Zeit vergeht. Nicht wie im Fluge. Sie rennt auch nicht, sie rast nicht. Sie vergeht einfach. Und mit ihr der ein oder andere Lebensabschnitt. Drei Jahre Passau, drei Jahre Bachelorstudium sind mit diesen Zeilen so gut wie Geschichte. Eine Erinnerung. Wer kann das schon verstehen? Dazu braucht es wohl Zeit. Zur Reflektion.
Ich sitze in einem leeren Zimmer. Frisch gestrichen. Nicht perfektionistisch, aber funktional. Ausreichend für eine Studentenwohnung. Meine Finger sind noch mit weißer Farbe bekleckst und das Tippen der Tastatur hallt wider in den vier Wänden, die noch immer und doch schon so gar nicht mehr die meinen sind. Es nie waren und doch so schienen. Die Kartons stehen fertig gepackt zur Abreise in der Abseite (norddeutsch für „Nische, Rumpelkammer“…man gewöhnt sich hier mit der Zeit an kulturelle Unterschiede). Der Mietwagen ist bestellt. Morgen geht es gen Norden. Neue alte Heimat. Und wieder nur Zwischenstation.
Aber noch bin ich hier. In diesem leeren Zimmer voll Erinnerung. Ich lege mich nochmal auf den jetzt teppichlosen Boden. Stelle mich auf den Schreibtisch. Krieche unter das Bett. Perspektivenwechsel. Mir kommt es vor, als könne ich noch nicht gehen. Ich habe doch noch nicht alles gesehen. Alles ausprobiert. Aber so ist das immer. Am Ende macht man die Augen auf. Irgendwann lernt man vielleicht daraus. Seize The Day, und so. Drei Jahre sind lang. An was denkt man, wenn eine Erinnerung so weit und vielfältig ist? Passau, wie ich dich zwischendurch gehasst habe. Du niederbayerischen Kaff, Nebelloch, Provinznest. Manchmal warst du wirklich ein Gefängnis für ein Großstadtkind mit nordischer Seele. Das war nicht ganz fair. Tut mir leid. So schlimm war es gar nicht. Nur manchmal.
Über den Dächern von Passau. Wenn der Vermieter wüsste. Wir waren die Freunde des Sternenschlummerns. Mit Sternen-App und dabei gar nicht unromantisch. Haben Würstchen im Eimer gegrillt und spätes Frühstück genossen. Mit eigenem Gemüsebeet einen Schritt in Richtung Autarkie gewagt als EHEC über uns hereinbrach. Gitarre und mit den Schatten der Abendsonne gespielt. Im Schlafsack klirrender Märzluft getrotzt und über Gott, eher Buddha, und die Welt philosophiert. Der sengenden Julisonne ALLE Körperteile zugewandt (…). Die Vögel auf dem Kirchturm nebenan beobachtet, dem Inn beim Fließen zugeschaut, den Worten des Stadtführers gelauscht. Und manchmal habe ich einfach nur dagesessen. Das Dach wird mir fehlen.
Gisela, Gisela, selige Gisela. Unser Hausgeist. Altes Mädchen, auch du wirst mir fehlen. Aber nicht halb so sehr wie die Freundschaften, die entstanden sind. Um bestehen zu bleiben, hoffentlich. Wieder verstreuen wir uns in alle Welt. Wortwörtlich. Weit, abenteuerlich, voll von Möglichkeiten. Aber eins kann die Welt da draußen nicht. So gemütliche Steinweg -Teppich-Tee-Abende sind schwer zu ersetzen. Innrunden, Ilztunnel, Wernsteinläufe und Donaubrücken bleiben die beste Marathonvorbereitung. Besseres Essen als in der S-13 lässt sich in den erlesensten Restaurants nicht finden, der Drache mit Tetrismelodie wandert nur auf roten Schlafsofas. Und morgens Café barfuß am Inn schlürfen geht eben nur hier am Fuße des Schwabgäßchens. Ein bisschen Wehmut lässt sich wohl nicht vermeiden. Das ist gut so. Wenn man nicht flieht, sondern lächelnd Abschied nimmt.
Also dann, die letzte Nacht. Es riecht nicht mehr nach Farbe. Sie ist schon getrocknet. Morgen werden die letzten Bücher abgegeben. Vielleicht einen letzten Cappuccino in der Mensacafete trinken. Ein letztes Mal mit dem Rad am Inn entlang fahren und den alten Leuten, die sich darüber beschweren, lächelnd ein „Ihnen auch noch einen schönen Tag“ zurufen. Das nächste Mal wenn ich komme bin ich nur noch Tourist. Gott (Buddha) sei Dank nicht so einer mit Knopf im Ohr. Obwohl, eine Stadtführung steht noch auf meiner To-Do-Liste… wir werden sehen. Machs gut, Passau. Es war schön mit dir!





