Bye Bye New York

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Als ich die letzten paar Socken in meinen Rucksack stopfe kriege ich zum dritten Mal heute einen kleinen Wutanfall. Dieses ganze Zeug, warum schleppt man so viel mit sich herum? Und das jedes Mal, auf jeder Reise, bei jedem Aufbruch. Immer die selben Gedanken. Dann fallen mir die Laufschuhe ein, die noch vorne neben der Tür stehen. Und auf der schwarzen IKEA Kommode thront noch meine Kulturtasche. Ich kapituliere, höre auf am zum zerreißen gespannten Reißverschluss meines Backpacks zu zerren und lasse mich rückwärts auf die weiße Bettdecke fallen. Da liegen wir, mein Rucksack und ich und  starren an die Decke. Alles ist unwirklich, weil dreieinhalb Monate niemals hier und jetzt und heute vorbei sein können. Es gibt nichts Absurderes als die Vorstellung, dass ich in viereinhalb Stunden im Flieger sitze. Die Zeit, die Zeit…sie sitzt in der Ecke, neben meinen aussortierten Klamotten und Büchern, und lacht sich ins Fäustchen. Ich wünsche mir meine zeigerlose Wanduhr, damit ihr das Lachen und gleichzeitig das Rennen vergeht. Weder vorwärts noch rückwärts drehende Zeiger soll sie haben, weil sie sich doch immer mit Vergangenheit und Zukunft verbündet. Dabei war ich in den letzten Wochen so gut darin im Moment zu leben. Aber unsere modernen Uhren – iPhones und Handys und Laptops – haben ja doch nur noch digitale Ziffern im Display. Wie könnte man da einfach die Zeiger abnehmen? Irgendwie kriege ich doch alles in den Rucksack, der sicherlich massives Übergewicht hat. Nicht so schlimm allerdings wie mein kleiner Handgepäckskoffer, der an die 15 Bücher in sich birgt. Wenn den jemand wiegt, dann gute Nacht.

Weder als wir das Haus verlassen und durch die Classon Ave, Gates und Franklin Ave laufen, noch als wir am Bahnsteig auf den A train Richtung Howard Beach/JFK warten, als wir in den Airtrain zum Terminal 7 steigen und schließlich am check in meinen (zum Glück nur 21 kg schweren) Backpack abgeben – es fühlt sich nicht wie ein Abschied an. Als würde ich nur mal eben wieder auf einen kurzen, diesmal Air- statt Roadtrip, aufbrechen. Was ich hier gelernt habe? Vor allem Gastfreundschaft und einen Umgang miteinander, der herzlicher und respektvoller kaum sein könnte. Eine Unkompliziertheit, die ich selten vorher erfahren habe. Und wie wichtig und wunderbar Freundschaften sind, die neuen und die alten. Wie man in dieser riesigen Stadt so viele tolle, kreative, aufgeschlossene, hilfsbereite und glückliche Menschen kennenlernen kann, ich muss einen sehr wohlwollenden Schicksalsengel auf meiner Schulter sitzen gehabt haben. Abschied buchstabiert sich hier genauso schwierig wie goodbye. Aber wir haben uns auf ein Ende geeinigt, das „for now“ im Kleingedruckten stehen hat. Jedem Ende wohnt ein Anfang inne. Damit nehme ich meinen Gürtel ab, ziehe meine Schuhe aus und hieve mein Handgepäck,  für dessen Gewicht sich dann doch niemand interessiert, auf das Band des security scans. Goodbye New York City, for now!

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