Ann schließt ihre Augen, in ihren Gedanken wandert sie zurück in ihre Kindheit, erinnert sich an die Geschichten ihrer indianischen Vorfahren. Sie will uns die Mythen erzählen, die ihre Großmutter ihr erzählt hat. „Time to get in granny mood“, she says and takes a deep breath. Es ist schon 21 Uhr, das Licht schwindet, wir sitzen in einer nebligen Augustnacht auf dem Dock in Bandon, Oregon. Langsam kriecht die Feuchtigkeit in meine Klamotten, ich kauere mich auf dem Campingstuhl zusammen, mit den Armen die angewinkelten Beine umschlungen. Unsere Krebskörbe hängen im Wasser, mit altem stinkigen Hühnchenfleisch als Köder gefüllt – das mögen die Krebse, wahre Gourmets. Das Wasser steigt, die Flut treibt unsere Beute in die Mündung des Coquille Rivers. Heute Nacht sind wir Jäger. Ann atmet aus und beginnt. Es ist die Geschichte des Wolfsjungen, der klein und schwächlich in Zeiten des Hungers geboren wurde, der, weil er für seine kümmerliche Erscheinung gehänselt wurde, Ärger und Hass in sich trug, alles um ihn kurz und klein schlug. Bis eine alte Indianerfrau ihn vor die Wahl stellte: There are two characters inside of you and you have to choose which one you want to be. The wolf or the owl, the angry outsider or a social part of the community. Er verbrachte viele Tage und Nächte im Wald, überlegte wer er sein wollte. Schließlich kehrte er zu seinem Stamm zurück, mit der Entscheidung eine Eule zu werden. Seine Aggressionen verschwanden, er wandte sich seinen Stärken zu, wurde der beste Bogenschütze im Land und, als seine Zeit gekommen war, wurde er ein beliebter Häuptling, der für das Wohlergehen seines Stammes sorgte. Das Licht des Mondes bricht hinter den Wolken hervor, es lässt die Nebelluft noch milchiger erscheinen. Wir sind die letzten Wächter des Docks, die ausdauerndsten Krebsfischer von Bandon heute Nacht. Bis auf ein paar adlergroße Möwen. die aufmerksam auf den Holzplanken um uns herumtappen – sie warten auf ihren Happen der Beute. Ein Robbenkopf taucht dann und wann auch aus dem Wasser auf, wir hoffen, dass dieser Jäger nicht auf unser stinkiges Fleisch in der Tiefe steht…. Welche Geschichten könnt ihr erzählen? fragt Ann in die Runde. Schweigen, keiner traut sich. Haben wir das Geschichtenerzählen verlernt? Haben wir es überhaupt jemals erlernt? Wir haben kaum orale Kultur, eine wie die Indianer sie pflegten. Mündliche Überlieferungen sind selten, Geschichten wurden eher gelesen als erzählt. Aber wir leben und erleben, täglich. Wir haben Geschichte(n), Leid und Freud erlebt. Geschichte! Damit brüsten wir Europäer uns doch immer vor den Amis. Ich beginne, erzähle von der Vergangenheit meiner Großeltern, von der Kinderlandverschickung im Krieg und von der Flucht aus Breslau. Mervé aus Rhode Island hat türkische Wurzeln, sie erzählt vom Aufwachsen mit zwei Kulturen, von ihrer liberalen Mutter und ihrem konservativen Vater, vom Wert der Familie in der Türkei und sie vergleicht, kontrastiert die Herzlichkeit der türkischen Kultur mit der gespielten Harmonie vieler amerikanischer Familien, setzt die Zusammenkunft dem Materialismus gegenüber, emotionale Ehrlichkeit statt verzweifelter Fassade. Die Mädels aus Utah, Mekela und Sammy, sind zunächst still, lauschen den Geschichten aus einer für sie fremden Welt, sie haben Utah bisher kaum verlassen und fragen schüchtern wo die Türkei liegt. Mit 18, gerade die High school verlassen, kein Wunder, wer könnte es ihnen übel nehmen. Aber sie sind neugierig, wollen studieren, nur das Geld macht ihnen sorgen. Warum, fragt Mekela sichtlich empört, kann es sein, dass ihr in Deutschland fast umsonst studieren könnt und wir müssen so viel zahlen? So kommen auch die beiden ins Reden, erzählen von ihren Hoffnungen und Ängsten, von den möglichen Studiengängen und den vergangenen Sommerabenteuern. Irgendjemand beginnt eines dieser alten Mädchenklatschspiele vom Schulhof. Wir alle haben sie gespielt, kennen andere Texte, aber die gleichen Rhythmen, wir klatschen und lachen schallend in die stille Nacht hinein. Irgendwo klingt Karaokegesang aus einer Bar. 22:30 Uhr: Poor George ist noch immer einzige Krebs, der in unserem Eimer mit den Scheren klackert und angstvoll die Stielaugen bewegt. Der Arme. Ich komme mir vor wie Kaiserin Sissi, die den Papi davon abbringt die niedlichen Tiere zu schießen: Ich möchte ihn retten, freilassen! Wir dürfen ohnehin nur Männchen fangen, und die müssen die entsprechende Größe haben. Alle außer George mussten wir wieder in die Freiheit schütteln und kicken, die Weibchen – wir erkennen das Geschlecht durch die Maserung der Panzer – sind besonders aggressiv. Fasst man jedoch die Männchen von hinten an ihren Panzer verharren sie, sind fast regungslos, kampflos ergeben sie sich uns Amazonen der Nacht. Doch es ist keine ertragreiche Nacht. George bleibt der Einzige und das ist sein Glück. Letztendlich schenken wir auch ihm die Freiheit, sein Tod ist ein karges Mahl auf unserer Seite nicht wert. Dann packen wir zusammen, holen die Leinen und die Körbe ein. Der Rest Gammelfleisch geht an die Möwen und die Robbe, tut euch gütlich daran! In einer Nebelkaravane trotten wir vom Steg, durch die Nacht, ein leichter Wind weht Fischgeruch durch die Straßen von Bandon, das Donnern der Brandung dringt vom Meer herüber. Schlafenszeit.

Monat: August 2015
The Gorse Busters
Berries that are blue: Good for you./ Berries that are red: Use your head./ Berries that are white: you die tonight. Eine alte Indianerweisheit, die Ann uns mit auf den Weg gegeben hat. Ich traue mich trotzdem nicht alle blauen Beeren bedenkenlos vom Busch zu rupfen und in den Mund zu stecken. Ein Glück sind wie nicht auf diese Futtersuche – foraging – angewiesen. Im Haus erwartet uns ein selbstgekochtes Clam Chowder…
Neben Couchsurfing und Housesitting stand Wwoofing (www.wwoofusa.org) auf meiner Liste für diese Reise, eine weitere Möglichkeit Geld zu sparen, Einheimische kennenzulernen und neue Erfahrungen zu machen, vielleicht sogar neue Fähigkeiten zu erlernen. WWOOF steht für „Worldwide Opportunities on Organic Farms“, wwoofing beschreibt demnach das Arbeiten auf einer Farm o.ä. im Gegenzug für Unterkunft und Verpflegung. Das ist der Deal. Meinen Deal habe ich mit Ann und Robin geschlossen, die in der Nähe des Städtchens Bandon an der Küste von Oregon ein 22 Hektar großes Stück Land, eher Wald, verwalden…äh verwalten. Aber in gewisser Art auch ‚verwalden‘. Long story short: Über viele Jahre und Besitzer haben sich unzählige Pflanzen dort angesiedelt, die invasiv, also nicht heimisch sind. Neben der (natürlichen!) Bekämpfung dieser Arten wollen Robin und Ann eine Art Waldgarten fördern, das bedeutet vor allem essbare lokale Pflanzen wieder ansiedeln. Damit auch, neben dem eigenen Gebrauch, wilde Tiere im Winter hier Nahrung finden können. Ein super Projekt. Nebenbei haben sie einen eigenen Gemüsegarten, um die 12 Hühner, ein altes Springpferd namens Tobi und einen scheuen, nachtaktiven Stier namens Eric. Nicht zu vergessen die zahlreichen Katzen und der alte Haushund Jessi.
Ich muss zugeben: Ich war nicht von Anfang an begeistert. Um ehrlich zu sein wollte ich schon am ersten Tag sofort wieder abfahren. Warum? Das Wasser, das aus dem Hahn kommt, ist rostbraun und riecht nach Blut. Eisen! Der Brunnen auf dem Grundstück ist nicht sauber, kein Trinkwasser hier in unser Wwooferküche in der Scheune, Wand an Wand mit dem Pferdestall. Aus verstaubten Kanistern sollen wir Trinkwasser kriegen, obendrauf liegen Mäusekötel, ich will nicht wissen wie es IN diesen Behältern aussieht. Es gibt keinen Kühlschrank, nur eine Truhe in der Butter und Käse im Fleischsaft schwimmen. Hundehaare wirbeln durch die Luft, Spinnen spinnen Weben in jeder Ecke über Teller und Tassen, die Regale liegen staubverkrustet und eine Kruste hat sich auch am Boden des Mülleimers gebildet, darin tun weiße Maden sich gütlich, winden und kriechen und bohren. Diese Entdeckung ist der Zeitpunkt, an dem ich sofort wieder gehen will. Ich bin empört, erzürnt. Unglaublich, wie kann man uns so etwas zumuten? Ich beginne in meinem Ekel zu schrubben bis die letzte Made verschwunden ist, die Hundehaare und Spinnenweben werde ich niemals besiegen. Trotzdem sieht es nach 4 Stunden schon sehr viel besser aus. auch wenn das Wasser immer noch unerträglich riecht… Ich weiß nicht, ob ich hier drinnen etwas kochen kann, überhaupt etwas essen will. Mir ist leicht schlecht, von dem Geruch, der Empörung und vor allem vond er Müdigkeit, die mich jetzt überfällt. Seit über 30 stunden bin ich wach, mit einer Mitfahrgelegenheit die ganze Nacht gefahren, 9 stunden von San Francisco bis hier hoch. Aber schlafen? Dazu muss ich zunächst mein Zelt entkernen…eine weitere stunde fege ich Dreck, besiege Spinnen und verjage Ohrenkneifer, wasche die Klamottenkiste und präpariere mein Bett. Duschen? Niemals, die Dusche ist in der Scheune und wird ebenfalls mit blutigem Brunnenwasser gespeist, nicht auf meiner Haut! Da stinke ich lieber zum Himmel! Als ich endlich erschöpft ins Bett falle rasen meine Gedanken weiter, drehen sich um Alternativen. Nur ein scheinbar sicherer Gedanke: Ich muss hier weg! Wie soll ich es 11 Tage hier aushalten? Morgen kommen noch drei andere wwoofer, übermorgen beginnen wir mit der Arbeit, noch sehe ich das nicht…Ich jammere und bemitleide mich um diese erste grauenvolle Erfahrung, da mischt sich plötzlich eine andere stimme in das Chaos….Ich liege auf der gemütlichen Matratze und höre den Wind in den Pinien rauschen, nicht weit entfernt die Brandung des Pazifiks donnern. Die Nachmittagssonne scheint warm, es riecht nach Frankreich, Piniennadeln im Sonnenlicht. Ist es so schlimm hier? Ich bin frei in meiner Entscheidung, ich kann gehen, ja, ich kann mich aber auch entscheiden es durchzuhalten, mich dieser Erfahrung bewusst auszusetzen. Es ist nicht der Rest meines Lebens, es sind 11 Tage, Herrgott! Stell dich nicht so an! Und über das Wasser kann man ja reden, Wasserhähne und eine Dusche gibt es schließlich auch im (sehr viel zivilisierteren) Haus von Robin und Ann…
Es war die beste Entscheidung zu bleiben! Diese 11 Tage waren eine einmalige Erfahrung, eine interkulturelle Bereicherung, eine Oase der Ruhe für meine unruhige Seele und eine Quelle von Kreativität. Robin und Ann haben für uns, mich und Mervé, Sammy und Mekela – die anderen drei wwoofer Mädels – ein Programm zusammengestellt, das neben der Arbeit auf dem Grundstück noch genug Zeit lies fürs Beerensammeln und Marmeladekochen, Peace-Rocks-bemalen, Krabbenfischen (http://www.blogmopped.com/2015/08/26/the-art-of-crabbing), Treibholzsammeln, für Strandspaziergänge und Stadtausflüge. Bei regelmäßigen `family dinners‘ wurden wir bekocht oder durften die beiden Gastgeber bekochen, von meiner Seite gab es Spätzle und Tiramisu. Als finalen Nachtisch manchmal Gras, Weed, in Oregon mittlerweile legales Gemütsgemüse. Robin und Ann haben uns viel erzählt, uns über amerikanische Politik aufgeklärt – als lesbisches Paar absolut anti-Republican, kein Wunder. Sie haben von ihrer radikalen Einstellung (we believe the system is wrong! we need to change it!) und rebellischen Vergangenheit, von harten Zeiten der Diskriminierung und dem Beginn der Pride Bewegung erzählt, von überzeugtem Feminismus und anhaltender Diskriminierung gesprochen. Wir haben über Linguistik und Kochrezepte geredet, über native american history und lokale Pflanzenspezies, aber auch über Deutschland , Europa, Amerika – die kulturellen Unterschiede. Die beiden haben uns mit ihrem Wissen beeindruckt, Ann als ehemalige Professorin und Indianerin, Robin als Biologin und Botanikerin. Beide sind um die 60, die Erfahrungen sind ihnen ins müde Gesicht und in die kaputten Körper geschrieben, aber ihre Stimmen sind stark. Mein innerer Stereotypenmanager hat mal wieder ordentlich eins auf den Deckel bekommen, der erste Eindruck, vor allem der äußere Eindruck: bullshit! Wie oft hängt man später mit seinen Vorurteilen in der Luft und merkt, dass der Weg hier nicht weitergeht, sondern in eine ganz andere Richtung führt. Mal wieder was gelernt…
Unser Erzfeind dieser 11 Tage ist GORSE. „Gorse“ ist das Englische Wort für Ginster. Ein Ire, George Bennett, hatte Ende des 19. Jahrhunderts einige Ginsterpflanzen aus England importiert, er soll Heimweh gehabt haben. Seitdem hat der Ginster die Herrschaft übernommen, als invasive Spezies überwuchert er die einheimischen Pflanzen. Heimtückische pieksige Biester, die ihre Zweige an jeder lichten Stelle ins Sonnenlicht recken, um zu gedeihen. Von kleinen Büschen mit dünnen Stängeln bis hin zu kräftigen Bäumen mit dicken Stämmen. Ganz Bandon ist wegen des öligen Ginsters schon abgebrannt. Doch wir haben die ‚Stiehl‘, unsere allmächtige mörderische Säge. Die großen Scheren, die Mistgabeln und vor allem haben wir unseren Willen. So rücken wir aus, jeden Morgen, nach einer kurzen Meditation mit Ann im Wald, um dden ginster zu schneiden. Wir raspeln und sägen und knipsen und fegen und häufen und schwitzen, höher und höher wachsen die Ginsterberge auf dem Gelände, freier und freier wird der Wald. Wir befreien bedrängte Rhododendren, beengte Pinien und die seltenen Port Orford Zedern, legen dann und wann versteckte zäune frei in die sich der Ginster gefressen hat und schlagen uns den Weg durchs Dickicht, um Trails freizuschneiden von dem Biest von Gorse. Burn Baby, burn! Zu gerne würden wir sie anzünden, die Stapel brennen sehen, aber noch sind Feuer verboten. Waldbrände wüten im hinterland, erst im Winter werden sie brennen. Immerhin werden sie bis dahin nicht mehr wachsen.

Tobi, der alte Springzosse. 36 Jahre auf dem Buckel.
Ann zeigt uns wie wir unsere „Gorse Waffe“ schärfen. Während sie die Werkzeuge erklärt legt sie viel feministisches Gedankengut an den Tag und ermutigt uns, alles auszuprobieren. Die Essenz: Alle Werkzeuge, die Männer benutzen können, könnt ihr auch bedienen!
GORSE…Ginstergebirge türmen sich überall!
Driftwood Days: The Oregon Coast
Der wilde Surf kracht gegen die Felsen in der Brandung, nicht wüstenrot, sondern weiß von Seevogelkack, nur schemenhaft zu erkennen wenn, an Tagen des Nebels, sich die Küstenlandschaft in einen milchigen Schleier mystisch verhüllt. Dann strecken sich Äste bizarr aus dem Sand, in der Ferne tauchen Geister auf, bis in der Nähe sie zu Gefährten, streifenden Strandwanderern, werden. Goldene Tage, an denen die Sonne durch die Pinien und ihr Licht sich auf der Wasseroberfläche bricht, Der Pazifik mal weiß und windgepeitscht, mal beschaulich und blau – aber niemals zahm. Diese Wasser sind wild, es donnert die Brandung als immerwährende Hintergrundmelodie. Am Strand, mächtige Stämme bleich gespült, über Wanderdünen kreisen Möwen picken Krebspanzer im mäandernden Devils Creek, der sich aus dem Hinterland hinaus ins Meer windet und Reflektionen in der Abendsonne spiegelt. Manchmal Erinnerungen, an die Westküste Neuseelands, manchmal sehe ich auch Sylt im Strandhafer der Dünen. Jeden Morgen, jeden Abend, barfuß, mit Kaffee in der Hand, in Laufschuhen über den ebbeharten Sand während die auslaufenden Wellen an den Laufschuhen lecken, die Nase im Wind, das Herz poetisch. An der Küste von Oregon.
Auf der Suche nach dem Nebel: San Francisco
Mark Twain soll gesagt haben, dass die kältesten Winter, die er jemals erlebt hat, die Sommer in San Francisco waren. Ich weiß nicht, ob es die Klimaerwärmung ist oder einfach mein Glück: Mir brutzelt auf der Terrasse des Java Surf Cafe am Ocean Beach die Sonne auf den Kopf. In fünf Tagen habe ich die Golden Gate Bridge nicht einmal in ihrem berüchtigten Nebelmantel erlebt. Nur der Pazifik schickt dann und wann am Abend eine kühle Brise durch die steilen Straßen und dann kommt der einzige Pulli in meinem Rucksack mal sinnvoll zum Einsatz. Ich bin mehr als zufrieden mit diesem San Francisco Sommer. Als ich am Dienstag Abend ankommen und mit der Straßenbahn Richtung Ocean Beach fahre, die Straße auf den Schienen hinuntergleite, die direkt in den Pazifik überzugehen scheinen, bin ich genauso fasziniert wie vor zweieinhalb Jahren (https://blogmopped.com/2013/02/23/the-left-coast/). Das Flair hat sich nicht verändert, meine Begeisterung von damals kehrt zurück. Ich bin ein wenig erleichtert, weil meine Erwartungen mir selbst zu hoch schienen. Aber diese Stadt ist eine zweite Perle, sorry Hamburg.
Fünf Nächte mache ich mich auf Lenas und Antons Couch lang, in einem Haus, das wie ein kleines blaues Märchenschloss aussieht, nur neun Straßen vom Wasser entfernt, wieder so ein günstiger Zufall. Mama schüttelt am Telefon verwundert den Kopf (das sehe ich zwar nicht, klingt aber so) „durch das Surfcamp in Frankreich kennst du ja die ganze Welt“. Zumindest Leute, die in der ganzen Welt unterwegs sind. Lena macht Praktikum, Anton hilft hier und da mit seinen Grafikdesignkenntnissen aus und erkundet ansonsten die Stadt. Da reihe ich mich ein, wir legen einige Meilen und Hügel zurück. Abends und am Wochenende ist Lena auch dabei. Entspannte Tage, Kneipenabend, Ausstellungseröffnung im Goetheinstitut, Tacco Kochsession mit leicht esoterischer Mitbewohnerin und ein hardcore Biketrip. Biketrip, mehr dazu:
Eine Radtour über die Golden Gate Bridge ist eine unbestehbare Geduldsprobe! Natürlich, bleib mitten in der Kurve stehen! Oder am besten direkt auf dem Radweg, das Fahrrad quer abgestellen, Super! Klasse! Nein, rechts bleiben, wieso? Und Geradeausfahren, das wäre nun wirklich zu viel verlangt. Auch plötzlich Bremsen ist gar kein Problem, besser noch ist: nach einer Fotoknipspause am Rand der Fahrbahn (ach nein, mitten im Weg) ohne sich umzuschauen wieder wacklig aufs Fahrrad zu krabbeln und die Fahrbahn zu queren. Ich kriege einen Föhn und ringe verzweifelt um meine interkulturelle Kompetenz, versuche mir diverse kulturelle Brillen aufzusetzen (vor allem asiatische!) und mir einzureden, dass nicht jeder mit Radfahren groß wird wie wir. Aber nach drei, vier mal stummem Kopfschütteln und haarscharfer Kollisionsvermeidung durch Vollbremsung platzt mir der Kragen. Ich komme mir vor wie ein überkorrekter deutscher Assi, aber ich habe jetzt einfach Lust Leute anzuschreien und zurechtzuweisen. EY! You cant stop here! What the hell! Fahrtechnisch wähle ich jetzt die aggressive Scherentaktik. Radikales Ein- und Ausscheren. Wann immer der Gegenverkehr kurz abreisst breche ich aus der schleichenden Radkaravane aus, überhole ein paar keuchende Hackenpedaler und reihe mich ein bisschen weiter vorne wieder ungeduldig ein….Die Golden Gate Bride ist ein Touristenmoloch, das war uns natürlich vorher klar. Besonders an einem Samstag. aber wir wollen sie ja nur überqueren, um die Perspektive zu wechseln. Und sobald wir die Marine Headlands am anderen Ufer erreichen stellt sich dieser Gedanke als richtig heraus. Die erste Steigung siebt die radelnde Menge radikal aus, 5% wenn es hochkommt wählen diesen Weg, davon zum Großteil Rennradfahrer, die sportlich unterwegs und von der Massenveranstaltung mindestens so genervt sind wie wir. Unsere Räder sind nicht gerade Renner (aber schön retro, aus einem alternativen Fahrradladen wie man sich den in SF so vorstellt, mit karohemdbärtigen Hipster!), aber unsere gestählten Waden und die Aussicht auf eine schöne Aussicht tragen uns den Berg hinauf. Auch die zweite langgezogene Steigung bewältigen wir, pushen uns mit Tour de France Kommentator-Euphorie und der imaginären Jagd auf das gepunktete Trikot hinauf. Jede Anhöhe, jede Kurve gibt einen neuen Blick auf die Brücke und die Bay Area frei. Ein paar Fotos, dann stehen wir plötzlich vor einer ganz anderen Herausforderung: 18% Gefälle! Die Hände klammern sich um die ledernen Griffe, gefährlich schwitzig glitschig, fassen krampfhaft um die Bremsen. Scheiße ist das steil! Das Kopfkino geht über die Fahrbahn hinaus, den Hang Falllinie hinunter. Aber sobald das steilste Stück hinter uns liegt führt die Straße uns in einem angenehmen Gefälle hinunter, entlang einer sanft geschwungenen Straße, die mich an ein stimmungsvolles Longborad downhill Videao erinnert, zum Point Bonita Lighthouse. Wind in unseren Haaren, noch viel angenehmer: Wind unter unseren Achseln! Nach Lunch und Schnapschüssen am Leuchtturm müssen wir zum Glück die 18% nicht wieder hoch, sondern fahren in einem Bogen durchs (vertrocknete) Hinterland wieder zurück zur Brücke, die jetzt am Nachmittag deutlich leerer ist. Ein Glück!
Dann packe ich wieder meinen Rucksack, heute Abend holt Natali mich ab. Meine erste Mitfahrgelegenheit in den USA. Bisher nur Bus und Bahn, jetzt mal mit dem Auto. Unser Weg wird uns über Nacht 600 Meilen gen Norden führen, nach Oregon. Nahe der Stadt Bandon werde ich die kommenden zehn Tage wwoofen, soweit ich weiß Bäume ausreissen…ich werde berichten.
California Fall
Ich surfe mich durch Kalifornien. Bisher eher auf Sofas als auf Brettern. In Shell Beach, einem kleinen Küstenort auf halber Strecke zwischen Los Angeles und San Francisco, stoppe ich zwei Nächte bei Jamie und Mitus (wuff!). Jamie überlässt mir sein kleines Studioappartment, einfach so, und zieht zwei Tage zu seiner Freundin. Im Zimmer steht einer dieser alten bunten Applecomputer, am Boden ein Plattenspieler, daneben stapeln sich die vinyl records, ich stöbere durch das Bücherregal: Murakami Romane, ein fetter Schinken mit dem Titel „the history of surfing“, Kochbücher über vegetarische und vegane Küche, ein paar Grafic Design Bücher und mehrere California National Parks und hiking guides. Ich beginne Murakamis ‚South of the Border, West of the Sun“ zu lesen und bin gefangen. Dies ist meine zweite Murakami Begegnung während der Reise, Ricky’s Sohn Josh war wie Jamie bekennender Murakami Addict und hatte die volle Kollektion der Werke im Regal. Cut! Am Tag gehen wir mit Mitus spazieren, Jamie zeigt mir die kleinen Parks an der schroffen Steilküste, seine Werkstatt in der er Möbel baut und führt mich durch die Studentenstadt San Luis Obispo. Er ist selbst viel auf Couches unterwegs gewesen, einige Monate hat er in Neuseeland in einem Campervan gewohnt. Ich entdecke sofort den Raglan Sticker auf seinem selbstgeshapten Longboard und bekomme Fernweh in der Ferne. Jamie sagt er freue sich auf den Herbst, „autumn“. „Autumn?“, frage ich. „Right, Americans say fall, i got autumn from New Zealand“. Herbst. Poetisch. Kalifornien bekommt im Sommer nicht viel Welle ab, aber gegen Ende September erreicht der Winterswell die Küste. Hier färben sich keine Blätter bunt, aber an den Wellen merkt man, dass der Herbst einzieht. Dann arbeitet er auch manchmal nachts, „we have a short surfing season, you know. Surf’s the priority during winter“. Er hat eine App auf seinem Telefon, webcams zeigen die Spots und Bojen lösen Alarm aus, wenn sie eine bestimmte Richtung und Höhe der Wellen registrieren. Hier schwingt der endless summer in jedem Schritt des Lebens mit. Unabhängig von der Jahreszeit. Man wartet auf das Ende des Sommers, wartet auf die Wellen. Ein Elfchen, in Erwartung des kalifornischen Herbstes:
california fall
–
california
in fall
no colored leaves
but swell will bring
waves.
Jamie and Mitus – thank you guys.
The Pacific Surfliner
Einen fantastischeren Namen für einen Zug kann es selbst im Disneyuniversum nicht geben: Pacific Surfliner. Sundown Express würde auch passen, oder Coast Starlight (wait: den gibt es sogar! Von Seattle bis San Francisco). Vielleicht kommt der Zug direkt aus Hollywood und drinnen gibt es Berty Bott’s Bohnen aller Geschmacksrichtungen. Muss ich nach Gleis 9/3 Ausschau halten? Lautet das Ziel auf der Bahnhofsanzeige „Paradies“?
Auf einer Länge von über 500km verbindet der Pacific Surfliner die südkalifornischen Städte San Diego und San Luis Obispo. Ein Großteil der Bahnstrecke führt direkt an der Pazifikküste entlang, keine Straße und kein Wanderweg kommt dem Wasser näher als die Schienen des Zuges. Drei Mal habe ich bisher die Landschaft vor dem Fenster an mir vorbeifliegen sehen, ohne zu merken wie die Stunden vergehen, zu beschäftigt hinauszuschauen und die Magie mit der Kamera einzufangen. Von Santa Barbara nach Ventura, dann zurück von Carpenteria nach Santa Barbara. Der erste Ritt durch das kalifornische Abendlicht. Die beste zeit diesen zug zu erwischen ist zwischen 18 und 20 Uhr. Kein Hollywoodstreifen kann ein besseres abendrot zeichnen, Casper David Friedrichs Sonnenuntergänge live. No need of a filter! Lange, einsame Strände, die Blautöne des Meeres verschwimmen in der Endlosigkeit des Horizontes, in der Ferne im Dunst die Schemen der Bohrinseln. Palmen säumen die Ufer, das Rot wird pink, dazwischen mischt sich Babyblau. Die Hügel des Los Padres national Forest im Hinterland, zur anderen Seite des Fensters, sind die stetige Hintergrundkulisse. Sie schirmen vom Rest der Welt ab, hier gibt es nur raue Küste und sanfte Hügel. We are all at sea. Stop! Ich will hier aussteigen! Da sind ein paar Wohnwägen am meer, darf man hier etwa campen? Ich bin bereit mit meinem Rucksack loszulaufen, nur noch zu zelten.
Dann die Fahrt von Santa Barbara nach Grover Beach, die letzte Station vor San Luis Obispo. Ein Abschnitt, bei dem der Zug und der Ozean eine Einheit zu formen scheinen. Schon auf der Karte sieht die Strecke spektakulär aus, windet sich mit der Küste gen Norden. Ein Stop heißt einfach „Surf“, ein paradiesisch einsamer Bahnhof, nur der Pazifik, ein Strand (mit Warnung vor Haien, später höre ich von surfern, dass es da draußen ziemlich „sharky“ ist) und weites, kaum bewohntes Hinterland. Wieder die perfekte Zeit, wieder optimales Wetter. Märchenlandexpress. Ein Video und ein paar Bilder, das ist alles was es zur Erklärung braucht. Ich verabschiede mich für zwei Stunden aus der Welt, stöpsle meinen iPod ein und schaue hinaus. Diese Fahrt ist reine Poesie. Wann habe ich das letzte Mal 2 Stunden ohne Unterbrechung aus dem Fenster gesehen?
Random Laundry Poetry
Santa Barbara/ Goleta, CA – Aug 6th, 2015
A cycle of life./ „Would you dance, if I asked you to dance?“/ plays as the soundtrack of an hour dedicated to cleaning/ Clothes be cleaned/ But it’s the dirt that tells the stories/ To begin anew though, we need to be clean/ The dirt is our past, our identity/ A few more rounds then tumbled dry/ Stumbling and tumbling into a new beginning/ Rebirthed but still the same at heart/Folded nicely, regaining order/denying chaos for a little while – though aware that the dirt will return/ Aware of this recurring cycle of clean and dirty/ Aware of the inevitable cycle of life.
Rough and Remote, Stormy and Sandy: Santa Rosa Island, CA
Der Wind scheint hier nie einzuschlafen, Heftige Böen wirbeln die Staubkörner der ausgedörrten kalifornischen Erde durch die Luft, Die äußere Plane meines Zeltes knallt und peitscht wie ein flatterndes Segel im Sturm. Ich kauere mich in meinen Schlafsack, lausche, hoffe und bete nach jeder Böe, dass sich auch der Wind schlafen legen möge. Doch jede Stille ist nur ein weiteres Einatmen. Meine Hüfte schmerzt auf der sich – kaum – selbstaufblasenden Isomatte, es zieht kalt in meinen Schlafsack und ich ziehe meine Windjacke über das Top, das längärmlige Tshirt und den Merinowollpulli. Weiter tobt der Sturm. Der Sand ist so fein, er dringt durch das Belüftungsnetz, wirbelt hinein in meine kleine Höhle. Der Boden des Innenzeltes, mein Rucksack, mein Schlafsack – auf allem liegt eine dünne Staubschicht. Ich schmecke den Sand in meinem Mund. Er ist überall. Kein Entkommen. Es ist 2:40 Uhr. Die Nacht ist noch lang.
Vor drei Monaten habe ich im Praktikum bei GEO über kalifornischen Nationalparks recherchiert. Dabei stieß ich auf den Channel Islands National Park vor der Küste von Los Angeles, der einzige maritime Nationalpark Kaliforniens. Die Bilder waren atemberaubend. Es gab keine andere Wahl: Da musste ich hin!
„It’s going to be rough out there!“ kommentiert die Frau am Ticketschalter von Islandpackers, dem Bootsunternehmen, meine Frage zu den Bedingungen auf dem Meer. Wie beruhigend. Für die frühe Stunde ist hier am Steg schon viel Betrieb, um die 100 Leute werden an Bord sein. Wir boarden um 8:00 Uhr. Locker flockig begrüßt uns die vierköpfige Crew, die Sicherheitsanweisung ist unterhaltsam, „Should you be so sick you need to feed the fish, please do so, but do it in the right direction“, auf den Wind verweisend. Ich knabbere an meiner Banane als wir in noch ruhigem Wasser aus dem Hafen auslaufen und bete, dass ich keine Fische füttern muss. „On this boat, it is easy to find the emergency exits: just anywhere you can fling your body over the railing“. Die Schwimmwesten heißen hier PFDs – Personal Floatation Devices. Und ein letzter Hinweis, „please do not lose your common sense, no playing King of the world“. Mit diesem Appell an den gesunden Menschenverstand verlassen wir das ruhige Fahrwasser, noch kurz bitte alle Hüte abnehmen, festhalten oder unter dem Kinn festzurren und dann brettern wir hinaus auf den wellenumwogten Pazifik.
Was folgt sind 3 Tage, 2 Nächte im Channel Islands National Park. Vor der Küste von LA liegen fünf Inseln, die den einzigen maritimen Nationalpark Kaliforniens bilden. Santa Rosa Island, das Ziel meiner Bootstour, ist die am zweitweitesten entfernte Insel, ca. 3 Stunden vom Ventura Harbor geht es nach Westen. Bis in die 1980er Jahren war Santa Rosa Island in privater Hand, eine amerikanische Familie ließ jahrzehntelang ihre Schafs- und Ziegenherden auf dem Eiland im Pazifik weiden. Seit der Nationalparkservice hier das Regiment übernommen hat, leben keine Menschen und Nutztiere mehr auf der Insel, die Vegetation soll sich erholen, wieder in den ursprünglichen Zustand gebracht werden. Die Inseln werden auch Galapagos der USA genannt, weil sich hier so viel endemische, also nur hier vorkommende, Flora und Fauna befindet. Nur ein paar alte Farmgebäude erinnern noch an den menschlichen Einfluss, doch diese Scheunen und Anwesen sind längst von Mäusekolonien eingenommen, sagt die Rangerin. Sie begrüßt und erklärt uns die Verhaltensregeln für den Park. Als wir auf Santa Rosa ankommen hat sich die Menschenmenge stark vermindert, der Großteil ist für einen Tagesausflug auf einer nähergelegenen Insel ausgestiegen. Übrig sind wir, um die 15 outdoor outgefitteten Rucksackträger mit Campingequipment. Eine Vierergruppe hat sogar zwei Surfboards dabei, wie sich später herausstellt sind Lizzy und Drew, Wylie und Will super sympathisch und ich verbringe einen Großteil der Inselzeit mit ihnen. Am Tage erkunden wir die Insel, die kleinen Trampelpfade, die durch kunstvoll geschliffene Canyons zu paradiesischen Strände oder durch einzigartige Pinienfelder führen. Wir geben kein Geld aus, aber sammeln Sanddollars. Tidepools laden zum Baden ein, solange der Lobster einen nicht zwickt. Und Lobster liegen hier überall am Strand, sind auf mysteriöse Weise verendet, genauso wie die zwei verwesenden Seelöwen auf die die Raben lauern. Knochen liegen hier überall, leider auch zu viel Plastik für eine so weit von der Zivilisation entfernten Insel. Wir finden Salzkristalle in einer Kuhle, Rob, der eine Brauerei in Carpenteria besitzt, nimmt eine kleine Menge mit, er wird damit Bier brauen. So hipster! Am zweiten Tag suchen wir einen Surfspot, Skunk Point, und werden auf dem Rückweg gesandstrahlt. Der Wind schlägt uns die Sandkörner um die Ohren, die Sandwiches zum Lunch werden zu Sandywiches, als wir wieder am Campingplatz ankommen sind wir völlig fertig. Surfen war unmöglich, die Strömungen mörderisch, aber das Wellenschauspiel beeindruckend.
Am letzten Tag habe ich kein Frühstück mehr, meine letzte Banane ist komplett zermatscht und die restlichen Nudel schmecken seltsam. Aber Lizzy und co. laden mich zu Oatmeal und Kaffee ein. Wir packen zusammen und schleppen unser zeug zurück auf den Steg. Ich bin so kaputt von der letzten Nacht und dem Marsch am gestrigen Tag, dass ich keine großen Wanderambitionen mehr habe. Nur eine kurze Tour auf einen nahegelegenen Hügel ist noch drin, dann schlafe und lese ich auf dem windgeschützten Steg bis das Boot ankommt. Wir legen um drei Uhr nachmittags wieder ab, als erstes brauche ich einen Schokoriegel! Wie schnell sowas zum hochgeschätzten Luxusgut werden kann. Drei Stunden Rückfahrt, dabei unternimmt der Kapitän mit uns einen kurzen Ausflug in eine massive Sea Cave (Seehöhle?!). Im Hafen von Ventura liegt das Abendlicht friedlich auf den Segelbooten, kein Windhauch kräuselt das Wasser. Endlich wieder Ruhe. Lizzy, Wylie und Drew – Will ist noch auf der Insel geblieben – nehmen mich mit dem Auto mit nach Ventura in die Stadt. Unser Hunger ist groß und wir stürmen das nächste Thairestaurant. Sechs Gerichte für vier Personen scheint angemessen. Wir schlemmen und sind viel zu schnell zu satt. Um halb zehn steige ich in den Zug zurück nach Santa Barbara. In der Vorfreude auf eine Dusche und ein Bett bei Gary und Steph, es gibt in diesem Moment kaum eine bessere Aussicht.


Info:
Eine geschichte, die alle Kalifornier in der schule lesen, spielt auf der Nebeninsel von santa Rosa, Santa Cruz Island: Island of the Blue Dolphins (http://www.nps.gov/chis/learn/education/island-of-the-blue-dolphins.htm)
Infos zum Channel islands National Park und Santa Rosa Island: http://www.nps.gov/chis/planyourvisit/santa-rosa-island.htm
Santa „Paradies“ Barbara
Burgertasting. Und zwar „animal style“! Das ist der erste Geschmack Santa Barbaras. Wenn ich so über die Reise nachdenke, dann habe ich bisher tatsächlich erst ein oder zwei Burger gegessen. Ganz amiuntypisch! Also reingehauen. Erst bei In n‘ Out den animal style (ein Relish mit süßsauren Gurken, das steht nirgendwo dran – reines Insiderwissen!) Burger und animal style Pommes, ein paar Tage später ‚muss ‚ ich dann auch noch den Burger bei The Habit probieren. Der ist noch besser, mit kandierten Zwiebeln! Aber genug des Fastfoods…
Santa Barbara, das ist die Riviera Südkaliforniens, das „pleasantville“ des Golden State. Für mich ist es die Geschichte von Billy, dem Obdachlosen. Aber dazu später. In einer lokalen Zeitung lese ich, dass 60% der Mieter in Santa Barbara mehr als 1/3 ihres Einkommens für ein Dach über dem Kopf zahlen, 33% blechen sogar mehr als die Hälfte ihres Einkommens. Die Rede ist von einer Paradiessteuer, „paradise tax“ – the added cost of living along the South coast“. Das hier alles schickilacki ist fällt auch sofort auf, besonders weil ich vorher die Großstadt LA vor und in der Nase hatte. Apropos Großstadt: Die Busfahrt von LA nach Santa Barbara war wieder abenteuerlich. In der Greyhound Bus Station in Long Beach, CA ist der Bus schon über eine Stunde verspätet – ich warte seit 2,5 Stunden, weil ich schon früh aus dem Hostel aufgebrochen bin. Und ich warte nicht alleine: Da ist Aaron, der Soldat, der gerade von einer Beerdigung kommt und in ein paar Stunden von Las Vegas wieder nach Afghanistan fliegt. Da ist ein Haufen ungebändigter Kinder, die sich kreischend gegen den Süßigkeitenautomaten werfen und, als der keine Schokoriegel herausrückt, anfangen sich gegenseitig zu erwürgen. Drei ältere Damen mit chinesischem Antlitz unterhalten sich gedämpft auf Spanisch während sie das Treiben beobachten und dann ist da dieser alte Mann mit Hut. Ich weiß nicht, ob er besoffen oder einfach ein bisschen bekloppt ist, oder beides. Auf jeden Fall schreit und lallt er. Dabei klopft er immer wieder seinem halbstarken Sohn auf die Schulter. Der schleift genervt seinen Ziehkoffer ohne Rollen (!) hinter sich her, als er grinst blitzt Gold hervor, edle Schneidezähne! Als der Bus endlich eintrifft weigert der Alte sich ihn zu umarmen, „we don’t hug! we don’t hug!“, der Sohn verabschiedet sich mit Handschlag und einem demütigen „Bye, Sir“.
Santa Barbara empfängt mich mit offenen Armen, beziehungsweise sind es Gary und Steph die ihre Arme ausbreiten. Die Nummer auf der Serviette vom Nashville Airport ( http://www.blogmopped.com/2015/07/29/nashvegas/) erweist sich als goldwert, sie wandelt sich zu einer riesige Luftmatratze und einer noch größeren Portion Gastfreundschaft. Gary und Steph sind Geschwister, zwei von sieben, die in Santa Barbara aufgewachsen sind und noch immer hier leben. Bei ihnen im Wohnzimmer darf ich die nächsten Nächte meinen Schlafsack ausbreiten, duschen und mich wie zu Hause fühlen. Dabei hat mich eigentlich nur reine Zweckmäßigkeit nach Santa Barbara geführt. Nicht weit von hier, von Ventura, fährt das Boot hinaus zu den Inseln des Channel Islands National Park, mein eigentliches Ziel. Bis zu meinem Aufbruch sind es noch 2 Tage. Genug Zeit, um Santa Barbara zu erkunden. Vielleicht treffe ich ja Alfred Hitchcock, oder Justus, Bob und Peter? Existiert Rocky Beach eigentlich wirklich? Ich fahre mit dem Bus in die Stadt, die ständige Hintergrundkulisse der Stadt sind die Hügel des Los Padres National Forest. Und natürlich sind da die Palmen, die ihre langen schlanken Hälse wie Giraffen aus dem Cluster der Straßen emporstrecken, ein unverkennbares Merkmal Kaliforniens. Ich spaziere die schicke State Street entlang, alles blitzt, niedliche Läden reihen sich aneinander, die Stadt versprüht das Flair eines unbesorgten Sommerurlaubes. Bevor die Straße auf den bekannten Pier mündet brauche ich dringend einen Kaffee. Im Coffeeshop redet ein alter Mann mit der Kassiererin und während ich meinen Cappuccino bestelle wedelt er mit einer Postkarte auf der in großen Zahlen eine Telefonnummer geschrieben steht. Die Kassierin reicht ihm ihr Handy, offenbar kennen sie sich schon länger. Er witzelt über irgendwelche Geheimdienste, sagt er sei von der NSA und beide kiechern, „Oh Billy“, sagt sie kopfschüttelnd. Ich bekomme meinen Kaffee, setze mich draußen an einen Tisch und beginne Postkarten zu schreiben. Neben dem Nachbartisch hat jemand eine Art Einkaufswagen geparkt, eher Modell Hackenporsche, aber aus einem Drahtkorb, sodass ich den Schlafsack und die Decken sehen kann, die darin gestapelt sind. Zwei Minuten später lässt Billy sich auf den Stuhl neben mich plumpsen, greift eine Plastiktüte vom Deckenstapel im Korb und beginnt ein Subway Sandwich auszuwickeln. Er hat weißes Haar, das unter seiner schmutzigen Cap hervorschaut. Aus den Ohren wachsen ebenfalls kleine weiße Büschel, weiße Stoppeln im wettergegerbten Gesicht eines alten Mannes. Er trägt Shorts und ein kurzärmeliges Hemd, das bis zur Mitte der Brust aufgeknöpft ist – vielleicht fehlen aber auch die Knöpfe, ich kann es nicht erkennen. Auch die Arme und Beine sind sonnengebräunt, die Haut ledrig. Die Füße in Socken und Sandalen. Billy ist dünn, aber nicht abgemagert, eher zäh wie ein alter Opa, nur ein ganz kleines Bäuchlein ist übrig geblieben. Er sieht ordentlich aus, riecht nur ein bisschen ungewaschen, aber nicht aufdringlich. „Do you want this Subway Sandwich?“ fragt er und hält mir lächelnd das gefüllte Wrap entgegen. Seine Augen! Sie sind milchig, er fokussiert mich nicht beim Sprechen. „Oh, no thanks, I’m good, but thanks“ erwidere ich schnell. „You know I can’t really see. I see your teeth, you are smiling, I can see that. But I don’t see your eyes.“ Ich beobachte ihn wie er die Plastiktüte des Sandwiches ordentlich faltet, wenig später bläst der Wind sie vom Tisch. Er bemerkt es nicht, ich hebe sie auf, er bedankt sich und schiebt sie zwischen die Decken in seinen Korb. Auf der Suche nach Servietten greift er in die Tasche einer abgewetzten Lederjacke, früher habe er viele teure Sachen wie diese Jacke gekauft sagt er. Zu dieser Zeit haben wir uns bereits zwanzig, vielleicht dreißig Minuten unterhalten, meine Postkarten liegen halb beschrieben auf dem Tisch, mein Kaffee halb ausgetrunken längst kalt und vergessen. Billy erzählt von seinen Reisen, nach Asien und Europa. Als ich ihm erzähle ich komme aus Hamburg und schon ansetzen will zu erklären wo das in Deutschland liegt, fragt er bereits nach dem großen Hafen. Die Art wie er sich ausdrückt, das Wissen was er hat – er ist sehr schnell klar, dass Billy alles andere als ungebildet ist. Und doch sitzt er hier mit seinem Karren und ist ganz offensichtlich obdachlos. Ich kann nicht anders, ich muss ihn fragen: „Billy, may I ask you this“, beginne ich, vorsichtig und höflich, es ist mir ein bisschen unangenehm, ich weiß nicht wie er reagieren wird, „Why don’t you have a home? What happened to you?“ Er lächelt mich an, „You want me to tell you my story?“ Yes! Und so beginnt es, wir sitzen weitere zwei Stunden auf den Stühlen des Kaffees, Menschen strömen vorbei in der warmen Mittagssonne Santa Barbaras, manche schauen uns seltsam an. Er erzählt, ich höre zu, frage hier und da nach. In der Kurzfassung: Billys Leben ist nie ein standhaftes gewesen. Er wuchs in Nordtexas auf, heiratete mit 19, doch die Ehe hielt ein paar Jahre, danach lebte er alleine, hier und da eine Beziehung, nichts ernsthaftes. Nach dem College führten ihn verschiedene Jobs überall hin, „I technically lived everywhere in the States“. Billy ist ein Geschichtenerzähler, ich bin mir sicher er schmückt einiges aus, aber er wirkt nicht verrückt, all das scheint glaubhaft, Er arbeitete als Maler, als Fliesenleger, war Folksänger und Gatekeeper, einmal für ein paar Jahre auch professioneller Termiteninspektor für die Stadt LA. Und zwischendurch stopfte er Tiere aus, für Sammler. Er hatte immer Arbeit, immer Geld. Vor allem auch Zeit um zu reisen. Mit 40 ging er nach New Orleans, begann dort für eine vermögende Frau Immobilien zu verwalten und in Stand zu halten. Sie vermachte ihm in dieser Zeit ein altes Haus, heruntergekommen und leerstehend. Er sollte er herrichten und für sich selbst nutzen. Billy steckte eine Menge Arbeit, Sorgfalt und Geld in das Projekt, seine Altersvorsorge, sein Platz für den Lebensabend. Zwei Tage vor der Fertigstellung seines Hauses traf Hurrikane Katrina New Orleans. Das war 2005. Ab dann ging es bergab. Ein paar Jahre in Austin Texas, dort brachten ihn die Rettungskräfte hin, ein Job als Eisenbahnfahrer für Kinder in einem Freizeitpark, mit 62 der einzige Job den man ihm noch anbot, eine günstige kleine Wohnung in einem Hochhauskomplex in einem internationalen Viertel, „my neighbors were all Mexicans, lovely people“. Dann kamen die Investoren, kauften die Häuser und hoben die Miete um mehr als 400 Dollar. Heute ist Billy 72 und lebt auf der Straße in Santa Barbara. Er erhält ein bisschen Sozialgeld, aber für eine Wohnung reicht das nicht. Die Obdachlosenshelter gefallen ihm nicht, er schläft lieber in einem Park. Gestern Nacht ist sein Schlafsack nass geworden, weil die Sprinkleranlage plötzlich losging. Er lacht als er das erzählt, er sollte es mittlerweile wissen, sagt er. Er steckt sich den Rest Subway Sandwich in den Mund, wischt mit den Servietten die Mundwinkel sauber. „Do you want desert? These cookies are really good, they put this cream in them, vanilla I believe.“ Ich erkenne die Plastikverpackung des 99 cent stores in dem ich ein paar Vorräte für meinen Inseltrip gekauft habe. Er zeigt mir seine Essenskiste, ein schuhkarton mit Keksen, Scheibletten Käse und zwei Pakete Yum Yum Nudeln, alles akkurat einsortiert. Ich schüttle wieder den Kopf, mein Herz wird immer schwerer. Dieser alte Mann ist so gutmütig, kein Stück verbittert, trotz seines Schicksals. „You can get good Fish n‘ Chips out on the pier, you know, the Moby Dick Place, it’s not expensive.“ Das werden die nachdenklichsten Fish n‘ Chips, die ich jemals gegessen habe. Die Begegnung sitzt mir in den Knochen. Als ich gehe habe ich einen Kloß im Hals und in Billys milchigen gutmütigen Augen meine ich spiegelt sich eine Träne. Wir wissen beide, dass wir uns nicht wiedersehen. Dass diese Stunden eine besondere Begegnung waren, die bald nur noch eine Geschichte sein wird. Für mich die Geschichte eines Schicksals, ich werde nicht erfahren was mit Billy passiert. Seine Geschichte geht mir nahe, ich empfinde eine grausame Hilflosigkeit, ich kann nichts tun um ihm zu helfen. Nur zuhören. Santa Barbara ist seit dem für mich die Geschichte von Billy, the homeless guy. Später erzähle ich Gary und Steph von meiner Begegnung. Gary, der als Rettungssanitäter in der Stadt arbeitet und viele Obdachlose sogar beim Namen kennt, meint Billy zu kennen. Ein Unfall vor ein paar Monaten, Billy sei einfach über die Straße gelaufen. Ein Beinbruch, ich erinnere dass Billy so etwas erzählt hat. Armer alter Mann.
Ich packe meinen Rucksack und verlasse Santa Barbara für drei Nächte, um den CINP zu erkunden (https://blogmopped.com/2015/08/05/rough-and-remote-stormy-and-sandy-santa-rosa-island-ca/). Ein paar Sachen kann ich hier in der Wohnung lassen. Bei meiner Rückkehr gewähren mit Gary und Steph weitere zwei Nächte Unterschlupf. Ich bin so dankbar für diese bedingungslose Gastfreundschaft. Am letzten Abend erzählt Steph (Gary muss leider arbeiten) mir bei Lasagne und Rotwein – zumindest ein Versuch mich für die Gastfreundschaft zu bedanken! – die Geschichte hinter ihrem Nashville Ausflug: Die Beerdigung ihres Großvaters. Er hatte immer ein offenes Haus für Fremde und Reisende, „open door policy“, sagt Steph. Vielleicht war Garys Impuls mir die Nummer aufzuschreiben daher gekommen. Sie sagt, dass nachdem ich angekommen bin, Gary und sie sich angesehen und gegrinst haben, „Aren’t we the grandchildren of our grandfather?“. Mir gefällt die Geschichte. Alles ist Zufall und doch alles verknüpft. Dass sich in dieser Situation unsere Wege kreuzten, manche Dinge kann man einfach nicht planen.
Thank you, Steph and Gary!























































































