Keine Gnade für die Wade

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…Und auch für sonst kein Körperteil. Dieser Marathon war brutal. Schmerzhaft. Haruki Murakamis Mantra stand wieder auf meiner Startnummer, ein Ritual seit 2011. „Pain is inevitable. Suffering is optional.“ Wenn das so ist, dann habe ich in diesem Jahr das Leiden gewählt. Es zumindest nicht, meditativ oder sonst wie, ausblenden können. Bis zur Halbmarathondistanz lief es sich dabei noch ganz gut, fast unerwartet locker. Aber dann.

Enthusiasmus am Start, die Sonne strahlt an diesem Morgen vom Hamburger Himmel und lässt die bunten Scharen an Läufern in ihren neonfarbenen Funktionsklamotten noch mehr leuchten. Wir tauchten ein, in den Pulk des Startblocks. Saugen Vorfreude und ein bisschen Angstschweiß auf, freudig-nervöses Kribbeln in der dynamischen Menge. Ernste und lachende Gesichter, Konversation und Konzentration. Hier und da Clowns und Könige, Hamburger Wasserträger und andere Kostümläufer, wie jedes Jahr. Und auch die ein oder andere laufende Colgate Zahnpasta oder ein Sebamed Duschgel – Werbung läuft immer und überall. Neun Uhr, Startschuss. Wir brauchen 13 Minuten, um die Startlinie zu passieren. Alles läuft, alles ist im Fluss. Bald am Fluss. Ich sehe seit fast vier Monaten endlich die Kräne und die Elbe wieder. Auf der Elbchaussee läuft vor mir einer mit roten Kompressionssocken, die bis zur Kniekehle hinaufreichen. Auf beiden Waden prankt ein schwarzer Anker, darüber HH für Hamburg und darunter steht „No regrets!“. Die will ich auch!

Nach 25km geht dann nur noch wenig. Die Kilometerschilder scheinen unendlich weit auseinander zu stehen, vielleicht haben die sich vertan und Meilen statt km gemessen. Ich lutsche an einem Stück Banane, Beschäftigungstherapie. Schwere Beine und inneres Aufbegehren – absolut keine Lust mehr. Ich führe Diskussionen, leiste Überzeugungsarbeit, schenke jedem aufschreienden Körperteil meine Aufmerksamkeit – und versucht es dann wieder zu ignorieren. 15km vor dem Ziel stirbt mein iPod. Ich denke kurz darüber nach, ob das jetzt ein Zeichen ist und ich auch, vielleicht nicht gleich sterben, aber aufgeben soll. Jenseits der 30km sind meine Muskeln so verhärtet, dass mir mein Laufen ohnehin wie Schritttempo vorkommt. Ich nehme jede Getränkestation mit. Die Sonne brennt, weiße Salzkruste im Gesicht. Wasser! Am Ende auch Cola. Das Zeug schmeckt in diesen Sekunden wie…Cola eben, aber ganz besonders gut und unglaublich intensiv. Geschmacksnerven sind so viel sensibler bei extremer Anstrengung. Da kann auch ich mal langsam essen und trinken.

Die letzten 8km sind reine Tortur. Ich habe ja nie erwartet, dass der Lauf entspannt wird. Aber in der Vorstellung können Dinge immer nur begrenzt schlimm werden. Und in diesem Moment pisst es mich an, von mir selbst dieses buddhistisch gelassene Gequatsche zu hören, dass es doch nur noch 8 km sind und dass das doch klar war und dass ich es einfach so sehen soll, dass ich jetzt eh keine andere Möglichkeit habe als es durchzuziehen und dass ich doch einfach laufen soll, ohne so viel nachzudenken. Ah!

Ich denke weiter nach, aber über etwas anderes. Lenke mich ab. Was macht die Atmosphäre des Marathons so einmalig? Das Besondere ist, glaube ich, der kollektive Frohmut der Masse, welcher Fremde zu – wenn nicht unbedingt gleich Freunden, wenigstens zu – Gleichgesinnten werden lässt. Keine Aggression (außer gelegentlich bei den Läufern…), keine Konkurrenz. Und wenn die Deutschen die Distanz verlieren, wenn Fremde einem zujubeln, die Hand schütteln, auf den Rücken klopfen oder einfach nur Augenkontakt aufnehmen, halten und dabei ganz ehrlich lächeln. Nicht, dass die (Nord)Deutschen sonst arm an Emotionen wären, aber Gefühle zu haben und sie auszudrücken sind zwei sehr unterschiedliche Geschichten. Beim Marathon jedenfalls lässt man auch bei den Fischköppen endlich mal Luft ab und der Freude und Begeisterung, dem Mitgefühl und der Ehrfurcht freien Lauf. Hier und da entstehen Konversationen zwischen Unbekannten, die sich heute ganz aufgeschlossen gegenüberstehen.

Soviel zum positiven Kontrastprogramm zu meiner läuferischen Verfassung: Denn ich bin aggressiv. Geladen. 3km vor dem Ziel, am Ufer der Außenalster. Eigentlich eine wunderschöne neue Streckenführung, wir umgehen den fiesen Anstieg der Rothenbaumchaussee. Aber ich habe endgültig genug und Krämpfe in den Beinen. Ich werde jetzt gehen und fauche mein Gewissen an um Himmels Willen die Klappe zu halten. Die Zeit ist mir auch absolut schnuppe, dann eben über 4 Stunden. Ich bleibe stehen und beginne vorsichtig meine Wade zu dehnen. Da tippt mir einer von hinten auf die Schulter. „Nee, also du kannst jetzt echt nicht stehen bleiben. Du warst jetzt 15km immer vor mir und hast mich gezogen. Jetzt bring ich dich wenn es sein muss ins Ziel.“ Ich bin ein bisschen überrumpelt, ein bisschen gerührt und eigentlich will ich nicht, aber ich fange wieder an zu laufen. Keiner von uns beiden hat die Lust und Kraft zu reden, aber wir laufen stumm verbunden nebeneinander her. Vereint im Schmerz und dem Unwillen der letzten Kilometer und doch im Wissen, dass wir uns gerade deshalb gegenseitig retten: Hier bleibt keiner stehen, wenn der andere weiterläuft. Und irgendwie erreiche ich dann schließlich die Zielgerade auf der Karolinenstraße, mit dem roten Teppich und dem großen weißen aufgeblasenen Siegertor. Ich spüre nur ein einziges Gefühl: Erleichterung! Dass es vorbei ist und ich nicht aussteigen musste. Der Blick auf meine Uhr verrät, dass ich doch noch knapp unter vier Stunden geblieben bin. Ich grinse und gestehe mir ein, dass ich bei 4 schon ein bisschen enttäuscht gewesen wäre. Umso besser. Karo treffe ich später an der Startbeutelausgabe. Wir haben es beide geschafft. Sind beide unglaublich fertig, aber unglaublich glücklich. Und nach einem Bier und einer Dusche treffen wir draußen unsere Eltern, die treuesten Fans vom Straßenrand. Hamburg Marathon 2013, check!

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