Sonntag Mittag. Lunchtime.
Ich sitze im Whole Foods Market, einem Supermarkt der Extraklasse. Zum Vergleich: Alnatura ist dem gar nicht so unähnlich, aber Whole Foods ist eben Amerikanisch, also größer! Vor allem aber ökologisch bis auf die letzte Karotte. Hier drinnen schreit alles „Nimm mich – Ich bin bio, öko, organic, sustainable“. Die Wände sind grün, die Tische in der seating area aus „River-Recovered Heart-Pine“ Holz, natürlich! Schilder erinnern an die Recyclingaktivitäten, an composting, clean energy und overnight energy savings. Natürlich gibt es eine „Whole Food Foundation“, eine „green mission“ und den slogan „Whole People – Whole Planet – Whole Food“. Eigentlich ist man schon wirklich ein guter Mensch, wenn man nur hier isst und einkauft. So schlimm ist das alles gar nicht mit dem Planeten und wir tun ja auch schon ganz schön viel. Auch für unsere eigenen Körper – „Victory comes with Vitamins“. Sündenerlass erfolgt mit der Rechnung quasi sofort. Man fühlt sich einfach gut und suhlt sich im eigenen Gutmenschsein. Amen! So oder so ähnlich muss sich die Geschäftsführung die psychologische Reaktion der Kunden vorstellen…
Neben des „normalen“ Einkaufsgeschehens im Untergeschoss, gibt es ausladende Buffettische (Antipasti, Salat, Veggie, Fleisch etc etc) , von denen man das Essen selbst zusammenstellen kann. Auch stehen hier Köche hinter Theken, die einem das Qualityfood direkt verpacken oder aufwärmen. Alles hochwertigst! Whole Foods ist dadurch ziemlich beliebt als breakfast, lunch oder dinner option. Fast wie ein Restaurant. Sieben Tage die Woche, 8 bis 23 Uhr geöffnet. Der Laden ist immer voll, besonders am Wochenende. Familien, einzelne Einkäufer, angehende Autoren (?…so viele Leute schreiben hier etwas, schauen vertäumt oder nachdenklich in die Luft, schreiben wieder…), lernende Studenten – sie alle lassen sich hier für fünf Minuten bis Stunden nieder. An jedem zweiten Tisch wird eifrig in die Tasten des Laptops getippt, an jedem(!) Tisch dann und wann die empfindsame Oberfläche eines Smartphones, iPads oder e-readers gestreichelt. Außerdem ist der Laden für meetups (meet-up.com) ein sehr beliebter Treffpunkt. So saß ich letztes Mal neben einer Gruppe durchschnittlich 60jähriger Amerikaner, die sich zu einem Poetry Meetup trafen und ihre selbstverfassten Gedichte diskutieren.
Zurück zum Essen. Ich habe heute eine Mischung aus Cranberry Couscous, italienischem Gemüse und Fleisch, Thunfischsalat mit Äpfeln und Cashewkernen. Nehme ich eine hässliche grüne, aber wiederverwendbare Schüssel statt eines Pappbehälters für mein Essen, werden mir 15 cent vom Preis abgezogen. Würde das jeder machen, mahnt eine Tafel, produzierten die USA viel weniger Müll. Ich frage mich kurz, wie Whole Foods dann noch Recycling bewerben könnte und beschließe, dass die braune Pappschachtel auch nicht so schlecht sein kann. Immerhin ist die nicht aus Plastik und mir viel sympathischer als der grüne Hundenapf. Dafür esse ich ja am nachhaltigen Tisch, dessen Holz MINDESTENS 200 Jahre alt ist und irgendwann aus einem Fluss gefischt wurde. Als ich sitze verkündet ein Plakat vor meiner Nase, dass Spargel das Gemüse des Monats ist. „For the love of vegetables“. Yey! Dann guten Appetit.
Fazit: Auch wenn diese stark betonte, doch irgendwie künstlich wirkende Nachhaltigkeit leicht überwältigend auf meinen hungrigen Magen wirkt: nett ist es hier schon. Und lecker. Und ideal zum people watching und außerdem funktioniert das kostenlose wifi tadellos!
http://wholefoodsmarket.com/whole-foods-market?utm_referrer=

