Machs gut, Passau!

Zeit vergeht. Nicht wie im Fluge. Sie rennt auch nicht, sie rast nicht. Sie vergeht einfach. Und mit ihr der ein oder andere Lebensabschnitt. Drei Jahre Passau, drei Jahre Bachelorstudium sind mit diesen Zeilen so gut wie Geschichte. Eine Erinnerung. Wer kann das schon verstehen? Dazu braucht es wohl Zeit. Zur Reflektion.

Ich sitze in einem leeren Zimmer. Frisch gestrichen. Nicht perfektionistisch, aber funktional. Ausreichend für eine Studentenwohnung. Meine Finger sind noch mit weißer Farbe bekleckst und das Tippen der Tastatur hallt wider in den vier Wänden, die noch immer und doch schon so gar nicht mehr die meinen sind. Es nie waren und doch so schienen. Die Kartons stehen fertig gepackt zur Abreise in der Abseite (norddeutsch für „Nische, Rumpelkammer“…man gewöhnt sich hier mit der Zeit an kulturelle Unterschiede). Der Mietwagen ist bestellt. Morgen geht es gen Norden. Neue alte Heimat. Und wieder nur Zwischenstation.

Aber noch bin ich hier. In diesem leeren Zimmer voll Erinnerung. Ich lege mich nochmal auf den jetzt teppichlosen Boden. Stelle mich auf den Schreibtisch. Krieche unter das Bett. Perspektivenwechsel. Mir kommt es vor, als könne ich noch nicht gehen. Ich habe doch noch nicht alles gesehen. Alles ausprobiert. Aber so ist das immer. Am Ende macht man die Augen auf. Irgendwann lernt man vielleicht daraus. Seize The Day, und so. Drei Jahre sind lang. An was denkt man, wenn eine Erinnerung so weit und vielfältig ist? Passau, wie ich dich zwischendurch gehasst habe. Du niederbayerischen Kaff, Nebelloch, Provinznest. Manchmal warst du wirklich ein Gefängnis für ein Großstadtkind mit nordischer Seele. Das war nicht ganz fair. Tut mir leid. So schlimm war es gar nicht. Nur manchmal.

Über den Dächern von Passau. Wenn der Vermieter wüsste. Wir waren die Freunde des Sternenschlummerns. Mit Sternen-App und dabei gar nicht unromantisch. Haben Würstchen im Eimer gegrillt und spätes Frühstück genossen. Mit eigenem Gemüsebeet einen Schritt in Richtung Autarkie gewagt als EHEC über uns hereinbrach. Gitarre und mit den Schatten der Abendsonne gespielt. Im Schlafsack klirrender Märzluft getrotzt und über Gott, eher Buddha, und die Welt philosophiert. Der sengenden Julisonne ALLE Körperteile zugewandt (…). Die Vögel auf dem Kirchturm nebenan beobachtet, dem Inn beim Fließen zugeschaut, den Worten des Stadtführers gelauscht. Und manchmal habe ich einfach nur dagesessen. Das Dach wird mir fehlen.

Gisela, Gisela, selige Gisela. Unser Hausgeist. Altes Mädchen, auch du wirst mir fehlen. Aber nicht halb so sehr wie die Freundschaften, die entstanden sind. Um bestehen zu bleiben, hoffentlich. Wieder verstreuen wir uns in alle Welt. Wortwörtlich. Weit, abenteuerlich, voll von Möglichkeiten. Aber eins kann die Welt da draußen nicht. So gemütliche Steinweg -Teppich-Tee-Abende sind schwer zu ersetzen. Innrunden, Ilztunnel, Wernsteinläufe und Donaubrücken bleiben die beste Marathonvorbereitung. Besseres Essen als in der S-13 lässt sich in den erlesensten Restaurants nicht finden, der Drache mit Tetrismelodie wandert nur auf roten Schlafsofas. Und morgens Café barfuß am Inn schlürfen geht eben nur hier am Fuße des Schwabgäßchens. Ein bisschen Wehmut lässt sich wohl nicht vermeiden. Das ist gut so. Wenn man nicht flieht, sondern lächelnd Abschied nimmt.

 Also dann, die letzte Nacht. Es riecht nicht mehr nach Farbe. Sie ist schon getrocknet. Morgen werden die letzten Bücher abgegeben. Vielleicht einen letzten Cappuccino in der Mensacafete trinken. Ein letztes Mal mit dem Rad am Inn entlang fahren und den alten Leuten, die sich darüber beschweren, lächelnd ein „Ihnen auch noch einen schönen Tag“ zurufen. Das nächste Mal wenn ich komme bin ich nur noch Tourist. Gott (Buddha) sei Dank nicht so einer mit Knopf im Ohr. Obwohl, eine Stadtführung steht noch auf meiner To-Do-Liste… wir werden sehen. Machs gut, Passau. Es war schön mit dir!

Aufbruch

Es ist  Zeit aufzubrechen. Zeit, neue Wege einzuschlagen. Mal wieder. „Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise, Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen“ sagt Hesse. Und so lässt man zurück, entflieht dem Alltag, der sich nie einstellte. Weil er keine Zeit fand in unser Schnelllebigkeit. Und doch scheint der Trott hinter jeder Ecke zu lauern, bereit zum Sprung. Deshalb fliehen wir. Bevor die Monotonie von uns Besitz ergreifen kann sind wir auf und davon. Der Rastlosigkeit folgend. Denn wir, wir haben Panik vor Enge. Entwickeln klaustrophobische Ängste in der Tretmühle der Gesellschaft. Immer weiter laufen, weiter suchen, niemals finden?

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe/ Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,/ Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern/ In andre, neue Bindungen zu geben./ Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,/ Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ So ziehen wir also los. Ziehen weiter, zu neuen Orten, neuen Menschen, neuen Erfahrungen. Aber vergessen nicht. Nehmen mit in der Erinnerung was uns prägte. Bemüht um ein Leben im Hier und Jetzt – Carpe Diem. Stattdessen Sehnen und Vermissen im Augenblick der Gegenwart. Doch „Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten„. Wir finden Trost in der Unstetigkeit. Wir sind Suchende. Noch können und müssen wir weiterziehen. Und so machen wir uns auf.

Wohlan denn Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Treibholz

 

Prolog

Piepton.

Sie haben vier neue Nachrichten.

Erste Nachricht.

„Schönen guten Tag, Ulrike Wilmers, BMW Personalmanagement. Herr Martens, Sie waren heute früh um 10 Uhr zu einem Assessment Center Meeting bei uns eingeladen. Bedauerlicherweise sind Sie trotz Zusage nicht erschienen. Ich bitte Sie um Rückruf, damit wir die Angelegenheiten klären können. Vielen Dank.“

Ende der ersten Nachricht.

Zweite Nachricht.

„Hallo Justus, hier ist Bernd. Die Sekretärin meines Vorgesetzten hat gerade angerufen, weil sie dich nicht erreichen kann. Wieso warst du nicht bei dem Assessment Center? Ich hoffe, es gibt einen guten Grund für dein Fernbleiben. Das war mit gerade ziemlich peinlich, verstehst du?! Ich habe mich extra stark gemacht für dich. Betont, wie zuverlässig du bist. Melde dich bitte asap.“

Ende der zweiten Nachricht.

Dritte Nachricht.

„Justus, hallo, hier ist Mama. Sag mal wo bist denn du? Ich habe schon fünfmal angerufen. Papa und ich wollen wissen, wie das Gespräch bei BMW gelaufen ist. Wir sind so neugierig. Ruf doch mal an mein Schatz, ja?! Bis bald, tschü-hüs und küsschen. Mama.“

Ende der dritten Nachricht.

Vierte Nachricht.

„Ey Alter, hier is Hannes. Man wo steckst du? Ich muss dir was erzählen. Hey, rat mal, was ich gerade gemacht hab…BÄM, den Bali Flug gebucht! 27. März geht’s los. Du MUSST mich besuchen kommen, Dude. Das Praktikum da wird so der Hammer. Hab gerade nochmal auf der Homepage gesehen, dass das Boot der Firma da regelmäßig die Pro Surfer aufs Meer rausschippert. Geilste Surfsessions mit den ultra cleanen Wellen. Ein Traum. Ich hab dir n paar Videolinks auf facebook geschickt.  Ey, da schleus ich uns mit auf so n‘ Trip. Surfen, surfen, surfen !! Ruf an Junge, RUF MICH AN !!“

Ende der vierten Nachricht.

Keine neuen Nachrichten.

Ein letzter Piepton.

Die Worte hallten in ihm wieder wie ein Echo. Von Wänden aus kaltem Stein. Er fühlte sich leer, so unendlich müde. Wie sollten sie ahnen, was in ihm vorging? Die Gedanken, die er teilte, waren nicht die, die er Tag und Nacht mit sich herumschleppte. Gedanken, die in seinen Kopf Eingang, aber keinen Ausgang fanden. Rasende Kopfschmerzen quälten ihn. Was er wollte, das wusste er nicht wirklich. Es war schlicht zu viel was auf ihn einströmte, ihn durchströmte und doch ernüchtert zurückließ. Sein Leben kam ihm vor, wie eine schwindelerregende Irrfahrt in einem Labyrinth der tausend Pfade. NO EXIT an jeder Weggabelung. Justus rief nicht zurück. Er floh.

Wellenentstehung.

Der Luftdruck war immer weiter gefallen, die Isobarenlinien enger und enger zusammengerückt. Über Europa legte sich die kalte Jahreszeit und das Islandtief sandte als Vorboten wilde Herbststürme aus. Dort draußen braute sich ein Unwetter zusammen und schon seit langem pfiff ein eisiger Wind über den Nordatlantik. Er fuhr in jede Woge, in jedes Wellental, das sich ihm bot und verwandelte das eisgraue Meer in eine Sturmsee. Wellen türmten sich auf, liefen in alle Richtungen. Größere verschluckten kleine Wasserberge, nahmen sie in sich auf. In den Wintermonaten wurden die Wellentäler besonders tief und  die Wellenkämme erhoben sich zu  hohen, grauschwarzen Monstern. Der Wind trieb die Wellen Richtung Südwesten, fort aus dem Auge des Sturms. Vier Tage wanderten die Wassermassen, um die Biscaya zu erreichen. Dort brandeten sie als unruhige See an die französische Atlantikküste.

1600km. Er fuhr die ganze Nacht. Nach Süden, dann Südwesten. Mit einer alten Landkarte auf dem Beifahrersitz, die seine Eltern kürzlich wegen eines neuen Navis aussortiert hatten. Das Papier war vergilbt und hing in FetzenZweimal passierte Justus die gespenstisch beleuchteten Kontrollstationen einer Landesgrenze. Er mied die autoroutes und ihre Mautstationen. Stattdessen rumpelte er mit seinem VW Bus über kurvige Landstraßen und durch kleine, verlassene Dörfer. Die Nacht war so schwarz, dass er glaubte die Dunkelheit greifen zu können. Undurchdringlich, wie ein Vorhang aus dichtem Stoff, lag sie schwer über der Straße und den Feldern. Es schien, als verschlucke das Schwarz alles außerhalb des Scheinwerferlichtes. Dieser Kegel, das waren er und sein Bus und das war alles was zählte in diesem Moment. Vom plötzlichen Übermut des Abenteuers gepackt, drehte er die schnarrenden Lautsprecher auf. Gemeinsam mit Jack Johnson sang er in die Nacht hinaus. „The wisdom’s in the trees, not in the glass windows“.

Irgendwann verlor sich die Euphorie in der Dunkelheit. Pause.

Justus klappte die Rückbank um und kroch in seinen Schlafsack, doch trotz der  Müdigkeit fand er keinen Schlaf. Gedanken kreisten in seinem Kopf und ließen ihm keine Ruhe. Bisher hatte er schlaflose Nächte stets für ein Klischée gehalten. In Büchern als Stilmittel oder von Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit als Ausdruck ihrer Erschöpfung gebraucht. Doch seit einigen Monaten merkte Justus, wie schwer es ihm fiel, abends und nachts das Getöse seiner Gedanken zu ignorieren. Seit es in die Abschlussphase seines Studiums gegangen war,  drängten sich ganz unfreiwillig von allen Seiten die Fragen des ernsten Lebens so dreist in sein Leben, dass sie sogar den Schlaf zu übertönen schienen. Antworten fand er selten und diese warfen meist neue Fragen auf. Zukunft, das wurde ihm klar, war eine komplexe Sache und er hatte absolut keine Ahnung was sie von ihm wollte. Gegen acht wurde es hell, aber es ging keine Sonne auf. Das milchige Grau des Novemberhimmels hing stählern über den Seekieferwäldern abseits der Straße und als er das widerspenstige Fenster hinunterkurbelte, schlug ihm ein eisiger Wind entgegen. Der Winter war eingezogen. Mit seiner Armee der Trostlosigkeit besetzte er die südliche Landschaft, die Justus nur aus warmen Sommertagen kannte. Die Karte flatterte im Wind und fröstelnd stellte er fest, dass er sein Ziel nach 16 Stunden Fahrt fast erreicht hatte.

St. Girons Plage lag am südlichen Abschnitt der langen Atlantikküste und auch hier brandete seit Tagen die Nordwestdünung an die Strände. Weit draußen vor der Küste brachen die ersten Wellen. Die Sandbänke dort draußen lagen tief, doch die Brecher waren so gewaltig, dass der Meeresboden sie abrupt abbremste und die Wellen zornig ihre schaumigen Lippen auswarfen. Donnernd krachte Wasser auf Wasser und der Küstenstreifen verwandelte sich in eine brodelnde Hölle aus weißem Schaum.

Er drehte den Schlüssel. Erst als der Motor mit einem Blubbern erstarb, vernahm er die Stille. Sein Atem, der Wind und das entfernte Rauschen der Brandung, sonst nichts. Lange saß Justus da, ohne sich zu rühren. Er starrte planlos durch die Frontscheibe auf den Stamm einer knorrigen Kiefer. Was zum Teufel machte er hier? Erst die schmerzenden, weißen Hände erinnerten ihn daran, dass er erbärmlich fror. Sehnlichst phantasierte er für eine Minute von einer Vebasto Standheizung, nur um verächtlich schnaubend, mit den Worten „unnötiger Spießerkram“ auf den Lippen, nach hinten zu klettern und seine Jacke zu suchen. Als er die seitliche Schiebetür mit der kitschigen Hawaiiblume darauf öffnete, klang das Geräusch in der Stille wie eine unerwünschte Ruhestörung. Unsicher wohin er gehen und was er tun sollte, stand er neben dem Bus und trat auf dem federnden Waldboden von einem Bein aufs andere. Eigentlich sah alles so aus, wie er es im Sommer zurückgelassen hatte. Der Campingplatz, rechts der dichte Wald und vor ihm erhob sich die Düne, hinter der endlos und weit das Meer lag. Und doch erkannte Justus diesen Ort kaum wieder. Die Umrisse und Formen waren deutlich erkennbar, aber sie waren so starr und leblos wie Kulisse auf einer Bühne ohne Theaterstück. Ihm war, als stieße er mit seiner Bitte um Zuflucht auf kalten, leblosen Stein. Die Geborgenheit, die dieser Ort ihm im Sommer gegeben hatte, war ebenso erfroren wie seine Hände und Füße. Die salzige Luft  war härter geworden und die Grillen gaben offensichtlich keine Konzerte in der Wintersaison. Verlassen und nackt lagen die leeren Stellplätze zwischen den hoch aufragenden, kahlen Kieferstämmen. Außer Justus befand sich hier keine Menschenseele. Traurig flatterte noch eine vereinzelte Wäscheleine im Wind – ein letztes Überbleibsel des vergangenen Sommers. Er lief ein Stück am Waldrand entlang und kickte einen großen Tannenzapfen vor sich her. Wenigstens die waren noch da. Das Waschhaus lag am Ende des Weges. Er erinnerte sich, wie der allabendliche Abwasch stets in einer Wasserschlacht geendet hatte. Jetzt, mit seinen verschlossenen Türen,  sah das Häuschen so einsam und traurig aus, als nehme es all die Trostlosigkeit der Jahreszeit in sich auf. Deprimiert wandte Justus sich ab und lief, die Hände tief in den Hosentaschen und mit hochgezogenen Schultern, in Richtung Düne. Das alles schien ihm zu sehr Spiegel seiner eigenen Leere zu sein, als das es, wie erhofft, das Gefühl von Freiheit und Zuversicht zu ihm zurückbringen konnte.

Er hörte die Stimmen der Mailbox in seinem Kopf, sah seinen Cousin, wie dieser vor vier Wochen nach der Übergabe von Justus‘ Bachelorzeugnis vor ihm gestanden hatte. Sein Cousin erzählte ihm mit wichtiger Stimme, wie es für ihn bei BMW gerade „steil bergauf“ gehe. Justus hatte gezählt. Neun Mal war in ihrem kurzen Gespräch, das eher einem Monolog Bernds glich, das Wort „Karriere“ gefallen und mindestens genauso oft formte dessen Mund die Worte „Zielstrebigkeit“ und „committment“. Er schien sie zu liebkosen, diese Worte, in seiner schleimigen Businessetikette, die er selbstzufrieden an den Tag legte. Später hatte er Justus eine Broschüre gegeben, die für ein Traineeprogramm bei BMW warb. Das Cover zeigte ein Foto, auf dem ganz offensichtlich ein Klon von Bernd oben auf einer Leiter stand, denn auch er trug Anzug, hatte schleimige Haare und lächelte ebenso selbsteingenommen. In großen Buchstaben baumelte ein Schild mit dem Wort KARRIERELEITER über dem Hänfling. „Jetzt fängt das Leben an, Justus“ hatte Bernd gesagt und ihm auf die Schulter geklopft. Justus hatte gequält genickt und als er sich endlich loseisen konnte, war er ins Bad geflüchtet. Würgereiz. Das war alles, was er nach dieser Ansprache empfand.

Zwei Wochen später jedoch, auf Drängen der ein oder anderen Seite, schickte er eine Bewerbung ab. Empfänger: BMW. Er hatte sich nicht viel dabei gedacht. Es würde schon nichts dabei herauskommen. Vor einer Woche dann die Überraschung: Eine Einladung zum Assessment Centre. Er war verwirrt. Was jetzt? Die Tage verstrichen und Justus dachte, es könne nicht schaden, mal den ein oder anderen Blick auf die Website zu werfen. Vielleicht war die Firma ja doch gar nicht so übel? Er begann, im Internet nach typischen Assessment Centre Fragen zu googeln und die ein oder andere gedanklich zu beantworten. Schließlich bügelte er sogar sein weißes Hemd, obwohl er Bügeln normalerweise als viel zu gesellschaftskonform abtat.

Vorgestern Nacht saß er wieder im Bad.

Beim Umräumen des Kellers, war ihm  sein Surfboard in die Hände gefallen. Ein Schlag in die Magengegend. Mit dem Lippenstift seiner Mitbewohnerin hatte er VERRÄTER an den Spiegel geschmiert und war theatralisch, mit dem Rücken am Rand der Badewanne, auf den Boden gesunken. Da saß er wie ein Häuflein Elend, während die Verachtung ihm ins Ohr flüsterte, was für ein Heuchler er war. Was, wenn er keine weiteren Sommer erleben würde? Wenn das Schwingen der Hängematte sich ein für alle Mal in das Wippen eines Bürostuhls verwandelte? Wenn er zu so einem Karrieretypen wie Bernd wurde, den er doch verachtete? VERRÄTER. Unmöglich, das wusste er, konnte er zu diesem BMW Meeting erscheinen.

Im Sommer war der Strand breit und die Düne kam nur selten mit dem Meer in Berührung. Doch jetzt erhob sich der Sandwall majestätisch wie eine Insel, an dessen Ufer die See brandete. Der Strand war schon lange nicht mehr zu sehen. Am Fuß der Düne klammerten sich ein paar Dünengräser hoffnungslos mit ihren dünnen Halmen an die erodierende Sandschicht. Jede Welle spült ihr Fundament  weiter aus. Immer und immer wieder, bis die Pflänzchen, eines nach dem anderen, den Kampf verloren. Gemeinsam mit Treibholz und anderem Strandgut trieben sie in der Strömung davon. Die Wogen warfen sie hin und her. Wie ein Spielball der Gegebenheiten taumelten sie, drehten sich, tanzten geknickt in den wirbelnden Wassermassen. Von der Lateralströmung hinter der Wellenbrechung  erfasst, trieben sie davon, unbekannten Ufern entgegen.

Justus Herz hämmerte im Rhythmus der Musik des iPods. Sein Puls pochte in den Ohren und seine Füße gruben sich tief in den kühlen Sand während er die Düne hinaufstolperte. Hoch, hoch, immer höher…und als er oben ankam und der böige Wind ihm entgegenschlug und das Meer sich vor ihm auftat, da explodierte ein ganzes Orchester in ihm und er spürte wie sich alles zu einer Synfonie der endlosen Freiheit und unbändigen Traurigkeit verband.  Ein Feuerwerk der Emotionen. Was sollte er tun, wenn er nicht bereit war? Was, wenn das Ende des Studiums der Beginn einer lebenslangen Haftstrafe war? Es schnürte ihm die Kehle zu. Tränen liefen über sein  verschwitzen, salziges Gesicht und sein Schluchzen nahm der Wind in sich auf. Er trug es hinaus aufs Meer, wo die Böen es hin und her warfen wie das entwurzelte Dünengras. Spielerisch und leicht nahm der Sturm seinem Kummer die Luft und er sackte kraftlos in den Sand. Er könnte bleiben und einfach hier draußen sterben, wie der Typ aus „Into the Wild“. Dann wäre er ihn los, den ewigen Zweifel, der ihm wie ein Schatten auf Schritt und Tritt folgte und gleichzeitig könnte er sich auch dem lästigen Gesellen namens Gesellschaft entledigen.

Justus war in diesen Wochen und Monaten ähnlich nah am Wasser gebaut wie die Düne. Die Flut der Entscheidungen und Überlegungen, der Abwägungen und Eventualitäten nagte an seiner Substanz, höhlte ihn aus. Was hätte er ihnen sagen sollen, den Personalchefs bei BMW, wenn sie ihn fragten, wo er sich in 5  Jahren sehe? Hannes hatte gesagt, er solle ehrlich sein: „Sag ‚Ich seh mich mit einem Board auf ner Welle‘. Das ist, als ob du nem Bundeswehroffizier bei der Musterung erklärst, dass du kiffst.“

Da war kein roter Faden. In ihm regte sich weder ein Streben nach Reichtum noch nach Karriere und großer Verantwortung. Alles, was er wollte, war glücklich sein. Zeit haben. Mehr von der Welt sehen. Nur hatte er noch keinen Job gefunden, das ihm eine solche Zukunft versprach.

Arm in Arm mit der Ratlosigkeit wanderte er zurück zum Bus. Unter der Rückbank fand er eine Flasche billigen Rotweins. Sein Vater hatte so einen unedlen Tropfen immer „Pennerglück“ genannt. Auf mich und mein tolles Leben, dachte er und trank. Justus stapfte mit der Flasche zurück auf die Düne. Versehentlich ließ er sich auf einer Diestel nieder, sprang fluchend auf und platzierte sich ein Stück daneben. Er stierte aufs Meer und nippt am Wein. Eine Weile saß er da, den Kopf auf die Knie gelegt, den Blick abgewandt von der Welt. Erst ein wärmendes Gefühl im Nacken ließ ihn überrascht aufblicken und er sah, dass die Sonne sich durch die Wolken kämpfte. Das Meer glitzerte und ganz weit draußen tanzte ein Gegenstand auf den Wogen. Zu weit entfernt jedoch, als dass er hätte sagen können, was es war.

Der Wein wirkte. Er zog einen Zettel aus der Tasche und schrieb energisch, in dramatischen Lettern PLÄDOYER DER FREIHEIT darauf. Dann rollte er das Papier zu einem dünnen Röhrchen auf. Mit einem  triumphalen Blick leerte er den Rest Wein über der verhängnisvollen Diestel aus und buchsierte das Papier durch den Flaschenhals. Er verkorkte die Flaschenpost, sprang auf und rannte hinunter an die Wasserkante. Schwer atmend stand er da und spürte das Leben in seine Lungen zurückströmen. Das Donnern der Brandung. Nebelschleier der aufspritzenden Gischt. Endlose Küste. Weit weg von allem. Justus atmete tief ein und genoß die Wärme der Sonnenstrahlen auf seiner Haut. Es war das erste Luftholen seit Wochen. Er ging ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf, holte aus und schleuderte die Flasche mit aller Kraft in die Wellen.

Der Gegenstand, den er vorhin weit draußen ausgemacht hatte, war inzwischen mit der Strömung dichter ans Ufer gespült worden. Justus erkannte die dünnen Aluminiumarme eines Regenschirms, dessen Stoffdach nur noch in Fetzen darüber hing. Er beobachtete den Schirm eine Weile, wie er tanzend zwischen den Wellenbergen auf und ab hüpfte. Nach jeder Welle, die ihn überspülte, tauchte er wieder auf. Tapfer, dachte Justus, lässt sich nicht unterkriegen.

Die Nacht brach an. Im Bus lag sein Handy, das ihm eine neue Nachricht und 7 verpasste Anrufe anzeigte. Er ignorierte die Anrufe und hörte die Mailbox erst am nächsten Morgen ab. Es war eine weitere Nachricht von Hannes.

„Ey Just, hast du dich abgesetzt, oder was? War BMW so ätzend? Ich hoffe, du hast denen da ordentlich was vom Surfen erzählt! Bloß kein Depri schieben jetzt. Du findest schon noch was Cooles. Immer dran denken: es regnet nicht, es tropft nur von oben.  Ach und ich hätt gerade übrigens voll Bock einfach mal abzuhauen. Mein Nebenjob nervt so mega. Hey, was sagst du, wenn wir uns in deine alte Klapperkiste von VW Bus setzen und einfach für ein paar Tage Meeresluft schnuppern?!“

Lächelnd erweckte Justus den Motor zum Leben. Er würde Hannes ein pain au chocolat und eine Flasche Rotwein mitbringen und dann würden sie anstoßen, auf ihre Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer.

 ENDE