Lake Thoreau

Foto 23.07.15 13 34 00„Isn’t that funny!“ Jeder Mensch hat seine bestimmten sprachlichen Wendungen, die er oder sie häufig benutzt. Eine Art Kommunikationsmerkmal, ich sage beispielsweise ständig „ach krass!“, um eine Aussage zu kommentieren, und dann ist da dieses Wort „mega“, was sich seit einiger Zeit in meinen Wortschatz eingeschlichen hat. Die charakteristische Wendung von Shirley, der Nachbarin meiner housesitting hosts Gil und Liz, ist ein „Isn’t that funny?“, mit einer starken betonung auf dem u. Eine herzensgute 70jährige Dame, die aber noch durchaus agil ist – ihr acht Monate junger Riesenwelpe Houdik haelt sie auf Trab! Ihrem Aussehen nach muss sie japanische Wurzeln haben, geboren ist sie jedoch auf Hawaii. Ihre Erzaehlungen verraten, dass sie schon fast ueberall auf der Welt gewesen ist. Bald geht es los in die Rocky Mountains, naechstes Jahr stehen die Dolomiten auf dem Reiseplan. Galapagos ist noch nicht lange her. Lebenslaeufe! Shirley nimmt mich am Sonntag Morgen mit auf den See. Ihr Pontoon Boat vor dem Haus ist eine Art schwimmende Terrasse, eine viereckige Plattform, die fuer ein Boot etwas zu unfoermig daherkommt. Aber sie schwimmt. Unter geraeuschlosem Elektromotor schippern wir gemaechlich hinaus. Der See? Lake Thoreau. Wieder einer dieser Zufaelle, die auf Reisen einfach passieren und mich kurz sprachlos  dastehen lassen. Benannt nach dem amerikanischen Naturalisten und Schriftsteller, Henry David Thoreau, liegt dieser See also genau vor meiner Nase, beziehungsweise mein zu sittendes Haus sitzt direkt an seinem Ufer. Wie das Schicksal es so will, habe ich auf diese Reise nur ein einziges Buch mitgenommen, Backpack und Buecher verTRAGEN sich schlichtweg nicht und auf ein kindle wollte ich verzichten. So habe ich also ein Buch ausgewaehlt, welches, wie sollte es anders sein, natuerlich WALDEN von Henry David Thoreau ist. Und dann lande ich hier, per Zufall, am Lake Thoreau. Natuerlich ist es nicht DER Walden Pond. Der „richtige“ Walden Pond, an dem Thoreau 2 Jahre im Wald verbrachte, liegt in Massachusetts. Und vermutlich haette Thoreau hier in Reston sofort die Flucht ergriffen, denn Lake Thoreau wurde kuenstlich gebaut, um die Wohngegend hier zu entwickeln. Der Bebauungsplan sieht fuer fast jedes Haus am See eines dieser Pontoon Boote vor, wie Shirley eines hat. Die ganze Gegend hier ist ein geplantes Konzept, wohnen am (kuenstlichen) Gewaesser. Thoreau als Freund von unberuehrter Natur und selbsternannter Anti-Materialist wuerde sich im Grab umdrehen, wuesste er, dass diese domestizierte und kapitalistisch motivierte Badewanne nach ihm benannt ist. Er saehe sein „The mass of men lead lives of quiet desperation.“ vermutlich in diesem Konzept bestaetigt. Dennoch, es ist ein lustiger Zufall, der See und mein Buch. Und so aufgesetzt wirkt das Leben hier gar nicht, nur ein bisschen konstruiert idyllisch vielleicht. Ich jedenfalls haette nichts gegen ein Stegboot im Garten, einen See in dem wilde (…) Schildkroeten leben und in dem schon morgens frueh Stand Up Paddeler ihre Runden ziehen und Triathlethen trainieren.

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