Beuteltier im Mittelmeer

 

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„Einmal den Boden verlieren! Schweben! Irren! Toll sein! – Das gehörte zum Paradies und zur Schwelgerei früherer Zeiten: während unsere Glückseligkeit der des Schiffbrüchigen gleicht, der ans Land gestiegen ist und mit beiden Füßen sich auf die alte feste Erde stellt – staunend, dass sie nicht schwankt. (…) Es gibt noch eine andere Welt zu entdecken – und mehr als eine!

Auf die Schiffe, ihr Philosophen!“ (Nietzsche)

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Beuteltier im Mittelmeer

„Was die Plastikflasche kann, das kannst du auch“

Herausforderung angenommen – ich werde Kurs halten!

Sonst Bordpoet sein,

Reiseleitung und Küchenhilfe.

Volle Kraft voraus !

Dachte ich mir so…

Seekrankheit reduziert mich auf ein Häuflein Elend,

Holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück – den hätte ich mir gewünscht.

Mit Atemnot durch die erste Nacht,

Seitenwelle wackelt wankelmütig,

Ich wanke walk the plank like nach oben,

Schicksal nimmt seinen Lauf, Nudeln gehen schwimmen.

Den Samstag Vormittag an Deck vegetiert,

Wollte sterben.

Erst Cola von „Gott“ haucht mir wieder Leben ein,

Wie neu geboren.

Zuvor:

Im Labyrinth seglerischer Fachtermini,

‚Segeler speak‘ ist mein Mast und Schotbruch.

Raus aus den Gewässern der Komfortzone!

Das Schiff eine Heterotopie,

Ein „Ort, der nach eigenen Regeln funktioniert“, eine „realisierte Utopie“.

 „Neuland“ betreten trifft es nur im übertragenen Sinn,

Ins warme Wasser geschmissen schon eher wörtlich.

Stehe etwas auf dem Schlauch,

Kann aber mit dem wenigstens das Boot mit Süßwasser abspritzen.

Geduld Matrose, Geduld.

Abgelegt in den Sonnenuntergang,

Südlich sanfter spanischer Sommerwind schmeichelt seicht

Der Haut und den Gedanken,

Die hinaussegeln, obwohl wir motoren.

Die Hafenmauer hinter uns gelassen,

Backbords fällt die Steilküste glühend ins Meer,

Ein Leuchtturm leuchtet Sonnenuntergangsgolden am Kliff.

Mein Gott, diese Fahrt ist Poesie!

Adiós Espana, bientot Bonjour la France.

Nachts verwehrt der Mond uns Dunkelheit,

Feuchtigkeit kriecht über das Deck,

bis die Morgensonne es Stück für Stück trocken tupft.

Tagsüber brennt die Hitze unsere Füße ins Teakholz,

Zu Fluch der Karibik auf Kurs, Helene ist Tabu.

Schweigen und Reden, Stille und Musik, Steuern und Sonnen und Schlafen.

Mediterrane Küche an Bord,

Kleine grüne pimientos de padrón schmoren salzig in der Pfanne,

In den beweglichen Scharnieren schwingt der Herd im Auf und Ab des Bootes,

Entfacht eine Unterdecksauna, die der Sonne an Deck Konkurrenz macht.

Mondfische winken

Den Schulen von Delphinen, die mit unserem Bug um die Wette

durch Wellenberge und Täler gleiten,

Wild life.

Die Stimme des Kängurus hüpft über die spiegelglatte Oberfläche des Mittelmeeres,

Oder doch Bodensee?

Mir soll es recht sein, tatsächlich mal ohne Welle glücklich.

Der silberne Teppich in gleißendem Sonnenlicht,

Wir pflügen durch eine Armee portugiesischer Galeeren,

Die keine Meuterei planen unser Schiff zu entern,

Sondern botellas azules sind, Blue Bottle Quallen,

Ihre bläulich schimmernde Gasblase als Segel der Sonne und dem Wind entgegengebläht.

Unangenehme Gefährten im Wasser,

Von oben betrachtet fast schön.

Tierisch bewegt spinnt sich Geschichte um Geschichte,

Christobal, die Dieselameise

Jorge, der Benzinkäfer

Tequila, die tote Kraftstoffkakerlake

Und Jesús, die Ölschabe –

Die kleine Absurdität in den Dingen,

Suchen und finden.

Appropos Absurdität: St Tropez.

Es gibt zu viele Leute mit zu viel Geld.

Was das Känguru wohl dazu sagen würde.

Meine Augen verblitzen sich an den Superyachten der Schönen und Reichen,

Meine Lunge erstickt am Smok der Motorboote,

Meine Ohren taub von prätentiöser Jetskiprahlerei, Prollgehabe!

Nur halb so schlimm, eher kurios, wenn man Beobachter spielt.

„Vielleicht sehen wir ja die Geissens“.

Der Golf von St Tropez bietet uns eine Boje an,

Die  über Nacht unser Hafen wird.

Kein Pool an Bord, aber dafür ringsherum.

Sonne geht

Unter Deck backt Pizza, das Känguru rezitiert sein Manifest.

An Deck Bier und Rosé aus St Tropez –

Sind auch ein Abendessen.

Dritte Nacht auf flüssigem Boden,

Aber unbestreitbar in Ufernähe:

Ohropax lässt Moskitosummen verstummen. 47 Stiche.

Es ist Zeit das Element zu wechseln,

Wasser zu Erde zu Luft,

Vom Boot ins Taxi in den Flieger.

Nicht ohne sich zuvor

Den französischen Pflichten ‚Café au lait‘ und ‚Pain au chocolat‘ unterzogen zu haben.

Wer will schon gehen, Uni ist gerade so angenehm weit weg.

Wir sind Meister der Verdrängung.

Und trotzdem:

Au revoir, merci – c’était un temps magnifique!


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