Project: Running

„No matter what: keep up the running. Running every day is a kind of lifeline for me. So I am not going to lay off or quit just because I am busy. If I used being busy as an excuse not to run, I’d never run again. I have only a few reasons to keep on running and a truckload of them to quit. All I can do is keep those few reasons nicely polished. “

(Haruki Murakami, „What I talk about, when I talk about running“)

Ab heute. Sechzehnter Zehnter Zweitausendzwölf. Sechs Tage die Woche. Egal welches Wetter, früh oder spät. Bis zum Siebenundzwanzigsten Zwölften Zweitausendzwölf. Wieder die Laufschuhe schnüren. Lang vermisste Strecken zurücklegen. Das ist das Projekt. Der Mensch braucht Rituale. Und ich, ich muss wieder laufen.

Mönch am Meer

Mönch am Meer (Casper David Friedrich)

»Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine unbegrenzte Wasserwüste hinauszuschauen. Dazu gehört gleichwohl, dass man dahin gegangen sei, dass man zurück muss, dass man hinüber möchte, dass man es nicht kann, dass man alles zum Leben vermißt und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Flut, im Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, in dem einsamen Geschrei der Vögel vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den das Herz macht, und ein Abbruch, um mich so auszudrücken, den einem die Natur tut. Dies aber ist vor dem Bilde unmöglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nämlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild tat; und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild war die Düne, das aber, wohinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz. Nichts kann trauriger und unbehaglicher sein, als diese Stellung in der Welt: der einzige Lebensfunke im weiten Reiche des Todes, der einsame Mittelpunkt im einsamen Kreis. Das Bild liegt, mit seinen zwei oder drei geheimnisvollen Gegenständen, wie die Apokalypse da, als ob es Youngs Nachtgedanken hätte, und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm(en), zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären. Gleichwohl hat der Maler zweifelsohne eine ganz neue Bahn im Felde seiner Kunst gebrochen; und ich bin überzeugt, dass sich, mit seinem Geiste, eine Quadratmeile märkischen Sandes darstellen ließe, mit einem Berberitzenstrauch, worauf sich eine Krähe einsam plustert, und dass dies Bild eine wahrhaft Ossiansche oder Kosegartensche Wirkung tun müsste. Ja, wenn man diese Landschaft mit ihrer eignen Kreide und mit ihrem eigenen Wasser malte; so, glaube ich, man könnte die Füchse und Wölfe damit zum Heulen bringen: das Stärkste, was man, ohne allen Zweifel, zum Lobe für diese Art von Landschaftsmalerei beibringen kann.
- Doch meine eigenen Empfindungen, über dies wunderbare Gemälde, sind zu verworren; daher habe ich mir, ehe ich sie ganz auszusprechen wage, vorgenommen, mich durch die Äußerungen derer, die paarweise, von Morgen bis Abend, daran vorübergehen, zu belehren.«

Clemens Brentano (1778-1842),
bearbeitet durch Heinrich von Kleist (1777-1811),
aus den »Berliner Abendblättern« Nr. 12 vom 13. Oktober 1810

Asphaltwüste

Ich wollte immer überall leben, nur nicht dort wo ich war. Am Meer, in den Bergen, in der Stadt, Großstadt, lieber Kleinstadt. Ich vermisste nie einfach nur, ich sehnte schmerzlich. Nach dem anderen Lebensentwurf, den ich gerade nicht lebte.

Die große Brücke. Hoffnungsvoll, einen Fluss zu erblicken. Natur zwischen grau verputzten Mauern zu finden. Freiheit zu schmecken, Ausblick auf Fernsicht zu haben. Aber es waren Schienen im Abgrund. Strommasten und ratternde Züge. Ohne Horizont. Mit Tunneln stattdessen, ohne Licht am Ende, nur Düsternis. Ich hatte so gehofft.

Stadtkindsein hat Grenzen. Ich mag keine Parks. Sie gaukeln einem Freiheit vor, bis man an den Rand stößt. Dann wieder Asphaltwüste. Und Blick niemals so weit das Auge reicht. Nur bis zur nächsten Mauer. Die steht immer noch. Und nicht nur eine.

Das Leben schreibt so unterschiedliche Geschichten. Stirbt Freiheit mit Sicherheit?

„There was once a man who became unstuck in the world – he realized that he was not his car, he realized that he was not his job, he was not his phone, his desk or his shoes. Like a boat cut from its anchor, he’d begin to drift.“

„There was once a man who became unstuck in the world – he took the wind for a map, he took the sky for a clock, and he set off with no destination. He was never lost.“

 „There once was a man who became unstuck in the world – instead of hooks or a net, he threw himself into the sea. He was never thirsty.“ 

„There was once a man who became unstuck in the world – with a Polaroid camera he made pictures of all the people he met, and then he gave all the pictures away. He would never forget their faces.“

„There was once a man who became unstuck in the world – and each person he met became a little less stuck themselves. He traveled only with himself and he was never alone.“

„There was once a man who’d become unstuck in the world – and he traveled around like a leaf in the wind until he reached the place where he started out. His car, his job, his phone, his shoes – everything was right where he’d left it. Nothing had changed, and yet he felt excited to have arrived here – as if this were the place he’d been going all along.“

(Castles in the Sky, T. Steele)