Noch seltener als WLAN Verbindung, habe ich hier oben Zeit zu schreiben. Die Hauptsaison ist am Berg angekommen, sie ist mit einer ganzen Armee von Tages- und Übernachtungsgästen hinaufmarschiert. Das bedeutet die Arbeitstage werden länger und die einzigen ruhigen Stunden sind die späten, wenn die Nachtruhe einkehrt und nur noch das Rascheln von Hermelinen und Mäusen in den Wänden zu hören ist. Und vielleicht der ein oder andere sägende Ton aus den Zimmern und Lagern über mir. Oft bin ich zu müde, um mir abends noch Gedanken zu machen. Zu reflektieren, was ich hier Tag für Tag erlebe. Und doch hat sich in den letzten Wochen einiges angesammelt, was nicht untergehen soll. Ein paar weitere Anekdoten aus dem Almalltag:
Interkulturell kann man sich hier oben ganz gut weiterbilden. Internationalität unter den Hüttengästen ist keine Besonderheit: Holländer, Engländer, Belgier, Franzosen, Amerikaner, Polen, Tschechen, sogar Australier. Und Deutsche natürlich, wir sind ja hier auch Ausländer! Ich muss unbedingt schauen, ob in der Jobausschreibung „interkulturelle Kompetenzen“ und „Fremdsprachenfertigkeit“ verlangt waren – dann fordere ich mehr Gehalt. Englisch, Französisch, auch ein bisschen Spanisch, alles gut zu gebrauchen auf 2400m. Ein gewisses Maß an Fremdenverständnis ist damit unbedingt notwendig für friedliche Hüttenkommunikation und das hat hier bei Weitem nicht jeder. Nicht selten habe ich so das Gefühl, ich müsste mich mit einer extragroßen Portion Toleranz und Gelassenheit zwischen die Fronten schieben, weil der Eine die Handlung des Anderen missversteht und grantig in seinen Bart Stereotypen und Pauschalurteile hineinmurmelt und stur und ignorant die eigene kulturelle Brille nicht im Ansatz auf der Nase zu spüren scheint. Kann mal jemand dem Prof. Barmeyer vom Lehrstuhl für interkulturelle Kommunikation in Passau die österreichischen Alpen und ihre Alpenvereinshütten als Forschungsgebiet vorschlagen? Sprechen wir also in nationalen Stereotypen, die oft zu pauschal und an denen doch manchmal etwas Wahres dran ist:
Ganz Holland muss leer sein. Nein, Entschuldigung, die Niederlande heißt es selbstverständlich. Das hat man uns beigebracht, Holland ist nur ein Teil der Niederlande, wie Bayern von Deutschland (….). Also, Niederländer sind neben den Deutschen sicherlich die größte nationale Besuchergruppe hier oben. Meistens wird in Gruppen gereist und geräuschvoll gespeist, laute Tischgespräche sind in großer Zahl eben kaum zu vermeiden. Und gesprächig sind sie allgemein. Besonders niederländische Gefängniswärter und Polizisten. Pauschal kann man außerdem einige Liter Kaffee kochen, wenn jemand aus den Niederlanden die Hütte betritt. Kaffee kann man nämlich zu allem trinken, auch zur Leberknödelsuppe. Butter dagegen ist auf niederländischen Frühstückstellern reine Verschwendung. Und abschließend, so gut man sich mit den Antjes auch unterhalten hat: Trinkgeld gibts einfach nicht. Und wenn mit einem grünen Schein bezahlt wird, das Münzgeld zählt man auf die kleinsten Centbeträge ab. Da ist dann von Nöten, die erwähnte Toleranz hervorzukramen und über den Rand der eigenen Brille hervorzuschauen. Scheint in den Niederlanden einfach anders zu sein, lassen wir es dabei.
Den ein oder anderen Stereotyp haben sich auch Polen und Tschechen eingefangen. Sie geben im Gegensatz zu den Dutchies meist gutes Trinkgeld, lassen Salat und das meiste Essen aber links liegen. Da freut sich dann die Küche, wenn alles zurückkommt. Und doch jeden Tag die gleiche Menge wieder bestellt wird. Getrunken wird allerdings. Vor allem Bier (gut, das ist nicht exklusiv polnisch oder tschechisch!) und Cola-Rum.
Österreicher lassen übrigens auch kein gutes Haar an den Deutschen. Kleinkariert und beharrend seien die Deutschen, auf ihre gebuchten Leistungen bestehend, unflexibel und pingelig in allen Angelegenheiten. Unrecht haben sie nicht, den ein oder anderen älteren deutschen Wanderer habe auch ich nur mit mühsam freundlicher Stimme bedienen können.
Deutsche mögen rechthaberisch sein, aber sie erreichen selten die Arroganz mancher Österreicher. Besonders die Wiener (der Dialekt, da muss ich immer an Falko denken, der auf meiner ersten Bravo Hits „Rock me Amadeus“ nasal dahingeschleimt hat) und diejenigen aus dem Innsbrucker Raum, das sagen meine österreichischen Hüttenkollegen übrigens selbst. Überheblicher und lokalpatriotischer geht es kaum. Ich werde dann nicht selten gefragt, wie ich als Hamburgerin denn hier überhaupt den Berg hinaufgekommen bin, „mit der Materialseilbahn?“. Das könnte allerdings auch ein Bayer bringen. Tzz…
Und wenn die allgemeine Toleranz im Stress an ihre Grenzen gerät, dann ist Kopfschütteln und sich wundern immer noch gesünder als sich wirklich zu ärgern. Mit „Magst a Schnapserl“ ist dann eh meistens alles wieder im Lot und selbst Unsympathen werden am Abend mit hochprozentiger Zirbe oder Marille besänftigt. Und dann geht man ohnehin schlafen, am nächsten Morgen gibt es noch Frühstück und dann sind die meisten nach einer Nacht eh wieder über alle Berge.
















