International Ocean Film Tour Volume 2

Am 21. März 2015 fand in Hamburg die Premiere der zweiten International Ocean Film Tour statt.

 

Morning Gloryville

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„Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein“ (Peter Fox)

…und so früh auf den Beinen. Eher aufstehen statt später schlafen, green smoothie und Kaffee statt Alkohol und Drogen, Tanzen statt Schlafwandeln – und trotzdem träumen. In der Neuen Heimat besteht das Frühstück aus Tanz und Tollerei. In Traumwelten wirbelnd erhebt sich aus dem Glitzernebel die Morning Gloryville mit ihrer tanzenden Bevölkerung. Jesus ist auch da, ganz in weiß mit langem Rüschenrock und Bluse. So nimmt er das Podest am Ende der Tanzfläche ein. Der Olymp der tanzenden Träumer. Und schwingt und groovt und segnet und weiht und es zuckt durch die Körper, die Masse pulsiert zum Beat und wir sind alle Sünder und Erlöste zugleich in diesem Raum der möglichen Unmöglichkeiten. Wir gehen tanzen, wir gehen feiern, wir haben Glitzer im Gesicht: An einem Mittwoch Morgen um 6:30 Uhr. Und niemand hinterfragt was wir hier tun. Diese Stadt erlaubt uns unser Dasein. Wir sind in Berlin und deshalb tanzen wir!

Diejenigen, die ihre Körper nicht auf der Tanzfläche biegen, tun dies beim Yoga. Oder lassen biegen  – im Massagebereich, wo alternativ gekleidete junge Männer in Stoffhosen und Filzpullovern meditative Streicheleinheiten anbieten. Ein edler Jüngling mit Federhut streift durch das Gewoge, der fein herausgeputzte Opa in Weste und Stiefeln, Mädchen mit hüpfenden Pferdeschwänzen in engen glänzenden Leggings wirbeln Hulahoop Reifen, Männer in engen Leggings präsentieren stolz Maurerdekoltees und definierten Yogaoberkörper. Sie aalen sich in der Menge und werden getragen von Musik und tanzenden Händen. Schillernde Farben machen Menschen fröhlich und fröhliche Menschen schillern farbenfroh. Es ist ein Geben und Nehmen. Eine harmonische Unbesorgtheit, eine wunderbare Ganzheit. Und über all dem liegt eine Aura der träumerischen Abwesenheit und präsenter Achtsamkeit. Abdriften und Bewusstsein. Dort und Hier sein. Der Traum ist der Moment. Eineinhalb Stunden dieses neuen Morgenrituals, dann tanzen wir kurzärmelig in den sonnigen Berliner Morgen hinein und kehren langsam zurück in die Welt, in den Strom der alltäglich Geschäftigen. Mit einem tanzenden und einem lachenden Auge.

Die Frau hinterm Crobag Tresen am Hauptbahnhof starrt mich an. Ich muss den Cappuccino zweimal bestellen bis sie mich hört. „Schuldige, das glitzert so“ murmelt sie verwirrt und fragt dann etwas vorwurfsvoll verwundert „Wo warst du denn?“ Sie fragt noch zweimal ob ich den Cafe mitnehmen möchte und ob ich Kakaopulver obendrauf haben will. Und dann vergisst sie den Kakao doch. Ich dachte ein bisschen Glitzer im Gesicht sei in Berlin kein Grund zur Aufregung.

Im ICE nach Hamburg ist nicht viel los. Alle Pendler sind schon in ihren Büros, Touristen mitte der Woche eine Rarität. Es rieselt Glitzer auf mein T-Shirt als ich mir gedankenverloren durch die Augenbraue streife.  Feenstaub aus der Morning Gloryville. Und während die Landschaft draußen vorbeizieht schweifen die Gedanken noch durch eine entgrenzte Welt aus Farben und Beats.

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Fördeläufer

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„Das nächste Mal trainiere ich im Norden“, sagt Karo und grummelt noch hinterher „so ne Scheißstrecke!“. Im Süden läuft man über Berge, im Norden gegen den Wind. Nicht, dass ich nicht mit Gegenwind gerechnet hätte. Die steife Brise hat uns einiges abverlangt. 21km Halbmarathon, 10km gegen den Wind. Hin Förde rechts, zurück Förde links. Vom Ostseekai vorbei am Seehundbecken, dem KYC, der Seebar und hoch zur Marinebasis, Wende, und alles wieder zurück, noch ein Stückchen weiter, volle Winddröhnung von vorne am Wendepunkt, und wieder zurück, Marinebasis, Wende, und nochmal den Rückweg antreten.

KM10. Ich verfluche die Welt. Jetzt schon. Die verdammte Sonne ist zu warm, meine Beine sind zu schwer, die anderen Läufer zu schnell und zu weit vor mir – ich kann zu wenig Windschatten laufen, und überhaupt habe ich zu wenig trainiert. In meinem Kopf tobt ein erbitterter Kampf, positive und negative Gedanken ringen um die Oberhand des Bewusstseins. „It is a curious thing: Consciousness trying to deny consciousness“ sagt Murakami über den Versuch in großer Erschöpfung sich selbst und den Schmerz, sein eigenes Bewusstsein mit Hilfe des Bewusstsein zu leugnen. Einfach laufen.

KM 13. Nostalgischer Schmerz. Das Bewusstsein der Vergänglichkeit. Alles furchtbar. Früher bin ich bei dieser Distanz noch wie ein junges Reh herumgesprungen. Ich warte vergeblich auf das Runner’s High nach 1:15, das mir früher so zuverlässig hier die Hand schüttelte. Es versetzt mich. Mit jedem Schritt sinke ich tiefer in den Asphalt. Meine Oberschenkel sind harte, knorrige, alte Holzstücke.

KM 16. Ich bin eine Maschine. Schritt für Schritt. Ich bin eine Maschine. Schalte den Kopf aus! Du bist eine Maschine!

KM 19. Wie schön wäre es zu gehen. Jetzt den Schritt zu verlangsamen und stehenzubleiben. Eine unglaubliche Vorstellung, paradiesisch. Einfach stehenbleiben. Aber es geht nicht. Ich bin gekommen um zu laufen. Nur einmal noch durchhalten, den Schmerz 10 finale Minuten ertragen. Ich halluziniere von einem Bett auf dem Asphalt.

Erst 300m vorm Ziel packt mich die Erleichterung und ich bin mir zum ersten Mal sicher, dass ich es schaffen werde. Ich trinke 6 Becher Energy Drink. Salzkruste verziert mein Gesicht, Karo hat auch einen wunderbar weißen Schnurrbart. Es ist geschafft, tatsächlich vorbei.

Später fahre ich mit dem Rad durch Kiel. Es ist kurz nach fünf und die Sonne steht tief, vorbei am Schrevenpark über das Kopfsteinpflaster, vorbei an den schönen Altbauten, es sind kaum Menschen unterwegs. Ein Hauch Frühling liegt in der Luft. Mein Körper ist erschöpft, aber es ist eine angenehme Müdigkeit, die mich umgibt. Eine wohlige Schwere wie nach einem tiefen Mittagsschlaf. Ich treibe dahin, ohne Hast. Der Lauf, so qualvoll im Moment des Rennens, hat mich befreit. Mir Ruhe geschenkt. Mich mir wieder näher und Karo nach Kiel gebracht.

Karo hat Recht, kein Rundkurs ist kein Spaß und Wind beim Laufen ist ätzend. Kiel Halbmarathon einmal gemacht, ausprobiert, abgehakt – nicht unbedingt nochmal. Und trotzdem, kein Zweifel daran: Es war großartig.

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