Scheinfreiheit

Scheinfreiheit

Benzin ist das Parfüm des Sommers,

das Eau de Toilette der Straße.

Denn,

wo Geschwindigkeit und Zeit unter Rädern

einen Roadmovie drehen,

dreht sich die Welt in gefilterten Farben

zu sonnenbrauner Haut,

tanzen beachblonde Strähnen im Wind der

Fahrt.

Um in Fahrt zu bleiben

 werfe ich Scheine in den Tank,

aber es gab nie eine bessere Gelegenheit

Geld zu verbrennen.

Ich verdiene Kilometergeld,

 need money ‚cause I got wheels.

Freiheit ist kein Schein,

der Schein aber ist Freiheit

denn Freiheit, hat ihren Preis

und manchmal

kann man Freiheit kaufen.

 66824_617382304968398_2068292170_n(Bild: http://www.visualstatements.net/)

Sommerlügen

Nachsaison. Die Nacht in Baden-Baden. Das Haus im Wald. Der Fremde in der Nacht. Der letzte Sommer. Johann Sebastian Bach auf Rügen. Die Reise nach Süden.

Meine Sommerlektüre: Kurzgeschichten von B. Schlink.

Sommerlügen

„Kennen Sie die Küste nördlich von San Francisco? Manchmal felsig und rauh, dann wieder sandig und sanft, der Pazifik abweisender und unerbittlicher als jedes andere Meer, die zum Meer abfallenden Berge morgens nebelverhangen und dann, in der Mittags- und Abendsonne, mit ihrem trockenen braunen Gras golden leuchtend – es ist, als würde die Welt in ihrer Schönheit jeden Tag neu erschaffen. Mein Haus lag am Hang, so weit unterhalb der Straße, dass ich den Verkehr nicht hörte, und so nahe am Meer, dass mich sein Rauschen vom Morgen bis zum Abend begleitete, nicht laut und bedrohlich, sondern leise und versöhnlich. Ah, und die Sonnenuntergänge! Besonders mochte ich die in Rot und Rosa, Gemälde von verschwenderischer Farbenpracht. Aber berührt haben mich ebenso die verhaltenen, bei denen die Sonne blass in den Dunst über dem meer eintaucht und spurlos verschwindet.“ Er lachte leise, ein bisschen ironisch, ein bisschen verlegen. „Ich bin ins Schwärmen gekommen? Ja, das bin ich wohl. Ich könnte noch viel mehr schwärmen: von der kräftigen, salzigen Luft und den Gewittern und den Regenbogen über dem Meer und dem Wein.“

(Der Fremde in der Nacht, S. 151)

 

Wandschatten

Wenn es dunkel wird in der Feldstraße und kein Licht im Wohnzimmer Schatten wirft, dann kommt es von draußen herein. Wirft eigene Schatten an der weißen Wand gegenüber vom Fenster. Rostbraunes Licht und schwarzbraune Schatten. Im Straßenlaterneneschein ein windiges Blättertanzen wie in Gedichten. Radschatten durch Speichen leuchten die Reflektoren flackern. Sofapublikum beobachtet fasziniert die Szenerie. Ganz still dem Stummfilm lauschend. Der Welt entrückt. Die Dachbodenmaus sieht Wolkenrennen, in einem alten Fernsehapparat.

scherbenglücklich

Für 1,50 Euro gibt es nur ein Kleines, recht  Billiges. Von IKEA vielleicht. Mit 2 Euro schafft man es schon eine Etage höher. Aber ab 3 Euro wird es spannender. Da wird nicht nur tiefer Fall geboten, sondern auch besondere Form. Ganz oben die Topkandidaten, kostspielige 4 Euro. Elegant splitternde Prachtexemplare. Warum Schokoriegel aus Automaten ziehen, wenn man auch Gläser zerdeppern und dabei zusehen kann. Absurd. Aber Scherben bringen wenigstens Glück, vielleicht mehr als Schokolade.

(NordArt 2014, Büdelsdorf)

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Not California

Vieruhrdreissig: Wecker. Board im Auto. Thermoskannenkaffee. Über Landstraßen kurven, Musik ganz laut gegen die Müdigkeit. Es wird nicht heller. Vom Klanxbüll Parkplatz in die NordOstsee Bahn. Hindenburgdamm queren. Auflaufend Wasser. Weiterhin stählerndes Grau ohne Inselabrisskante. Durch die menschenleere Fuzo Westerlands marschiert. Strand. Wo sollte sie sein, die Welle? Zugig. Tröpfelt nass. Grauer als grau. Ein Stündchen Schlaf im Strandkorb, abgewandt vom Wind. Ich spüre meine Füße in den Chucks trotzdem beim Aufwachen nicht mehr. Blick um die Ecke: Ich habe keine Wellen erträumt. Windkackbrandung, sonst nix. Mir ist kalt. Hilft ja alles nichts. Rückzug ins Cafe und wieder abgedampft. Sylt ist nicht Kalifornien. Muss auch nicht, wär aber schön gewesen.

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Manche leuchten

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MANCHE LEUCHTEN

Steht in großen gelben Lettern über dem Eingang.

Und wieder bin ich. Abkommen vom gelehrten Lernpfad. Aus Vorlesungsskripten entschlüpft und Seminaraufzeichnungen vergessen. Auf Weltenwanderung, über Einbandstraßen und Seitenwege, den Wortgewalten ausgesetzt zwischen den Regalen campen und Textverweise als Landkarten nutzen, um sich in neues Terrain vorzuwagen. Schwimme über Grenzen und lasse mich treiben. Von Germanistiklanden nach Anglo-Amerika, ein Abstecher in den Orient und weiter in philosophische Gefilde: Gerade Goethe bei G getroffen, den alten Klassiker – hatte zu viel Wein gesoffen, auf italienischer Reise. Neben Reisebildern aus Italien gibt es bei Dickens Notes from America zu lesen. Haruki Murakamis Eismann schmilzt nicht unter japanischer Sonne – er sonnt sich im westlichem Glanz des Erfolgs. Foucault diskursiert, Derrida dekonstruiert, Lacan schaut in den Spiegel und Butler nimmt gender auseinander. Poststrukturalistische Heiterkeit. Himmel, man kann sie gar nicht alle lesen, aber ihre Ideen – sie sind so schön. Ich kann mich in Bibliotheken nicht besser auf das Lernen konzentrieren. Ich bin unermüdlich bemüht abgelenkt zu sein. Auf Streifzug zwischen den Regalen. Kann mich dem Leuchten nicht entziehen. Um die Ecke zieht sich die Schrift weiter.

MANCHE LEUCHTEN – WENN MAN SIE LIEST. (A. Gide)

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T-R-I-gonometrie

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Man muss auch mal Dinge auf sich zukommen lassen. Komfortzone und sicheren Hafen verlassen und so. Fakt: Man kann ohne (viel und strukturiertes) Training einen Triathlon überleben. Wenn man in Kauf nimmt, dass die Zeit nicht rekordverdächtig und die Beine auf dem Weg wackelig werden – waren gerade beschrittene Wege denn je interessant? Weil sich das vermutlich viele Amateure denken, kommt Schwimmen am Anfang – damit nicht so viele Möchtegernathleten vom Seegrund geborgen werden müssen. Im Rahmen des Radfahrens über dem Rahmen zusammenbrechen oder beim Laufen der Erschöpfung freien Lauf geben ist aus Rettersicht halb so schlimm, weil der Mensch doch allgemein eher Land- als Wasserratte ist.

Die Ruhe nach und vor dem Sturm. Der Chiemsee hat sich beruhigt, hat seine Wellen gezügelt und das Gewitter ist an andere Front abgezogen. Grau, aber ruhig, so steht das Gewässer vor dem Bergpanorama als stehendes Gewässer und wartet. Auf uns. Neun Uhr fünfundzwanzig. Ich sehe 400 Pinguine ins Wasser staksen, ich einer davon, und überlege mir im Delirium des Vorstartszustandes (Warum warum warum tun wir uns das an?), wie irrsinnig seltsam der Mensch doch ist. Versucht, sich mit imitierter Fettschicht elegant im Wasser fortzubewegen. Hüfthoch watend warten wir, hektisches Brillengeputze. Der Mensch muss sehen, aber auch ohne Beschlag sieht man wie durch Milchglas in diesem Naturschwimmbad. Manch einer wünscht sich wohl den hellblauen Chlorbadgrund zurück. PENG. Eine Artillerie von bayerischen Wettkampfrichtern schießt uns aus dem Gedankenstrom ins wahre Wasser. Plötzlich schwarzes Neoprengewusel und weißer Wasserschaum. Alle Pinguine bäuchlings abgelegt. Da platschen Arme übereinander, schnaufen seitlich Münder und Nasen nach Luft, trainierte Schwimmbadlinien weichen zickzackkursiger Desorientierung, Boje Boje Boje? Ui, toter Fisch mit Bauch nach oben – hoffentlich schwimmt hier kein homo triathlonus gleich so – und einen großen Schluck Chiemsee genommen, jawoll! Was für ein Start. Atmen, atmen. Endlich, nach zwei Bojen schlägt kein anderer Arm mich mehr, sondern nur mein Rhythmus Wellen. Das Feld hat sich zerschwommen. Ich pflüge meine eigene Trasse durchs Nass und komme mir gar nicht nass vor, sondern so, als wäre schon alles in trockenen Tüchern. Läuft doch, denke ich – und denke zur Ablenkung darüber nach, ob ich etwas über die Uni nachdenken soll. Cogito ergo sum. Quasi beim Schwimmen die Zeit nutzen und gedanklich Foucaults Diskurstheorie durchexerzieren. Dann schlucke ich nochmal Wasser und muss mich wieder aufs Geradeschwimmen konzentrieren. War einen Versuch wert.

Nun werde ich das Rad nicht neu erfinden. Zugegeben. Muss es aber auch nicht groß suchen, 412 ist meine Hausnummer. Vom Pinguin zum Hamster. Ausziehen, ausziehen, ausziehen! Neopren hängt an Ferse, verdammt. Alles nass. Jetzt auch von oben. Drunter sowieso. Aber egal. Kurz blank ziehen. Polsterpavianarsch: sitzt. Kompressionsstrümpfe: hochgerollt. Helm: verschlossen. Stöckelschuhe mit Absatz vorne klackern über Asphalt und rasten in Klickpedale ein. Der erste Tritt, es rollt und der Stress der Wechselzone verflüchtigt sich auf die Straße, in die Landschaft. Dahin rollen wir, mein rotes Ross mit neongrünem Reiter. 40 km. Nasse Kurven, Anstieg und Gefälle, Tacho und Trinkflasche, Wind und Regen. So grob zusammengefasst.

Oha, Bentje an Beine! Bentje an Beine! Tschuldigen Sie, haben Sie meine Oberschenkel gesehen? Ich muss die in der Wechselzone verloren haben. Hallo! Hallo! Hat jemand Lust auf Wadentausch? Erbarmungslos strecken sich die zehn Kilometer lang dahin, schlängeln sich durch die hügelige Landschaft. Jede Steigung fährt durch die Muskeln wie ein Stromstoß, sensibel und schmerzhaft. Aber wo Schmerz ist, ist auch Leben! Flüstert der kleine Masochist in der Sportlerseele und treibt an, unter keinen Bedingungen wird angehalten. Niemals. Der Weg ist doch nicht das Ziel, sondern das Ziel sich selbst genug. Irgendwie haben wir den Weg dahin bestritten. Schon wieder Vergangenheit. Jetzt gibt es Lacher und Umarmungen. Dazu Banane und Radler. Und euphoriegeschwängert den festen Vorsatz: Das machen wir wieder!

Zum Abschluss ein paar Triathlonanekdoten von „Ironjürgen“ – denn das wollen wir ja werden, kleine Ironmänner und -frauen, oder nicht?  http://www.ironjuergen.de/sprueche.htm


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