Wandern mit Schwein(ehund)

Swein an board

Hätten wir geahnt was kommt, ich weiß nicht, ob wir es nicht gelassen hätten. Hätten wir doch bloß mehr Radieschenschwänzchen* gegessen, um drahtiger zu werden. Im Nockherbergbiergarten am Abend zuvor vielleicht eine Maß weniger getrunken, länger geschlafen und ganz sicher die Wanderstiefel vorher mehr eingelaufen. So richtig hatte auch irgendwie keiner auf die Karte geschaut, die Enge der Höhenlinien hatte niemanden alarmiert. Aber so konnten wir wenigstens mal den Schweinehund Gassi führen und wir haben auch unseren Auslauf bekommen.

Wie ein norwegischer Fjord windet sich der Königssee dunkel und schmal durch das Tal, rechts und links steigen bewachsene Berghänge aus dem Wasser empor. Es wirkt, als habe der See die grobe Geologie besänftig und den Riss zwischen zwei mächtigen Felsmassiven wie eine Badewanne ausgefüllt. Nur, dass er auf Badende wenig einladend wirkt, selten ist ein Strand zu sehen und 192m vertikale Dunkelheit an der tiefsten Stelle lassen einen friedlichen Schwimmer eher erschaudern als frohlocken. Wenn man mal eine Leiche verschwinden lassen möchte … Karo verlegt ihr für den Rückweg geplantes Triathlontraining gedanklich gleich mal lieber in den Chiemsee. Es ist 9:45 Uhr. Wir schippern still dahin, kein Windhauch kräuselt die Wasseroberfläche. Es ist schwül, Gewitter sind für den frühen Nachmittag vorhergesagt. Laut Radio könnte später auch die Welt untergehen. Wir sind früh in München aufgebrochen um dem Schlimmsten zu entgehen, die Tour abzusagen kam nicht in Frage. Es wird schon gut gehen! Als der Bootsführer beginnt gegen die berühmte Echowand zu trompeten ist die Harmonie so perfekt wie trügerisch.Die Karte ausgefaltet auf dem Schoss nochmal die Route abgehen. Wir rechnen mit 6 Stunden, 7 mit Pause vielleicht. Das hat meine Recherche ergeben. Matthias misst mit den Fingern die Kilometer an den Kästchen nach, hier sehen die Höhenlinien eng aus, steile Anstiege, da ist es besser, wir entscheiden uns am ersten Tag einen anderen Weg zu nehmen als ursprünglich geplant.

St Bartholomä ist ein konstruiertes Idyll, gemacht für Pauschaltouristen, die in Gruppen tagtäglich in das kleine ehemalige Fischerdorf mit der zwiebeltürmigen Kirche strömen. Vom Boot spazieren sie entlang des Pfades am See, wer es weit bringt schlappt noch ein paar abenteuerliche Meter ins weißkiesige Flussbett, dann schleunigst in den Biergarten und zurück aufs Boot. Wir schieben uns durch die Massen an ihnen vorbei, stechen aus der Menge heraus durch unsere klobigen Wanderschuhe, die bunten Rucksäcke und ganz sicher durch unsere Jugendlichkeit. Ein letztes Vorher-Foto, dann reihen wir uns ein, wie eine Seilschaft marschieren wir zu acht entlang des Ufers. Bald beginnt der Weg anzusteigen und die Schwüle lässt den Schweiß tropfen, dann rinnen. Die Hemden werden fleckiger, aber noch sind wir guten Mutes. Es geht bergauf, wir sind wohlauf und die Beine noch nicht müde. Der Wald spendet Schatten. Das Schwein im Rucksack grunzt zufrieden, es freut sich über die Bergluft in seinem Rüssel. Nach einer Stunde eine erste kleine Bergrast im Wald, Südtiroler Schinken und Pustertaler Bergkäse geben eine (Achtung Wortwitz!) ‚wandervolle’ Vesper ab, Joseph klemmt das Brot unter den Arm und schneidet dicke, unregelmäßige Scheiben mit dem Taschenmesser davon ab.

Weiter hinauf, ruft der Berg. So folgen wir und lesen auf den Schildern noch immer nicht Ingolstädter Haus. Wir schrauben uns hinauf, bald über mehr Stein als Stock, Meter für Meter. Der Höhenmesser in Bastis Uhr ist unsere Hoffnung, dass die Zielhöhe – 2100m – bald erreicht ist, und unsere Verzweiflung, weil er so langsam nach oben kriecht. Als der Wasservorrat nach drei Stunden knapp wird füllen wir an einem kleinen plätschernden Bach die Reservoirs wieder auf. Kaltes Wasser rinnt vom Berg durch Gesteinsschichten direkt in unsere Flaschen, wir trinken, füllen wieder auf, trinken, füllen wieder auf. Das Gesicht und die Handgelenke gekühlt trägt die Frische ein Stück den Berg hinauf. Aber bald verdunstet die Erleichterung mit dem Wasser in der Hitze des Nachmittages. Das Schwein mutiert langsam aber stetig zum Schweinehund und grunzt gehässig in meinen Nacken.

Dann rollt das Gewitter heran. Es kracht das erste Mal in der Ferne, die Bergkette am Horizont hinter uns ist in eine dunkle bedrohliche Wolke gehüllt. Wir hasten voran, wissend, dass der auffrischende Wind nichts Gutes bedeuten kann. Die Blicke wandern zum Wegesrand, noch sind wir nicht schutzlos ausgeliefert. Felsbrocken können Schutz bieten. Aber je weiter wir uns hinauf bewegen, desto freier wird das Gelände. Die ersten schweren Tropfen fallen und alle Hoffnung, dass das Wetter an uns vorbeizieht, hat sich in leichte Panik aufgelöst. Ich murmle vor mich hin, das ist nicht gut, was tun? Jetzt schon hinhocken? Nicht hinlegen, zu viel Kontakt zum Boden, hocken ist besser, und alles Metall weg vom Körper. Es grollt wieder. Der Weg biegt sich um eine Ecke, dahinter taucht in einiger Entfernung ein silberner Mast auf, der aussieht wie eine Antenne. Sie reckt sich dem Himmel entgegen als würde sie um den nächsten Blitzschlag betteln. Nicht gut! Nicht näher ran! Karo und Matthias waren schon ein Stück voraus, sie kommen zurück und deuten auf den gegenüberliegenden Hügel, eine Hütte! Mit einem Puls von mindestens 180 kommen wir oben an, mittlerweile hat es kurz gehagelt. Eine Jägerhütte, verschlossen, und ziemlich ausgesetzt…aber wir verharren hier 20 Minuten bis das Gewitter abzieht. Bald sind die Regenjacken wieder zu warm, der graue Himmel längst vergessen. Sonnentag!

Wie weit noch? 3 Stunden steht auf dem nächsten Schild, ein bisschen steht allen der Schock ins Gesicht geschrieben, wir sind seit 4,5 Stunden unterwegs. Immer noch drei? In diesem Moment kann sich keiner vorstellen noch so lange zu laufen. Aber weiter hinauf, ruft der Berg, und wir folgen. In einen Kessel hinein, die ersten Schneefelder überqueren und dann eine Steigung, die mehr Klettern als Wandern erfordert. Aber hier machen wir fast 250 Höhenmeter gut, es geht voran. Eine Frauengruppe, die uns entgegenkommt, sagt es seinen keine weiteren Gewitter mehr vorhergesagt. Mehr Schneefelder kreuzen unseren Weg und wir die Schneefelder, wir steigen wie auf Stufen, die in den Schnee getretene Fußabdrücke sind. Nach jeder Kuppe scannen wir die Landschaft, wann taucht endlich das Ingolstädter Haus auf? Mittlerweile sind es 7 Stunden, ohne große Pause. Eine weitere müssen wir noch aushalten, dann haben wir es geschafft. Im Schatten des großen und kleinen Hundstod liegt unsere Hütte. Wir sind da! 18 Uhr. Der einzige Wunsch eines Verdurstenden ist ein Glas Wasser, der einzige Wunsch eines erschöpften Wanderers ist es die Schuhe auszuziehen. Und ein Getränk. Aber statt Wasser vielleicht eher eine Apfelschorle oder ein Russ oder ein Skiwasser.

Der Rest ist schnell erzählt. Essen, Duschen, Schlafen. Am nächsten Morgen brechen wir nach einem reichhaltigen Frühstück um 8:00 Uhr auf. Vor uns liegen 6 Stunden Abstieg, sechs Stunden Tortur für Knie und Schienbeine. Und so mancher hat sich heftigste Blasen bei dem gestrigen Gewaltmarsch erarbeitet, „leichte Rötungen“ wie Joseph es galant formuliert. Aber mittlerweile können wir leiden. Und das Wetter ist uns wohlgesonnen, Sonne bescheint uns und scheint uns zu dieser frühen Stunde schon viel zu warm. Wir laufen und laufen, sehen Murmeltiere und pausieren am Kärlingerhaus, das sich mit dem romantischen Funtensee und leckerem Käsekuchen schmückt, schmeckt auch um 10 Uhr am Vormittag. Die Saugasse hat ihren Namen verdient und tut nochmal richtig weh, bergab geht es in harten, steilen Zick-Zack Kehren, aber da wir nichts lieber als Höhenmeter verlieren wollen ist dieser Abstieg nur effektiv. Das Hikers’ High setzt danach ein, an einer Kreuzung im Wald verkündet ein gelbes Schild: noch eine Stunde bis St. Bartholomä. Challenge accepted! Im Stechschritt geht es hinunter, aller Schmerz vergessen, wie Pferde, die den Stall wittern, traben wir dem See entgegen.

Als es vollbracht ist noch schnell ein Nachher-Foto und dann schälen wir die Schuhe mit der Haut von den Füßen. Trotz Schmerz: wir haben die Freiheit wiedererlangt! Ein Fußbad im See und dann springen wir in Adiletten auf das nächste Boot, mit den unschuldigen Pauschaltouristen, die soeben aus dem Biergarten gefallen sind und nun aus der Harmonie, da sie mit großen Augen die Rötungen an Bastis Fersen inspizieren. „Sie haben aber nicht solche Blasen, oder?“ fragt mich eine ältere Dame ganz schockiert. Ich schüttle den Kopf und Blicke über den See, die steilen Felswände hinauf. Bald müssen wir die nächste Tour planen!

*zur Radieschenschwanztheorie: So eine irrwitzige Biergartentheorie, entstanden bei Obatzter und Bier.

 

Energisch voraus

Kartenleser

Vorher Gruppenbild

Wanderstiefel

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See

Lisa wird gesäugt

Waldvesper

hinauf

Höhlenstop

Gewitter

green

Bentschie und Karo

Blitzeinschlag?

Kessel

lonely wanderer

schräg

 

chillig

die zwoa

Bergtrupp

Watzmann

immer weiter

Bergexpedition

Expedition 2

Abfahrt

shoulder

Schneetruppe

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Almenblume

Saugasse

Wind!

Karo und die 4 Zwerge

Gruppenfoto Ankunft

Rötungen

Adilettenstyle

Schwein(ehund) auf dem Rücken

 

 

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