Die Nebel vom Winnebachsee

Vor dem Bahnhof sitzen zwei wenig geschmackvoll geschminkte Mädchen, sie sind vielleicht vierzehn oder fünfzehn. Beide tragen Leggins und Kopfhörer, neben ihnen stehen Einkaufstüten von Primark. Wahrscheinlich shoppen in Innsbruck gewesen. Sie tippen den Kopf gesenkt auf ihren Smartphones herum, das der Blonden steckt in einer pink-rosa Hülle mit Strasssteinchen. Die Braunhaarige kaut intensiv schmatzend Kaugummi, beäugt sich immer wieder kritisch in der Fensterscheibe des Bahnhofcafés und spitzt dabei den Mund, nein, manchmal öffnet sie ihn auch lasziv. Ab und zu zeigen sie sich Bilder oder Nachrichten und kiechern hysterisch und sagt irgendwas in starkem Österreichischem Dialekt. Ich öffne mir ein Bergbier, eine Dose Almdudler und versuche runterzukommen. Anzukommen. Um mich herum hängen die Berggipgfel im Nebel, die ganze Szenerie ein dunkles feuchtes Grüngrau. Kein sonnenfarbiger Heidisommer, aber immerhin riecht es nach Wiese und Kuh.

Zwanzig Minuten später sitze ich im Bus, mir gegenüber die zwei Mädels vom Bahnhof – schmatzend und kiechernd wie eh und je. Ich bin eigentlich entspannt, weil sich das im Urlaub mit Backpack, Wanderstiefeln und Buch statt iPhone einfach anbietet. Aber meine Ohropax sind irgendwo ganz unten im Rucksack und deshalb wünsche ich mir, dass die zwei in einem der nächsten Dörfer bitte einfach aussteigen mögen. Sonst sind noch ein paar Wanderer im Bus, zu erkennen an ihren funktionalen Funktionsklamotten. Die wirken auch leicht genervt von den kaum eloquenten Äußerungen der jungen Damen. Kann nicht jemand volkstümlich jodeln?

Wir kommen drei Haltestellen weit, dann ruckt der Bus und steht still. Vor uns zieht sich eine lange Autoschlange die Serpentinen hoch. Nichts bewegt sich, kein Ende in Sicht und keine Ahnung was los ist. Wir stehen. Die Temperatur steigt. Der Fluss? Ah, Brücken gesperrt also. Die Ötztaler Ache hat sich, um es in den Worten von Kyle Dempster (der Kirgistantyp aus der letzten EOFT) auszudrücken, in einen „great chocolate milk river“ verwandelt. Ein brackig brauner reißender Fluss, der an den Brücken nagt. An uns vorbei ziehen Handwerkerautos und Feuerwehrwägen. Wir bleiben wo wir sind. Nach einer Stunde schnallt der Mann hinter mir sein Fahrrad vom Hänger und begibt sich auf zwei Rädern weiter ins Tal. Die Mädchen diskutieren über einen Typen aus der Klasse und schießen Selfies. Nach eineinhalb Stunden kommt die Durchsage, dass in einer halben Stunde entschieden wird ob in einer Stunde die Strecke freigegeben wird, oder so. Die Blonde ruft ihre Mutter an. Sie können beim Hans schlafen wenn es heute nicht mehr weitergeht. Der Bus erwacht zum Leben, der Motor heult auf, wir fahren zehn Meter nach vorne und stehen wieder. Die Maschine blubbert und stirbt. Ruhe und Hitze. Die Mutter ruft wieder an. Ja, in den Nachrichten haben sie gerade etwas gebracht. Schon 15 km Stau im Ötztal. Jetzt packen sie die Klamotten aus und probieren an, schießen mehr Fotos. Ich lehne mich gegen meinen Rucksack und schließe die Augen. Schon kurz vor sechs. Ich muss doch noch mindestens 2 Stunden aufsteigen heute. Seit 5:15 Uhr bin ich unterwegs, Hamburg – München – Kufstein – Innsbruck – Ötztal mit der Bahn.

Irgendwann geht es tatsächlich weiter, wir werden umgeleitet durch ein Industriegebiet, weil die Straße überflutet ist. Dreißig Minuten später komme ich an der Kreuzung Längenfeld/Gries an. Ich linse skeptisch zum Himmel, immer noch dicke Wolken. Den Rucksack auf dem Rücken beginne ich auf der Straße nach Gries Höhenmeter zu machen. Längenfeld liegt auf 1173m, Gries auf 1600m und die Hütte auf ca. 2400m. Ich halte den Daumen raus, zumindest den Aufstieg bis Gries kann ich mir sparen. Elfriede und ihre Tochter nehmen mich mit. Michel und Nina auf der Hütte kennen sie natürlich. Sie fährt mich bis zum Einstieg des Wanderweges nach Winnebach hoch, ein sehr gelegener Service zu dieser späten Wnaderstunde. Ich soll anrufen, wenn ich oben bin. Michel und Nina haben ihre Nummer. Ich bedanke mich und bin gerührt, hier kann wirklich keiner verloren gehen.

„Wacker Innsbruck greift über links an, Lukas Riml mit TORRES Trikot stürmt auf das Tor zu. Doch was ist das, da grätscht Red Bull Salzburg dazwischen, Judith Riml vereitelt den Angriff. Richtungswechsel. Dann kommt Luttermann dazwischen, dribbelt geschickt mit der neuen Crocs-Hüttenschuh-Taktik an Riml und Riml vorbei und TOR TOR TOR, Deutschland ist Fußballbergmeister!“

Die Nebel weichen zwei Tage lang nicht von unserer Seite. Ich umrunde den See und muss aufpassen, dass ich auf den bemoosten nassen Felsbrocken nicht ausrutsche. Die Kühe höre ich von der Hütte, sehe sie aber erst ein paar Meter vor mir aus dem Nebel auftauchen. Gollum müsste jetzt auftauchen, ich wäre nicht überrascht. Ein kurzer Besuch beim Steinhaufen vor der Rimlspitz, den Wasserfall kriege ich heute nur zu Gehör. Viel Wasser, so viel Wasser. Jetzt auch von oben und so verziehe ich mich wieder nach drinnen, in die Jogginghose und hinter die Seiten des Buches.

Hüttentage. Riechen nach Holz. Und Fußschweiß. Und Kaspressknödeln.

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