin Gärtnerin,.. „Would you like a smoke?“, fragt Gary uns. Wir lehnen dankend ab, auch als er uns dazu noch einen Kaffee anbietet. Vielleicht hätten wir annehmen sollen, denken wir später, das hätte diese Geschichte noch spannender gemacht. Gary lässt uns aber nicht einfach so ziehen, wenigstens Blumen aus seinem Garten will er für uns schneiden. Der Garten ist seine Leidenschaft. Vor dem griechischen Haus, weiß gestrichen mit blauen Tür- und Fensterrahmen (es hat wirklich einem Griechen gehört!), wachsen Blumen aus allen Ländern dieser Welt (Anmerkung: Ich wollte gerade aus aller Herren Länder‘ schreiben, da schaltet sich mein Genderbewusstsein ein…Floskeln!!). Wir bekommen einen Strauß aus Äthiopien, Südafrika und eine gelbe Rose. Damit verabschieden wir uns, gerührt, aber auch ein bisschen froh weiterziehen zu können. So viel casual Smalltalk ist für uns doch immer noch ein bisschen anstrengend, ein kultureller Unterschied, Amis können einfach lange und viel reden.

Mishka hat wieder Puste, sie kann schon wieder andere Hunde angiften. Und McDuffy schnappt nach einem vorbeifahrenden Radfahrer. Wir wechseln die Straßenseite, um Konflikte zu vermeiden. das haben John und Elizabeth uns sowieso geraten. Wir beobachten, dass das hier eigentlich alle Leute tun. Hunde sind in Seattle nicht besonders ’sozialisiert‘, In Deutschland lernt man durch Hunde andere Menschen, Hundebesitzer und deren Vierbeiner kennen. In Seattle treffen wir, so kommt es uns vor, keine Menschen- und Tieresseele.  Franzi vermutet, dass hier kaum jemand Hundeschulen besucht. Und dass viele Besitzer ihre Hunde nur kurz ausführen oder in die Hinterhöfe und -gärten lassen, statt ausgiebiger Gassigänge. Die Hunde ziehen an den leinen, kläffen alles an was sich bewegt. Mishka hat Übergewicht, McDuffy einen Kreislauftick – ständig bleibt er stehen, dreht eine Runde um mich und wenn er vorne wieder ankommt muss ich über die Leine springen. Außerdem zerfetzen die beiden liebendgerne Unterhosen, nichts darf einfach liegengelassen werden. Ich habe einen gestreiften Schinkenbeutel zu beklagen, in dem hat Mishka ihre Zähne versenkt. Oh und die Kackbeutel sind hier übrigens nicht zwingend schwarz, wir hatten ein durchsichtiges rosa und grün. Durchsichtig…wer will denn sowas?

Am letzten Abend, bevor John, Elizabeth und Anica wiederkommen – übrigens eine äußerst liebenswerte Familie! –  gönnen wir beiden Blondies uns ein fancy Abendessen im ‚Tutta Bella‘, dem lokalen Italiener. Dann ist es Zeit die Rucksäcke zu packen und eine letzte Nacht ausgiebig Schlaf zu sammeln. Die nächsten Tage werden wilder: Ein Roadtrip steht bevor, der Olympic National Park erwartet uns. Good bye doggies, good bye Seattle – wir sehen uns in ein paar Tagen nochmal wieder. WUFF !
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The Gum Wall

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Speichel der Jahrhunderte! Oh Keim, in meinem Mund bist du entstanden, kleb‘ nun hier und pflanz‘ dich fort! Ein Reich für das Chewing Gum. Kunst am Kaugummi!  Die Gum Wall ist wohl Seattles gewöhnungsbedürftigste Sehenswürdigkeit. Aus der Not entstanden, eine ratlose Stadt, die ein Problem in eine Touriattraktion umwandelte. Ein Mann inspiziert die kaugummibeklebten Wände. „So“, sagt er in einem feststellenden Tonfall, als sei ihm gerade etwas Entscheidenes klar geworden, „this is where gum goes to DIE“. Sein Freund neben ihm schüttelt den Kopf und in einem schaurig verschwörerischen Flüsterton raunt er „No, this is where gum goes to LIVE.“ Schallendes Gelächter, die umstehenden Touristen haben es auch gehört. Wir posen weiter, fotografiern die kuriose location und sind gefangen zwischen Ekel und Faszination. eine Gasse voller Kaugummi. Und wir leisten, natürlich, unseren Beitrag. wir haben mitgedacht und etwas zu Kauen mitgebracht. Ein paar kräftige Bisse, ein wenig Speichel, jetzt nur noch die richtige Stelle finden. Dort an der Wand? Oder doch lieber an dem Gitter hier? Schließlich haftet das Kunstwerk in der bunten Masse, wir haben unsere Spur hinterlassen, unser Fähnchen geklebt, Zeit diesen widerlichen Ort zu verlassen. Möge der Speichel mit uns sein!

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