Auf der Suche nach dem Nebel: San Francisco

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Mark Twain soll gesagt haben, dass die kältesten Winter, die er jemals erlebt hat, die Sommer in San Francisco waren. Ich weiß nicht, ob es die Klimaerwärmung ist oder einfach mein Glück: Mir brutzelt auf der Terrasse des Java Surf Cafe am Ocean Beach die Sonne auf den Kopf. In fünf Tagen habe ich die Golden Gate Bridge nicht einmal in ihrem berüchtigten Nebelmantel erlebt. Nur der Pazifik schickt dann und wann am Abend eine kühle Brise durch die steilen Straßen und dann kommt der einzige Pulli in meinem Rucksack mal sinnvoll zum Einsatz. Ich bin mehr als zufrieden mit diesem San Francisco Sommer. Als ich am Dienstag Abend ankommen und mit der Straßenbahn Richtung Ocean Beach fahre, die Straße auf den Schienen hinuntergleite, die direkt in den Pazifik überzugehen scheinen, bin ich genauso fasziniert wie vor zweieinhalb Jahren (https://blogmopped.com/2013/02/23/the-left-coast/). Das Flair hat sich nicht verändert, meine Begeisterung von damals kehrt zurück. Ich bin ein wenig erleichtert, weil meine Erwartungen mir selbst zu hoch schienen. Aber diese Stadt ist eine zweite Perle, sorry Hamburg.

Fünf Nächte mache ich mich auf Lenas und Antons Couch lang, in einem Haus, das wie ein kleines blaues Märchenschloss aussieht, nur neun Straßen vom Wasser entfernt, wieder so ein günstiger Zufall. Mama schüttelt am Telefon verwundert den Kopf (das sehe ich zwar nicht, klingt aber so) „durch das Surfcamp in Frankreich kennst du ja die ganze Welt“. Zumindest Leute, die in der ganzen Welt unterwegs sind. Lena macht Praktikum, Anton hilft hier und da mit seinen Grafikdesignkenntnissen aus und erkundet ansonsten die Stadt. Da reihe ich mich ein, wir legen einige Meilen und Hügel zurück. Abends und am Wochenende ist Lena auch dabei. Entspannte Tage, Kneipenabend, Ausstellungseröffnung im Goetheinstitut, Tacco Kochsession mit leicht esoterischer Mitbewohnerin und ein hardcore Biketrip. Biketrip, mehr dazu:

Eine Radtour über die Golden Gate Bridge ist eine unbestehbare Geduldsprobe! Natürlich, bleib mitten in der Kurve stehen! Oder am besten direkt auf dem Radweg, das Fahrrad quer abgestellen, Super! Klasse! Nein, rechts bleiben, wieso? Und Geradeausfahren, das wäre nun wirklich zu viel verlangt. Auch plötzlich Bremsen ist gar kein Problem, besser noch ist: nach einer Fotoknipspause am Rand der Fahrbahn (ach nein, mitten im Weg) ohne sich umzuschauen wieder wacklig aufs Fahrrad zu krabbeln und die Fahrbahn zu queren. Ich kriege einen Föhn und ringe verzweifelt um meine interkulturelle Kompetenz, versuche mir diverse kulturelle Brillen aufzusetzen (vor allem asiatische!) und mir einzureden, dass nicht jeder mit Radfahren groß wird wie wir. Aber nach drei, vier mal stummem Kopfschütteln und haarscharfer Kollisionsvermeidung durch Vollbremsung platzt mir der Kragen. Ich komme mir vor wie ein überkorrekter deutscher Assi, aber ich habe jetzt einfach Lust Leute anzuschreien und zurechtzuweisen. EY! You cant stop here! What the hell! Fahrtechnisch wähle ich jetzt die aggressive Scherentaktik. Radikales Ein- und Ausscheren. Wann immer der Gegenverkehr kurz abreisst breche ich aus der schleichenden Radkaravane aus, überhole ein paar keuchende Hackenpedaler und reihe mich ein bisschen weiter vorne wieder ungeduldig ein….Die Golden Gate Bride ist ein Touristenmoloch, das war uns natürlich vorher klar. Besonders an einem Samstag. aber wir wollen sie ja nur überqueren, um die Perspektive zu wechseln. Und sobald wir die Marine Headlands am anderen Ufer erreichen stellt sich dieser Gedanke als richtig heraus. Die erste Steigung siebt die radelnde Menge radikal aus, 5% wenn es hochkommt wählen diesen Weg, davon zum Großteil Rennradfahrer, die sportlich unterwegs und von der Massenveranstaltung mindestens so genervt sind wie wir. Unsere Räder sind nicht gerade Renner (aber schön retro, aus einem alternativen Fahrradladen wie man sich den in SF so vorstellt, mit karohemdbärtigen Hipster!), aber unsere gestählten Waden und die Aussicht auf eine schöne Aussicht tragen uns den Berg hinauf. Auch die zweite langgezogene Steigung bewältigen wir, pushen uns mit Tour de France Kommentator-Euphorie und der imaginären Jagd auf das gepunktete Trikot hinauf.  Jede Anhöhe, jede Kurve gibt einen neuen Blick auf die Brücke und die Bay Area frei. Ein paar Fotos, dann stehen wir plötzlich vor einer ganz anderen Herausforderung: 18% Gefälle! Die Hände klammern sich um die ledernen Griffe, gefährlich schwitzig glitschig, fassen krampfhaft um die Bremsen. Scheiße ist das steil! Das Kopfkino geht über die Fahrbahn hinaus, den Hang Falllinie hinunter. Aber sobald das steilste Stück hinter uns liegt führt die Straße uns in einem angenehmen Gefälle hinunter, entlang einer sanft geschwungenen Straße, die mich an ein stimmungsvolles Longborad downhill Videao erinnert, zum Point Bonita Lighthouse. Wind in unseren Haaren, noch viel angenehmer: Wind unter unseren Achseln! Nach Lunch und Schnapschüssen am Leuchtturm müssen wir zum Glück die 18% nicht wieder hoch, sondern fahren in einem Bogen durchs (vertrocknete) Hinterland wieder zurück zur Brücke, die jetzt am Nachmittag deutlich leerer ist. Ein Glück!

Dann packe ich wieder meinen Rucksack, heute Abend holt Natali mich ab. Meine erste Mitfahrgelegenheit in den USA. Bisher nur Bus und Bahn, jetzt mal mit dem Auto. Unser Weg wird uns über Nacht 600 Meilen gen Norden führen, nach Oregon. Nahe der Stadt Bandon werde ich die kommenden zehn Tage wwoofen, soweit ich weiß Bäume ausreissen…ich werde berichten.

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