Literarische Brieffreunde

Ich dachte die Sommerlektüre für 2014 gefunden zu haben. Aber Bernhard Schlink muss sich unerwartet den Liegestuhl mit Paul Auster und John M. Coetzee teilen. Mir scheint, dass wenn man sich wieder Zeit nimmt zu lesen, die guten Geschichten einen nicht mehr in Ruhe lassen. Wie der Freizeitstress, oder Sozialstress, kann ich mich kaum entscheiden – sie stehen in Schlange, auf meinem Nachttisch, im Regal, stapeln sich auf dem Schreibtisch, auf dem Sofa. Und noch als Ideen lungern sie auf Listen, in Bibliothekskatalogen und Amazon Warenkörben. Intertextualität, Fluch und Segen. Sie empfehlen sich gegenseitig, verweisen direkt und indirekt aufeinander. Wenn Paul Auster von Kafka spricht, dann werde ich schmerzlich daran erinnert, dass Kafka schon lange auf meiner „To Read“ Liste steht. Amazons „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch…“ ist ein geschickter kapitalorientierter Schachzug, aber ich falle gerne drauf rein. Und um die Amazon Sündenkäufe wieder auszugleichen bin ich Stammkunde bei stories! in Hamburg, der besten Buchhandlung der Welt.

Bringen wir Auster und Coetzee zu Ende, dabei sind die Briefe so gedankenreich, dass ich wünschte die beiden weisen Herren des Literaturzirkus hätten sich länger als 4 Jahre geschrieben. In Rücksichtnahme auf ihr Alter verzeiht man ihnen gerne den ein oder anderen abwertenden Kommentar zu Poetry Slam und das Beklagen des Fehlens großer Ideen und großer Schriftsteller in den vergangenen Jahrzehnten. Die Vergangenheit verherrlicht sich so problemlos, lassen wir ihnen den Spaß. Dafür können sie eine Menge berichten, von Verlegern und Literaturagenten, von literarischen Werken und linguistischen Feinheiten, sie versuchen sich an Wirtschaftskritik und scheitern selbstironisch [„Eine andere Lösung, die mir neulich einfiel, könnte so aussehen, dass die Regierungen ungeheure Mengen Geld drucken und jedem einzelnen Menschen auf der Erde etliche zehntausend Dollar in die Hand geben. Da steckt sicher ein Fehler drin (übersehe ich die Möglichkeit einer galoppierenden Inflation?), aber wenn ich nicht irre, werden die Rettungsaktionen doch genau auf diese Weise finanziert: indem man mehr Geld druckt.“ (Paul Auster) ]. Sie, der langjährige Schriftsteller Auster und der Literaturprofessor und Autor Coetzee, erregen sich über Politik und analysieren philosophisch, und werden noch philosophischer aber auch beispielhaft konkret bei den Themen Freundschaft, Sex und Sport. Sie halten ihr Versprechen, das Auster vorschlug, „In einen offenen Dialog [zu] treten […], der jedes Thema berühren dürfte“. Und sie können ohne Zweifel „aneinander, so Gott will, ein paar Funken schlagen“.

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