Schottische Erwartungen

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Steinhäuser. Romantische Türmchen ragen in den Himmel und kleine Schornsteine, die wie eine Orgel aufgereiht die Dachfirste schmücken, stoßen wohlig weiße Wolken aus, die von Kaminidylle und Heimatharmonie erzählen. Davor sorgsam gepflegte Gärten, in denen rosarote Rosen stolz empor ragen und dunkelgrünes Efeu sich edel über Jahrhunderte alte Steinmauern rangt. Dahinter ist grüne Weite. Die Highlands schon aus der Stadt sehen zu können überrascht mich. Die sanft geschwungenen Hügel betten die Stadt in ihr Tal, eingeschlossen und befreit zugleich: von und durch Natur. Das gefällt mir. Vor allem, weil gen Norden am Horizont bald auch das Meer erscheint. Das stereotypisch graue Wetter entzaubert die Szenerie nicht, im Gegenteil. Dichte Wolken rollen wie träge Wattebäusche über die Bergkämme. Das verdächtige Grau war ja quasi zu erwarten. Herbst liegt in der Luft, aber noch ist es erstaunlich mild, den Wintermantel mitzunehmen war vielleicht doch noch zu früh. Ich verstehe kein Wort von dem, was die Herren mir gegenüber sagen. Der eine sieht aus wie diese Fußballer Rooney, kaum Haare und ein eingedrücktes Gesicht. Sein Kumpel hingegen kann sich sehen lassen und sein schottischer Akzent klingt igendwie niedlich, was auch immer er erzählt. Aber es fühlt sich gut an, wieder (zumindest eine Art von) Englisch zu hören. Je näher wir der Stadt kommen, desto öfter weichen die Steinmauern verschnörkelten schwarzen Geländern. Vornehme Treppen führen zu dunklen Türen mir goldenem Briefschlitz und Namensschildern wie MacDonald oder Shandwick. Die Straßen sind steil, Edinburgh ist hügelig. Vorbei an alten Kirchen – ‚kirks‘, nicht ‚churches‘, wie ich gelesen haben. Pubs, Whighams WIne Cellar, Honeydukes reihen sich bunt im Erdgeschoss der vorbeiziehenden Häuser aneinander, der erste umzäunte Park mitten in der Stadt, mit stolzen Laubbäumen darin und einer Statue, die über dem Ganzen steht und gedankenvoll in die Ferne schweift. Und da thront es, in den Fels gewachsen, das Edinburgh Castle. Dann wieder Meer an der nächsten Ecke, wo die Straße abfällt und den Blick freigibt.

Den ersten Kaffee im BREW LAB. Stylische Gemütlichkeit, ranzig lässiger Chic neben einem alten Universitätsgebäude in der Altstadt. Kunstvoll abbröckelnde Backsteinwände mischen sich mit hochmoderner Barausstattung. Espresso ist hier nur eine Option, Filterkaffee im Siphon zubereitet der neue alte Trend. Eine Aufwertung oder gar Renaissance des Filterkaffees, V60 genannt. Dauert 5 Minuten, kostet 4 Euro und: schmeckt tatsächlich anders. Ein fantastischer Ort: http://www.brewlabcoffee.co.uk/about-us/

Den ersten Lauf in den Wiesen der MEADOWS gleich um die Ecke. Grün und weit. Aber dann, hinaus aus dem Park und hinein in richtige Natur, zum Arthur’s Seat, einem hügeligen Gelände vulkanischen Ursprungs mitten in der Stadt. Und doch plötzlich ganz weit weg von der urbanen Betriebsamkeit, plötzlich schwebt man selbst über allem. Abendsonne hat sich bequemt und ist aus Edinburghs grauer Ummantelung hervorgekrochen. Das kniehohe braune Steppengras leuchtet, das Meer glänzt und Wind weht über die gewaltige Kante des Kliffs, das steil zur Stadt abfällt.

Edinburgh, ach Edinburgh. Du bist schön.

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