Wir haben noch keine schriftliche Statistik aufgesetzt, um unsere Beobachtungen zu überprüfen. Aber Statistiken braucht eigentlich kein Mensch, unsere Erfahrung zeigt zuverlässig: Taucht die Herde Ziegen von Michels Bruder, die hier oben seit einigen Wochen herumspringt, vor der Hütte auf, dann steigt schlagartig der Umsatz von Milch und Buttermilch. Das ist äußerst faszinierend. Mich persönlich würden keine zehn Kühe dazu bringen, ein 0,5 l Glas kalte (Butter)Milch zu bestellen. Aber Milch scheint sich in das bergromantische Bild vieler Wanderer eingefügt zu haben wie das Fischbrötchen, das sich im „wahren“ Hamburgerlebnis aalt. Nur mit Milch ist die Alm wirklich authentisch. Und nur hier oben schmeckt sie frisch und rein, der Geschmack heiler Welt liegt ihnen auf der Zunge. Da interessiert es keinen, dass auch unsere Milch aus Tetrapaks gegossen und aus irgendeiner Molkerei aus dem Tal geliefert wird. Das erste Mal, als einer doch fragte, ob es sich denn um frische Milch handle und ich ehrlich verneinte und daraufhin seine Enttäuschung und alpenromantische Desillusion zu spüren bekam („Nee, dann trink‘ ich ne Cola.“), beschloss ich in Zukunft die armen Touristen zu verschonen. Und wenn doch mal wieder einer fragt, dann nicke ich heidihaft harmonisch und bekräftige, dass es sich um lokale Erzeugnisse handle. Das hat des Hüttenwirts Vater auch immer schon getan, den Leuten was vom Melken erzählt. Stimmt ja irgendwie auch, nur hängen wir selbst halt nicht morgens um vier am Euter. Jedenfalls trinken die Idyllsuchenden dann seelig ihr weißes Naturgold und spüren den Berg von außen und von innen. Alle glücklich, was will man mehr. Und was alpine österreichische Klischees angeht darf ich schon gar nicht spotten: Was wären zahlreiche Winter- und Wanderurlaube ohne Almdudler und Kaiserschmarrn gewesen? Auch meine Bergidee war von Heidi und Geißenpeter geprägt, von einer unberührten Ursprünglichkeit reißender Gebirgsflüsse und grüner Almhöhen. Durch die Arbeit hier schaue ich natürlich jetzt hinter die Kulissen und sehe, dass nicht durchgehend Pauschalidylle herrscht. Warum aber Kurzurlauber desillusionieren? Ab und zu braucht doch jeder ein bisschen Romantik. So gilt also weiterhin die Faustregel:
Grast das Vieh dicht bei dem Haus, ist (Butter)Milch schon beinah aus.
Des Öfteren ist die Hütte aber auch Auffanglager für weitaus merkwürdigere als nur milchtrinkende Gestalten. Das bedeutet bevorzugt alleinstehende, etwas kauzige Herren zwischen 40 und 70. (Und meistens sind sie, leider, tatsächlich wirklich Deutsche…) Nina seufzte neulich in der Küche als wieder so ein „Bernd“ durch die Tür marschierte. „Warum müssen die eigentlich immer alle zu uns kommen?“ Inzwischen heißen sie bei uns alle nur noch „Bernd“. Das kommt daher, dass alles mit Bernd angefangen hat. Vier Beispiele:
Der ursprüngliche Namensgeber Bernd heißt also wirklich Bernd und kommt aus Siegen, NRW. Leicht gekrümmter Oberkörper und o-beinig staksend, so erkennt man Bernd auch ohne Fernglas von Weitem. Auf dem Rücken wippt sein alter grüner Trekkingrucksack, zwischen dessen Gummizügen er einen Stoff-Ernie – ja, der aus der Sesamstraße – festgezurrt hat. Dieser blickt verträumt nach hinten in die vorbeiziehende Landschaft, während Bernd flotten entschiedenen Schrittes seinem nächsten Ziel zueilt. Bernd war seines Zeichens Inselpostbote auf Föhr, was mich tatsächlich dazu gebracht hat mit ihm eine längere Konversation zu wagen, denn diese Tatsache fand ich doch ziemlich interessant. Alles andere an Bernd ist, sagen wir mal, anstrengend. Man wird ihn schwer wieder los, Signale des Gegenübers für das Ende einer Konversation scheint er schlicht nicht zu empfangen. Und wenn er mit seinem Teller geradewegs in die Küche marschiert und verkündet „Ich helf‘ euch doch geeernee. Ihr seid alle so lieb zu mir, wie eine Familie“, dann weiß keiner mehr so richtig wo er hinschauen und was er sagen soll. Ach Bernd !
Dann ist da Horst. Horst ist waschechter Berliner und hat die 70 schon lange überschritten. Er kommt zweimal im Jahr, im Winter und im Sommer je einmal. Dann bleibt er 7 Tage. Aber wann er kommt, das weiß keiner so genau. Auf jeden Fall muss für ihn aber ein Zimmer frei sein, das erwartet sich Horst als jahrelanger Stammgast schon. Jeden Tag trinkt er dann zwei Radler, macht bei sieben Tagen exakt 14 Radler. Jedes Jahr wieder. Zu Hause bastelt er übrigens leidenschaftlich an irgendwelchen Funkgeräten und Radios. Und natürlich trägt Horst noch die alten Knickerbocker mit Wollkniestrümpfen. Ein Original!
Henk ist Niederländer, eigentlich Peter. Aber alle nennen ihn Henk. Auch er ist ein jährlich wiederkehrender Stammgast. Man weiß zu Anfang nicht recht, ob er Mann oder Frau ist. Definitiv Mann mit sehr weiblichen Zügen. Schweigsam schaut er oft Stunden aus dem Fenster, sitzt einfach nur da. Ab und zu zieht er mit der Kamera los, um Gamsen zu fotografieren. Henk braucht eine Weile bis er auftaut gegenüber Fremden, wirkt sogar leicht depressiv. Aber im Grunde ist er eine gute Seele, die vielleicht einfach nur etwas Ruhe sucht. Und Schnaps aus den Niederlanden hat er auch immer dabei.
Und dann noch Udo, der siebzigjährige Bayer aus Bad Tölz. Udo ist nun wirklich eigentlich sehr sympathisch und gar nicht so komisch. Ein Eigenbrödler, Chemiker mit einer Liebe zu den Bergen, zum Meer und zur Musik. Der Sohn hat Schlagzeug studiert, die Tochter Harfe. Seit er pensioniert ist geht er ständig auf Wandertour. Davor hat er als alles mögliche gearbeitet, an der Uni, für BASF und so weiter. Davor auch mal für ein Plattenlabel und als Student ist er Lastwagen gefahren. Ich weiß alles, wir sind an meinem freien Tag eine Stunde zusammen abgestiegen…Udo mag ich wirklich recht gerne, außer dass er manchmal zu viel redet. Und wenn er von den friesischen Halligen erzählt, und von Sandkuhlen Picknicks mit Krabben und Weißwein auf Sylt, dann bin ich mit meiner Sehnsucht plötzlich wieder am Meer. Dann klingt das Quietschen der Schaukel nach Möwengeschrei, dann rauscht draußen die See und nicht der Wasserfall.
Welche Geschichten würden wir bloß ohne sie erzählen? Danke Bernd, Horst, Henk und Udo. Ohne euch hätten wir nur halb so viel Spaß.














