Segel setzen

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Ich schlafe neben JAN. Er ist groß und breit und knallrot. JAN ist ein Segel, mit dem ich mir heute Nacht die Kabine, ja sogar meine Matratze, teile. So liegen wir da in meiner ersten Nacht an Bord eines Segelschiffes, der VIA, und lauschen den Geräuschen an Deck. Das Knatschen der Fender, das helle Schlagen und Klappern von Leinen und Seilen gegen den Mast, das Glucksen des Wassers. In der Ferne schlägt die Kirchturmuhr von Heiligenhafen und die ein oder andere kreischende Möwe scheint noch keinen Platz für die Nacht gefunden zu haben. Den Grundton aber erzeugt das Heulen des Windes,  der seine Böen durch die Boxengassen des Hafens pfeifen und die Boote sich sanft, aber spürbar, zur Seite neigen lässt. Das Schaukeln wiegt mich in den Schlaf und ich erwache erst am nächsten Morgen von der Sonne, die durch die kleine Luke über meinem Kopf scheint. Der Tag beginnt mit einem gemütlichen Frühstück an Deck. Über Nacht ist der Wind noch stärker geworden, erst zum Abend hin soll er wieder abnehmen. Deshalb verschieben wir das Segeln auf den späten Nachmittag.  In unsere Windjacken gemummelt schlendern Linschi und ich  zur Seebrücke und beobachten die Kiter und Windsurfer in der kabbeligen Windsee. Weiter am Strand entlang führt uns der Weg später nach Graswarder, wo wir Strandhäuser begutachten und mit Gedanken an ein Haus am Meer herumspielen. Als wir zum Boot zurückkommen knurrt uns der Magen. Nicht weit vom Steg finden wir am touristischeren Hafenbecken eine Fischbrötchen Bude. Mit Brathering und Backfisch auf der Faust spazieren wir weiter, vorbei am Kornspeicher zur Yachtwerft. Hier könnte man einen Krimi drehen, in den alten Bootswracks spinnen Spinnen ihre Weben, Farbe blättert von Schiffsrümpfen und überall liegt rostiges Zeug herum. Nur die Sonne müsste einem grauen Nebeltag weichen, dann wäre der Tatort perfekt. Den Nachmittag verbringen wir lesend an Bord, bis gegen fünf Uhr der Wind etwas nachzulassen scheint. Jetzt oder nie, wir treffen Vorbereitungen und ich folge den Anweisungen von Linas Vater. Diese ganzen Segelbegriffe sind noch leicht verwirrend. Trotz meiner Leienhaftigkeit kann ich mich doch irgendwie nützlich machen und bald darauf laufen wir aus, motoren aus dem Hafen durch noch ruhiges Fahrwasser. Relativ zügig drückt man mir die Winschkurbel in die Hand, ich entrolle das Vorsegel. Sobald wir aus dem geschützten Bereich hinaussegeln und uns gen Fehmarn richten, frischt auch der Wind gewaltig auf. Die Wellen werden höher und schaukeln die 9 Tonnen schwere VIA scheinbar mühelos auf und ab. Überhaupt liegen wir ziemlich schief, breitbeinig stehen wir an Deck und kacheln in Schräglage über die Wellenberge.  Chillige Cafe del Mar Musik aus den Lautsprechern an Deck mischt sich mit dem Rauschen der Wellen und des Windes. Ich halte meine Nase in den Wind während ich mich ausbalanciere, ab und zu auf Anweisung das Segel dichter hole wenn es zu flattern beginnt und auf den Geräten am Steuer immer wieder neugierig die Windgeschwindigkeit, unseren Speed und die GPS Anzeige beobachte. Vor der Küste Fehmarns wenden wir und es geht zurück nach Heiligenhafen. Der Abend flutet rotgolden über das Panorama der Masten und taucht den Hafen in das warme Licht eines Sommerabends wie er im Buche steht. Die Luft ist so weich, fast tropisch. Als die Sonne untergegangen, alles festgezurrt und wieder verstaut ist machen wir uns auf den Weg gen Heimathafen Hamburg, allerdings auf Rädern. Nur die Seeluft noch in der Nase, den Kopf noch im Wind und die Augen noch am Horizont.

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„And If I was a lighthouse, I would shine out on the ocean.“ (J. Foucault)

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