Von Washington D.C. nach Nashville, Tennessee. 666 Meilen (etwa 1072km). A hell of a ride: meine erste Fahrt im Greyhound Bus. Mit der Betonung auf HELL…
Von Washington DC nach Charlottesville, VA lief noch alles entspannt. Ein ordentlicher Bus, wenig Passagiere, demnach der Luxus eines doppelten Sitzes. Aber dann ging es los. Umstieg. Der neue Bus ist schon über eine Stunde verspätet. Als er um halb 11 nachts in Charlottesville eintrifft sind fast alle Plätze schon besetzt. Wir, die zusteigen, füllen seine schäbbigen Ledersitze restlos auf. Oh Gott, 11 stunden Busfahrt vor mir und neben wem soll ich sitzen? Da ist die wippende Frau, die mit dem Oberkörper immer wieder nach vorne und hinten schaukelt, ein ganz unangenehmer Tick. Da ist das unheimliche Kind, ein Junge mit vernarbtem Gesicht, der auf seinem Handy hektisch Ballerspiele zockt. Ein alter ungepflegter Mann, kaum noch Haare aber ein head set auf dem Kopf mit Mikrofon vor dem Mund (er trägt es die ganze Fahrt ohne zu telefonieren). Die Mexikanerin, die den Tränen nahe ist und panisch versucht in ihrem nicht vorhandenen Englisch mit dem Buspersonal ihre Route zu ändern (sie muss ganz bis Arizona), weil sie Angst hat in El Paso auf Dokumente kontrolliert zu werden, die sie nicht hat. Ganz unangenehm: die aufgedunsene Frau mit den strähnigen grauen Haaren und einem Körpergeruch, den die Klimaanlage durch die Luft wirbelt.
Unter all diesen Optionen ist ein Strohhalm, den ich geistesgegnwärtig ergreife: Ein junger Mann, der eingeschlafen ist und seinen Rucksack auf dem Sitz neben sich stehen hat. Der sieht harmlos aus! Ich rüttle leicht an seiner Schulter, er macht sofort Platz und ich atme auf. Uh, bäh, der Körpergeruch in meiner Nase! Der strähnige Kopf ragt über den Sitz vor mir hinaus. Mein Atem wird flacher, nur für ein paar Stunden, immerhin nicht neben mir.
Bis 1 uhr nachts bleibt das so, recht entspannt, nur die Sitze sind krass unbequem. Genau am rücken vorbeikonstruiert! Dann muss mein Sitznachbar leider aussteigen. Neben mir ein freier Platz. Und natürlich steigt dafür jemand ein, damn it. Eine Wolke aus Nikotin umgibt mich bevor er sich überhaupt gesetzt hat. Ich habe ihn draußen vor dem Bus schon stehen gesehen, mit der Fluppe im Mund, und dachte Bitte, Bitte nicht! Er, der sich später als Chris aus Texas vorstellt, ist eigentlich ganz nett, aber auch ein bisschen sehr vereinnahmend und distanzlos. Die mittlere Armlehne gehört schon mal ihm (wem gehört die eigentlich?). Und im Schlaf rutscht sein Ellenbogen immer wieder ab, sodass sein Kopf halb auf meiner Schulter landet. Ich neige mich so weit es geht zum Fenster. Oh man, noch 7 Stunden….In the middle of nowhere Sodom und Gomorrah aus, der ganze Himmel ist von den Blitzen taghell erleuchtet, der Donner kracht und Regen trommelt aufs Dach. So hart anscheinend, dass im hinteren teil des Busses plötzlich Wasser durchsickert. Es tropft von oben und bald ist auf dem Boden eine Pfütze. Den Fahrer interessiert das herzlich wenig, mürrisch tritt er auf das Gas und ich hoffe sehr, dass er bei der Sturzflut und dem Tempo mehr von der Straße sieht als ich. mein iPhone schickt mir eine flash flood Warnung. Meiden Sie das Gebiet. Haha, sehr witzig! Irgendwann lässt der Regen nach, ein letzter heller Blitz und in dem Moment schaue ich aus dem Fenster, zwischen den Bäumen am Straßenrand ein großes Schild, „JESUS WILL COME SOON“. Jetzt geht es aber los!
Endlich, in einer absurden Haltung und völlig verspannt, aber: eingeschlafen! Schmeißt man uns um 5 Uhr gnadenlos mit Licht an und Everybody out! zweisilbig unfreundlich aus dem Bus. Wir sind in Knoxville. Schon Tennessee, circa drei Stunden östlich von Nashville. Alles Kotzbrocken hier, das Greyhound Personal behandelt uns wie Abschaum. Keiner erklärt was los ist, aber wir müssen alle raus, 20 Minuten warten, und dann alle wieder rein. Die neue Busfahrerin ist ein pedantischer Drachen, der uns herumkommandiert und zurechtweist. Sie macht klipp und klar deutlich welche Regeln in IHREM Bus gelten. Neben Rauchen ist auch Küssen und lautes Handyklingeln ein Grund aus dem Bus zu fliegen. Mein Nachbar Chris murmelt „she takes her job way too serious…“. Dann erreichen wir tatsächlich Nashville. Ich rolle den Schlafsack zusammen (wie Hechtsuppe, diese Klimaanlagen!) und mache mich aus dem Staub. Bin ich froh, dass ich nach LA fliege!

