NashVegas

DSC01118

Müdigkeit und Hitze – kein gutes Duo. Deshalb habe ich die eintägige Stippvisite in Nashville heute noch erheblich weiter verkürzt. Um 9:30 Uhr rollte der Greyhound in Nashville ein. Nach vier Stunden war für mich schon wieder Ende Gelände, Stadtbummel bei 38 Grad ist heißer als ein Höllenbesuch. Ursprünglich hatte ich geplant einige Tage in der Stadt zu verbringen, um dem Country Vibe so richtig auf die Rhythmen zu fühlen. Aber dann wirkte das plötzlich vor ein paar Tagen doch nicht mehr so attraktiv: teure Unterkünfte, heiße Tage, alleine Bars besuchen und überhaupt Stadt statt Natur. Nö, keine Lust. Der Bus war schon gebucht, ich habe einfach einen Flieger drangehängt: Nashville – Los Angeles. Trotzdem, ein tag in der Stadt der Country Größen sollte drin sein.

Nun, ich kann nicht behaupten die Leuchtschriften im Dunkeln gesehen, das Nachtleben erkundet und die wirkliche Szene der Stadt erlebt zu haben, aber ein bisschen reingeschnuppert habe ich dennoch. In der selbsternannten Music City dringen nämlich auch schon am Vormittag aus den Honky Tonk Kneipen Gitarrensounds und Mundharmonikaharmonien. Die Bars tragen Namen wie Tin Pan Alley oder Legends Corner. Sie sind hier alle schon aufgetreten, Johnny Cash, Dolly Parton bis hin zu Taylor Swift. In Tin Pan Alley (übrigens nach einer Strasse in New York benannt, in der sich Musikproduzenten ansiedelten) bestelle ich eine Sprite – ein Eimer von Getränk! – und lausche bekannten Melodien. Der junge Sänger auf der Bühne hat  einen Südstaatenakzent auf den Lippen und covert die alten und neuen Stars, bei „Ring of Fire“ könnte auch Johnny auf dem Stuhl sitzen, der Junge ist gut!  Die Stadt kommt auch im Falle des Merchandising ihrem Ruf nach. Es reiht sich ein Cowboystiefel Laden an den nächsten, ein Hard Rock Cafe ist selbstverständlich vertreten, genauso wie die Restaurants, die vorwiegend southern food anbieten. Ich starte in den Tag mit knusprigem Bacon, Rührei und einer weißen, mehligen Gravy Sauce, für die ich mich allerdings so gar nicht begeistern kann. Auf den Straßen laufen Mädels in knappen Jeansshorts und Cowgirlboots, die beides lieber nicht tragen sollten, und solche, die man sich in dem Outfit direkt auf dem rotierenden Bullen vorstellen kann. Touristen bevölkern die Straßen, sie sind alle nur wegen der Musik gekommen. Nashville wird schon nicht ohne Grund auch „Nashvegas“ genannt. Ein absolut monothematischer Besuchermagnet, diese Country Musik. Ich habe es live gesehen, das reicht mir für heute und den bunten Fleck auf der mind map.

DSC01101 DSC01103 DSC01105 DSC01117 DSC01104 DSC01107 DSC01109 Und dann noch ein bisschen Heimathafengefühle, wie schön!DSC01115

15 Stunden, so lange darf ich es mir am Flughafen in Nashville gemütlich machen. Mein Flieger nach LA geht morgen früh um 5:30 Uhr. Ein erster Hoffnungsschimmer als ich die Abflughalle betrete: Teppichboden! Außerdem nicht schockgefrostet, sondern angenehm temperiert. Auch hier liegt noch Country Musik in der Luft, eine junge Frau namens Cory sitzt am Klavier und singt melancholisch schöne Lieder von verflossener Liebe und alkoholexzessen, country eben. Ich höre ihr eine Weile zu, dann widme ich mich den vernachlässigten Pflichten: Ich leite meine lange Wartezeit mit einer notwenigen Körperhygiene in den öffentlichen Toiletten ein, sprich: Zähne putzen und Füße waschen. Dabei schaut mich die facility managerin nicht sehr begeistert an, ich störe eindeutig ihre Putzroutine…

Los Angeles also. Kleine Planänderung meines mentalen Reisekonstruktes. Ab morgen hänge ich Deutschland dann neun Stunden hinterher. Ich fliege zurück, vor allem zurück an die Küste, damit ich nach den Sonnenaufgängen an der Ostküste endlich die Sonne wieder im Meer versinken sehe. Ein rundes Ding. Ein ewiger Kreis. Hakuna Matata.

BECAUSE THESE THINGS JUST KEEP HAPPENING WHEN YOU TRAVEL….was war geschehen? Folgende Situation: ich sitze seit 2 Stunden am Flughafen von Nashville, fegt ein heftiges Gewitter über das Gelände hinweg, ein Blitz legt für 3 Sekunden die Elektrizität des Flughafens lahm. Stromausfall, power out. Ich denke mir nichts dabei, mein Flug geht ohnehin erst morgen früh, ich verziehe mich in eine Ecke der Abflughalle, schlafe, gammle, lese und so weiter. 19 Uhr, langweilig, Hunger! Mit einem überteuerten Starbucksbagel (Flughäfen sind Tankstellen, Wucher!) lasse ich mich an einem Tisch neben drei Amis nieder. Wie das so läuft, wir kommen locker ins Gespräch. Der Typ fragt mich, ob mein Flug auch gecancelt wurde. Ich winke ab, ich habe noch ewig Zeit, aber gecancelt? Wegen des Stromausfalls? Er nickt, über Denver wollten sie nach Los Angeles fliegen. Aha, voila, das ist ja auch meine Destination! So redet man weiter und weiter und es stellt sich raus, dass die drei in Santa Barbara leben, also um die Ecke von LA nur schöner. Und ganz dicht am Channel islands National Park!! Bevor sie losziehen, um die Nacht bei Verwandten (statt wie ich am Flughafen) zu verbringen, habe ich das hier auf dem Tisch. Melde dich, wenn du in der Gegend bist!, sagt Gary. Einfach nur genial, mal wieder sprachlos…

Foto 28.07.15 19 09 57

Der Räudige Windhund

image

Von Washington D.C. nach Nashville, Tennessee. 666 Meilen (etwa 1072km). A hell of a ride: meine erste Fahrt im Greyhound Bus. Mit der Betonung auf HELL…

Von Washington DC nach Charlottesville, VA lief noch alles entspannt. Ein ordentlicher Bus, wenig Passagiere, demnach der Luxus eines doppelten Sitzes. Aber dann ging es los. Umstieg. Der neue Bus ist schon über eine Stunde verspätet. Als er um halb 11 nachts in Charlottesville eintrifft sind fast alle Plätze schon besetzt. Wir, die zusteigen, füllen seine schäbbigen Ledersitze restlos auf. Oh Gott, 11 stunden Busfahrt vor mir und neben wem soll ich sitzen? Da ist die wippende Frau, die mit dem Oberkörper immer wieder nach vorne und hinten schaukelt, ein ganz unangenehmer Tick. Da ist das unheimliche Kind, ein Junge mit vernarbtem Gesicht, der auf seinem Handy hektisch Ballerspiele zockt. Ein alter ungepflegter Mann, kaum noch Haare aber ein head set auf dem Kopf mit Mikrofon vor dem Mund (er trägt es die ganze Fahrt ohne zu telefonieren). Die Mexikanerin, die den Tränen nahe ist und panisch versucht in ihrem nicht vorhandenen Englisch mit dem Buspersonal ihre Route zu ändern (sie muss ganz bis Arizona), weil sie Angst hat in El Paso auf Dokumente kontrolliert zu werden, die sie nicht hat. Ganz unangenehm: die aufgedunsene Frau mit den strähnigen grauen Haaren und einem Körpergeruch, den die Klimaanlage durch die Luft wirbelt.

Unter all diesen Optionen ist ein Strohhalm, den ich geistesgegnwärtig ergreife: Ein junger Mann, der eingeschlafen ist und seinen Rucksack auf dem Sitz neben sich stehen hat. Der sieht harmlos aus! Ich rüttle leicht an seiner Schulter, er macht sofort Platz und ich atme auf. Uh, bäh, der Körpergeruch in meiner Nase! Der strähnige Kopf ragt über den Sitz vor mir hinaus. Mein Atem wird flacher, nur für ein paar Stunden, immerhin nicht neben mir.

Bis 1 uhr nachts bleibt das so, recht entspannt, nur die Sitze sind krass unbequem. Genau am rücken vorbeikonstruiert! Dann muss mein Sitznachbar leider aussteigen. Neben mir ein freier Platz. Und natürlich steigt dafür jemand ein, damn it. Eine Wolke aus Nikotin umgibt mich bevor er sich überhaupt gesetzt hat. Ich habe ihn draußen vor dem Bus schon stehen gesehen, mit der Fluppe im Mund, und dachte Bitte, Bitte nicht! Er, der sich später als Chris aus Texas vorstellt, ist eigentlich ganz nett, aber auch ein bisschen sehr vereinnahmend und distanzlos. Die mittlere Armlehne gehört schon mal ihm (wem gehört die eigentlich?). Und im Schlaf rutscht sein Ellenbogen immer wieder ab, sodass sein Kopf halb auf meiner Schulter landet. Ich neige mich so weit es geht zum Fenster. Oh man, noch 7 Stunden….In the middle of nowhere Sodom und Gomorrah aus, der ganze Himmel ist von den Blitzen taghell erleuchtet, der Donner kracht und Regen trommelt aufs Dach. So hart anscheinend, dass im hinteren teil des Busses plötzlich Wasser durchsickert. Es tropft von oben und bald ist auf dem Boden eine Pfütze. Den Fahrer interessiert das herzlich wenig, mürrisch tritt er auf das Gas und ich hoffe sehr, dass er bei der Sturzflut und dem Tempo mehr von der Straße sieht als ich. mein iPhone schickt mir eine flash flood Warnung. Meiden Sie das Gebiet. Haha, sehr witzig! Irgendwann lässt der Regen nach, ein letzter heller Blitz und in dem Moment schaue ich aus dem Fenster, zwischen den Bäumen am Straßenrand ein großes Schild, „JESUS WILL COME SOON“. Jetzt geht es aber los!

Endlich, in einer absurden Haltung und völlig verspannt, aber: eingeschlafen! Schmeißt man uns um 5 Uhr gnadenlos mit Licht an und Everybody out! zweisilbig unfreundlich aus dem Bus. Wir sind in Knoxville. Schon Tennessee, circa drei Stunden östlich von Nashville. Alles Kotzbrocken hier, das Greyhound Personal behandelt uns wie Abschaum. Keiner erklärt was los ist, aber wir müssen alle raus, 20 Minuten warten, und dann alle wieder rein. Die neue Busfahrerin ist ein pedantischer Drachen, der uns herumkommandiert und zurechtweist. Sie macht klipp und klar deutlich welche Regeln in IHREM Bus gelten. Neben Rauchen ist auch Küssen und lautes Handyklingeln ein Grund aus dem Bus zu fliegen. Mein Nachbar Chris murmelt „she takes her job way too serious…“. Dann erreichen wir tatsächlich Nashville. Ich rolle den Schlafsack zusammen (wie Hechtsuppe, diese Klimaanlagen!) und mache mich aus dem Staub. Bin ich froh, dass ich nach LA fliege!

image

Lake Thoreau

Foto 23.07.15 13 34 00„Isn’t that funny!“ Jeder Mensch hat seine bestimmten sprachlichen Wendungen, die er oder sie häufig benutzt. Eine Art Kommunikationsmerkmal, ich sage beispielsweise ständig „ach krass!“, um eine Aussage zu kommentieren, und dann ist da dieses Wort „mega“, was sich seit einiger Zeit in meinen Wortschatz eingeschlichen hat. Die charakteristische Wendung von Shirley, der Nachbarin meiner housesitting hosts Gil und Liz, ist ein „Isn’t that funny?“, mit einer starken betonung auf dem u. Eine herzensgute 70jährige Dame, die aber noch durchaus agil ist – ihr acht Monate junger Riesenwelpe Houdik haelt sie auf Trab! Ihrem Aussehen nach muss sie japanische Wurzeln haben, geboren ist sie jedoch auf Hawaii. Ihre Erzaehlungen verraten, dass sie schon fast ueberall auf der Welt gewesen ist. Bald geht es los in die Rocky Mountains, naechstes Jahr stehen die Dolomiten auf dem Reiseplan. Galapagos ist noch nicht lange her. Lebenslaeufe! Shirley nimmt mich am Sonntag Morgen mit auf den See. Ihr Pontoon Boat vor dem Haus ist eine Art schwimmende Terrasse, eine viereckige Plattform, die fuer ein Boot etwas zu unfoermig daherkommt. Aber sie schwimmt. Unter geraeuschlosem Elektromotor schippern wir gemaechlich hinaus. Der See? Lake Thoreau. Wieder einer dieser Zufaelle, die auf Reisen einfach passieren und mich kurz sprachlos  dastehen lassen. Benannt nach dem amerikanischen Naturalisten und Schriftsteller, Henry David Thoreau, liegt dieser See also genau vor meiner Nase, beziehungsweise mein zu sittendes Haus sitzt direkt an seinem Ufer. Wie das Schicksal es so will, habe ich auf diese Reise nur ein einziges Buch mitgenommen, Backpack und Buecher verTRAGEN sich schlichtweg nicht und auf ein kindle wollte ich verzichten. So habe ich also ein Buch ausgewaehlt, welches, wie sollte es anders sein, natuerlich WALDEN von Henry David Thoreau ist. Und dann lande ich hier, per Zufall, am Lake Thoreau. Natuerlich ist es nicht DER Walden Pond. Der „richtige“ Walden Pond, an dem Thoreau 2 Jahre im Wald verbrachte, liegt in Massachusetts. Und vermutlich haette Thoreau hier in Reston sofort die Flucht ergriffen, denn Lake Thoreau wurde kuenstlich gebaut, um die Wohngegend hier zu entwickeln. Der Bebauungsplan sieht fuer fast jedes Haus am See eines dieser Pontoon Boote vor, wie Shirley eines hat. Die ganze Gegend hier ist ein geplantes Konzept, wohnen am (kuenstlichen) Gewaesser. Thoreau als Freund von unberuehrter Natur und selbsternannter Anti-Materialist wuerde sich im Grab umdrehen, wuesste er, dass diese domestizierte und kapitalistisch motivierte Badewanne nach ihm benannt ist. Er saehe sein „The mass of men lead lives of quiet desperation.“ vermutlich in diesem Konzept bestaetigt. Dennoch, es ist ein lustiger Zufall, der See und mein Buch. Und so aufgesetzt wirkt das Leben hier gar nicht, nur ein bisschen konstruiert idyllisch vielleicht. Ich jedenfalls haette nichts gegen ein Stegboot im Garten, einen See in dem wilde (…) Schildkroeten leben und in dem schon morgens frueh Stand Up Paddeler ihre Runden ziehen und Triathlethen trainieren.

Foto 23.07.15 20 03 07

Hund, Kater, Haus: Housesitting in Reston, VA

„In order to keep a true perspective of one’s importance, everyone should have a dog that will worship him and a cat that will ignore him.“

(Dereke Bruce)

Foto 25.07.15 17 26 41

Samson hat mich weder zu sehr ignoriert, noch hat Clay mich über alle Maßen verehrt…obwohl, bei Punkt zwei bin ich mir nicht ganz so sicher. Clays tappende Pfoten auf dem Parkettboden waren gefühlt mein ständiger Begleiter, und dazu dieser Blick! Ihm ging es dabei wohl nicht wirklich um mich, das muss ich mir eingestehen, sondern um eine andere, für seine Welt alles entscheidende Sache: Futter!

Mal wieder hat es das Reiseschicksal gut mit mir gemeint. In den USA hat man ein Herz für junge, finanzschwache Backpacker. New York, New Jersey, Virginia Beach – überall habe ich bisher nichts als Großzügigkeit genossen. Hier in Reston bei Washington D.C. übernehmen Liz und Gil die Rolle der liebevollen Gastfreunde. Dafür tue ich allerdings diesmal auch etwas: Ich spiele House- und Petsitter. Das heißt so viel wie ich passe für ein paar Tage auf das Haus, eigentlich aber eher auf ihre beiden ‚Jungs‘ auf: Samson, der Kater und Clay, der Hund (ein Rat Toy Terrier, eigentlich also eher Ratte als Hund, aber so süß!).

Das Haus ist ein Traum. Direkt am See gelegen führt der Garten hinunter an einen kleinen Steg mit Terrasse auf dem Wasser. Wilde Schildkröten strecken ihre Köpfe aus dem Wasser, Boote schippern gemächlich hin und her und gleich am ersten Abend sitze ich mit Gil und Liz bei Weißwein und Sonnenuntergang auf dem Balkon. Die warme Nachtluft schmeichelt der Haut, fast ein bisschen Balifeeling. Ich fühle mich hier sofort willkommen. Weniger willkommen sind die Gänse des Sees, das lerne ich schnell als Gil, die Arme über dem Kopf wild gestikulierend und laut schimpfend, auf den Steg zu rennt, um die ungebetenen Gäste von der schwimmenden Terrasse zu verscheuchen. ‚Kaka‘ nennt Gil die Exkremente die sie zurücklassen, das klingt fast niedlich. Gänse sind hier also die Maulwürfe, die Oma in Deutschland im Garten in den Wahnsinn treiben. Gill hat ein anti-geese-spray gekauft, das verteilt er auf dem Holz des Steges – zehn Minuten später sind sie wieder da und machen ‚Kaka‘ auf das Holz. Was solls…Als wir abends auf dem Sofa sitzen und einen Klassiker, „Ghostbusters“, schauen, ist uns ganz schnell klar: Liz und Gill brauchen die „Goosebusters“ !!

Dann sind wir alleine, Samson, Clay und ich – und wir machen es uns richtig gemütlich. Vier Tage sturmfrei. Ich habe gar keine Lust nach Washington zu fahren (nur einmal kurz hat es mich ins Museumsviertel verschlagen) oder das City Center von Reston zu erkunden  – dieses Fleckchen Erde reicht mir gerade völlig. Außerdem bin ich beschäftigt: Nie hätte ich gedacht, dass Tiere einem so sehr den Tag strukturieren. Aber mit Gassi gehen, füttern und Medizin verabreichen und das alles mehrmals am Tag ist man ganz gut beschäftigt. Vor allem immer zu bestimmten Uhrzeiten. Aber es macht mir Spaß und es ist schön zu sehen, wie sehr die beiden Jungs an ihre Routine gewöhnt sind. Clay rennt morgens und nachmittags immer wie verrückt um die freistehende Arbeitsplatte in der Küche – ist schon Essenszeit?, fragen seine großen, wimpernlosen Augen. Die freien Zeitfenster neben Gassi und Fresschen nutze ich um zu lesen, meinen Trip zu planen, ein bisschen um den See zu laufen und zu schlafen. Da es für Samson und Clay sowieso nicht viel anderes als schlafen und fressen gibt stecken sie mich mit ihrem fast konstanten Chillmodus an, hier ein Vormittagsschläfchen, da ein Nachmittagsnap. Clay gibt übrigens keine Ruhe, bis er zu mir aufs Bett und dort mit mir einschlafen darf. Aiaiaiai, aber ich denke das ist okay. Wie früher eben, wenn die Eltern mal nicht da waren – dann darf man immer mehr.

Ich selbst will glaube ich immer noch keinen Hund oder eine Katze. obwohl das strukturgebende Element vielleicht gar nicht so schlecht wäre, besonders in Zeiten des Hausarbeitschreibens. Aber an die Haare auf dem Boden, auf der Hose und dem Sofa, an die Abhängigkeit und an ‚Kaka‘ in schwarzen Plastikbeutelchen mag ich mich glaube ich auf Dauer nicht gewöhnen. Wenn, dann bin ich, zu meiner eigenen Überraschung, doch eher eine ‚cat person‘. Samson machte wenigstens auch mal sein eigenes Ding.

Was noch? Ich habe gelernt, dass Herrchen und Frauchen auf Englisch schlicht ‚Dad and Mom‘ heißt. Gewöhnungsbedürftig. Auf einem Gassigang begegne ich einer Frau aus der Nachbarschaft, die sagt sie kenne „Clay’s mom“…Nachdem Samsons morgens immer eine ration Thunfisch bekommt, da er sonst seine Medizin nicht frisst, kaufe ich mir am dritten Tag auch mal Thunfisch. Bedenklich? Und: der neueste Schrei in den USA ist eine Dame namens ALEXA. Alexa ist eher ein Robotter als eine Dame, eine Robotterdame. Und eigentlich heißt sie Amazon Echo. Eine säulenförmige Lautsprecherbox von Amazon mit der man reden kann. „Alexa, play Country Music.“ – Alexa spielt Country Musik. „Alexa, what time is it?“ – alexa sagt einem die Uhrzeit, „Alexa, put coffee on the shopping list“ – Alexa schreibt einem die Einkaufsliste und schickt es direkt aufs iPhone. Verrückt! Gibt es in Deutschland übrigens noch nicht. Alle Technikfreaks, die schon ein Amazon Echo wollen: Bestellungen an mich!

Dann sind sie wieder da. Ein weiterer Abend mit Lachsbrot und Wein auf der Terrasse, mit Gesprächen über Reisen und Lebenserfahrungen (da höre ich dann eher zu). Ich bedanke mich für die schöne Zeit mit einem selbstgebackenen Bananabread, alles was ich gerade geben kann. Gil sagt, dass er die Gastfreundschaft zeigen möchte, die ihm früher während seiner backpack und hitchhiking Touren in Europa entgegengebracht wurde. Das hat er geschafft: Liz und Gil sind unter den liebenswürdigsten und interessantesten Menschen, die ich seit langem getroffen habe. Wir hätten noch so viel mehr zu bequatschen gehabt. Hier muss ich auf jeden Fall wieder vorbeischauen. Und zum Glück bin ich auch herzlich eingeladen.

Wer Lust hat Tier und Häuser zu sitten: http://www.trustedhousesitters.com kann ich empfehlen. Eine Mitgliedschaft kostet ca. $80 im Jahr, ihr erstellt euch ein Profil und dann könnt ihr euch auf die weltweite Suche nach Häusern machen. Da gibt es alles, von Ranch bis Chateau, mit Pferd und Geflügel, oder eben auch so ganz ’normale‘ Häuser mit Hund und Katze, wie das von Liz und Gil.

Foto 23.07.15 18 27 37 Foto 24.07.15 18 03 08 Foto 24.07.15 11 00 22 Foto 23.07.15 11 35 27 Foto 23.07.15 08 59 53 Foto 22.07.15 09 17 36 Foto 22.07.15 09 36 55 Foto 22.07.15 15 01 22 Foto 22.07.15 14 54 55 Foto 22.07.15 10 56 53 Foto 25.07.15 17 18 58 Foto 23.07.15 20 02 53 Foto 24.07.15 07 33 54 Foto 23.07.15 09 41 58 Foto 24.07.15 11 00 15 Foto 26.07.15 09 39 25 Foto 21.07.15 16 42 09

 

 

 

Cat On A Map

Last night, a cat set out for an adventure. Samson, an eager armchair traveler and domesticated cat, made his way across the country. He did not quite make it all the way to the west though – I guess he got tired since it was late. Instead, he found a comfortable spot in the countryside, somewhere between the east coast and the mid-west. The grass was as soft as a comfortable bed, a light breeze blew through his fur and it felt like the wind of a fan on the ceiling. As Samson fell asleep he dreamt of mountains and valleys, of coastlines and vast lands, of mice and men…

Foto 21.07.15 22 16 38 Foto 21.07.15 22 16 45 Foto 21.07.15 22 17 59 Foto 21.07.15 22 18 18

Virginia Beach

Foto 15.07.15 11 19 09Im Java Surf Cafe schüttelt mir Dwayne die Hand, fragt ob ich hier zu Besuch bin und nachdem ich nicke sagt er „this is gonna be your favorite Spot in Virginia Beach“. Damit könnte er recht haben. Hier hängen Bilder von Hawaiiblumen und Kolibis an den Wänden, Acryl auf Leinwand in tropischen Farben, Quallen und Seepferdchen und Landschaftsmalerien langer Küstenstreifen. Ich bin in Virginia Beach. Ich dachte nicht, dass nach New Jersey noch mehr beach life möglich ist. Hier aber mag ich das Flair noch viel lieber, das Wasser ist sauberer und es fliesst deutlich weniger Alkohol.  Ausserdem kommen Delfine hinzu, mehr Wellen, freundliche Hunde und ganz viel Gastfreundschaft. Am Boardwalk zeugen Beach Cruiser Bikes mit den hohen Lenkern von einem wirklichen Strandleben, Pinien riechen und Grillenzirpen – fast Frankreich Flair, irgendwie mediterran. Weiterhin gibt es nur das barfuessige Dasein. Ricky traegt ihnehin nie Schuhe. Ich kenne Ricky und ihren Sohn Billy von Fuerteventura, den Februar ueber haben wir 2014 dort zusammen gewohnt und gesurft. Hier lerne ich ihr amerikanisches Leben und den Rest der McGarry Familie kennen. Wieder unter locals! Gleich am ersten Tag werde ich zum Segelbootreparaturgehilfen von Billy’s Vater Jim. Danach hole ich gleich sein Auto von der Werkstatt ab, cruise anschliessend mit Ricky’s Chevy Truck die Atlantic Avenue entlang, auf dem Weg halten wir an zwei surfshops und besuchen dann Billy bei seinem summer job in einem Fast food Restaurant. Der steht in Uniform am Grill und hackt bacon in Stücke. Nach ein paar stunden in Virginia Beach bin ich schon so angekommen und integriert, dass ich mich wie zu Hause fühle.

Jemand hat idealer Weise die Wellenmaschine angeworfen, in ein paar Stunden geht es gegen low tide, dann ist es Zeit für eine surf session. Vom Haus sind es zwei Minuten runter zum Strand, Boards stehen genug im Garten. Besser geht es fast nicht. Am Abend bin ich platt von 4 Stunden water work-out, ein bisschen brauner und sehr sehr hungrig. Meine Haare filzen sich zu Dreadlocks, ein gutes Zeichen! Am folgenden Morgen stürmt Ricky um 6 Uhr in mein Zimmer und knipst recht brutal das grelle Deckenlicht an: Aufstehen! Surfen! Keinem Befehl folge ich lieber, wenn auch noch etwas verpennt. Wir fahren in die 1st street, Greg und ich surfen dort eine Stunde. Dann werden die Wellen zu lasch und wir fahren zu einem Spot weiter südlich, weitere drei stunden paddeln, surfen, warten, paddeln, surfen. Ich bin froh um den Kaffee und Donut, den wir vor der ersten Session hatten. Frühstück ist spaeter ein mehr als verdienter Pancake mit Bacon und Ahornsirup, im Belvedere, einem amerikanischen Diner im Stil der 60er jahre. Später im Surfshop kann ich kaum meine Arme heben, um durch die Tshirts zu schauen. Die Tage hier beginnen idealer Weise um halb sechs. Ricky ist so frueh schon mit den Hunden draussen, sie verpasst selten einen Sonnenaufgang. Der Morgen ist so friedlich hier, die Luft noch kuehl. Ich paddle um halb sieben mit dem Longboardhinaus, der Atlantik liegt still da, nicht mehr als eine Uferwelle rollt an den Strand. Nicht weit von mir gleiten Delfine durch einen Fischschwarm, Pelikane fischen aus der Luft, segeln dicht ueber der Oberflaeche – sie sind fuer den Sommer aus Florida hier hinaufgekommen. Ich weiss nicht, ob ich jemals zuvor so elegante Voegel gesehen habe.  Zwischendurch fällt kurz warmer Sommerregen, der die 35 Grad nicht herunterkühlt, sondern die Luft noch schwüler macht. Das leben ist langsam, aber gut. Man braucht kaum zu essen bei dieser hitze.

Ein Ausflug nach Monticello ist kein Kurztrip nach Italien, viel mehr ein Ausflug in die Amerikanische geschichte.  Gen Westen fahre ich mit Jim und Rickys Nichten zu Thomas Jeffersons Plantage Monticello. Jefferson, 3. Präsident der USA, hat sich dort ein hübsches Anwesen auf einem kleinen Hügel – „monti cello“, altitalienisch für „kleiner Berg“ – aufgebaut. Oder eher seine 600 Sklaven, die er während seiner Lebenszeit besaß. Eigentlich war er ja gegen Sklaverei. Naja, ist halt nicht so ganz logisch…Die Präsidenten kann ich immer noch nicht alle aufzählen, aber Jefferson werde ich wohl jetzt nicht mehr vergessen.

DSC00808 DSC00805 DSC00818 DSC00814 DSC00820 DSC00823 DSC00825 DSC00828 DSC00833 DSC00845 DSC00857 DSC00868 DSC00874 DSC00876 DSC00800Weiter geht es in Virginia Beach hier, mit hoch mehr Strand und Meer und Delfinen: https://blogmopped.com/2015/07/19/virginia-beach-the-beach-life-continues/

Hitching A Ride

Foto 14.07.15 14 26 07These Germans! Immer und überall sind sie unterwegs….Simona habe ich 2008 schon in Übersee, genauer in Neuseeland, getroffen – als sie mit ihrer Familie im Wohnmobil unterwegs und ich mit Lina work and traveln war. Dieses Jahr reisen Simona und ihr Freund Chris durch die USA. Wie das Schicksal es so will kreuzen sich unsere Wege wieder, fast rein zufällig, es braucht nur ein paar facebook Nachrichten. Die beiden sind auf dem Weg nach New York, die Ostküste hinauf, in ihrem in Iowa gekauften Auto. Mit Campingausrüstung von Stühlen bis Feuerholz und jede Menge Verpflegung im Pappkarton im Kofferraum – ein richtiges Roadtrip vehicle, ich bin begeistert. An diesem Morgen fahren sie um 10 Uhr, pünktlich deutsch, in der Robin Road vor als ich, pünktlich deutsch, gerade reisefertig mit Backpack und Gypsy Hut aus dem Haus trete. Mascha und Dan rasch im Halbschlaf good bye umarmt geht es für mich heute weiter. Chris und Simona fahren mich hoch nach New York, damit ich dort meinen Bus nach Virginia Beach erreiche. Was die geografische Logistik angeht etwas bescheuert, erst 2 Stunden nach Norden, dann wieder 7 Stunden nach Süden, aber so what, dafür bin ich schließlich hier: Unterwegssein. Außerdem kriege ich die beiden ein paar Stunden zu sehen. Sie erzählen von ihrem bisherigen Roadtrip, von dem Autokauf und Simonas Gastfamilie, die sie besucht haben, von Campingplätzen und der amerikanischen Gastfreundschaft, auch von gerade noch fertiggestellten Bachelor- und Masterarbeiten  bevor die Reise losging und unnötig eingepackten Winterpullis. Reisende im Gespräch, ich fühle mich hier auf der Rückbank genau am richtigen Ort.  Um das Verkehrschaos in Manhattan zu umgehen parken wir auf Staten Island und nehmen die Fähre hinüber. Die Skyline versinkt an diesem Nachmittag in Grautönen, die farblos gläsernden Wolkenkratzer lösen sich im Nebel auf. Schauer ziehen über die Bucht und lassen Lady Liberty im Regen stehen. Ohne den Fahrtwind auf der Fähre ist es ekelhaft schwül als wir den Broadway entlanglaufen, mein Rücken nass vom Backpack und die Schultern verkrampft.  Ich muss unbedingt wieder hier raus, keine Stadt mehr, ich will zurueck an den Strand. Nach einem  Abschiedscafe bei, natürlich, Starbucks mache ich mich auf den Weg den Bus nach Virginia Beach zu finden. Die Haltestelle ist nicht mehr als ein unscheinbares Schild in einer Straße, die vom Broadway abgeht. Zu meinem Glück sitzen an der Hauswand bereits einige Leute auf oder neben ihrem Gepäck. Es muss wohl richtig sein. Virginia beach, 7 stunden bus ride, here we go!

Foto 14.07.15 15 27 45

 

New Jersey: Meeting Mascha

Foto 09.07.15 16 58 58Beach voices of the New Jersey shore, summer 2015

Dan: „The hardest thing in my life is to put on a bathing suit in the morning. Sometimes I even forget what day it is.“

Sue: „During the summer, we leave the beach only for weddings and funerals.“

Foto 07.07.15 13 33 06New Yorks Penn Station liegt an der 34. Straße im Herzen Manhattans. Von hier fahren die Züge ins ganze Land. Meinen Rucksack auf dem Rücken stapfe ich durch die wuselnde Masse zum Schalter des New Jersey Transit, ein Zug der mich nach Sueden an die Küste New Jerseys bringen soll, genauer: nach Long Branch, zu Mascha.

7 Tage später. Ich hatte nicht geplant hier eine ganze Woche zu bleiben. Aber der Strand ließ mir praktisch keine Wahl, es war an der Zeit wieder braun zu werden, wieder Shorts und Bikini zu tragen, barfuß auf warmem Asphalt zu laufen. Die Jersey Küste um Long Branch und Sea Bright hat den Charme eines filmreifen amerikanischen Sommerausflugs ans Meer: Eine Strandmeile mit kleinen Geschäften, in denen es Schwimmtiere und maritime Mitbringsel zu kaufen gibt, dazwischen bieten schicke Restaurants mit Cocktailbars entlang des Boardwalks Austern und Champagner an. Strandstühle – beach chairs –  mit Kühlfächern und Sonnenschirme sind die bunten Tupfer des langen Sandstrandes und ein must-have.  Große Parkplätze für viele grosse Autos lassen auf die Beliebtheit des Kuestenstreifens schliessen, dazu verlangt an jedem Strandzugang ein kleines Häuschen 8$ ‚Kurtaxe‘ für das sandige Erlebnis. Vom Strand aus kann man bei gutem Wetter New York sehen, von dort kommen die Besucher am Wochenende in Scharen. ‚Benny‘, so nennen die locals abwertend diese sommerlichen Besucher – damit ist der Spitzname übrigens für mich schon mal ausgeschlossen.

Die Tage hier haben keinen Takt, sie fließen dahin. Vom morgendlichen Bagel – New Jersey Pork Roll! – oder Eggs, Bacon und Wheetgras Shots, direkt an den Strand, ins Meer die Hitze ertränken und den Schweiß abwaschen, Volleyball am Nachmittag oder Abend, dann in die die nächste Bar, oder auch in die German Beer Hall in Asbury, als Finale in der Hot Tub Nachts die Sterne beobachten, nicht ohne frisch gezapftes Bier von der hauseigenen Terrassenbar natuerlich . Eines ist mir jetzt klar: Die Prohibition war die dümmste Idee, die amerikanische Politiker jemals hatten. Hier ist Alkohol im Spiel. Für den ersten Volleyball Abend am Strand von Sea Bright ist das wörtlich gemeint – Liz, die uns mit Getränken beliefert, grinst vom Spielfeldrand aus, als wir den ersten Schluck vom Gatorade nehmen, ein Sportgetränk, das jetzt verdächtig nach Vodka schmeckt. Dabei habe ich den Cocktail im Beachclub schon fast vergessen, den wir vor dem Spiel als Auftakt geschlürft haben. Danach geht es direkt weiter ins DIVE, eine Bar an der Meile von Sea Bright. Nicht unbedingt bekannt für die besten Drinks, wie mir Maschas Freund Dan der Bartender erklärt, aber das Essen ist hervorragend, vor allem die Tacos mit Pulled Pork und die Austern – ein Bier dazu geht natürlich auch hier. Darauf folgt noch eins, dann kommt der Zimtschnaps Fireball und mir klingen die Glocken in den Ohren und draußen rieselt leise der Schnee – schmeckt wie Weihnachten. Alle Bars hier sind jedoch Nichts gegen Donovan’s. Donovan’s! Vor zwei Jahren wurde die beliebte Strandkneipe von Sandy zerstört, der Supersturm hat hier fast die gesamte Küste zusammengeweht. Heute, zwei Jahre später, sind die meisten Schäden behoben. Die Menschen haben ihre Häuser wieder aufgebaut, der Strand ist wieder breiter geworden, weil im Winter Sand durch große Rohre vom Meeresgrund ans Ufer gepumpt wurde. Nur Donovan’s blieb bisher geschlossen. Vor ein paar Wochen machten Gerüchte die Runde, Hey, habt ihr das auch gehört, Donovan’s öffnet seine Tikibar am Strand wieder! Dieses Wochenende war es tatsächlich soweit. Seit Freitag um 10 Uhr gibt es kein anderes Thema mehr, geschäftiges Räumen an der Bar, die ersten Kunden warten gespannt und beobachten jede Regung des Personals. Ungeduld macht sich breit. Mir ist der Alkohol ziemlich schnuppe, irgendwie finde ich das alles hier sogar ziemlich nervig und lächerlich, jedes zweite Wort ist BEER!, booze ist das Hauptthema, immer und ueberall. Aber die Spannung in der Luft macht sogar mir als Touri klar, wie besonders diese Wiedereröffnung sein muss. Dann irgendwann zischt die erste Dose Bier und ab da gibt es kein Halten mehr. Samstag Abend: Wir sitzen im Sand, der Ice Tea hat einen im Tee und wir auch bald, während wir halb ernst halb albern auf Bruce Springsteen warten. Bruce ist hier in New Jersey zu Hause und das letzte Mal ist er wohl tatsächlich im Donovan’s aufgetaucht und hat ein kleines Spontankonzert gegeben, in Latzhose und mit Cap. Heute Abend taucht der Boss nicht auf, aber der DJ mischt in die Chartmusik des Tages langsam die Elektrorythmen der Nacht. Beachgirls in kurzen schwarzen Kleidern schwingen die Hüften, an der Tikibar dauert es 20 Minuten bis ich einen Drink bekomme. Die Hawaiiketten am Bambushäuschen der Tikibar schwingen in der leichten Brise, die Scheinwerfer beleuchten den Strand und den instabilen Bambuszaun, der uns symbolisch vom restlichen Teil des Strandes abtrennt. Hier ist trinken erlaubt, ‚ dort draußen‘ selbstverständlich nicht. Deshalb ist Donovan’s so eine sensation: Ganz offen und das legal am Strand trinken können, ohne die Bierdose im Shirt einzuwickeln oder den Alkohohl in Trinkflaschen umfüllen zu müssen. Kannste ja keinem Europäer verkaufen, dass Trinken am Strand etwas  Außergewöhnliches ist. Aber hier eben schon…Der Sonntag ist dann ein richtiger Sonntag. Auf der Garagenauffahrt steht der dicke Grill, davor parken die dicken Autos. Es gibt BBQ: Ribs. Coleslaw. Mudpie. Sangria Bowle. Und wie sollte man den Tag anders überstehen: Budwiser. Budwiser. Budwiser. Ich lerne Kan Jam und Cornhole – zwei Spiele für den Garten, so normal hier wie Bodgia oder Federball bei uns. Dieser Trip ist wahrhaft eine kulturelle Studie, ich bin mittendrin in der amerikanischen Kultur.

Kommen wir zum Wasser. Da faellt mir ein: Haie. Diese Woche ist „Shark Week“ im Discovery Channel, der laeuft im Dive non-stop. Menschen tauchen in Käfigen zu den grossen Weissen hinab, andere lassen sich in Kettenhemden von den Viechern anknabbern oder versuchen sie auf den Rücken zu drehen und so in Trance zu versetzen. Berichte von Haiangriffen und fehlenden Gliedmaßen, von wissenschaftlicher Forschung und Erkenntnissen. Man soll ja nicht so gegen Haie haten, wieder kommen die Argumente auf  ‚es sterben mehr Menschen durch Hunde, Sektkorken und Kokosnüsse‘, aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Besonders, weil es dieses Jahr hier an der Ostküste schon diverse Sichtungen und einige Attacken gegeben hat. Super Vorbereitung: Dan nimmt Mascha und mich mit zum Surfen, ein paar kleine Wellen spuckt die Ostküste für uns aus. Sobald ich auf dem Brett über den ersten Wellenberg hinweg paddle, die Gischt auf den Lippen schmecke und die Paddelbewegung sich wieder wie das Natürlichste der Welt anfühlt,  sind alle Haie laengst vergessen. Endlich wieder surfen! Es ist so heiß, an einen Neoprenanzug ist nicht zu denken. Im Badeanzug gibt es von der Sonne gleich eine Quittung, in Form eines runden Kreises auf dem Rücken und rote Schultern. An meinem letzten Morgen floaten wir im sommerlichen flow einen Fluss hinunter – Dan auf dem Stand up paddle Board, Mascha auf einer komfortablen Luftmatratze mit Rückenlehne und ich auf einem eher weniger komfortablen Reifen, der eigentlich eine snow tube ist. Die Leute auf den Booten winken uns zu und gucken ein bisschen verwirrt. Die Tide ist entscheidend. Jetzt treibt uns die Flut in Richtung Norden, später soll die Ebbe uns zurück bringen. Dafür müssen wir warten, Wo? Natürlich in einer Bar Schrägstrich Restaurant. Ganze vier Stunden Sonne, Drinks, Food und Schwimmen. Dabei beobachten wir den Fluss, sehen wie die Strömung sich verlangsamt, wie kleine Wellen und Wirbel entstehen und wie schließlich, ganz langsam, das Wasser in die andere Richtung zu fließen beginnt…

DSC00775Foto 08.07.15 10 48 07 Foto 08.07.15 12 53 28 Foto 08.07.15 12 53 59

Foto 08.07.15 13 45 50Foto 08.07.15 13 41 06 Foto 10.07.15 12 31 10 DSC00796 Foto 11.07.15 19 28 54 Foto 07.07.15 23 10 26 Foto 09.07.15 19 36 10 Foto 09.07.15 21 02 25 Foto 10.07.15 15 49 17 Foto 10.07.15 19 09 53 Foto 10.07.15 22 16 08 Foto 12.07.15 15 21 23 Foto 12.07.15 16 29 03 Foto 13.07.15 19 41 08

Foto 13.07.15 17 29 36Weiter geht es hier: Richtung Virginia Beach, hitching a ride mit Simona und Chris….https://blogmopped.com/2015/07/14/hitching-a-ride/

Crumbs of the Big Apple Crumble

DSC00762

Die Kästen der Airconditions schwitzen auf den Gehweg und hinterlassen nasse Flecken. Daneben platscht Taubenkacke dampfend auf den Asphalt. Von den schwarzen Müllsäcken am Straßenrand steigt übel riechende Luft auf, daneben rinnt braune Brühe die Gosse hinab, dem Zebrastreifen entgegen, und mündet in einem Müllstrudel aus plastic bottles und gelblichem Schaum. Die Stadt ist mir nicht fremd, aber ich habe sie noch nie in ihrem Sommerkleid gesehen, geschweige denn gerochen. Vor zwei Jahren trug sie Pelzmantel und Ohrenschützer, Stiefel und Strumpfhosen. Da waren die Bäume des Central Parks blattarm und eissteif, jetzt grünt und blüht es hier und Vögel hüpfen und zwitschern, als wollten sie der Stadt eine ländliche Idylle überstülpen. Segelboote bevölkern den Hudson River, daneben paddeln Kayakfahrer im Strom und Sonnenanbeter biegen sich in Yogaformation auf den Grünflächen am Fluss. Modisch zeigt sich der Sommer in allen Formen und Farben, von Hotpants bis Blümchenkleid. Bauchfrei scheint wieder in zu sein.

Ich schnüre die Laufschuhe um 5:52 Uhr, der Jetlag hat mich noch fest im Griff. Die 30 Grad des gestrigen Tages liegen noch in der Luft. Es ist schwül als ich aus den Jefferson Towers trete, immerhin kühler als tagsüber. Eine leichte Brise weht durch die Straßenschluchten. Ich trabe los, die 95. Straße nach Westen quere ich die Amsterdam Avenue und den Broadway. Am Hudson ist um diese Uhrzeit schon Betrieb, den neonfarbenen Läufern und Radfahrern gehören die lanes des Riverside Park. Ich reihe mich ein in den frühsportlichen Wahnsinn. Ein Stand up Paddler arbeitet sich nahe des Ufers stromaufwärts nach Norden, einige Minuten gleiten wir nebeneinander her, vorbei an den Booten, deren Masten und Rümpfe rötlich gefärbt sind von der aufgehenden Sonne.

Später am Tag rast das NYPD unter hektischer Sirene durch den Central Park, in dem die New Yorker – und ich – auf Wiesen und Felsen in der Mittagspause entspannen. Überall Sirenen. Und Parks! Die Stadt ist süchtig nach grün, der Asphaltdschungel braucht richtigen Dschungel zum Ausgleich, die gläsernen Fassaden wollen grün spiegeln. Im Prospect Park in Brooklyn steigt ein Drache auf und Grillgeruch in die Nase, kleine bunte Grüppchen tollen mit Bällen und Hunden auf der großen Wiese hinter der Grand Army Plaza. New York ist ein beispielloser meting Pot. Hautfarben, Gesichtszüge, Körpermaße – alles schmilzt hier in der Hitze zu einer Einheit und bleibt gleichzeitig in seiner Vielfalt erhalten. „Happy 4th“ klingt an meine Ohren. Independence Day. Ob ich mir den Zeitpunkt meiner Ankunft bewusst ausgesucht habe,für einen richtig amerikanischen Einstieg? Not really…aber hier macht sich ohnehin jeder ein bisschen über übertriebenen Nationalstolz lustig. Beim Feuerwerk später versperren die Wolkenkratzer mir so sehr die Sicht, dass ich das Spektakel eigentlich nur akustisch verfolgen kann. Es hallt in den Hochhauscanyons. Nun ja, optisch ist zumindest die Reflektionen in den Fassaden drin.

Governor’s Island liegt nicht weit vom Festland, südlich der Spitze von Manhattan. Wir brettern mit der Fähre über den Buttermilk Channel hinüber und finden wieder ein Park. Die Insel ist ein ehemaliges Militärgelände auf dem heute Foodtrucks ihre Burgerpatties grillen, Touristen die Aussicht auf die Skyline und Lady Liberty genießen und auf der weitläufigen hügeligen Wiese rund um das Hauptgebäude die Picknickdecken ausbreiten. Trotz der Besucherscharen, die hier jede Stunde mit dem Boot einfallen, verteilen sich die Massen schnell. Keine Spur von der Hektik Manhattans. So klingt der Tag aus, wir nehmen die Fähre zurück aufs Festland und streifen mit der untergehenden Sonne durch den dicht bevölkerten Brooklyn Bridge Park der Subway entgegen. New York, New York – es war schön dich wiederzusehen, aber ich glaube das reicht mir jetzt mit Stadt. Es ist Zeit aufzubrechen…

DSC00672 DSC00677 DSC00682 DSC00695 DSC00693 DSC00705 DSC00712 DSC00709 DSC00719 DSC00733 DSC00741 DSC00752 Foto 05.07.15 16 37 18

 

Bestes Bild, purer Zufall: Minion und Banana vereint. Bananaaaaaa…
DSC00763

„Miss, you are ready to fly“

Foto 04.07.15 10 16 55

„Miss, you are ready to fly“ leuchtet die Schrift auf dem Bildschirm mir entgegen. Ha, Scherzkeks. Ich habe eingecheckt, so weit so gut. Aber um mich herum liegen Klamotten verstreut auf dem Boden, Häufchenbildung nennt sich das im Fachjargon des Packexperten. Das kommt mit, das da vielleicht, die Sachen von dem Haufen dort drüben müssen wohl oder übel wieder in den Schrank. Stück für Stück siebe ich aus, ein Eliminierungspackgang nach dem anderen bis irgendwann alles in den Rucksack passt. Nach Jahren des Reisens habe ich immer noch nicht dazugelernt, unbelehrbar in Sachen effizienter Packerei. Aber immerhin, jetzt bin ich wirklich ready to fly. 

Die Nacht ist schon lange hereingebrochen. 0:11 Uhr schlägt keine Uhr, aber zeigt das iPhone. In fünf Stunden und vierzig Minuten geht mein Flieger, nur an Schlaf ist heute Nacht nicht zu denken. Viel eher ist nun Zeit, die Banalität des Packens hinter sich zu lassen, den organisatorischen Teil der Reisevorbereitung abzuschließen und sich Höherem zu widmen: der Philosophie des Unterwegsseins. Das bedeutet so viel wie den Gedanken hinter dem Aufbruch Raum zu geben. Warum tue ich das? Viel Geld ausgeben, lange von zu Hause weg sein, mich in die Ungewissheit wagen? Neben mir auf dem Schreibtisch liegt Rolf Potts „Vagabonding. An uncommon guide to the art of Long-term World Travel“ als Untertitel. Mit einem noblen Zitat von keinem anderen als dem weisen Walt Whitman ließe sich diese philosophische Stunde einläuten. In seinem „Song Of The Open Road“ heißt es „From this hour I ordain myself loos’d of limits and imaginary lines, Going where I list, my own master total and absolute, Listening to thers, considering well what they say, Pausing, searching, receiving, contemplating, Gently, but with undeniable will divesting myself of the holds that would hold me.“ Mutig und enthusiastisch, fast kompromisslos. Das erinnert mich daran, dass ich mir auf dem Weg einen Gedichtband von Whitman zulegen sollte, um den amerikanischen Geist des out-of-doors und on-the-road Seins im Gepäck zu haben. Whitman also zur Motivation, als Warnung und Ratschlag nehme ich Eamonn Gearons: „Don’t travel in order to get away from any place. Do it to be wherever you are that night when you go to sleep. And if you are not happy with where you are or what you are doing, it is all right to move on, or just give up and go home.“ Das erinnert mich an Allain de Bottons „Man nimmt sich immer selbst mit auf die Reise.“ Vor allem aber spricht mir Don Blanding aus der Seele:

Double Life

by Don Blanding

How very simple life would be

If only there were two of me.

A Restless Me to drift an roam,

A Quiet Me to stay at home.

A Searching One to find his fill

Of varied skies and newfound thrill,

While sane and homely things are done,

By the Domestic other One.

And that’s just where the trouble lies,

There is a Restless Me that cries

For chancy risks and changing scene,

For arctic blue and tropic green,

For deserts with their mystic spell,

For lusty fun and raising Hell.

But shackled to that Restless Me,

My Other Self rebelliously

Resists the frantic urge to move.

It seeks the old familiar groove

That habits make. It finds content

With hearth and home – dear prisonment,

With candlelight and well-loved books,

And treasured loot in dusty nooks.

With puttering and garden things

And dreaming while a cricket sings

And all the while the Restless One

Insists on more exciting fun,

It wants to go with every tide,

No matter where…just for the ride.

Like yowling cats the two selves brawl

Until I have no peace at all.

One eye turns to the forward track,

The other eye looks sadly back.

I’m getting wall-eyed from the strain,

(It’s tough to have an idle brain)

But One says „Stay“ and One says „Go“

And One says „Yes“ and One says „No“,

And One Self wants a home and wife

And One Self craves the drifter’s life.

The Restless Fellow always wins

I wish my folks had made me twins.

…durch Goethes Feder gesprochen: „Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust.“ Eine Ode an Heimweh und Fernsucht, ein Prost auf die endlosen Möglichkeiten, gelobt und verflucht sei die Unfähigkeit zur klaren Entscheidung und die ewige Zerrissenheit. 

Zuletzt habe ich von Lini ein Gedicht mit auf die Reise bekommen. „A good traveler is one who does not know where he is going to, And a perfect traveler does not know where he came from.“ (Lin Yutang) Ich bin mir ziemlich sicher, dass es mir reicht, ein guter Reisender zu sein. Laut Blanding: Ein Restless Fellow auf Zeit, aber dann auch wieder ein Domestic Self. Das Blogmopped wird also für ein viertel Jahr, sprich drei Monate, 12 Wochen, oder 90 Tage, die Farben der amerikanischen Flagge tragen, ich den Backpack und wir gemeinsam tragen die Sehnsucht nach dem Abenteuer, hoffentlich bis an die Westküste und zurück. Keinen Tag länger, bis zum 30. September – was mir der Grenzbeamte bei der Einreise noch mal unmissverständlich klar gemacht hat, „Make sure you leave the country!“. Keine Panik, ich will ja gar nicht bei euch Amis bleiben. Ich will nur mal gucken…

…First stop: New York, New York.

DSC00749