Die Harmonie von Bergdörfern. Auch wenn der Massentourismus lange Einzug gehalten hat. Sie kriegt mich jedes Mal. Wenn 40000 Besucher den Zielraum der Streif – des weltberühmten Hahnenkammrennens – bevölkern, die Straßen verstopfen und den Verkehr der Kitzregion lahmlegen, dann ist Ausnahmezustand. Auch wenn das Urteil oft schnippisch ausfällt, „alles nur high society und überteuert“ – in Kitzbühel vielleicht. Am Pass Thurn um die Ecke, um den Berg, ist alles noch etwas ruhiger. Die alte Frau Egger, die ihre Knödel in der Küche formt und das Muhen aus dem Kuhstall nebenan, eins mit dem Bauernhofgeruch der Kindheit. Das Zimmer älplerisch hell-holzvertäfelt, rot-weiß gemusterte Gardinen, die weiße Bettwäsche bis unter die Nase hochgezogen, eingekuschelt. Die klare Nachtluft, die durchs gekippte Fenster zieht, riecht nach Schnee. Mal wieder 10 Stunden schlafen und trotzdem die erste Gondel um 8.30 Uhr nehmen. Von der Streif kriegen wir kaum etwas mit, nur die mittägliche ORF Übertragung zum Kaiserschmarrn. Und die Pisten sind vielleicht sogar leerer als gewöhnlich am Wochenende. Wir fahren lieber selbst. Rückblick.
Mittwoch: 4:53 Uhr Hamburg Hbf in den Zug, aus dem Zug in Kitzbühel, Mitfahrgelegenheit im nächsten BMW xdrive Model mit Bert aus Köln, am Resterhöhesessel sofort aufs Board. Zwei Stunden Resttag mitnehmen. Sonnenuntergang und Nebelmeer über dem Tal. Gleich ins Märchen versunken.
Donnerstag: Nur Sonne und Blick und traumhaftes Panorama. Ausflippen nach jeder Piste vor Glück, betrunken an frischer Luft und tanzender Lebensgeist. Von früh bis spät Oberschenkel zum Brennen bringen und immer noch nicht genug haben. Vor dem Abendessen kurzer Berglauf mit Stirnlampe, Dunkelheit macht Steigung weniger schlimm. Danach tut alles doppelt so weh, aber das Leben wirkt dreimal so intensiv, viermal so schön und unendlich lebenswert. Right here, right place, right now.
Freitag: Schnee Schnee Schnee, endlich mehr Schnee. Frischer Puder über Nacht. Kaum Sicht, dafür eine wattewolkensiebterhimmel Neuschneeauflage auf präparierter Piste. Mindestens 20 cm, wenn nicht 30. Wir fliegen über die unberührte Piste, wie Abseitsfahren und manchmal auch das, gleiten butterweich, ziehen lautlose Lines und juchzen lauthals begeistert. Kein Schliddern, kein Rutschen heute. Nur sanfte rythmische Schwünge. Ab und zu mal den Schneemann miemen, aber wir fallen weich wie Schneeengel.
Samstag: Das Winterwunderland hält an. Die Sicht ist besser geworden, die Temperaturen sind gefallen. Heute mal wieder zwei Bretter statt einem. Da muss man den Rythmus erstmal wieder suchen. Sieben Jahre Skiabstinenz ist nicht mal eben so wegzustecken. Alles flattert unkontrolliert, ein paar mal öfter Schneemann spielen. Aber nach ein, zwei Stunden findet sich das Gefühl, werden die Schwünge geschmeidiger. Hat auch was, meine Neugier für vier Kanten ist zurück. Aber das Board werden die Ski erstmal nicht mehr ersetzen können.
Es gibt sie noch, die Einheimischen. Die Bodenständigen. Der alte Mann aus Mittersill mit seinen Langlaufskien, der unprätentiösen markenlose Kleidung, in einer Skifabrik hat er gearbeitet. Obwohl er nie Ski gefahren ist, außer Langlauf eben. Wir warten und frieren gemeinsam, weil der Skibus nicht kommt. „Deppertes Skirennen“ murmelt er immer wieder. Nie wieder wird er am Hahnenkammwochenende Langlaufen gehen. Als ich erzähle, dass ich abends noch nach München muss, grummelt er zunehmens lauter. „Geht sich Ihnen das noch aus?“ fragt er besorgt, als der gelbe Postbus mit 40 min Verspätung vor uns schneeschlammspritzend zum Stehen kommt. Inzwischen schneit es nicht mehr ganz so heftig, die Sonne blitzt vor ihrem Untergang nochmal durch die dicken grauen Winterwolken. Ich bin die Ruhe selbst, weil ich doch alles andere als hier weg will.
Dann doch Abfahrt. Der Abstieg beginnt im Skibus gen Kitzbühel Bahnhof. Alle besoffen wegen des Rennens. Am Bahnhof noch schlimmer. Späte Ankunft in München. Sofort erschöpfter Schlaf. Früh weiter, ICE nach Bonn. Krasser Bruch – gefühlt eben noch durch hügelige Schneelandschaft, gestern Abend mit dem Zug durch die Nacht, goldenes Licht vereinzelt aus Hütten und Häusern an den Hängen. Heute nichts als Industrie, wie in einen bösen Traum erwacht, mich zwischen den Frankfurter Glastürmen und Raffinerie Fabrikgebäuden wiedergefunden. Ein einziger Gedanke: Ich will zurück.















