Sommerliche Schneeverwehungen

P1010200

In den Bergen ist man als halbwegs erfahrener Wanderer eigentlich ständig auf Schnee eingestellt, egal wo die Jahresuhr gerade steht. Trotzdem ist es immer wieder faszinierend, wenn einem dann wirklich die Flocken ins Gesicht wehen. Im August, verrückt. Wir kletterten in zackigen Serpentinen den Hang hoch, die Temperatur sackt in den Keller. Von Regen zu Sonne zu Regen zu Graupel und Nebel. So sah unser Aufstieg in den ersten 2,5 Stunden aus. Und jetzt Schnee für die finale Stunde in der uns u.a. noch ein Grat bis zur Hütte erwartet. Holla, der Bergtroll. Und ich habe auch noch meine wasserfeste Jacke auf der letzten Hütte liegengelassen. Aber wir arbeiten klamottentechnisch nach dem Schichtprinzip, das hält eine Weile trocken. Nur nicht anhalten, nicht auskühlen. Auf dem Grat zur Kaunergrathütte schaltet das Wetter noch das Gebläse ein – jetzt sind es Schneeverwehungen und auch die Funktionsjacken der Mädels halten nicht mehr so richtig warm. Wir schlottern und rutschen der Hütte entgegen, die in der Ferne erscheint. Der Wirt begrüßt uns schneefegend auf der Terasse, „Mei, die Madeln, kommts h’nein!!“. Urig, absolut gemütlich hier. Ein Abend mit Akkordeon und Volksliedern, Schnaps und Tee und Fritattensuppe wärmt uns auf. Und schickt uns im gemütlichen Lager in tiefe Träume auf 2800m. Während draußen weiter der Schnee fällt.

Am nächsten Tag latschen wir uns die Füße ganz schön platt, 8 Stunden über Stock und Stein. Es hat aufgehört zu schneien, ist aber ziemlich matschig. Es ist unmöglich zwischen Kuhkacke und richtigem Dreck zu unterscheiden, elegant zerfließen die Fladen und schleusen sich ins Netzwerk der Rinnsale auf den Trampelpfaden ein. Gut, dass unsere Schuhe so hoch sind. Wir latschen einfach durch und machen uns schmutzig, herrlich. Nebel ziehen, Sonne scheint, Regen tropft, Schnee grieselt. Sowas nennt man wohl wechselhaftes Wetter. Brotzeit mir selbstgemachten Müsliriegeln von Karo, Kaspressknödel und Käse. Dann gehts weiter. Die zweite Hütte ist zu groß, zu voll, zu kommerziell. Wir spielen den frust mit Monopoly Deal weg und probieren mitgebrachten Kaffee aus der Papptüte mit Filter (growerscup.com) – großartig!

Morgens wecken uns die Sonnenstrahlen erst so richtig auf als wir schon unterwegs sind. Dringen hinter den Gipfeln hervor, fluten langsam die Täler mit Licht, erinnern uns an die Erhabenheit der Berge, ein unglaubliches Panorama. Meine Füße sind allerdings platt. Nach Monaten der Flipflops machen mir die Wanderstiefel zu schaffen. Ich mache mich an den vierstündigen Abstieg, die Mädels machen noch einen Gipfel. Auf meinem Weg ins Tal begegnet mir ein Russisches-Zupfkuchen-Schaf und ich werde für eine Weile von einer blökenden Herde verfolgt. Komme aber schließlich heil unten an und kaufe erstmal 2kg Käse aus der Sennerei vor Ort. Später kommen auch die Mädels ins Tal gesprungen. Es ist mittlerweile wirklich wieder August – kaum auszuhalten in der Sonne. Gegen fünf steigen wir in den VW Bus und düsen wieder gen Deutschland. Immer schön so ein Kurztrip in höhere Gefilde.

P1010160 P1070537

Wandererblitzer?

P1010172 P1070543 P1070546 P1070531 P1010181 P1010185 P1010182 P1010184 P1010196 P1010187 P1010190 P1010199 P1070554 P1070547 P1070558 P1070567 P1070572 P1070581 P1070587 P1070595P1070598 P1070607 P1010230

P1070609

 Das Pitztalsche‘ Zupfkuchenschaf

P1070634 P1070635 P1070660

 

Die Nebel vom Winnebachsee

Vor dem Bahnhof sitzen zwei wenig geschmackvoll geschminkte Mädchen, sie sind vielleicht vierzehn oder fünfzehn. Beide tragen Leggins und Kopfhörer, neben ihnen stehen Einkaufstüten von Primark. Wahrscheinlich shoppen in Innsbruck gewesen. Sie tippen den Kopf gesenkt auf ihren Smartphones herum, das der Blonden steckt in einer pink-rosa Hülle mit Strasssteinchen. Die Braunhaarige kaut intensiv schmatzend Kaugummi, beäugt sich immer wieder kritisch in der Fensterscheibe des Bahnhofcafés und spitzt dabei den Mund, nein, manchmal öffnet sie ihn auch lasziv. Ab und zu zeigen sie sich Bilder oder Nachrichten und kiechern hysterisch und sagt irgendwas in starkem Österreichischem Dialekt. Ich öffne mir ein Bergbier, eine Dose Almdudler und versuche runterzukommen. Anzukommen. Um mich herum hängen die Berggipgfel im Nebel, die ganze Szenerie ein dunkles feuchtes Grüngrau. Kein sonnenfarbiger Heidisommer, aber immerhin riecht es nach Wiese und Kuh.

Zwanzig Minuten später sitze ich im Bus, mir gegenüber die zwei Mädels vom Bahnhof – schmatzend und kiechernd wie eh und je. Ich bin eigentlich entspannt, weil sich das im Urlaub mit Backpack, Wanderstiefeln und Buch statt iPhone einfach anbietet. Aber meine Ohropax sind irgendwo ganz unten im Rucksack und deshalb wünsche ich mir, dass die zwei in einem der nächsten Dörfer bitte einfach aussteigen mögen. Sonst sind noch ein paar Wanderer im Bus, zu erkennen an ihren funktionalen Funktionsklamotten. Die wirken auch leicht genervt von den kaum eloquenten Äußerungen der jungen Damen. Kann nicht jemand volkstümlich jodeln?

Wir kommen drei Haltestellen weit, dann ruckt der Bus und steht still. Vor uns zieht sich eine lange Autoschlange die Serpentinen hoch. Nichts bewegt sich, kein Ende in Sicht und keine Ahnung was los ist. Wir stehen. Die Temperatur steigt. Der Fluss? Ah, Brücken gesperrt also. Die Ötztaler Ache hat sich, um es in den Worten von Kyle Dempster (der Kirgistantyp aus der letzten EOFT) auszudrücken, in einen „great chocolate milk river“ verwandelt. Ein brackig brauner reißender Fluss, der an den Brücken nagt. An uns vorbei ziehen Handwerkerautos und Feuerwehrwägen. Wir bleiben wo wir sind. Nach einer Stunde schnallt der Mann hinter mir sein Fahrrad vom Hänger und begibt sich auf zwei Rädern weiter ins Tal. Die Mädchen diskutieren über einen Typen aus der Klasse und schießen Selfies. Nach eineinhalb Stunden kommt die Durchsage, dass in einer halben Stunde entschieden wird ob in einer Stunde die Strecke freigegeben wird, oder so. Die Blonde ruft ihre Mutter an. Sie können beim Hans schlafen wenn es heute nicht mehr weitergeht. Der Bus erwacht zum Leben, der Motor heult auf, wir fahren zehn Meter nach vorne und stehen wieder. Die Maschine blubbert und stirbt. Ruhe und Hitze. Die Mutter ruft wieder an. Ja, in den Nachrichten haben sie gerade etwas gebracht. Schon 15 km Stau im Ötztal. Jetzt packen sie die Klamotten aus und probieren an, schießen mehr Fotos. Ich lehne mich gegen meinen Rucksack und schließe die Augen. Schon kurz vor sechs. Ich muss doch noch mindestens 2 Stunden aufsteigen heute. Seit 5:15 Uhr bin ich unterwegs, Hamburg – München – Kufstein – Innsbruck – Ötztal mit der Bahn.

Irgendwann geht es tatsächlich weiter, wir werden umgeleitet durch ein Industriegebiet, weil die Straße überflutet ist. Dreißig Minuten später komme ich an der Kreuzung Längenfeld/Gries an. Ich linse skeptisch zum Himmel, immer noch dicke Wolken. Den Rucksack auf dem Rücken beginne ich auf der Straße nach Gries Höhenmeter zu machen. Längenfeld liegt auf 1173m, Gries auf 1600m und die Hütte auf ca. 2400m. Ich halte den Daumen raus, zumindest den Aufstieg bis Gries kann ich mir sparen. Elfriede und ihre Tochter nehmen mich mit. Michel und Nina auf der Hütte kennen sie natürlich. Sie fährt mich bis zum Einstieg des Wanderweges nach Winnebach hoch, ein sehr gelegener Service zu dieser späten Wnaderstunde. Ich soll anrufen, wenn ich oben bin. Michel und Nina haben ihre Nummer. Ich bedanke mich und bin gerührt, hier kann wirklich keiner verloren gehen.

„Wacker Innsbruck greift über links an, Lukas Riml mit TORRES Trikot stürmt auf das Tor zu. Doch was ist das, da grätscht Red Bull Salzburg dazwischen, Judith Riml vereitelt den Angriff. Richtungswechsel. Dann kommt Luttermann dazwischen, dribbelt geschickt mit der neuen Crocs-Hüttenschuh-Taktik an Riml und Riml vorbei und TOR TOR TOR, Deutschland ist Fußballbergmeister!“

Die Nebel weichen zwei Tage lang nicht von unserer Seite. Ich umrunde den See und muss aufpassen, dass ich auf den bemoosten nassen Felsbrocken nicht ausrutsche. Die Kühe höre ich von der Hütte, sehe sie aber erst ein paar Meter vor mir aus dem Nebel auftauchen. Gollum müsste jetzt auftauchen, ich wäre nicht überrascht. Ein kurzer Besuch beim Steinhaufen vor der Rimlspitz, den Wasserfall kriege ich heute nur zu Gehör. Viel Wasser, so viel Wasser. Jetzt auch von oben und so verziehe ich mich wieder nach drinnen, in die Jogginghose und hinter die Seiten des Buches.

Hüttentage. Riechen nach Holz. Und Fußschweiß. Und Kaspressknödeln.

P1070520 P1070516 P1070479 P1070511 P1070513

Im Fell eines Anderen

Es war schweißtreibend, einige Kinder liefen schreiend weg und manche hielten mich für männlich (O-Ton FackjuGöte-Jugendlicher: „ey bist du n Typ? Kla, fühl ma anner Schulta ey, isch schwör, du bist n Typ!“) – no matter what: I crossed something off my bucket list this weekend:

  • Work for a promotion company and wear a mascot costume, CHECK √

Einmal im Leben ein Muskel-Kater sein, eher ein muskulöser Kater und bei näherer Betrachtung doch eher dickbäuchig und aufgeschwemmt mit Schuhen der Dimension eines Waldbrandaustreters. Aber egal, denn aller Hitze und den seltsamsten Reaktionen zum Trotz gab es hauptsächlich Folgendes zu beobachten: Leuchtende Kinderaugen und sanfte Streicheleinheiten, kräftigen Händedruck und High Five’s, gekreischte Begeisterung, schwungvolle Umarmungen (Asiaten ganz vorne!), die lächelnde Wiederbelebung abgekämpfter Radfahrer und vor allem jede Menge Fotos!

IMG_6098 IMG_6099 IMG_6100 IMG_6104 IMG_6106

 

Literarische Brieffreunde

Ich dachte die Sommerlektüre für 2014 gefunden zu haben. Aber Bernhard Schlink muss sich unerwartet den Liegestuhl mit Paul Auster und John M. Coetzee teilen. Mir scheint, dass wenn man sich wieder Zeit nimmt zu lesen, die guten Geschichten einen nicht mehr in Ruhe lassen. Wie der Freizeitstress, oder Sozialstress, kann ich mich kaum entscheiden – sie stehen in Schlange, auf meinem Nachttisch, im Regal, stapeln sich auf dem Schreibtisch, auf dem Sofa. Und noch als Ideen lungern sie auf Listen, in Bibliothekskatalogen und Amazon Warenkörben. Intertextualität, Fluch und Segen. Sie empfehlen sich gegenseitig, verweisen direkt und indirekt aufeinander. Wenn Paul Auster von Kafka spricht, dann werde ich schmerzlich daran erinnert, dass Kafka schon lange auf meiner „To Read“ Liste steht. Amazons „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch…“ ist ein geschickter kapitalorientierter Schachzug, aber ich falle gerne drauf rein. Und um die Amazon Sündenkäufe wieder auszugleichen bin ich Stammkunde bei stories! in Hamburg, der besten Buchhandlung der Welt.

Bringen wir Auster und Coetzee zu Ende, dabei sind die Briefe so gedankenreich, dass ich wünschte die beiden weisen Herren des Literaturzirkus hätten sich länger als 4 Jahre geschrieben. In Rücksichtnahme auf ihr Alter verzeiht man ihnen gerne den ein oder anderen abwertenden Kommentar zu Poetry Slam und das Beklagen des Fehlens großer Ideen und großer Schriftsteller in den vergangenen Jahrzehnten. Die Vergangenheit verherrlicht sich so problemlos, lassen wir ihnen den Spaß. Dafür können sie eine Menge berichten, von Verlegern und Literaturagenten, von literarischen Werken und linguistischen Feinheiten, sie versuchen sich an Wirtschaftskritik und scheitern selbstironisch [„Eine andere Lösung, die mir neulich einfiel, könnte so aussehen, dass die Regierungen ungeheure Mengen Geld drucken und jedem einzelnen Menschen auf der Erde etliche zehntausend Dollar in die Hand geben. Da steckt sicher ein Fehler drin (übersehe ich die Möglichkeit einer galoppierenden Inflation?), aber wenn ich nicht irre, werden die Rettungsaktionen doch genau auf diese Weise finanziert: indem man mehr Geld druckt.“ (Paul Auster) ]. Sie, der langjährige Schriftsteller Auster und der Literaturprofessor und Autor Coetzee, erregen sich über Politik und analysieren philosophisch, und werden noch philosophischer aber auch beispielhaft konkret bei den Themen Freundschaft, Sex und Sport. Sie halten ihr Versprechen, das Auster vorschlug, „In einen offenen Dialog [zu] treten […], der jedes Thema berühren dürfte“. Und sie können ohne Zweifel „aneinander, so Gott will, ein paar Funken schlagen“.

IMG_5872